Guten Tag,
Die Themen der Woche: Harter Start, Trumps Davos, Brabecks Vermächtnis, No Dry January.
«Die Tragödie in Crans-Montana und die US-Aktion in Caracas schockieren zu Jahresbeginn. Wenn der Jahresstart ein Omen ist, dann heisst es: Fest anschnallen» sagt Chefredaktor Dirk Schütz.
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Wenn der Jahresstart ein Omen ist, dann heisst es: Fest anschnallen. Die nationale Grosstragödie im Crans-Montana und die internationale US-Machtdemonstration in Caracas dürfen wir aus Vor-Sylvester-Sicht zu den nicht prognostizierbaren externen System-Schocks aus der Kategorie der «unknown unknowns» zählen. Sie lassen das Jahr mit einem Gefühl der Überforderung beginnen. Die Tragödie im Wallis macht sprachlos, das Dilettieren der Behörden in der vermeintlich so rechtssicheren Schweiz fassungslos. Und Trumps Einsatz: Orientierungslos. Gewiss, Maduro war ein Diktatoren-Schurke der übelsten Sorte. Aber einfach so einen Staatschef kidnappen?
Interessant dabei: Das Lavieren der Europäer nach der Devise: Bloss nicht den Capo im Weissen Haus erzürnen. «Komplex» nennt Deutschland-Kanzler Merz die Rechtslage – als ob es politische Probleme gäbe, die nicht komplex wären. Die Schweiz lässt zwar Maduros Gelder einfrieren, aber der pflichtschuldige Aufruf von Aussenminister Cassis zur «Einhaltung des Völkerrechts» lässt sich nur im ganz Kleingedruckten finden. Interessant dagegen, wer Klartext spricht: Die Trump-Bewunderin Le Pen. «Die Souveränität von Staaten ist niemals verhandelbar» verurteilte die Rechtsaussen-Frontfrau die Maduro-Festnahme. Kann da noch wer folgen? Greifen wir zu Nietzsche: Umwertung aller Werte.
Pikant aus Schweizer Sicht: In zehn Tagen soll der Disruptor-in-Chief in Davos einfliegen, inklusive Familienanhang und Top-Leutnants von Bessent bis Rubio. Sein Auftritt ist für den 21. Januar geplant, abends buhlen die CEO wieder um einen Platz am Dinner-Tisch. Erstmals hat die US-Business-Delegation, angeführt von Blackrock-Grande Larry Fink, als interimistischer WEF-Co-Chairman deutlich mächtiger als Roche-Vize André Hoffmann, ein eigenes US-House gemietet, und das ist sogar eine Kirche. Es wird dann der neue Bundespräsident Parmelin sein, der den Welt-Dominator hofiert. Das verspricht zumindest ein geruhsames Auskommen. Aber es bleibt dabei: Nie stand ein WEF so im Bann eines Mannes – und das ist gefährlich: Neutralität und Offenheit waren immer oberstes Mantra und gleichzeitig Garant für die globale Teilnehmerschaft. Schon jetzt verweigern sich Indien und China den Trump-Festspielen und senden nur kleine Delegationen. Und was ist, wenn Trump seinem Larry die Order erteilt, das WEF nächstes Jahr in Florida zu veranstalten? Da wäre Rückgrat der anderen Stiftungsräte gefragt. Doch diese Körperpartie haben sie im letzten Jahr wenig beansprucht.
Womit wir bei einem denkwürdigen Interview aus dem Alten Jahr wären. Da bietet also die NZZ dem langjährigen Nestlé-Lenker und Kurzzeit-WEF Chairman Peter Brabeck vier Tage vor dem Jahreswechsel in einem zweiseitigen Interview die ganz grosse Bühne – und der Altmeister teilt richtig aus. Faktentreue? Nun ja. Den Stiftungsrat macht er zum Verwaltungsrat, das Gouverning Board zum Supervisory board. Ok, Kleinigkeiten. Schwerwiegend dagegen: Er bezichtigt WEF-Gründer Klaus Schwab, eine Anzeige gegen den Stiftungsrat eingereicht zu haben, was nachweislich nicht stimmt (die Anzeige ging gegen Unbekannt). Und er insinuiert, dass der Untersuchungs-Bericht nicht veröffentlicht wurde, weil er Schwab belaste, was schlicht perfide ist: Der Bericht spricht Schwab gegen allen 28 Anschuldigungen frei. Und das weiss Brabeck genau (weshalb er auch keine einzige zutreffende Anschuldigung nennen kann).
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Ach ja: Das Interview fand in Brabecks Büro bei Nestlé-Schweiz in La Tour de Peilz statt, und die NZZ flötete fröhlich, Brabeck habe überraschend seinen Titel als «Chairman Emiritus» niedergelegt. Eine Recherche hätte ergeben: Der Nestlé-Verwaltungsrat hatte ihm Büro und Assistentin gestrichen und ihm die Gnade erwiesen, seinen Rücktritt selbst zu verkünden. Was ihn nicht davon abhält, in den Nestlé-Räumen die Strategie seiner Firma heftig zu kritisieren und gleichzeitig zu verkünden, dass ihn das Board seit 2017 nie befragt habe. Büro und Assistentin für neun Jahre Nicht-Leistung hat er trotzdem gern genommen. Sagen wir es so: Moralische Glanzleistungen sehen anders aus. Journalistische auch.
Diese Woche waren die Strassen noch leer, und der Winter bot der Home-Office-Fraktion Nahrung. Nächste Woche nimmt das Jahr dann mehr Fahrt auf: Die Schoggi-Könige von Lindt&Sprüngli nennen am Dienstag ihren Umsatz, genauso wie der Baukonzern Sika, am Donnerstag folgen die WC-Experten von Geberit. Keine Frage: Die Schnelligkeit signalisiert Agilität. Doch was nützen die Umsatz-Zahlen ohne Profitabilitäts-Angaben (sie werden einige Wochen später nachgereicht)? Gewiss, die Firmen haben zwei Kontaktpunkte mit den Investoren. Aber leider nur mit halbgaren Informationen. Da sollte zu Beginn des Dry January das Motto gelten: Weniger ist mehr. Aber lassen wir uns davon nicht die Winter-Stimmung vermiesen. Es gilt: Endlich Schnee.
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