Was Frauen tun müssen, um die Lohnlücke zu schliessen
Wenn Frauen Erfolg haben wollen, müssen sie männliche Verhaltensweisen übernehmen - so eine neue Accenture-Studie. Dies vorausgesetzt, könnten sie in drei Jahrzehnten gleich viel verdienen wie Männer.
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Wo in Firmen die meisten Frauen anzutreffen sind:Damit Frauen in die Chefetagen aufsteigen können, braucht es einen Talentpool. Wie gross dieser ist, untersucht der aktuelle Schilling-Report. Die Branchen im Überblick:
Immobilienfirmen weisen den höchsten Frauenanteil von allen Schweizer Unternehmen in der Belegschaft auf (45 Prozent). Weibliche CEOs gibt es aber keine in der Branche.RMSVersicherungen verfügen über eine breite Basis: 43 Prozent der Belegschaft ist weiblich. Über alle Ebenen ist der Frauenanteil grösser als im Durchschnitt aller befragten Unternehmen.RMSAuch in der Bankenbranche ist das Potenzial in der Belegschaft überdurchschnittlich, das schlägt sich allerdings noch nicht in den oberen Etagen nieder. Lediglich in den Verwaltungsräten sind Frauen besser verteten (22 Prozent Verwaltungsrat, 9 Prozent VR-Präsidium) als im Durchschnitt aller Schweizer Firmen. Einbezogen wurden 23 Banken, darunter die beiden Grossbanken UBS und Credit Suisse.RMSDer Blick auf die Verteilung von Frauen im gesamten Durchschnitt der befragten Konzerne: Es zeigt sich, dass in den Top-Etagen noch deutlich weniger Frauen verteten sind als in der breiten Basis. 107 der 200 grössten Schweizer Unternehmen haben mitgemacht.RMSDie Industrie weist eine interessante Verteilung auf: Trotz geringer Basis nähert sich das mittlere und das Top-Management dem Gesamtdurchschnitt an. Es gelingt den Unternehmen offenbar gut, ihre Talente zu nutzen.RMSIn der Medien- und Informatikbranche sind Frauen im mittleren und Top-Management vergleichsweise gut vertreten (22 Prozent). Auf Ebene der Geschäftsleitung sind es noch 10 Prozent, darüber gibt es keine Frauen mehr. Die Zahlen sind vergleichsweise hoch, vor allem, da der Anteil an Frauen in der Belegschaft nur bei 35 Prozent liegt.RMSIn der Transport- und Logistikbranche arbeiten überdurchschnittlich viele Frauen in der Führungsetage. Von den sechs Unternehmen, die an der Umfrage teilnahmen, hat eines einen weiblichen CEO: Susanne Ruoff bei der Schweizerischen Post. Die Daten weisen eine untypische Verbreiterung nach oben hin auf.RMSDetailhändler und weitere Konsumgüterunternehmen fallen in dieses Branchencluster. In keiner anderen Branche arbeiten so viele Frauen in der Belegschaft - der Anteil verjüngt sich allerdings mit steigender Hierarchiestufe deutlich.RMSIm Bereich Life Sciences, also Chemie-, Pharma-, Medtech- und Biotechunternehmen - haben durchschnittlich viele Frauen angestellt. Im mittleren Management und Topmanagement schlägt dieser Anteil aussergewöhnlich hoch durch. Die Branche zeigt gute Voraussetzungen für einen steigenden Frauenanteil auf höchster Ebene.RMSBei den Unternehmensdienstleistungen haben fünf Konzerne ihre Daten eingereicht. Keines hat einen weiblichen CEO oder Verwaltungsratpräsidenten. Ingesamt liegt der Frauenanteil bei 50 Prozent.RMSBesondere Unternehmen im Überblick: Alle fünf grossen bundesnahen Unternehmen haben an der Erhebung teilgenommen. Es zeigt sich, dass vor allem das mittlere Management zum Durchschnitt abfällt. Da eine der Firmen von einer Frau geführt wird – die Schweizerische Post von Susanne Ruoff - ergibt sich ein hoher weiblicher Anteil auf der CEO-Ebene.RMSDer Durchschnitt der SMI-Firmen bildet dagegen annähernd den Gesamtdurchschnitt ab. Allerdings werden alle SMI-Firmen von einem Mann geführt.RMSBei den Unternehmen in der öffentlichen Hand ist das Potenzial leicht unter dem Durchschnitt, dafür sind Frauen in der Geschäftsleitung und auf CEO-Ebene stärker vertreten als im Gesamtvergleich.RMSDer Frauenanteil an der Belegschaft der Kantonalbanken ist mit 45 Prozent leicht überdurchschnittlich. Bei den Führungspositionen fallen sie allerdings gegenüber den Gross- und Privatbanken zurück.
Guido SchillingRMS
Politischer Wille, weibliche Zähigkeit und ausgefahrene Ellbogen sind gefragt, wenn Frauen mit Hochschulabschluss endlich gleich viel verdienen wollen wie Männer. Dies vorausgesetzt, könnte es in drei Jahrzehnten soweit sein.
Eine Studie des Beratungsunternehmens Accenture nimmt die Frauen selbst in die Pflicht: Wenn Frauen Erfolg haben wollen, müssen sie männliche Verhaltensweisen übernehmen, lautet der Tenor.
