Guten Tag,
Das Wunderding iPad ist schnell, und es macht Spass. Aber taugt es auch für Business Users? BILANZ wollte es genau wissen. Fazit des Tests: kaum.
Marc Kowalsky
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Eine Million. Eine Milliarde. Die Zahlen haben es in sich. Eine Million iPads hat Apple im ersten Monat nach der Lancierung in den USA verkauft. Eine Milliarde Umsatz dürfte das Produkt bis Ende des zweiten Monats generieren. «Das iPad wird aller Voraussicht nach den Rekord für das schnellste Umsatzwachstum im Heimanwendermarkt brechen», sagte Carl Howe, Analyst bei der Yankee Group.
Auch hierzulande ist die Vorfreude enorm. Wenn am 28. Mai in den Apple Stores und den Media-Markt-Filialen der Verkauf beginnt, werden sich wohl lange Schlangen vor den Türen bilden. Und auch manch ein Business User wird mit dem Gedanken spielen, ob er in Zukunft statt des schweren Laptops lieber die schicke Wunderflunder in die Aktentasche packen soll. In den USA hat man die Frage schon beantwortet: Seit der Ankündigung der iPad-Markteinführung im Januar sind die Verkäufe von Netbooks, kleineren Notebooks, eingebrochen. Und 44 Prozent aller iPad-Interessenten, so eine Studie von Morgan Stanley / Alphawise, wollen sich Apples Tablet anstelle eines tragbaren Rechners kaufen. Doch das iPad wurde von Apple nicht als Notebook-Killer konzipiert. Kann es einen Laptop wirklich ersetzen? Hat das Kultobjekt auch das Zeug zum besten Freund des Business User?
Die Kontrahenten
Um das herauszufinden, hat BILANZ das iPad gegen drei mächtige Konkurrenten antreten lassen:
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Die Disziplinen
Im grossen Praxistest der BILANZ mussten die vier Kontrahenten in neun Disziplinen antreten, die das Alltagsleben eines Business User bestimmen: Surfen im Internet und E-Mailen, die Arbeit mit Office, eine Videokonferenz. Schliesslich, nach getaner Arbeit, die Unterhaltungsmöglichkeiten. Getrennt bewertet wurden die Leistungsfähigkeit der Hardware, wo diese nicht bereits in die vorherigen Testdisziplinen eingeflossen ist, sowie – besonders wichtig – die Mobilität.
Die Ergebnisse
1. Surfen im Internet
Subjektiv am schnellsten findet sich der Toshiba im Internet zurecht, gefolgt vom iPad. An dritter Stelle liegt der Asus, den letzten Platz belegt der Sony. Das Benchmark-Programm Peacekeeper von Futuremark bestätigt die subjektiven Eindrücke.
Der leistungsfähige A4-Prozessor im iPad, eine Eigenentwicklung von Apple, kommt der Surfgeschwindigkeit also zugute. Auch die Bedienung ist beim iPad hervorragend, Scrollen und Zoomen macht mit dem grossen Multitouch-Display richtig Spass, mehr als die Bedienung per Maus bei den Windows-Rechnern. Das gibt Pluspunkte. Allerdings ist die Touch-Steuerung auf dem Safari-Browser nicht kompatibel mit allen Websites, die auf Maussteuerung ausgerichtet sind – der Versuch etwa, auf der Audi-Website ein Fahrzeug zu konfigurieren, scheitert.
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Woanders erhält Apple dicke Abzüge: Drei Viertel aller Videos und Games im Web basieren auf Flash-Anwendungen. Doch Apple unterstützt diesen Quasi-Standard von Adobe nicht. Die Folgen sind gravierend. Ein paar Beispiele: Die Websites von Rolex, Jaguar oder Fiat sind auf dem iPad unzugänglich. Die Fernsehbeiträge auf SF.tv bleiben dunkel, auf Swiss.com kann man keine Flugroute via Weltkarte zusammenstellen, der Traumpartner auf Elitepartner.ch stellt sich nicht vor, die Produktvorschau auf Amazon.com läuft nicht. Möglich, dass Flash aufgrund des Apple-Boykotts mit der Zeit an Bedeutung verlieren wird und die Programmierer auf andere Multimediaprogramme umsteigen. Momentan aber ist die Einschränkung spürbar und ärgerlich.
2. E-Mails bearbeiten
Ausgeglichener sind die Testresultate beim Thema E-Mail. Das iPad verfügt über ein sehr gutes und leistungsfähiges Mailprogramm, das auch mit mehreren Konten und mit Attachments keine Mühe bekundet (auf den Windows-Rechnern hat man ohnehin die freie Auswahl). Die Bestnote wird beim Apple und beim Asus lediglich durch das Fehlen einer Mobilfunkkarte verhindert: So müssen sich die beiden Geräte zum Empfangen und Senden immer in ein WLAN-Netz einloggen, während man mit dem Sony und dem Toshiba dank eingebauter UMTS-Funktion auch unterwegs Post erledigen kann.
