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Undurchsichtig

Kunst: Ein Tummelplatz für Geldwäscher

Der Kunstmarkt ist ein Refugium für Trickser. Geldwäsche-Expertin Monika Roth fordert, dass der Szene besser auf die Finger geschaut wird. Dem Land droht ein massives Reputationsrisiko.

Thomas Buomberger («Beobachter»)

Das sind die teuersten Gemälde der Welt:
Platz 1: Pablo Picasso – «Les femmes d'Alger» (1955)
Das 1955 erstellte Ölgemälde «Les femmes d'Alger» erzielte bei Christie's inklusive Kaufprämie den Rekordpreis von 179,4 Millionen Dollar, nachdem der Hammer zuvor bei rund 160 Millionen Dollar gefallen war.
Platz 2: Amedeo Modigliani – «Nu couché» (1917/18)Bei Christie's holte der Akt nach einem neun Minuten langen Bieterwettstreit 170,4 Millionen Dollar. Käufer ist das Long-Museum in Schanghai. Von Modigliani gibt es nur wenige Hundert Bilder. Das versteigerte Bild zeigt eine liegende nackte Frau und ist 92 Zentimeter breit und knapp 60 Zentimeter hoch.
Platz 3: Francis Bacon – «Three Studies of Lucian Freud» (1969)
Das Triptychon wurde 1969 von Francis Bacon gemalt und kam am 13. Novemeber 2013 bei Christie's unter den Hammer. Ein bislang unbekannter Käufer erhielt den Zuschlag bei 142,4 Millionen Dollar.
Platz 4: Jackson Pollock – «No. 5» (1948)
Jackson Pollock schloss das Fenster zur herkömmlichen Malerei. Er gilt als amerikanischer Held und Vollender der Avantgarde. Sein 1948 entstandenes Tropfgemälde «No. 5» wurde 2006 in einer privaten Transaktion für 140 Millionen Dollar verkauft, wie die New York Times berichtete. Der jetzige Besitzer ist unbekannt. Vorher gehörte es dem Sammler David Geffen.
Platz 5: Willem de Kooning – «Woman III» (1953)
Der Hedgefondsmanager Steven A. Cohen kaufte 2006 das Meisterwerk des abstrakten Expressionisten Willem de Kooning. Für das 1,2 mal 1,7 Meter grosse Gemälde blätterte Cohen 137,5 Millionen Dollar hin. Das Bild war vorher ebenfalls in der Privatsammlung von David Geffen.
Platz 6: Gustav Klimt – «Adele Bloch-Bauer I» (1907)
Das berühmte Klimt-Gemälde wurde von der aus Österreich stammenden US-Kunstsammlerin Maria Altmann 2006 für stolze 135 Millionen Dollar an die Neue Galerie New York verkauft, die deutsche und österreichische Kunst des frühen 20. Jahrhunderts ausstellt. Klimts Werk «Adele Bloch-Bauer I» gilt als eines der bedeutendsten Werke des Wiener Jugendstils und ist auch bekannt unter dem Name «Goldene Adele».
Platz 7: Edvard Munch – «Der Schrei» (1895)
Bis zur Versteigerung des Bacon-Triptychons war der berühmte «Schrei» des norwegischen Ausnahmekünstlers Edvard Munch das Gemälde, das am teuersten bei einer Auktion versteigert wurde. Im Mai 2012 kam es für 119,9 Millionen Dollar bei Sotheby's unter den Hammer. Verkäufer war der norwegische Unternehmer Petter Olsen, Käufer der Investmentunternehmer und Kunstsammler Leon Black.
Platz 8: Pablo Picasso – «Akt mit grünen Blättern und Büste» (1932)
Das im Hochformat angelegte, 162 mal 130 Zentimeter grosse Bild soll Picassos Geliebte und Modell Marie-Thérèse Walter zeigen. Das Gemälde entstand während eines einzigen Tages. 2010 wurde es bei Christie's versteigert und erzielte einen Preis von 106,5 Millionen Dollar.
Platz 9: Pablo Picasso – «Junge mit Pfeife» (1905)
Das Gemälde mit dem französischen Namen «Garçon à la pipe» entstand in einer frühen Schaffensperiode von Pablo Picasso. Es markiert den Übergang von der «Blauen Periode» zur «Rosa Periode» im Werk des Altmeisters. 2004 kam es bei Sotheby's in New York per Telefonauktion für die damalige Rekordsumme von 104,2 Millionen Dollar unter den Hammer.
Platz 10: Pablo Picasso – «Dora Maar mit Katze» (1941)
Dora Maar war Picassos Muse in der Zeit von 1936 bis 1943. Das Gemälde mit dem französischen Originaltitel «Dora Maar au Chat» entstand 1941, in der Mitte ihrer Liebesbeziehung – und zur Zeit, als die Nazis Paris besetzten. 2006 kaufte der georgische Unternehmer und Politiker Bidina Iwanischwili das Bild für die Summe von 95 Millionen Dollar bei einer Auktion von Sotheby's.
Platz 11: Gustav Klimt – «Adele Bloch-Bauer II» (1912)
Fünf Jahre nach der «Goldenen Adele» verewigte Klimt nochmals die Tochter des Bankdirektors Moriz Bauer. Das Bild wurde 2006 für 87,9 Millionen Dollar an einen Unbekannten verkauft. Vorher war es im Besitz von Adele Bloch-Bauers Nichte Maria Altmann. Diese beschrieb die Tante einst als «krank, leidend, immer mit Kopfweh, rauchend wie ein Schlot, furchtbar zart, dunkel».
Platz 12: Mark Rothko – «Orange, Red, Yellow» (1961)
Weil sich das Picasso-Bild an die Spitze gesetzt hat, fliegt Rothko aus den Top Ten der teuersten Gemälde aller Zeiten. Das Rothko-Bild entstand zu einer Zeit, als er kommerziell erfolgreich wurde. 1961 verkaufte er acht Bilder, zwei davon zu einem Preis von je 15'000 Dollar. Das Bild «Orange, Red, Yellow» wechselte 2012 für 87 Millionen Dollar den Besitzer. Bilder: Keystone
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Auf Kunstauktionen fliesst atemberaubend viel Geld, das zeigt der aktuelle Weltrekord bei einer Auktion von Christie's in New York. Eine Skulptur des Schweizers Alberto Giacometti wechselte für 141,3 Millionen Dollar den Besitzer. Nie wurde auf einer Versteigerung mehr für eine Skulptur gezahlt. Zugleich wurde das Picasso-Gemälde «Les femmes d'Alger» zum teuersten Werk des legendären Spaniers (siehe Bildergalerie). Doch das viele Geld lockt dunkle Machenschaften an. Warum die Bedingungen für Betrug in der Schweiz besonders günstig sind, erklärt Juristin und Geldwäsche-Expertin Monika Roth im Gespräch.
Wieso ist gerade der 
Kunsthandel anfällig auf Geldwäscherei?
Monika Roth*: Der Finanzmarkt ist heute stark reguliert. Deshalb weichen die Geldwäscher auf andere Märkte aus wie Immobilien, Fussball oder eben Kunst. Der Kunsthandel eignet sich deshalb so gut für die Geldwäscherei, weil die Preisgestaltung intransparent ist und man Käufer und Verkäufer häufig nicht kennt.
Es gibt Auktionen, es gibt Kataloge, 
in denen die Preise publiziert werden – das ist doch transparent.
Das wollen Ihnen die Akteure so verkaufen. Aber faktisch ist es so, dass an Auktionen manipuliert werden kann, zunächst von den Auktionshäusern selber, indem der Auktionator fiktive Gebote macht. Dann gibts Absprachen unter Käufern. Es gibt Galeristen und Sammler, die den Preis hochtreiben, um ihren eigenen Bestand zu schützen. Die Geldwäsche im Kunsthandel ist auch deshalb so einfach, weil Interessenkonflikte gang und gäbe sind. Da kann einer gleichzeitig als Berater und als Verkäufer auftreten. Oder Verkäufer und Auktionshaus verhandeln über einen möglichst hohen Preis.

