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Analyse 
«Es gibt keine grossen Würfe im Gesundheitswesen»

Ärzte: Die Krankenkassenprämien steigen 2017 überdurchschnittlich. Keystone

Die Krankenkassenprämien steigen weiter. Was gegen den stetigen Anstieg unternommen werden kann, erklärt der Berner Gesundheitsökonom Heinz Locher.

Von Marc Bürgi
27.09.2016

Auch nächstes Jahr steigen die Krankenkassenprämien, wie Gesundheitsminister Alain Berset gestern bekanntgegeben hat. Mit durchschnittlich 4,5 Prozent ist der Anstieg sogar einer der stärksten Aufschläge seit langem. Was gegen den stetigen Anstieg der Prämien unternommen werden kann, erklärt der Berner Gesundheitsexperte Heinz Locher.

Herr Locher, wie kann die Kostenexplosion im Gesundheitswesen gestoppt werden?
Heinz Locher*: Einer der grössten Mängel im Gesundheitswesen ist nicht das Krankenversicherungsgesetz (KVG), sondern die fehlende Transparenz. Es ist erfolgreich verhindert worden, Transparenz über Leistung und Qualität zu erhalten. Wir haben eine Blockade der Leistungserbringer – der Ärzte und Spitäler – gegen Transparenz. Bis jetzt war es möglich, Innovationen, die qualitätsfördernd und kostendämpfend sind, zu verhindern. Die Bevölkerung hat mitgemacht, indem sie beispielsweise die Managed-Care-Vorlage abgelehnt hat (Red.: im Jahr 2012). Offenbar sind die Leute doch zufrieden mit dem Status Quo im Gesundheitswesen.

Ist die Bevölkerung wirklich bereit, jedes Jahr mehr für die Gesundheit auszugeben?
Meines Erachtens ist der Punkt längst erreicht, wo man Massnahmen ergreifen sollte. Tatsache ist aber, dass alle Versuche gescheitert sind. Als Prämienzahler sagt die Bevölkerung: «Geht es eigentlich noch?» Aber als Stimmbürger macht sie genau das Gegenteil. Es hat noch nie einem Gesundheitsdirektor die Wiederwahl gekostet, dass er neue Spitäler gebaut hat. Einige sind aber schon gescheitert, weil sie keine neue Spitäler bauen wollten. Die Bevölkerung ist widersprüchlich in ihrem Verhalten. Wir haben ein gutes Gesundheitssystem, aber man könnte es günstiger haben.

Werden die Kosten weiter derart steigen?
Wenn es gelingt, den Anstieg zu dämpfen, ist es bereits ein Erfolg. Die Kosten werden wegen des medizinischen Fortschritts, unseres Wohlstands und der Überalterung der Bevölkerung immer zunehmen. Früher konnte man alte Leute nicht operieren, weil sie die Anästhesie nicht überlebt hätten – heute bekommt auch ein 85-Jähriger ein neues Hüftgelenk eingesetzt. Es gibt Studien, wonach wir sogar bereit wären, mehr für die Gesundheit zu zahlen als wir es heute tun. Eine Dämpfung ist aber machbar.

Eine rasche Kostenkontrolle ist aber nicht möglich?
Fortschritte können nur in kleinen Schritten erreicht werden. Oft ist gar nicht klar, wie eine Massnahme wirkt – das Gesundheitssystem ist sehr komplex. Ich plädiere für kleine Schritte und Massnahmen. Es gibt keine grossen Würfe im Gesundheitswesen.

Was wäre für Sie ein vertretbarer Anstieg der Gesundheitskosten?
Ein bis eineinhalb Prozent über der Zunahme des Sozialprodukts pro Kopf. Das wäre machbar. In diesem Jahren steigen die Kosten laut dem Krankenkassenverband Santésuisse um 3,5 Prozent.

 

*Der Berner Gesundheitsökonom Heinz Locher verfügt über lange Erfahrung als Berater im Gesundheitswesen. Er ist ehemaliger Präsident des Vorstands der Allianz Schweizer Krankenversicherer (heute curafutura).

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