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3. Mit Outlook und Notes synchronisieren
Dass sich Apple-Produkte leicht in ein Outlook-System einklinken können, hat der kalifornische Hersteller schon mit dem iPhone bewiesen. Auch beim iPad genügen wenige Mausklicks, pardon: Fingerbewegungen, um das Gerät mit dem Server zu verbinden und fortan E-Mails, Adressen und Kalendereinträge automatisch abzugleichen. Doch ebenso wie beim iPhone kennt das iPad keine Synchronisierung der Aufgabenliste. Und mit Lotus Domino, dem Konkurrenzprodukt zu Outlook von IBM, ist die Integration gar nicht möglich (was an IBM liegt, nicht an Apple). Bei den Windows-Rechnern gibt es derartige Einschränkungen nicht. Sony und Toshiba erhalten hier die volle Punktzahl, auch weil sie via UMTS von unterwegs auf den Server zugreifen können.
Die Arbeit mit Bürosoftware bestimmt den Alltag von Businessnutzern. Bei den drei Windows-Geräten wird jeweils eine 60-Tage-Testversion von Microsoft Office mitgeliefert; danach muss man für eine Vollversion in die Tasche greifen oder aus dem Internet die derzeit noch kostenlose Betaversion von Office 2010 herunterladen.
Apple hat die Softwaresuite iWork an das iPad angepasst. Die Programme namens Pages (Textverarbeitung), Numbers (Tabellenkalkulation) und Keynote (Präsentation) lassen sich im iTunes-Marktplatz für jeweils 9.99 Dollar downloaden.
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4. Texte bearbeiten
Das Erfassen von Texten mittels Pages funktioniert erstaunlich gut auf der virtuellen Tastatur des iPad. Hier zahlt sich der gegenüber dem iPhone deutlich grössere Bildschirm aus. Richtig komfortabel ist die Tastatur nur im Querformat. Dann bietet Pages aber keinen Zugriff mehr auf die Menus. Störend wirkt sich auch das Fehlen von Cursortasten aus; beim Zielen mit dem Finger verfehlt man den richtigen Buchstaben schnell. Für kleinere und mittelgrosse Texte reicht der Komfort jedoch aus. Was die Features angeht, ist Pages erstaunlich leistungsfähig. Mit grossen, komplexen Dokumenten ist das Programm jedoch schnell überfordert. Da verschwinden Grafiken und Fussnoten spurlos, Tabellen werden auseinandergerissen, die Formatierung stimmt nicht mehr. Das darf nicht passieren – und passiert bei den Windows-Rechnern auch nicht.
Das Testgerät von Asus verfügt über einen drehbaren und berührungssensitiven Bildschirm. So lässt es sich in einen Tablet-Rechner verwandeln. Mit dem mitgelieferten Stift kann man Notizen direkt auf den Bildschirm schreiben und in Text umwandeln. Zumindest theoretisch. In der Praxis leistete sich die Software – bei einer zugegebenermassen anspruchsvollen Handschrift – eine Fehlerrate von 30 Prozent. Wenn aber jedes dritte Wort fehlerhaft erkannt wird und manuell nachgebessert werden muss, lautet das Urteil: unbrauchbar. Die Touchfunktion des Asus mag für andere Anwendungen wie etwa Spiele ganz nett sein, dem Business User bringt sie nichts. Da hält man sich lieber an die Tastatur, die mit 92 Prozent der Normalgrösse brauchbar ist. Beim Sony ist die Tippfehlerrate wegen der kleinen Tasten (90 Prozent) am höchsten.
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5. Tabellen bearbeiten
Auch Apples Gegenstück zu Excel, das Programm Numbers, ist erstaunlich leistungsfähig und deckt alle normalen Grundbedürfnisse ab. Leider ist es noch nicht ausgereift. Da verschwinden bisweilen Zelleninhalte auf unerklärliche Weise. Beim Import von bestehenden Datenblättern werden Grafiken ungefragt von 3-D in 2-D umgewandelt und nicht alle Formeltypen erkannt. Bei den anderen Rechnern gibt es bei der Tabellenkalkulation keine Einschränkungen, lediglich beim Asus geht aufgrund der geringeren Bildschirmauflösung die Übersicht über grosse Tabellen etwas schneller verloren.
6. Präsentationen
Keynote, die Apple-Version von Powerpoint, erweist sich ebenfalls als sehr leistungsfähig und bietet unter anderem tolle Übergangseffekte zwischen den einzelnen Slides. Aber auch hier läuft der Import von bestehenden Präsentationen nicht immer reibungslos: 3-D-Grafiken werden in 2-D umgewandelt, häufig auch noch fehlerhaft. Bei den anderen Rechnern läuft Powerpoint als Mass aller Dinge problemlos.
Um die Präsentation einem grossen Publikum zu zeigen, ist der Anschluss eines Beamers unerlässlich. Dem iPad fehlen der dazu nötige VGA- oder HDMI-Ausgang. Bei einer individuellen Vorführung kann der Asus speziell punkten: Sein drehbarer Schirm lässt sich dem Gegenüber zuwenden.
