Ge Wang und Jeff Smith hatten einen guten Riecher. Im Sommer 2008, als Apple ihren Online-Store mit Anwendungen fΓΌr das iPhone erΓΆffnete, grΓΌndeten die beiden Freunde aus dem Silicon Valley ihre Firma. Die auf den Namen Smule getaufte Firma entwickelte vΓΆllig nutzlose Software zum Herunterladen, wie etwa Sonic Lighter, ein fΓΌr 99 Cent verkauftes virtuelles Feuerzeug. Oder Sonic Boom, eine Anwendung, die das Handy in ein Feuerwerk verwandelt. Den iPhone-Fans hat es gefallen.
Den wahren Jackpot haben die beiden aber im November mit der EinfΓΌhrung von Ocarina geknackt. Mit dieser FlΓΆte (doch, doch, man blΓ€st ins Mikrofon und erzeugt die TΓΆne durch BerΓΌhren des Bildschirmsβββ¦) hat Smule alle Rekorde gebrochen. In einem Monat haben 400ββ000 Personen einen Dollar bezahlt, um die Software herunterzuladen. Nach nicht einmal einem Jahr hat der Umsatz des Start-ups die Millionenmarke in Dollars ΓΌbertroffen.
CHANCE FΓR TΓFTLER. PlΓΆtzlich trΓ€umen Dutzende von Entwicklern von einem Γ€hnlichen Schicksal. Denn das Konzept von Apple, wonach Anwendungen frei ΓΌber ihre Plattform vertrieben werden kΓΆnnen, ist ein durchschlagender Erfolg. Ein halbes Jahr nach der ErΓΆffnung des App Store werden dort schon ΓΌber 15ββ000 Anwendungen, Spiele oder Programme angeboten: 80 Prozent dieser Software sind kostenpflichtig; Apple ist mit 30 Prozent am VerkaufserlΓΆs beteiligt. Das Unternehmen schweigt sich ΓΌber die Einnahmen aus, doch entscheidend ist etwas ganz anderes: Apple will vor allem ihr Betriebssystem als Marktstandard fΓΌr Smartphones etablieren und sich gegen Nokia und Blackberry durchsetzen (siehe Β«Kampf der GigantenΒ» rechts).
Zwar hat es noch kein Schweizer mit dem App Store zum MillionΓ€r gebracht, einige rechnen sich aber dennoch grosse Chancen aus. Jonas Schnelli etwa hatte in ZΓΌrich die Firma Include 7 ursprΓΌnglich gegrΓΌndet, um Internetanwendungen zu entwickeln. Nach der ErΓΆffnung des Online-Store von Apple stellt er nun jedoch iPhone-Software her. Β«Ich habe einen Eisenbahnfahrplan entwickelt, der sofort grossen Anklang gefunden hatΒ», erklΓ€rt er. Die SBB sind auf den Informatiker aufmerksam geworden und haben ihn mit der Entwicklung neuer Applikationen beauftragt. Inzwischen arbeitet Schnelli auch mit Schweiz Tourismus zusammen, um einen Swiss Snow Report anzubieten. Β«Heute zΓ€hlt unser Unternehmen drei Mitarbeiter, und die Entwicklung von iPhone-Software ist zu unserer HaupttΓ€tigkeit geworden.Β»
Daniel Erne, ein weiterer Pionier des App Store, hat noch nicht einmal seine Informatikerlehre abgeschlossen, aber bereits drei Anwendungen auf den Markt gebracht. Die kostenlose Sammlung von Cocktailrezepten ist von 150ββ000 Benutzern heruntergeladen worden. Zudem bietet seine Firma Swiss Development ein Telefonbuch und eine Γbersetzungssoftware an, die beide kostenpflichtig sind. Der 20-jΓ€hrige Aargauer sagt, dass er mit dieser TΓ€tigkeit und seinen anderen AuftrΓ€gen bereits seinen Lebensunterhalt verdienen kΓΆnnte.
In der Westschweiz haben gegen fΓΌnfzig iPhone-Fans auf Facebook eine Community gegrΓΌndet. Sie treffen sich regelmΓ€ssig, um ihre Erfahrungen mit der Entwicklung von Anwendungen auszutauschen. Der Initiant dieser Bewegung, SΓ©bastien Hugues, ist der Inhaber von Easybox, einem Lausanner Unternehmen, das eine Software fΓΌr das Westschweizer Radio entwickelt hat. Β«Solche AuftrΓ€ge machen bereits 20 Prozent unseres Umsatzes aus, und die Aussichten fΓΌr 2009 sind gutΒ», bestΓ€tigt er. Β«Als NΓ€chstes haben wir uns zum Ziel gesetzt, eigene Anwendungen anzubieten.Β»
Β«Das iPhone weckt Hoffnungen, aber der Schein trΓΌgtΒ», bemerkt Sandrine Szabo, GrΓΌnderin von Netinfluence und Organisatorin eines Seminars, an dem kΓΌrzlich Entwickler aus der ganzen Schweiz teilgenommen haben. Β«Manchmal rufen mich Leute an, die angeblich eine geniale Idee haben und wollen, dass wir fΓΌr sie eine Anwendung entwickeln. Es ist wie in den AnfΓ€ngen des Internets, als alle dachten, es genΓΌge, ein Banner ins Netz zu stellen, um MillionΓ€r zu werden. In Wirklichkeit ist es schwierig, mit diesen Applikationen viel Geld zu verdienen. Jene, die gut laufen, sind in der Regel gratis, oder dann sind es kostenpflichtige Spiele, deren Entwicklung sehr teuer ist.Β»
GOLDGRΓBERSTIMMUNG. Aber natΓΌrlich gibt es immer die berΓΌhmte Ausnahme, welche die Regel bestΓ€tigt. Die im App Store zu Beginn dieses Jahres am meisten verkaufte Anwendung (300ββ000 Downloads in einem Monat) nennt sich iFart. Ihre Funktion: Sie erzeugt ein FurzgerΓ€usch. Davor war es iBeer, das virtuelle Bier, das sich leert, wenn man es trinkt, und schΓ€umt, wenn man es schΓΌttelt.
Β«Einige Firmen kommen auf diesen Markt, als ob dort das Eldorado zu finden wΓ€re, berauscht durch amerikanische ErfolgsgeschichtenΒ», sagt Hugues. Β«Sie denken, es genΓΌge, einen Stein aufzuheben, um darunter Gold zu finden. In Wirklichkeit muss man aber sehr tief und lange graben, um vielleicht einige Gramm zu finden.Β»
Im Moment zeigen sich die Schweizer Entwickler eher von der zurΓΌckhaltenden Seite und ziehen es vor, auf Mandatsbasis zu arbeiten. So hat die ZΓΌrcher Firma Youngculture fΓΌr Comparis eine Preisvergleichssoftware fΓΌr Handys entwickelt, die zurzeit zu den beliebtesten Downloads zΓ€hlt. Und das Bieler Unternehmen Mobiletechnics, das fΓΌr Coop bereits eine mobile Einkaufsliste erstellt hat, hofft, in einigen Tagen seine neuste Anwendung auf vielen iPhones der Schweiz anzutreffen. Es handelt sich um eine fΓΌr das Westschweizer Fernsehen entwickelte Software, die den mobilen Zugriff auf dessen Programme ermΓΆglicht.
#SESSION#>CID=120CPID=111 class=TxtSerif title=Leserbrief schreibenSchreiben Sie uns Ihre Meinung zu diesem Artikel.