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Oswald J. Grübel: Am Ende des Leidens

Aktionäre sollten zur Abstimmung an der Generalversammlung verpflichtet werden – nur dann lassen sich schlechte Verwaltungsräte abwählen.

Veröffentlicht 29.08.2008

Ein deutscher Banker sagte einmal: «Aktionäre sind dumm, weil sie Aktien kaufen, und frech, weil sie auch noch eine Dividende verlangen.» Und dem gefeierten Warren Buffett wird der Ausspruch zugeschrieben: «Investieren Sie nur in ein Unternehmen, das von einem Idioten geführt werden kann, denn eines Tages wird ein Idiot es führen.» Wenn man sich den Kurszerfall der Bankaktien in den letzten zwölf Monaten ansieht, ist man geneigt, beiden Aussagen zu glauben.

Der Zynismus darin scheint aus Erfahrungen hergeleitet zu sein. Das wirft die Frage auf, weshalb es sich Aktionäre immer wieder – oder sagen wir: zyklisch – gefallen lassen, dass ihr Vermögen teilweise oder manchmal sogar ganz zerstört wird. Die Kleinaktionäre sind dann jeweils empört und erbost, aber machtlos, weil sie nicht annähernd genügend Stimmrechte vertreten, um etwas zu bewegen. Die Mehrheit kontrollieren andere: Pensionskassen, Investmentfonds, Versicherungen usw.

Weshalb aber sind diese Institutionen nicht daran interessiert, ihr Vermögen beziehungsweise dasjenige ihrer Kunden zu erhalten und zu vermehren, statt es zerstören zu lassen? Weshalb setzen sie ihre Stimmrechte nicht wirkungsvoller ein?

Die Erklärung liegt in der Anonymität. Erstens in der Anonymität des Portfoliomanagers, der keine Beziehung hat zu den Aktien und Werten in seinem Portefeuille. Sie gehören ja nicht ihm, und er wird auch nicht verantwortlich gemacht, wenn er das Vermögen seiner Kunden in SMI-Werten verliert. Dann heisst es knapp: Der Markt ist schuld. Zweitens in der Anonymität des Managements, das sich fast ausschliesslich darum kümmert, die Performance der eigenen Firma zu verbessern und nicht diejenige ihrer Kunden. Drittens existiert Unverbindlichkeit bei den Verwaltungsräten dieser In­stitutionen: Sie sitzen oft auch im VR jener Firmen, in die sie für ihre Kunden investiert haben – und sind deshalb einem Interessenkonflikt ausgesetzt.

In den letzten Jahren wurden viele Vorschriften erlassen, um die Transparenz von Aktiengesellschaften zu erhöhen, und tatsächlich haben wir heute mehr Transparenz als je zuvor. Genützt hat es wenig. Wir kennen alle das Schauspiel um die Managerlöhne, das jedes Frühjahr im Lande stattfindet und gar zu einer Initiative geführt, aber nichts verändert hat. Die grossen Firmen, die global, vor allem in den USA, tätig sind, haben in den letzten Jahren Hunderte von Millionen in erhöhte Transparenzvorschriften investieren müssen. Werden sie deshalb besser geführt? Haben sie bessere Resultate erwirtschaftet?

Nein. Mit Vorschriften allein kann man keine besseren Resultate erzielen. Was geschehen muss: Alle Aktio­näre, insbesondere die Vorsorgeinstitutionen, Investmentfonds und Versicherungen, sollen ihre Stimmrechte aktiver ausüben. Sie sollten sogar dazu verpflichtet werden, bei Aktionärsabstimmungen zu wählen und somit Verantwortung zu übernehmen.

Es ist lächerlich, wenn man die jährlich veröffentlich­ten Listen der besten Verwaltungsräte von Unternehmen liest. Sie orientieren sich ausschliesslich am letzten Aktienkurs und wenig oder gar nicht an der etwas längerfristigen Strategie des Unternehmens und an deren Nachhaltigkeit. Wie ist es sonst zu erklären, dass ein Unternehmen in einem Jahr den besten VR haben kann und im nächsten Jahr, in derselben Zusammensetzung, nicht mehr in der Rangliste zu finden ist?

Die Zeit ist günstig, um diese grundlegende Änderung einzuführen, denn die Kapitalverluste sind enorm, die Aussichten alles andere als rosig. Die anhaltende Kreditkontraktion sowie die hohen Energie- und Rohstoffpreise werden enorme Herausforderungen an die Verwaltungsräte stellen. Nur die besten Verwaltungsräte werden ihre Aktionäre in diesem Umfeld befriedigen.
Wenn die grossen Investoren die Chance nicht wahrnehmen, werden sie sich nicht wundern müssen, wenn ihnen früher oder später die Entscheidung aus der Hand genommen wird und ihre Kunden sich andere Anlagemöglichkeiten suchen. Denn auch die Anleger nutzen die gewonnene Transparenz. Gut möglich, dass sie das Ende ihrer Leidensfähigkeit erreicht haben.

Oswald J. Grübel arbeitete 40 Jahre für die Credit Suisse, zuletzt während fünf Jahren als Konzernchef. Anfang Mai 2007 trat er in den Ruhestand.

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