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Apple Watch: Böses Urteil der Konsumentenschützer

Bei Tech-Fans ist das jüngste Gadget von Apple heiss begehrt. Die Konsumentenschützer können das nicht nachvollziehen. Ihr Urteil über das «teure Spielzeug» ist vernichtend.

Marc Iseli

Seit Ende Juni 2015 ist die Apple Watch in der Schweizer im Handel. In Deutschland war die Uhr bereits Ende April erhältlich. Die Stiftung Warentest hat zwei Modelle auf Herz und Nieren geprüft: das Standardmodell (Apple Watch) und die Sport-Edition (Apple Watch Sport), jeweils mit einem kleinen 38-Millimeter-Display und einem grösseren 42-Millimeter-Display.
Erstes Verdikt: «Dieses Gerät funktioniert nicht intuitiv»
Das Benutzen dürfte «gewöhnungsbedürftig» sein, schreiben die deutschen Konsumentenschützer. Der Mix aus Touch Screen, drehbarer Krone und Taste überzeugt offenbar nicht. Wer die neue «Force Touch»-Technologie nicht kennt, scheitert gleich zu Beginn bei der Individualisierung des Ziffernblattes, heisst es.
Zweites Verdikt: «Nach Sekunden wieder im Standby»
Die Apple Watch erwacht erst zum Leben, wenn der Träger das Handgelenk dreht, um selbst auf die Uhr zu schauen. Sonst präsentiert sich die Uhr – um Strom zu sparen – mit pechschwarzem Display. «Schick» sei das nicht – und auch nicht praktisch. «Die Uhrzeit wird mit kurzer Verzögerung angezeigt – das nervt.»
Drittes Verdikt: «Energie reicht gerade einmal für einen Tag»
Der Akku der kleineren Apple Watch hielt im Test der Stiftung Warentest nur 18 Stunden durch, der der grösseren rund 19 Stunden. Die beiden Sport-Modelle liefen jeweils eine Stunde weniger. Um den Akku voll zu laden, braucht es zwei Stunden. Die Konsumentenschützer überzeugte das nicht.
Viertes Verdikt: «Ohne iPhone ist die Uhr aufgeschmissen»
Alleine kann die Apple Watch fast nichts. Ihr fehlt neben GPS vor allem die eigene Mobilfunkanbindung. Sie braucht zwingend eine Verbindung zu einem iPhone 5 oder iPhone 6. Mithilfe des Telefons zeigt die Uhr aber E-Mails und Kurznachrichten an, ermöglicht Anrufe, erinnert an Termine, navigiert, zählt Schritte und misst den Puls. Aktienkurse und das Wetter lassen sich abrufen, eine Stoppuhr ist auch an Bord.
Fünftes Verdikt: «Keine lupenreine Sprachqualität bei Anrufen»
Telefonieren mit der Uhr sei auch «gewöhnungsbedürftig», urteilen die Experten von Stiftung Warentest. Abgesehen von der Bedienung überzeugt aber auch die Sprachqualität nicht. «Es rauscht auf beiden Seiten, das Gesprochene hört sich teilweise dumpf an, ab und zu erklingen Echos.»
Sechstes Verdikt: «Guter Displaykontrast – kann sich sehen lassen»
Überzeugt sind die Konsumentenschützer vom Display: Es biete einen guten Kontrast, passe automatisch die Helligkeit an – und auch mit einem Blick von der Seite liess sich alles gut ablesen.
Neben dem Display überzeugt auch der Pulsmesser. Unter «idealen» Prüfbedingungen zeichne dieser fast EKG-genau auf. Ein Manko bleibt aber: «Verrutscht die Uhr jedoch, weil das Armband nicht fest genug sitzt oder sich vor lauter Anstrengung Schweiss bildet, kommt es zu Ungenauigkeiten.»
Achtes Verdikt: «Blind navigieren klappt mit der Apple Watch nicht»
Die Apple Watch navigiert ihren Nutzer auch. Apple hat sich dafür etwas einfallen lassen: Links- und Rechtsabbiegen signalisiert die Uhr durch unterschiedlich viele Vibrationssignale sowie hohe oder tiefe Töne. Leider klappt dieses «Blindnavigieren» aber nur mässig. Die Signale kommen zu früh.
Neuntes Verdikt: «Wasser und Kratzer sind kein Problem»
Im Alltag scheint nicht immer die Sonne. Entsprechend wichtig ist es, dass die Uhr robust ist. Kratzer sind kein Problem, ein kurzer Regenschauer legt die Uhr auch nicht sofort lahm. Alle getesteten Apple-Watch-Modelle überstanden den «Beregnungstest». Apple empfiehlt aber trotzdem, die Uhr beim Schwimmen auszuziehen.
Schlussfazit: «Viel Geld für wenig Mehrwert»
Unterm Strich fällt die Uhr bei den Konsumentenschützern durch. Die Apple Watch sei ein «nettes Spielzeug für Technikfans». Für die breite Masse könne die Uhr aber zu wenig und sei zu teuer. «Die Apple Watch funktioniert, ist aber ohne iPhone fast unbrauchbar und bietet kaum Mehrwert.» Bilder: ZVG
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Am Freitag kommt die Apple Watch in die Schweizer Läden – zwei Monate nach dem Verkaufsstart in den USA und sieben weiteren Ländern. Gemessen an den Zahlen ist der smarte Zeitmesser eine lukrative Absatzstütze für die Kalifornier. Allein in den USA soll Apple bislang 2,8 Millionen Exemplare verkauft haben, wie die Nachrichtenagentur Reuters schreibt.
Konsumentenschützer hingegen fällen ein hartes Urteil: Die Sprachqualität bei Anrufen sei «nicht lupenrein», urteilt Stiftung Warentest aus Deutschland. Unterm Strich gelte: «Viel Geld für wenig Mehrwert»
Die Zahlen stammen nicht von Apple selbst, sondern beruhen auf einer Hochrechnung der Marktforschungsfirma Slice Intelligence. Demnach ist die Apple Watch Sport – mit 349 Dollar das günstigste Modell – bei den Kunden am beliebtesten. Interessant ist, dass fast jeder fünfte Käufer ein zusätzliches Armband kauft – was die Kassen bei Apple gleich nochmals klingeln lässt. Denn die Herstellungskosten eines Armbandes liegen bei rund 2 Dollar. Der Verkaufspreis aber bei 49 Dollar.

