Guten Tag,
Ausgeschlafen und flugschamlos in Berlin oder Wien aufwachen: Das Nachtzug-Angebot ist klein und charmefrei. Aber bald soll alles besser werden.

Florence Vuichard
Abfahrt in Zürich: Nur ein Mal Schlafen, dann ist man in Wien, Budapest oder Prag.
Thomas Lüthi für BILANZ«Willkommen in unserem Kuschelzug!» Es ist kurz nach 21.00 Uhr, der Nachtzug hat soeben Berlin in Richtung Basel verlassen, der gut gelaunte Schaffner begrüsst via Sprechanlage die Gäste in den Schlafwagen. Etwas ungewöhnlich, zugegebenermassen. Und auch nicht ganz wahrheitsgetreu. Denn kuschelig ist er nicht, dieser Nightjet, der von der Deutschen Bahn ausrangierte Nachtzug, der seit Ende 2016 den Österreichischen Bundesbahnen (ÖBB) gehört. Aber «Willkommen in der Plastikbüchse» wäre wohl auch keine adäquate Begrüssung.
Es ist alles sehr eng, die Raumaufteilung ist immerhin funktional, die Farbgebung aber nicht mehr ganz zeitgemäss, alles macht einen etwas gar abgewetzten Eindruck. Doch diese vor gut dreissig Jahren konzipierten Schlafwagen sind die einzigen, die es überhaupt noch gibt. Nach der Jahrtausendwende wurde in Europa eine Nachtzugverbindung nach der anderen eingestellt, die Generation EasyJet stieg auf den Billigflieger um und die Bahnwelt aus dem Nachtzuggeschäft aus. 2016 fuhr der letzte Nachtzug ab Zürich nach Amsterdam, die Linien nach Barcelona und Rom wurden bereits 2012 respektive 2009 eingestellt, das Angebot zwischen Bern und Brüssel gar schon 2003.
Die Einzigen, die sich dem Trend widersetzten, waren die Österreicher. Sie weiteten in den letzten Jahren ihren Wirkungsradius gar aus, ab Januar 2020 fährt neu ein Nightjet zwischen Wien und Brüssel, ab nächstem Dezember einer zwischen Wien und Amsterdam sowie einer von Innsbruck via München nach Amsterdam. 2016 übernahmen sie von der Deutschen Bahn Rollmaterial und Strecken, darunter auch jene von der Schweiz aus, und etablierten Zürich – hinter Wien – als zweiten ÖBB-Hub (siehe auch «Ab nach Berlin, Wien oder Zagreb» unten).
Der Zug verlässt in gemächlichem Tempo Berlins Hauptbahnhof, gut zehn Stunden dauert die Fahrt nach Basel. Immer wieder wird der Zug in der Nacht stehen bleiben – mit Absicht, schliesslich soll er nicht zu früh am Ziel einfahren. Jetzt gilt es, den Frühstückszettel auszufüllen respektive die sechs gewünschten «Komponenten» darauf anzukreuzen, die «inkludiert» sind. Also: Schwarztee, Orangensaft, Gebäck, ein Fruchtjoghurt sowie je eine Portion Marmelade und Honig. Dann wird mit dem Schaffner oder «Steward», wie er bei der ÖBB offiziell heisst, die Zeit ausgehandelt, wann er das Frühstück ins Abteil liefern soll. Er ist allein und muss den ganzen Schlafwagen bedienen, bevor der Zug in Basel um 7.20 Uhr einfährt. In diesem Schlafwagen sind es 21 Abteile, je nach Belegungsgrad also insgesamt bis zu 42 Personen. Deshalb versucht er, die Frühstückszeiten möglichst früh anzusetzen. Die Passagiere freilich wollen möglichst lange schlafen. Wir einigen uns auf 6.45 Uhr, nach etwas Widerstand lenkt er ein.
Im nun zu Ende gehenden Jahr hat die ÖBB in Europa über 1,5 Millionen Passagiere über Nacht transportiert – etwa von Wien nach Zürich, Berlin, Rom oder Hamburg. Das sind zehn Prozent mehr als im Vorjahr. Und die Nachfrage steigt weiter an, die Kapazitäten hingegen sind bald ausgereizt: So sind heute die Schlafwagen von Zürich nach Wien oder Berlin schon Wochen im Voraus ausverkauft, nicht nur in der Städtereisen-Hochsaison, sondern auch an trüben Wochentagen im November. Nun wollen SBB und ÖBB das bestehende Angebot gemeinsam ausbauen. Wie genau, ist allerdings noch unklar.
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