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7. Videokonferenz
Hier kann man es kurz machen: Das iPad verfügt weder über eine Webcam noch über ein Mikrofon. Für eine Videokonferenz ist es ungeeignet. Bei den anderen Rechnern ist Skypen hingegen problemlos möglich.
8. Unterhaltung
Nach getaner Arbeit darf der Rechner auch mal zur Zerstreuung dienen. Auf die einschlägigen News- und Unterhaltungs-Websites können alle Rechner zugreifen. Das iPad bietet zusätzlich die iBook-Software zum Bücherlesen sowie spezielle Zeitungs- beziehungsweise Multimedia-Apps. Negativ schlägt wiederum das Fehlen von UMTS zu Buche, genauso wie beim Asus.
Geht es ums Musikhören, herrscht Gleichstand zwischen den Konkurrenten: iTunes läuft auf allen Rechnern, und mehr braucht es nicht. Für einen Film im Flugzeug hat der Toshiba den grössten Schirm – und kann als einziges der Geräte im Test auch DVD-Scheiben schlucken. Auch das iPad punktet hier mit seinem brillanten Display. Auf dem kleinen und kontrastarmen Schirm des Asus macht Hollywood hingegen keinen Spass.
Die Anzahl der Games fürs iPad ist noch überschaubar, dürfte aber rasch wachsen. Die bisher erhältlichen Titel sind vielversprechend und bringen schon eine Menge Spass, was auch am guten Display und der hohen Rechenleistung liegt. Bei manchem Actionspiel erweist sich jedoch das Fehlen einer Maussteuerung als Knackpunkt. Der Sony ist wegen der geringen Rechenpower und des fehlenden dezidierten Grafikspeichers für schnelle Action Games gänzlich ungeeignet, beim Asus stört erneut der schlechte Bildschirm.
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9. Hardware
Die unterschiedliche Hardwareausstattung (Tastatur- und Bildschirmgrösse, Rechenpower) schlägt sich bereits in der Wertung der bisherigen Disziplinen nieder. Zwei Punkte müssen jedoch noch gesondert aufgeführt werden: der Datenaustausch und die Batterieleistung.
Wer sich ein iPad kauft, der kauft sich eine Insel: stark abgeschottet von der Aussenwelt. USB-Ports, Netzwerkanschluss oder Steckplätze für Speicherkarten gibt es nicht, Daten lassen sich nur mühsam als E-Mail-Attachment oder via Online-Speicher austauschen. Drucken kann man vom iPad aus mangels Anschlüssen derzeit ebenfalls nicht (eine Bluetooth-Lösung wäre zumindest denkbar). Die Windows-Rechner kennen solche Einschränkungen nicht, allerdings fehlt beim Asus der Funkstandard Bluetooth.
Bei der Batterieleistung kann das iPad dagegen punkten, es hält auch einen Transatlantikflug durch. Allerdings lassen sich keine Zusatz- oder Ersatzakkus anschliessen – anders als bei der PC-Konkurrenz, die von Haus aus ebenfalls mit einer guten bis sehr guten Kondition aufwartet.
10. Mobilität
Die Tragbarkeit ist das wichtigste Anspruchskriterium von Vielreisenden an ihre Rechner und fliesst daher in unsere Wertung mit doppeltem Gewicht ein.
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Das iPad – klein, flach, leicht – bekommt hier die Bestnoten, ebenso wie der Sony, der bei jeder Sicherheitskontrolle am Flughafen das Staunen der Beamten hervorruft. Der Asus und der Toshiba sind zwar schwerer und grösser, aber immer noch so dimensioniert, dass sich auch unter den beengten Platzverhältnissen der Economy Class vernünftig damit arbeiten lässt.
Das Verdikt
Die meisten Punkte erreicht das leistungsfähigste Gerät, der Toshiba Portégé. Nur knapp geschlagen geben muss sich der Sony Vaio, dessen Rechenpower nicht ganz so gross ist, der aber mit Gewicht und Grösse punkten kann. Business Users sollten sich für eine dieser beiden – zugegeben teuren – Alternativen entscheiden. Für den Tablet-PC von Asus spricht nur das Preis-Leistungs-Verhältnis.
Und für das iPad? Es macht in der Bedienung am meisten Spass und bietet gute Unterhaltung nach Feierabend. Für die meisten Businessanwendungen ist es einigermassen geeignet – nicht aber so gut wie seine speziell darauf optimierte Konkurrenz. Immerhin dürfte Apples Kultprodukt mit Erscheinen der UMTS-Version und einer externen Tastatur noch um ein paar Punkte zulegen. Schon jetzt kann man das iPad auf einen Tagestrip mitnehmen, um das Nötigste damit zu erledigen. Für eine längere Geschäftsreise braucht es aber mindestens ein Netbook. Das iPad ist für den Business User kein Laptop-Ersatz, sondern eine Ergänzung.
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