China-Start war «vielversprechend»

Wie sich der Absatz weltweit entwickelt hat, ist nicht bekannt. Analysten und Investoren lechzen insbesondere nach Zahlen für den chinesischen Markt, denn dieser wird immer wichtiger für Apple. Beispielsweise verkauft der Tech-Konzern inzwischen mehr iPhones in China als auf dem heimischen US-Markt. Über alle Produkte hinweg stellt China mit 30 Prozent Anteil am Umsatz den zweitgrössten Markt dar.

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Tim Cook ist kaum etwas zu entlocken. In einem Interview mit der chinesischen Ausgabe des Nachrichtenmagazins «Bloomberg Businessweek» sagt er nur, dass der Start der Apple Watch «vielversprechend» war. Gesprächiger zeigt sich der Apple-Chef mit Blick auf die Entwickler: Für die neue Uhr seien bereits mehr als 3500 Applikationen entwickelt worden.

Grösseres Entwicklerinteresse als beim iPhone

Das ist Rekord. Als das iPhone 2008 lanciert wurde, entwickelten Tüftler in den ersten zwei Monaten gerade einmal 500 Anwendungen. Beim Launch des iPads 2010 waren es rund 1000. Die Apple Watch «fessele» mehr Entwickler als es die ersten iPhone- und iPad-Generationen getan haben, so Cook.
Der Konzernchef scheint zufrieden. Die Umsatzzahlen stimmen offenbar, die Marge ohnehin, die Entwickler feiern das jüngste Kind des wertvollsten Unternehmens der Welt. Konsumentenschützer hingegen sind alles andere als euphorisch: Die Stiftung Warentest fällt ein vernichtendes Urteil über die Apple Watch.

«Teures Spielzeug»

«Das Benutzen der Uhren dürfte für Apple-Fans gewöhnungsbedürftig sein», schreiben die deutschen Konsumentenschützer. Die Uhrzeit werde mit kurzer Verzögerung angezeigt. «Das nervt», heisst es. Die Energie reiche knapp für einen Tag. Und ohne iPhone sei die Uhr aufgeschmissen. Fazit der Stiftung Warentest: Die Apple Watch ist ein «teures Spielzeug für Technik-Fans».

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Immerhin: Apple punkte bei den deutschen Konsumentenschützern als erster Smartwatch-Anbieter mit kleineren Uhren, die auch bei Frauen Interesse wecken sollen. Und der Pulsmesser zeichne die Herzfrequenz «unter idealen Prüfbedingungen» fast EKG-genau auf.

Nur mit Einschränkungen nützlich

Zu einem ähnlichen Resultat kam auch die deutsche Tageszeitung «Die Welt». «Die Apple Watch ist nützlich, aber nur mit Einschränkungen», urteilt das Blatt. Ihre Stärke spiele die Uhr beim Sport aus. Die Schwächen liegen klar bei der Kommunikation und bei der Nutzung der Applikationen. «Die Kommunikation über das iPhone ist schlichtweg zu schwerfällig», heisst es denn auch.
Insgesamt zehn Urteile von Stiftung Warentest zur Apple Watch finden Sie in der obigen Bildergalerie.

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