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Wandel

Besessen vom Essen: Wenn isst zu ist wird

Heute isst der Mensch nicht mehr, wenn er hungrig ist. Essen ist vielmehr allgegenwärtig und wird zum neuen Pop, so eine neue GDI-Studie. Wohin dieser Weg noch führt.

Privathaushalte sind die grössten Verschwender überhaupt. Pro Jahr schmeisst jeder Schweizer 117 Kilogramm an noch brauchbaren Lebensmitteln weg. Mit diesen alternativen Lösungen kann jeder die Wegwerfmentalität eindämmen.
Ablaufdatum prüfen  Mit dem Mindeshaltbarkeitsdatum ist es so eine Sache. Ein belieber Twitter-Spruch bringt es auf den Punkt: «Liebe Verbraucherinnen und Verbraucher, es heisst «mindestens haltbar bis» und nicht «ganz sicher tödlich ab»! Danke.» Daher sollte man immer auch dem eigenen Geruchssinn und Sehvermögen vertrauen: Riechen die Produkte noch gut und haben keinen Schimmel? Joghurt ist meist mehrere Tage nach Ablaufdatum noch in Ordnung und Zucker sogar mehrere Jahre!
Rezepte für Reste  Übriggebliebenes vom Vortag aufwärmen ist kein grosses Geschmackserlebnis für den Gaumen. Wer aber im Internet nach speziellen Rezepten zum Wiederverwerten der Essensreste sucht, wird auf vielen Food-Plattformen fündig – beispielsweise beim Blog von Oliver Baroni: «Nie wieder Essen wegschmeissen!» oder auf den Websiten der grossen Handelsketten.
Hightech nutzen  Wer gerne mal vergisst, was er noch alles im auf Lager hat, kann sich die Technologie von smarten Kühlschränken zunutze machen. Solche Hightech-Geräte sind zwar teuer, melden aber dank intelligenter Software über das Smartphone, woran es fehlt, was bald abläuft und wie die Temparatur dem Inhalt angepasst werden sollte.
Zweite Chance für Backwaren und Co.  Warum sollten belegte Brote und Gebäck vom Vortag in der Tonne landen? Für den halben Preis finden sie bei Projekten wie der «Äss-Bar» reissenden Absatz. Foodtrucks holen Übriggebliebenes bei Partner-Bäckereien ab  und bieten es der Kundschaft «frisch von gestern» an. Sogar ein Lieferservice kann angefragt werden. Gibt es zweimal in Zürich, in St.Gallen, Winterthur und Bern.
Last Minute fürs Restaurantessen  Im Restaurant essen und Nahrungsabfälle vermeiden? Eine britische App macht das möglich: Essen, das in der Gastronomie oder beim Bäcker übrig geblieben ist, kann über «Too good to go» ausgewählt werden und für einen symbolischen Preis kurz vor Ladenschluss abgeholt werden. Dieses Konzept bewahrt zubereitete Speisen vor dem Abfall und satt sollen die Nutzer von den Portionen auch werden.
Sharing Economy für Lebensmittel  Der Trend des Teilens erfasst auch Nahrungsmittel: Wer zum Beispiel vor dem Urlaub seinen Kühlschrank leeren möchte, ohne Verwendbares wegzuwerfen, kann es zum Beispiel über 

«Foodsharing.ch» verschenken.
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RMS

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Essen sei kein zeitlich begrenzter Akt mehr – Essen durchdringe alle Bereiche unseres Leben und werde «zum neuen Pop», heisst es in der aktuellen GDI-Studie «European Food Trends Report». Zwei Trends stechen dabei heraus: Essen ist Gesundheit und Essen ist High-Tech.
Essen sei heute alles und überall: «Es ist Wellness-Erlebnis und Lifestyle, Orientierungspunkt der Identitätsbildung des modernen Ichs, Kompass auf der Suche nach Moral und manchmal Ersatzreligion», heisst es in der am Montag vorgestellten Studie des Gottlieb Duttweiler Institutes (GDI).

Mit Gesundheit verknüpft

Dem Essen würden immer neue Funktionen zugeordnet: Essen gehe heute weit über die Nahrungsaufnahme hinaus – es soll nicht mehr bloss schmecken und satt machen. Es soll insbesondere auch dem inneren Wohlbefinden dienen.
«Essen und Gesundheit lassen sich heute kaum mehr voneinander trennen.» Zu stark würden sie einander gegenseitig beeinflussen, zu hoch seien die Erwartungen an die Wohltat gelingender Ernährung. Als die «wichtigste Facette des Essens» wird in der Studie deshalb die Gesundheit bezeichnet: «Wir sind heute vom Essen nahezu besessen.»

Von Science-Fiction zum Massenmarkt

Als weiteren aktuellen Trend sieht die GDI-Studie «Essen als High-Tech». Dies bei den Nahrungsmitteln selbst, indem etwa Konsumenten heute auf Burger-Imitate aus Pflanzenfasern zurückgreifen könnten. Zudem werde geforscht, wie Fleisch im Labor gezüchtet werden könne.

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Die Akzeptanz von Laborfleisch sei zwar noch nicht allzu gross. Für viele klinge das wohl noch zu sehr nach Science-Fiction, heisst es in der Studie. Doch der Preis für das Laborfleisch sei am Sinken, «der Weg auf den Massenmarkt scheint sich zu ebnen». Zudem seien bereits entsprechende Kochbücher auf dem Markt – etwa mit einem Rezept für ein Steak in Form eines gestrickten Schals.

Smarte Verpackungen

High-Tech gewinnt auch rund um die Nahrungsmittel an Bedeutung. So könnte etwa ein angebrachter Chip den exakten Weg eines Produktes festhalten, womit sich auch Fälschungen entdecken liessen.
Die Studie verweist zudem auf praktische «Zusatzfunktionen der Verpackungen». So könnte ein «Smart Tag» den Frischegrad der Produkte im Innern messen und diesen mit einer Farbskala anzeigen. So könnte dem Konsumenten angezeigt werden, dass das Nahrungsmittel – trotz abgelaufenem Mindesthaltbarkeitsdatum – noch essbar sei.

Konsumenten im Zentrum

Der Wandel hat gemäss Studie auch die gesamte Architektur der Wertschöpfungskette erfasst. «Die Food-Welt steht Kopf.» Der lineare Weg vom Rohstoff zum Kunden, der der Reihe nach über Produktion, Verarbeitung und Handel ging, sei nicht mehr der einzige. Alle Komponenten seien heute vernetzt.

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«Es findet eine Neuanordnung zu einem Wertschöpfungsnetzwerk statt.» Dabei rücke der Konsument immer mehr ins Zentrum. Dessen Bedürfnisse verändern die Architektur dieses Netzwerks. «Es entstehen Nischen für neue Geschäftsmodelle.»
(sda/jfr)

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