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Apple: Durch das iPhone zu Reichtum

Der Online-Application-Store von Apple ist ein Grosserfolg. Er weckt die Hoffnungen der Entwickler – auch in der Schweiz.

Von Cyril Jost
2009-02-26

Ge Wang und Jeff Smith hatten einen guten Riecher. Im Sommer 2008, als Apple ihren Online-Store mit Anwendungen für das iPhone eröffnete, gründeten die beiden Freunde aus dem Silicon Valley ihre Firma. Die auf den Namen Smule getaufte Firma entwickelte völlig nutzlose Software zum Herunterladen, wie etwa Sonic Lighter, ein für 99 Cent verkauftes virtuelles Feuerzeug. Oder Sonic Boom, eine Anwendung, die das Handy in ein Feuerwerk verwandelt. Den iPhone-Fans hat es gefallen.

Den wahren Jackpot haben die beiden aber im November mit der Einführung von Ocarina geknackt. Mit dieser Flöte (doch, doch, man bläst ins Mikrofon und erzeugt die Töne durch Berühren des Bildschirms  …) hat Smule alle Rekorde gebrochen. In einem Monat haben 400  000 Personen einen Dollar bezahlt, um die Software herunterzuladen. Nach nicht einmal einem Jahr hat der Umsatz des Start-ups die Millionenmarke in Dollars übertroffen.

CHANCE FÜR TÜFTLER. Plötzlich träumen Dutzende von Entwicklern von einem ähnlichen Schicksal. Denn das Konzept von Apple, wonach Anwendungen frei über ihre Plattform vertrieben werden können, ist ein durchschlagender Erfolg. Ein halbes Jahr nach der Eröffnung des App Store werden dort schon über 15  000 Anwendungen, Spiele oder Programme angeboten: 80 Prozent dieser Software sind kostenpflichtig; Apple ist mit 30 Prozent am Verkaufserlös beteiligt. Das Unternehmen schweigt sich über die Einnahmen aus, doch entscheidend ist etwas ganz anderes: Apple will vor allem ihr Betriebssystem als Marktstandard für Smartphones etablieren und sich gegen Nokia und Blackberry durchsetzen (siehe «Kampf der Giganten» rechts).

Zwar hat es noch kein Schweizer mit dem App Store zum Millionär gebracht, einige rechnen sich aber dennoch grosse Chancen aus. Jonas Schnelli etwa hatte in Zürich die Firma Include 7 ursprünglich gegründet, um Internetanwendungen zu entwickeln. Nach der Eröffnung des Online-Store von Apple stellt er nun jedoch iPhone-Software her. «Ich habe einen Eisenbahnfahrplan entwickelt, der sofort grossen Anklang gefunden hat», erklärt er. Die SBB sind auf den Informatiker aufmerksam geworden und haben ihn mit der Entwicklung neuer Applikationen beauftragt. Inzwischen arbeitet Schnelli auch mit Schweiz Tourismus zusammen, um einen Swiss Snow Report anzubieten. «Heute zählt unser Unternehmen drei Mitarbeiter, und die Entwicklung von iPhone-Software ist zu unserer Haupttätigkeit geworden.»

Daniel Erne, ein weiterer Pionier des App Store, hat noch nicht einmal seine Informatikerlehre abgeschlossen, aber bereits drei Anwendungen auf den Markt gebracht. Die kostenlose Sammlung von Cocktail­rezepten ist von 150  000 Benutzern heruntergeladen worden. Zudem bietet seine ­Firma Swiss Development ein Telefonbuch und eine Übersetzungssoftware an, die beide kostenpflichtig sind. Der 20-jährige ­Aargauer sagt, dass er mit dieser Tätigkeit und seinen anderen Aufträgen bereits seinen Lebensunterhalt verdienen könnte.

In der Westschweiz haben gegen fünfzig iPhone-Fans auf Facebook eine Commu­nity gegründet. Sie treffen sich regelmässig, um ihre Erfahrungen mit der Entwicklung von Anwendungen auszutauschen. Der Initiant dieser Bewegung, Sébastien Hugues, ist der Inhaber von Easybox, einem ­Lausanner Unternehmen, das eine Software für das Westschweizer Radio entwickelt hat. «Solche Aufträge machen bereits 20 Prozent unseres Umsatzes aus, und die Aussichten für 2009 sind gut», bestätigt er. «Als Nächstes haben wir uns zum Ziel gesetzt, eigene Anwendungen anzubieten.»

«Das iPhone weckt Hoffnungen, aber der Schein trügt», bemerkt Sandrine Szabo, Gründerin von Netinfluence und Organisatorin eines Seminars, an dem kürzlich Entwickler aus der ganzen Schweiz teilgenommen haben. «Manchmal rufen mich Leute an, die angeblich eine geniale Idee haben und wollen, dass wir für sie eine Anwendung entwickeln. Es ist wie in den Anfängen des Internets, als alle dachten, es genüge, ein Banner ins Netz zu stellen, um Millionär zu werden. In Wirklichkeit ist es schwierig, mit diesen Applikationen viel Geld zu verdienen. Jene, die gut laufen, sind in der Regel gratis, oder dann sind es kostenpflichtige Spiele, deren Entwicklung sehr teuer ist.»

GOLDGRÄBERSTIMMUNG. Aber natürlich gibt es immer die berühmte Ausnahme, welche die Regel bestätigt. Die im App Store zu Beginn dieses Jahres am meisten verkaufte Anwendung (300  000 ­Downloa­ds in einem Monat) nennt sich iFart. Ihre Funktion: Sie erzeugt ein Furzgeräusch. Davor war es iBeer, das virtuelle Bier, das sich leert, wenn man es trinkt, und schäumt, wenn man es schüttelt.

«Einige Firmen kommen auf diesen Markt, als ob dort das Eldorado zu finden wäre, berauscht durch amerikanische Erfolgsgeschichten», sagt Hugues. «Sie denken, es genüge, einen Stein aufzuheben, um darunter Gold zu finden. In Wirklichkeit muss man aber sehr tief und lange graben, um vielleicht einige Gramm zu finden.»

Im Moment zeigen sich die Schweizer Entwickler eher von der zurückhaltenden Seite und ziehen es vor, auf Mandatsbasis zu arbeiten. So hat die Zürcher Firma Youngculture für Comparis eine Preisvergleichssoftware für Handys entwickelt, die zurzeit zu den beliebtesten Downloads zählt. Und das Bieler Unternehmen Mobiletechnics, das für Coop bereits eine mobile Einkaufsliste erstellt hat, hofft, in einigen Tagen seine neuste Anwendung auf vielen iPhones der Schweiz anzutreffen. Es handelt sich um ­eine für das Westschweizer Fernsehen entwickelte Software, die den mobilen Zugriff auf dessen Programme ermöglicht.

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