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Machtnetz von Boris Collardi: Spitzkehre

Eben noch half Boris Collardi bei der forschen Expansion der Bank Bär mit, nun muss er die Kosten wieder herunterfahren.

Von Stefan Barmettler
09.04.2009

Ausgerechnet das Bankhaus Julius Bär, 1890 an der Zürcher Bahnhofstrasse gegründet und heute mit dem Slogan «Privatbank mit Schweizer Tradition» unterwegs, setzt auf einen Youngster. Boris Francesco Jean Collardi, noch keine 35 Jahre, soll die Bank durch die globalen Finanzstürme führen. Ein antizyklischer Entscheid des Julius-Bär-VR unter Raymond Bär, denn in der aktuellen Krisenbewältigung waren bis dato vor allem erfahrene Schlachtrösser gefragt.

Immerhin bringt Collardi vielfältige Managementerfahrung mit. In den letzten Jahren hat er die aggressive Expansionsstrategie des früheren Bär-Chefs Alex Widmer eng begleitet und organisatorisch unterfüttert. Ironie des Schicksals: In den kommenden Monaten muss Collardi die Organisation dem sinkenden Wert der Assets anpassen und die Kosten der Bank um mindestens 15 Prozent senken. Der VR traut ihm die strategische Spitzkehre zu – auch wenn er noch nie eine derartige Übung durchgezogen hat.

Zu reden gibt eine Familienverbindung. Die jährliche Segelregatta «Challenge Julius Baer» auf dem Lac Léman wird von der PR-Agentur Grand Chelem Management betreut. Zuständig dort ist Delia Collardi. Sie ist die Schwester des Julius- Bär-CEO, dessen Bank den Nautik-Anlass sponsert.

DIE FÖRDERER
Collardi hat seinen Aufstieg vor allem einem Mentor zu verdanken: Ohne Alex Widmer, der Anfang Dezember aus dem Leben schied, hätte er kaum diese Höhen ­erklommen. Widmer suchte Ende der neunziger Jahre den Kontakt mit Collardi, als beide für die CS in Singapur arbeiteten und Collardi bereits mit üppigen Boni belohnt wurde. Die beiden ergänzten sich gut: Widmer war stark an der Kundenfront und interessierte sich für die Kapitalmärkte, Collardi war ein fähiger Organisator. Als Widmer 2003 das CS-Private-Banking übernahm, machte er Collardi zu seiner rechten Hand, und nach seinem Wechsel zur Bank Bär 2005 zog er ihn nach und kürte ihn zum Chief Operating Officer. Im Jahr 2000 hatte Collardi ein Jahr als Assistent von Oswald Grübel gearbeitet, damals Chef des Private Banking der CS. Gefördert haben ihn auch Raymond Bär und der scheidende Bankchef Hans de Gier. Die interne Lösung hat den Vorteil, dass die Machtbalance bleibt und sowohl Bär als de Gier ihren Einfluss wahren können. Das wäre mit einem starken neuen Chef von aussen schwieriger geworden. Kontakte pflegt Collardi mit Hedge-Fund-Pionier Rainer-Marc Frey, der wie er im Kanton Schwyz wohnt, Pictet-Partner Rémy Best, UBS-General-Counsel Markus Diethelm und dem designierten CS-Vizepräsidenten Urs Rohner.

DIE GEGENSPIELER
Wenig erfreut über Collardis Wahl sind die zwei wichtigsten Bereichs­leiter der Bank. Besonders Gian Rossi, der den Grossteil des Europageschäfts leitet, soll sich Chancen auf den Posten ausgerechnet haben. Auch Asienchef Thomas Meier wurde intern als Widmer-Nachfolger gehandelt. Privatbankiers stossen sich an der fehlenden Kundenerfahrung Collardis. Zudem habe er es noch unter Widmer oft an Respekt ­gegenüber Leistungsträgern fehlen lassen: Er führe die Bank, verkündete er schon mal unbescheiden. Auch David Solo, Chef Asset Management, soll von Collardi nicht voll überzeugt sein und besonders dessen Kapitalmarktkenntnisse skeptisch sehen. Nach dem Weggang von Beat Wittmann, der das in­stitutionelle Geschäft und die Produktesparte leitete, intervenierte Solo im Oktober bei Widmer, da er das Geschäft selbst leiten wollte. Widmer übergab es jedoch Collardi. Als Hans de Gier nach dem Tod Widmers die Leitung übernahm, nahm er es Collardi wieder weg und übertrug es Solo.

SEIN WERDEGANG
Collardi absolvierte 1993 die Wirtschaftsmatura am Cessouest-Gymnasium in Nyon, anschliessend stieg er bei der CS in Genf als Trainee ein. Im Overdrive ging es die Karriereleiter hoch. Fürs Private Banking war der stets bestens organisierte Workaholic (Motto: «Deliver, deliver, deliver») in Zürich und in Singapur aktiv. 1999 absolvierte er ein Executive Program am IMD in Lausanne. Obwohl sein Schulsack nicht üppig ist, hat Collardi pointierte, vom Ausland geprägte Ansichten zum Schweizer Bildungssystem. Es mangle an Koordination, zudem müssten die Kids bereits im Alter von vier Jahren eingeschult werden. Im Mai 2008, der 33-Jährige fungierte bereits als Nummer zwei bei Bär, setzte ihn das Branchenmagazin «Wealth Bulletin» auf die Liste der «40 Rising Stars in European Wealth Management».

SEINE HOBBYS
Zu reden gab in der Vergangenheit Collardis Faible für teure Sportwagen aus Maranello. Heute macht der 34-Jährige auf Understatement: Das hochgezüchtete Modell bleibt zu Hause, er parkiert nun frühmorgens einen Fiat 500 auf dem Direktionsparkplatz. Symbolik, so zeigt der Markenwechsel von Ferrari zu Fiat, ist Collardi nicht fremd. So liess er auch gegen internen Widerstand zwei Andy-Warhol-Lithos in seinem Büro aufhängen («Campbell Soup», ­«Marilyn Monroe»).

In seiner kärglichen Freizeit fährt Collardi Ski. Das tut er nicht ohne kommerziellen Hintergedanken. So hat er vor zwei Jahren das Kundenakquisitions-Konzept «White Spots» ausgeheckt, das den Aufbau von Minifilialen an international bekannten Skiorten wie Crans-Montana oder Verbier vorsah.

SEIN PRIVATLEBEN
Der neue Bär-Chef ist in Nyon aufgewachsen, sein Vater stammt aus Italien. Der Filius redet fliessend Französisch, Italienisch, Englisch und Deutsch. Heute lebt er hoch über dem Zürichsee in Schindellegi im steuermilden Kanton Schwyz. Seine Frau Cherin Collardi-Wong, Staatsbürgerin von Singapur, ist ebenfalls Private Bankerin. Bei der Credit Suisse war sie Beraterin im Indonesien-Team, zuvor agierte sie als Kundenbetreuerin bei Goldman Sachs in Zürich und bis Ende letzten Jahres beim Vermögensverwalter Dara Capital in Zollikon ZH.

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