Frauen müssen sich die digitale Kompetenz aneignen, um sich zu vernetzen, sich auszutauschen, sich weiterzubilden und zu arbeiten. Sie müssen ihre Karriere proaktiv planen, sich dabei Ziele setzen und durchdachte Entscheidungen treffen. Und sie müssen sich technologische Fähigkeiten genauso schnell aneignen wie Männer, fordert die Studie «Getting equal 2017», die der Technologie-Dienstleister Accenture am Mittwoch zum Weltfrauentag vorlegte.
Noch nicht alles
Das allein genüge jedoch nicht. Zudem sind Frauen darauf angewiesen, in diesen Bemühungen von der akademischen Welt, den Unternehmen und den Regierungen unterstützt zu werden.
Erst dann sind die Voraussetzungen gegeben, dass Frauen, die 2020 in Industrieländern wie der Schweiz ihren Hochschulabschluss machen, irgendwann in ihrer beruflichen Laufbahn - etwa ab dem Jahr 2044 - gleich viel verdienen wie ihre männlichen Kollegen.
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Chance auf 36 Jahre früher Lohngleichheit
Dieses Ergebnis ist ernüchternd. Doch Accenture verweist in der Mitteilung darauf, dass mit diesen Voraussetzungen Lohngleichheit in den Industrieländern immerhin 36 Jahre eher zu erreichen sei, als unter den bisher herrschenden Bedingungen.
Noch mehr weibliche Zähigkeit braucht es laut der Studie in Schwellenländern. Unter den herrschenden Bedingungen ist davon auszugehen, dass dort Lohngleichheit 2168 erreicht sein wird. Unter den Gegebenheiten, die Accenture aufzählt, wäre das Ziel dort bis 2066 erreichbar - mithin hundert Jahre eher.
Wirtschaftliche Ungleichheit
Die Studie, für die 2016 rund 28'000 Frauen und Männer in 29 Ländern befragt wurden, zeigt auf, das derzeit der Lohnunterschied beträchtlich ist. Verdient eine Frau 100 Dollar, bekommt ein Mann im globalen Durchschnitt 140 Dollar, stellt die Studie fest.
Zudem falle ins Gewicht, dass nur 50 Prozent der Frauen in einem bezahlten Beschäftigungsverhältnis stehen, während dieser Anteil bei Männern bei 76 Prozent liegt - ein Phänomen, das die wirtschaftliche Ungleichheit verstärke, so Accenture. Diese versteckte Lohnlücke eingerechnet, führt zu dem Ergebnis, dass ein Mann 258 Dollar verdient, während eine Frau 100 Dollar erhält.
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Frauen ziehen an der Uni den Kürzeren
Darüber hinaus kennzeichnet den derzeitigen Ist-Zustand, dass Frauen bereits von der Universität an den Kürzeren ziehen. Studentinnen entscheiden sich seltener als ihre Kommilitonen für Studiengänge mit höherem Verdienstpotential (48 Prozent versus 58 Prozent). Studentinnen haben seltener einen Mentor und streben seltener Führungspositionen an (86 Prozent versus 97 Prozent). Und: Studentinnen sind seltener bereit, sich technologische Expertise anzueignen (70 Prozent versus 84 Prozent).
(sda/ccr)
Welche Bundesbetriebe die Frauenquote erfüllen und welche nicht, sehen Sie in der Bildergalerie unten:
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Ende 2013 hat der Bundesrat entschieden, dass alle bundesnahen Organisationen spätestens Ende 2020 in ihren Verwaltungs- und Stiftungsräten einen Frauenanteil von mindestens 30 Prozent ausweisen müssen. Unter anderem diese bundesnahen Organisationen erfüllen nicht die Quote:Der Verwaltungsrat des Rüstungskonzerns Ruag besteht aus sieben Personen - sechs Männern und lediglich einer Frau. Dabei sollten mindestens drei Frauen im Gremium vertreten sein.RMSEbenfalls nur eine Frau ist im Verwaltungsrat der Tierverkehrsdatenbank Identitas zu finden, neben acht männlichen Kollegen. Um die Quote zu erfüllen, fehlen auch hier noch zwei Frauen.RMSIm Verwaltungsrat der Hotel Bellvue Palace Immobilien AG nehmen drei Herren Platz - und keine Frau. Die Quote schreibt allerdings eine vor.RMSEbenfalls noch ein reines Männergremium hat die SRG-Tochter Swiss TXT. Von den sechs VR-Mitgliedern sollten zwei weiblich sein.RMSEin gleiches Bild zeigt sich bei der anderen SRG-Tochter TPC.RMSDiese bundesnahen Organisationen erfüllen unter anderem die Quote:Der ETH Rat um Präsident Fritz Schiesser (Bild) erfüllt die Quote, denn er besteht aus elf Mitgliedern - sieben Männern und vier Frauen.RMSDer Verwaltungsrat der Eidg. Revisionsaufsichtsbehörde RAB besteht aus fünf Mitglieder - mit zwei Frauen.RMSDrei Frauen sind im siebenköpfigen Verwaltungsrat des Swiss Investment Fund for Emerging Markets. Die Quote ist damit erfüllt.RMSSogar eine Frau mehr als gefordert zählt der Verwaltungsrat der Schweizerischen Exportrisikoversicherung. Statt wie vorgeschrieben drei, sitzen hier vier Frauen und fünf Männer im Gremium.RMSGleiches gilt beim Schweizerischen Nationalmuseum: Im achtköpfigen Verwaltungsrat sind vier Frauen vertreten. Die Quote sieht aber nur drei vor.RMS