Die Schweizerische Medizinalproduktbranche blickt mit sorgenvollem Blick auf die Entwicklung der Brexit-Saga. Denn als achtgrösstes Exportland verfügt das Vereinigte Königreich über bedeutende Zertifizierungsmöglichkeiten, deren Gültigkeit mit dem Brexit in Frage gestellt werden könnte.

«Die Europäische Kommission hat bereits 2018 gewarnt, dass bei einem 'harten Brexit' die von den britischen Prüfstellen (Notified Bodies) ausgestellten Zertifikate storniert werden könnten», erklärt Beat Egli, Vizepräsident von Swiss Medtech, in einem Gespräch mit der Nachrichtenagentur AWP Finanznachrichten.

Der Dachverband der Medtech-Industrie verfügt zwar nicht über genaue Angaben zum Anteil zertifizierter Schweizer Produkte ennet des Ärmelkanals. Er weist jedoch darauf hin, dass einige seiner Mitglieder nahezu ihre gesamte Produktpalette gemäss britischen Regeln durchleuchtet haben.

Versorgungsengpässe drohen

Insgesamt rund vierzig Prozent der sich heute im EU-Raum im Umlauf befindenden Medizinalprodukte wurden durch eine britische Prüfstelle zertifiziert. «Wenn diese im Falle eines ungeordneten Brexits nicht mehr anerkannt werden, würden die Versorgungsengpässe, die bereits durch strengere europäische Normen erzeugt wurden, weiter verschärft», sagt Andreas Balsiger, ehemaliger Rechtsberater von Swissmedic.

Auch in der Europäischen Union gibt es Bedenken hinsichtlich der Versorgung und Zertifizierung der Medizinalprodukte. «Ein ungeordneter Brexit bedroht den freien Verkehr von Zehntausenden von Produkten innerhalb der 27 Länder», warnte der deutsche Gesundheitsminister Jens Spahn kürzlich in einem Schreiben an die Europäische Kommission. Der Politiker fordert insbesondere eine erleichterte und beschleunigte Übertragung von Zertifizierungen der britischen Organisationen auf das Festland.

Weniger alarmistische Töne schlägt der Warenprüf- und Inspektionskonzern SGS an, obwohl er mit Organisationen auf beiden Seiten des Ärmelkanals an vorderster Front steht.

Flexibler werden

«Die SGS-Zertifizierungsaktivitäten im Bereich Medizinprodukte in Europa sind gegen einen ungeordneten Brexit abgesichert, insbesondere dank unserer Präsenz in Belgien sowie in Finnland», erklärte Virginie Siloret, Leiterin Zulassungsprodukte beim Zertifizierungsriesen.

In Belgien wäre die Genfer Gruppe derzeit laut eigenen Angaben bereits in der Lage, rund 75 Prozent der Aktivitäten durchzuführen, die sie aktuell in Grossbritannien realisiert. Und bald sollen sämtliche britischen Zertifizierungen auch im Benelux-Staat möglich sein.

Für die SGS-Mitarbeiter im Vereinigten Königreich heisse dies umgekehrt, dass künftig mehr Flexibilität von ihnen gefordert sein könnte. «Unsere Mitarbeiter in Grossbritannien könnten zwar weiterhin für eine mögliche Akkreditierung auf der britischen Insel arbeiten. Es könnte aber auch sein, dass sie an unserem Standort in Belgien aushelfen müssen», erklärt Siloret.

Einerseits stellt also das Verschwinden britischer Prüfstellen eine konkrete Bedrohung für die europäische Medizintechnikindustrie dar. Andererseits sind die Auswirkungen eines möglichen ungeordneten Brexits aufgrund der hohen Unsicherheiten hinsichtlich des Ergebnisses des Scheidungsprozesses zwischen London und Brüssel nach wie vor schwer zu erfassen.

Fragiles Rettungsboot

Das bilaterale Handelsabkommen zwischen der Schweiz und dem Vereinigten Königreich könne derweil nicht als neue, «solide Lebensader» für den Austausch von Medizinprodukten zwischen den beiden Ländern fungieren, warnt der Verband Swiss Medtech.

«Wenn wir uns nicht für einen teuren Luftverkehr zwischen Zürich und London entscheiden - anstelle des Transports zu Lande - könnten Schweizer Produkte an der britischen Grenze trotz des Abkommens den gleichen Engpässen ausgesetzt sein wie jene ihrer europäischen Kollegen», führt der Vizepräsident von Swiss Medtech aus.

Auf dem britischen Markt erzielten Schweizer Exporteure 2017 einen Umsatz von rund 300 Millionen Franken, im Vergleich zu 5,6 Milliarden Euro auf dem gesamten Kontinent, so die jüngste Umfrage von Swiss Medtech. Der weltweite Gesamtwert der Schweizer Medtech-Exporte erreichte 11,3 Milliarden.

(awp/ccr)

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