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Bei der Meldestelle für Geldwäscherei kann man die Fälle im Kunsthandel 
an einer Hand abzählen.
Nur Finanzintermediäre, also etwa die Banken, können Meldung machen, Kunsthändler nicht. Sie sind auch wenig sensibel betreffend das Thema.
Was heisst das?
Das merkt man in der politischen 
Debatte und aufgrund persönlicher Reaktionen. Als ich an der Universität Basel zu diesem Thema ein Referat gehalten habe, hat man mir unverhohlen Ablehnung und Unverständnis entgegengeschleudert, wie ich das zuvor noch nie erlebte.
Möchte denn der Kunsthandel, 
dass der Markt überhaupt nicht 
reguliert ist?
Ja. Man macht zwar gewisse Zugeständnisse. Die Auktionshäuser zum Beispiel berufen sich auf ihre freiwillige Unterstellung unter Selbstregulierungsorganisationen. Doch das ist nichts wert.
Der Kunsthandel argumentiert, 
dass Beträge über 100'000 Franken 
über Banken laufen und dass diesen 
die wirtschaftlich Berechtigten ja 
bekannt sind.
Eine Bank kennt nur ihren Kunden und muss bei diesem die Sorgfaltspflichten erfüllen. Die andere Partei kennt sie nicht und muss sie nicht identifizieren.
Aber in Zukunft muss die Galerie 
oder das Auktionshaus abklären, wer der wirtschaftlich Berechtigte ist.
Ja, aber wenn man nicht gewillt ist, das à fond zu machen, wird man sich mit einer Erklärung begnügen und diese nicht hinterfragen.

