Im Herbst 2015 war es, die Credit Suisse verkündete den strategischen Neuaufbruch unter Tidjane Thiam, als dieser das neue Team vorstellte, das die Bank in die Zukunft führen sollte. Eine Person hob er besonders hervor: Lara Warner, Amerikanerin mit australischen Wurzeln, die er soeben zur Compliance-Chefin und zum Mitglied der Konzernleitung befördert hatte. Sie sei, so Thiam, nicht weniger als der «Rising Star» der Bank.

Heute, vier Jahre später, ist der Stern immer noch am Steigen: Diesen Frühling wurde Warner zum Chief Risk Officer gekürt, einer der zentralen Positionen im Banking, wo der Umgang mit dem Risiko ­matchentscheidend ist. Lange die einzige Frau in der Konzernleitung, wurden ihr zu diesem Zeitpunkt noch zwei Kolleginnen zur Seite ­gestellt: Lydie Hudson übernahm von Warner die Compliance-Abteilung, Antoinette Poschung wurde HR-Chefin. Beförderungen, für die sich Lara Warner persönlich stark­gemacht haben soll, wie man aus ihrem Umfeld hört.

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Man hört viel Gutes über Warner

Seit der Rochade hat Warner bei den internen Wetten Iqbal Khan als Kronfavoriten für den CEO-Posten ­abgelöst, wenn Thiam dereinst abtritt. Khan liebäugle ohnehin mit dem Chefposten bei Bär, wird gemunkelt, Warner indes strebe bei der CS stetig weiter nach oben.

Lydie Hudson

Lydie Hudson: Als neue Compliance-Chefin in der Konzernleitung der CS.

Quelle: ZVG

Man hört viel Gutes über die 52-jährige Bankerin, die ihre Sporen einst als Finanzanalystin verdiente. Sie sei fachlich stark und habe Tiefgang, sei «keiner dieser Blender mit schönen Folien wie viele andere Amerikaner», wie es einer, der sie aus gemeinsamen Zeiten in der ­Konzernleitung gut kennt, auf den Punkt bringt. «Stets gut vorbereitet, stark auch in den Details» sei sie, lobt ein anderer enger Mitarbeiter aus dem obersten Gremium. Sie sei ein guter Teamplayer, hört man ­generell oft, könne delegieren und überlasse auch mal Mitarbeitern aus unteren Chargen das Rampenlicht.

Ihr bisheriger beruflicher Werdegang spricht ebenfalls für sie. Denn sie hat sich als eine von nur wenigen Frauen auch in der Männerbastion Investment Banking durchsetzen können, und dies erst noch in entscheidender Funktion: Nach 2010 war sie Finanzchefin, nach 2013 ­zusätzlich Chief Operating Officer. Gefördert hat sie vor allem ein Mann: Robert Shafir, ehemals Co-Chef des Private Bankings der CS. Er wurde ihr wichtigster Mentor: Er setzte sie im Rahmen der Executive Mentoring Advisory Group, des Förderungsprogramms der CS, auf die firmeninterne Liste von Mitarbeitern mit hohem Potenzial. Shafir, ein enger Vertrauter des ehemaligen CEO Brady Dougan, ist inzwischen weg, Warner indes konnte sich behaupten und ihre Position unter Thiam sogar ausbauen.

Antoinette Poschung

Antoinette Poschung: Wurde neu zur globalen Leiterin Human Resources der Bank befördert.

Quelle: ZVG

Medial abgeschirmt

Aufs Podest lässt sie die Bank nicht: Die CS schirmt sie hermetisch ab. Ein in Aussicht gestelltes Treffen kommt nicht zustande, aus dem Vorschlag von BILANZ, schriftlich Fragen einzureichen oder wenigstens wichtige Fakten abchecken zu lassen, wird ebenfalls nichts. Ein vorgängiger, kritischer Bericht von BILANZ über Bankchef Thiam und weitere CS-Obere wird als Begründung genannt, auch wenn keine Fehler in der Berichterstattung ­moniert werden.

