Mit knapp 5000 Hektaren Rebflรคche ist das Wallis nicht nur das grรถsste Weinbaugebiet der Schweiz, sondern zugleich auch das Gebiet mit der grรถssten Rebsortenvielfalt. Von den รผber 50 kultivierten Sorten sind nicht weniger als zwรถlf alte einheimische Sorten, die zwar grรถsstenteils nur noch in geringen Mengen angebaut werden, aber immerhin rund 5 Prozent der gesamten Rebflรคche im Wallis belegen. Der Rebsortenforscher Josรฉ Vouillamoz erklรคrt sich die Tatsache, dass im Wallis vergleichsweise viele traditionelle Rebsorten bis heute รผberlebt haben, damit, dass das weitgehend von hohen Bergketten begrenzte Gebiet in vormoderner Zeit geografisch recht isoliert war.
Zwar gelangten schon vor dem 19. Jahrhundert Rebsorten aus anderen Weinbaugebieten in die Walliser Rebberge, doch erst seit der Mitte des 19. Jahrhunderts konnten die auch heute noch dominierenden Rebsorten Chasselas (im Wallis als Fendant bezeichnet), Pinot noir und Gamay im Wallis Wurzeln schlagen und sich gegen die bis dahin noch weit verbreiteten traditionellen Varietรคten durchsetzen.
Bereits im 14. Jahrhundert erwรคhnt
Von den weissen Rebsorten zรคhlen der Humagne blanc und der Resi (Rรจze) zu den รคltesten nachgewiesenen Varietรคten im Wallis. Beide werden erstmals 1313 im sogenannten Register von Anniviers erwรคhnt. Der Resi war bis Ende des 19. Jahrhunderts im Wallis weit verbreitet. Im Val d'Anniviers wurde frรผher aus Resi-Grundweinen im Solera-Verfahren der Vin du Glacier (er heisst so, weil der Keller nur wenige Kilometer von einem Gletscher entfernt liegt) erzeugt. Heute ist die Resi-Rebe, die nur noch auf knapp drei Hektaren angebaut wird, eine Raritรคt. Der Gletscherwein, der in Lรคrchenfรคssern im Keller der Burgerschaft der Gemeinde Grimentz auf 1570 Hรถhenmetern lagert und langsam reift, wird deshalb aus anderen weissen Rebsorten hergestellt.
Weitherum bekannte Spezialitรคten
Eine von ihnen ist der ebenfalls zu den รคltesten einheimischen Rebsorten gezรคhlte Humagne blanc. Drohte er im 20. Jahrhundert auszusterben, so gehรถrt er heute zu den weissen Spezialitรคten, die รผber das Wallis hinaus bekannt sind. 1991 wurde er nur gerade noch auf sechs Hektaren angebaut, heute sind es immerhin beachtliche 29 Hektaren. Der Humagne blanc galt bis vor kurzem als autochthone Walliser Sorte. Neuste ampelographische Forschungen haben aber gezeigt, dass der Humagne blanc mit der Rebsorte Miousat identisch ist, die in den franzรถsischen Pyrenรคen in der Region von Juranรงon und Monein noch vereinzelt angebaut wird. Wo liegt nun aber der Ursprung des Humagne blanc? Im Wallis oder in Sรผdwestfrankreich? Fรผr den Rebforscher Josรฉ Vouillamoz deuten zahlreiche Indizien darauf hin, dass der Humagne blanc aus Sรผdwestfrankreich stammt und irgendwann im Hochmittelalter oder gar frรผher รผber das Rhonetal ins Wallis gelangt sein muss.
Nur 800 Flaschen pro Jahr
Eindeutig geklรคrt ist dagegen der Ursprung der beiden seltenen weissen Rebsorten Himbertscha und Lafnetscha. Beide Varietรคten entstanden im Oberwallis aus natรผrlichen Kreuzungen, bei denen der Humagne blanc als ein Elternteil fungierte. Der Himbertscha wurde in den 1970er-Jahren vom Visper Weinproduzenten Josef-Marie Chanton vor dem sicheren Verschwinden gerettet, nachdem er in alten Reblagen von Visperterminen ein paar Himbertscha-Rebstรถcke entdeckt hatte. Chanton ist weltweit der einzige Produzent dieser nur gerade auf 0,17 Hektaren angebauten Raritรคt, von der er 800 bis 1000 Flaschen pro Jahr erzeugt. Der Lafnetscha, der immerhin noch auf 1,4 Hektaren wรคchst, wird hรคufig mit der alten Bรผndner Rebsorte Completer verwechselt. Ein von Josรฉ Vouillamoz durchgefรผhrter DNA-Test hat aber aufgezeigt, dass Lafnetscha und Completer nicht identisch sind. Der Lafnetscha ist vielmehr aus einer natรผrlichen Kreuzung zwischen Humagne blanc und Completer entstanden. Somit steht fest, dass der Completer einst auch im Wallis angebaut wurde. Und fest steht auch, dass es sich bei den aus den erwรคhnten weissen Rebsorten erzeugten Gewรคchsen nicht um Mainstream-Weine handelt. Mit ihrer knackigen Sรคure und ihren eigenstรคndigen, ja mitunter eigenwilligen Aromaprofilen sind sie aber wertvolle und auch heute noch Trinkspass bereitende Zeugen alter Zeiten.