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Sollte denn der Kunsthandel 
dem Geldwäschereigesetz unterstellt 
werden?
Ja, dieser Meinung bin ich ganz dezidiert. Es müssten auch die gleichen Regeln gelten bezüglich politisch exponierter Personen, wie das für Banken gilt. Denn es gibt immer wieder Fälle, bei denen korrupte Politiker über Kunst Geld waschen, etwa afrikanische Potentaten.
Wie wird denn die Herkunft der Gelder vertuscht?
Etwa indem der Verkäufer anonym bleibt. Man gibt als Herkunft eines Kunstwerks «Collection of a Gentleman» an. Oder man verkauft Kunst über Sitzgesellschaften im Ausland, die nur dazu dienen, die Herkunft des wirtschaftlich Berechtigten zu verschleiern. Beliebt ist auch die Überfakturierung, indem man Bilder von geringem Wert zu stark überhöhten Preisen kauft oder verkauft. Diese Methode hat ein Exminister der Regierung Sarkozy angewandt, um illegal Mittel für den Wahlkampf zu generieren.
Aus welchen illegalen Geschäften 
stammen die Gelder, die über Kunst 
gewaschen werden?
Ein wichtiger Bereich, vor allem in Südamerika, sind Drogengeschäfte. Dann aus klassischen Vermögensdelikten wie Betrug oder Veruntreuung, aber auch aus Korruption oder aus der Plünderung von Staatskassen.
Der Schweizer Kunsthandel 
argumentiert, dass der Handelsplatz Schweiz viel zu klein sei, um 
im grossen Stil Geld zu waschen.
Das ist ein absurdes Argument. Die Grösse ist völlig irrelevant. Der Kunsthandelsplatz Schweiz ist einer der bedeutendsten und begünstigt das sogar, unter anderem mit den Zollfreilagern.

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Inwiefern?
Zollfreilager lagern Waren anonym. Sie werden so gut wie nicht kontrolliert und die Waren nicht versteuert. Werke können dort den Besitzer wechseln, ohne dass jemand davon erfährt. Zollfreilager sind wie Inseln, die aus dem normalen Rechtsleben ausgeschnitten sind.
Müsste denn die Oberzolldirektion 
nicht genauer hinschauen, 
was in diesen Zollfreilagern liegt?
Bezüglich Geldwäscherei ist das nicht so klar geregelt. Dabei sind Zollfreilager nicht für die Dauerlagerung vorgesehen, das entspricht nicht dem Gesetz. Es sind Transiträume. Damit ist gesagt, dass eine jahrzehntelange Lagerung unzulässig ist. Der Zoll müsste Kontrollen machen. Doch man stellt fest, dass gerade das Zollfreilager Genf kaum kontrolliert wird. Das ist für mich inakzeptabel.
Könnten die Dunkelkammern 
Kunstmarkt und Zollfreilager den Ruf der Schweiz gefährden?
Für mich ist klar, dass das ein massives Reputationsrisiko ist. Wir haben ja Erfahrung mit Rufrisiken, die man verschlafen hat. Hier ist eins, das man angehen muss.
* Monika Roth ist Professorin an der Hochschule Luzern und Vizepräsidentin des Strafgerichts Basel-Landschaft. Sie ist spezialisiert auf Compliance und Geldwäscherei. Dieses Interview erschien zuerst im Beobachter.

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