Nicht nur ist dies für einen börsenkotierten Konzern ein un­gewöhnliches Presseverständnis, es kann auch kaum im Sinne von Lara Warner sein, das Faktensammeln über sie bewusst zu erschweren. Ob Warner selber überhaupt gefragt wurde, ist unklar – sie hat den Ruf, mit der Presse deutlich unverkrampfter umzu­gehen als die Chefs der CS-Kommunikationsabteilung.

Klar ist, dass die Machtkonstellation in der zweitgrössten Schweizer Bank derzeit im Umbruch ist. Keiner weiss, wie lange Tidjane Thiam noch weitermachen will, immer wieder wird ihm nachgesagt, er strebe anderswo (etwa beim IWF) höhere Weihen an. Khans Aufschwung hat an Tempo verloren, dafür hat der lange bereits abgeschriebene Thomas Gottstein wieder ­Boden gutgemacht, weil seine Schweizer Universalbank brummt.

Über all dem schweben der auf 2021 angekündigte Abgang von Präsident Urs Rohner – dann ist die Amtszeitgrenze von zwölf Jahren für ihn erreicht – und die Frage, ob der Präsident noch vor seinem Abgang einen neuen CEO bestimmen oder dies einem Nachfolger überlassen will. Rohner persönlich liebäugle durchaus mir der Idee, erstmals eine Frau an die Spitze der Grossbank zu befördern – er gilt in ­Diversity-Fragen als fortschrittlich, wie er schon mit der Einsetzung des Ivorers Thiam bewiesen hat.
Die Aktionäre aber würden einer Berufung von Warner eher skeptisch begegnen, urteilen Insider.

Ihr breiter Background spricht zwar für sie, aber sie hat nie eine Business Unit geführt.

Der Grund: Warner hat keine Fronterfahrung. Ihr breiter Background inklusive Investment Banking spricht zwar für sie, aber sie hat nie eine Business Unit geführt. Zudem entsprechen die kommenden Herausforderungen auch nicht unbedingt dem Profil von Warner. Thiam hat stark auf Kosteneinsparungen gesetzt, doch jetzt muss die Bank eine neue Stufe zünden und endlich wieder Wachstum generieren. Lara Warner habe sich in ihrer Zeit als Compliance-Chefin als sehr risikoscheue Managerin gezeigt, schildern Betroffene. Ein neuer Wachstumsschritt muss aber wohl zwangsläufig mit der Bereitschaft einhergehen, wieder mehr zu wagen.

Hindernis auf letzter Meile

Die bisherige Karriere hat Warner überdies nicht davor bewahrt, in jene Falle zu tappen, die vielen Frauen im Banking zum Verhängnis wird – sich letztlich in zudienende Funktionen und Stabsaufgaben abdrängen zu lassen, statt ins harte Front­geschäft einzusteigen. Ob Warner bewusst diesen Weg gewählt oder versucht hat, ins Frontbusiness zu drängen, aber auf Widerstand gestossen ist, ist schwer abzuschätzen. Klar ist jedoch, dass die Bereichsleiter der Bank durchaus dafür bekannt sind, die Ellbogen auszufahren, und kaum ihren Platz freiwillig räumen.

In diesem Spiel haben Frauen bis heute generell das Nachsehen, wie Studien zum Schweizer Banking belegen. So zeigte eine Analyse des Branchenportals Finews vom letzten Herbst über die Führungsstruktur bei 50 relevanten Schweizer Banken, dass die grosse Mehrheit der Frauen keine ­direkte Ertragsverantwortung trägt, allein 12 von 37 Chefinnen sind im Bereich CFO/COO/Compliance tätig – keine erfolgversprechende Ausgangslage, um die letzte Meile zu gehen.

Gut möglich also, dass auch der aufsteigende Stern der CS über kurz oder lang verglühen und Warner das er­leben wird, was viele Frauen kennen – zuletzt doch von einem Mann mit Front­erfahrung abgehängt zu werden.