FΓΌr ihre Eltern wΓ€re es noch das Paradies gewesen: ein Leben in Wohlstand mit ungeahnten AufstiegsmΓΆglichkeiten. Doch unter den jungen Chinesen herrscht nicht nur eitel Sonnenschein. Sie sehen sich immer stΓ€rker mit den Schattenseiten des rasanten Wirtschaftswachstums konfrontiert. Bei vielen machen sich Zweifel am grassierenden Turbokapitalismus in den Metropolen breit. Sie glauben nicht mehr vorbehaltlos an die grossen Ideale von Fortschritt und Erfolg. Sie leiden unter den gewaltigen Erwartungen der Gesellschaft und sehen ihre Zukunft eher dΓΌster.
Dieses GefΓΌhl von Mutlosigkeit und GedrΓΌcktheit in der nachwachsenden Generation hat in China einen Namen: Β«SangΒ». Das Wort steht mittlerweile fΓΌr eine kulturelle Grundstimmung, die von der kommunistischen FΓΌhrung zunehmend als Bedrohung staatstragender Werte wie TΓΌchtigkeit und Zuversicht bekΓ€mpft wird.
Β«'Sang' ist ein stiller Protest gegen das unerbittliche Streben der Gesellschaft nach Erfolg im traditionellen Sinne. Es geht um das EingestΓ€ndnis, dass man es einfach nicht schafftΒ», sagt die 27-JΓ€hrige Zhao Zengliang, die mit ihren schwarzhumorigen InternetbeitrΓ€gen und einem Buch zu dem Thema Bekanntheit erlangt hat. Sie steht fΓΌr die 380 Millionen 18- bis 35-JΓ€hrigen in ihrem Land, die sich in einem deutlich verschΓ€rften Konkurrenzkampf um Jobs und Lebensstandard befinden.
Das Leben wird immer teurer
Nicht zuletzt die - inzwischen aufgeweichte - Ein-Kind-Politik trug dazu bei, dass Eltern und Grosseltern die Kinder mit Erwartungen ΓΌberfrachten. Der Nachwuchs soll alle KrΓ€fte darauf ausrichten, in die Grossstadt zu ziehen, dort eine gut bezahlte Stelle zu ergattern und sich eine Wohnung zu kaufen. Doch das wird immer schwerer. Von den chinesischen UniversitΓ€ten strΓΆmen inzwischen acht Millionen Absolventen im Jahr auf den Arbeitsmarkt. Das sind fast zehn Mal so viele wie noch 1997. Ihre Einstiegseinkommen sind in diesem Jahr um 16 Prozent auf 4014 Yuan (525 Euro) im Monat eingebrochen. Selbst fΓΌr Elite-BerufsanfΓ€nger, die hΓ€ufig viel Geld in ein Auslandsstudium investiert haben, liegt das Gehalt einer Umfrage zufolge in den meisten FΓ€llen weit unter den eigenen Vorstellungen.
Wohnkosten rapide gestiegen
Zugleich verteuert sich das Wohnen rapide. Zwei-Zimmer-Apartments in Peking kosten im Weiterverkauf mittlerweile durchschnittlich umgerechnet 790'000 Euro, wie aus Berechnungen von Chinas grΓΆsstem Immobilienportal Fang.com hervorgeht. Im VerhΓ€ltnis zum verfΓΌgbaren Pro-Kopf-Einkommen liegen die Preise damit drastisch ΓΌber New Yorker VerhΓ€ltnissen. Die Durchschnittsmiete in Peking ist der Internetseite Ziroom.com zufolge in den vergangenen fΓΌnf Jahren um ein Drittel nach oben geschossen auf umgerechnet 360 Euro. Das entspreche 58 Prozent des Durchschnittseinkommens in der Stadt, ergab eine Untersuchung des Forschungsinstituts E-House China R&D.
Die hohen Wohnkosten fΓΌhren dazu, dass viele junge Menschen an die StadtrΓ€nder ziehen und in den Millionenmetropolen stressige Arbeitswege in Kauf nehmen. Eine weitere Folge ist, dass die Chinesen immer spΓ€ter heiraten und eine Familie grΓΌnden.
Dauerdruck kann sich schwer entladen
Der Frust ΓΌber Misserfolg und Dauerdruck kann sich in der stark durchreglementierten Gesellschaft aber nur schwer entladen. Auch im Internet lasse dies die Zensur nicht zu, sagt Xiao Ziyang vom staatlichen Forschungsinstitut Chinese Academy of Social Sciences (CASS). Β«Die Regierung muss die ΓΆffentliche Meinung kontrollieren, um soziale Probleme zu verhindern.Β» Vor dem alle fΓΌnf Jahre stattfindenden Kongress der Kommunistischen Partei im Herbst gilt verstΓ€rkte Aufmerksamkeit. Die depressive Stimmung in Teilen der gut ausgebildeten jungen Generation sorgt fΓΌr NervositΓ€t in der Regierung. Sie sieht darin Symptome eines gefΓ€hrlichen DefΓ€tismus. Das Parteiorgan Β«VolkszeitungΒ» geisselte die Β«SangΒ»-Kultur im August als Β«Haltung des extremen Pessimismus und der Hoffnungslosigkeit, die Anlass zur Sorge gibtΒ». Der Leitartikel enthielt zugleich einen dringlichen Appell zum Optimismus: Β«Steht auf und seid mutig. Lebt den Kampfgeist unserer Zeit.Β»
Aufmerksamkeit mit originellen Produktnamen
Die Β«SangΒ»-AnhΓ€nger dagegen verzichten gezwungenermassen auf lautstarke Parolen. Sie verbreiten ihr LebensgefΓΌhl in InternetbeitrΓ€gen, Songs, Handyspielen und Fernsehsendungen mit Hilfe witziger Anspielungen. Der 29-jΓ€hrige Xiang Huanzhong hat sogar einen sehr erfolgreichen Weg gefunden, damit Geld zu verdienen. Er hat die Teehauskette Sung Tea gegrΓΌndet, die mit originellen Produktnamen auf sich aufmerksam macht. Zum Angebot gehΓΆren etwa Β«Absolut-nichts-erreicht-SchwarzteeΒ», Β«Das-Leben-meiner-Ex-ist-besser-als-meins-FrΓΌchteteeΒ» und Β«HerumhΓ€ngen-und-auf-den-Tod-warten-Matcha-TeeΒ». Auch Β«SangΒ»-Hohepriesterin Zhao zelebriert ihren Depri-Kult mit einer feinen Prise Ironie: Β«Ich wollte heute fΓΌr Sozialismus kΓ€mpfen, aber das Wetter ist so abartig kalt, dass ich nur im Bett liegen und mit meinem Handy spielen kannΒ», heisst es in einem ihrer InternetbeitrΓ€ge. Β«Es wΓ€re klasse, wenn ich morgen einfach aufwachen wΓΌrde und schon in Rente wΓ€re.Β»