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Gentlemen’s Clubs: Eine Oase in der öden Wüste des Alltags

Einer der schönsten Räume Londons: Selbst die Queen Mum lud in der Travellers Club Library zum Weihnachtsschmaus.

Sie sind eine der letzten Männerbastionen, triefen geradezu vor Tradition und sind höchst exklusiv: die Londoner Gentlemen’s Clubs. Ein Blick in die geheimnisvolle Welt des Travellers Club.

Von Jann Schwarz
17.05.2005

Der Portier bewahrt zwar die Contenance, doch die Skepsis steht ihm ins Gesicht geschrieben: «Sind dies etwa Turnschuhe, die Sie da tragen?», fragt er den ankommenden Gast im Tonfall des beunruhigten Butlers. «Ach so», fährt er dann fort, «Sie meinen, das seien moderne Lederschuhe. Sehr interessant.»

Die Szene spielt sich ab am Eingang des Londoner «Travellers» – eines der berühmtesten Clubs überhaupt. Der Portier, dies nebenbei bemerkt, lässt seine Meinung dann durchaus durchblicken, natürlich höchst korrekt und mit typisch britischem Understatement: «Mit Verlaub, Sir, meines Erachtens sieht Ihre Fussbekleidung gewissen Turnschuhmodellen äusserst ähnlich.»

Man kennt die exklusiven Yacht- und Golfclubs mit unglaublichen Wartelisten, die einflussreichen Rotary-Zirkel, die alteingesessenen Zunftgesellschaften, die schicken Members-only-Restaurants und -Bars. Clubs der Eliten, wo man fern von Krethi und Plethi wertvolle Kontakte knüpfen kann. Doch der Archetyp all dieser Institutionen ist ohne jeden Zweifel der klassische englische Gentlemen’s Club, wie wir ihn aus Büchern und natürlich auch aus Filmen kennen: dunkle, zigarrenrauchverhangene Räume mit Cheminéefeuer und schweren ledernen Clubsesseln, in denen ältere Herren schweigend die «Times» lesen. Oder bei einem Glas Whisky die Zukunft des British Empire planen. Bis heute sind die Innenausstattungen unzähliger Hotelbars rund um die Welt von diesem Mythos inspiriert.

Dank dem britischen Traditionsbewusstsein existiert in London noch ein gutes Dutzend solch jahrhundertealter Clubs. Sie sind noch immer erstaunlich lebendig, obwohl sie nur schwerlich ins 21. Jahrhundert zu passen scheinen. Für Nichteingeweihte sind die geheimnisvollen Bastionen des Establishments von aussen kaum zu erkennen. Die historischen Sandsteinfassaden in St James verraten nicht, was sich dahinter verbirgt, und nach Namensschildern sucht man ebenfalls vergeblich.

106 Pall Mall ist die Adresse des Travellers Club, der im Jahr 1819 als Treffpunkt von weit gereisten Gentlemen und von deren ausländischen Gästen gegründet worden ist. Waterloo-Feldherr Arthur Wellesley Wellington, Aussenminister Robert Stewart Castlereagh und der spätere Premier Henry John Temple Palmerston gehörten damals zu den Gründungsmitgliedern. Und bis zum heutigen Tage ist die Mitgliedschaft sehr exklusiv.

Wer als Nichtmitglied die imposanten Stufen hinaufsteigt und durch die schwere Eichentür schreitet, wird von Portier John sofort höflich, aber resolut wieder hinauskomplimentiert: «Members only.» Kann man eine Einladung von einem Clubmitglied vorweisen, wird in der Eingangshalle erst mal der Dresscode kontrolliert. Anzug und Krawatte sind zu jeder Tageszeit Pflicht, und allzu modernes Fusswerk wird mit grosser Skepsis begutachtet.

Die Clubmitglieder selbst werden um einiges herzlicher und stets mit Namen begrüsst: «Good evening, Sir Anthony. Was meinen Sie zum Wetter, Sir? Bilde ich es mir bloss ein, oder ist es heute tatsächlich etwas wärmer als gestern?»
Tritt man an den Porträts der Ehrenmitglieder Prinz Charles und Prinz Philip vorbei in den Club, fühlt man sich um hundertfünfzig Jahre zurückversetzt. Das prunkvolle Gebäude steht noch exakt so da, wie es im Jahr 1832 von Sir Charles Barry, dem Architekten von Big Ben, eigens für den Club erbaut worden ist: neoklassischer Stil, inspiriert vom Palazzo Pandolfini in Florenz, den die britischen Aristokraten auf ihrer Grand Tour bewundert hatten. Ein Grossteil des noch immer vorhandenen Mahagoni-Mobiliars wurde ebenfalls von Barry gestaltet, inklusive der alphabetisch geordneten Garderoben, um Verwechslungen von Hüten und Mänteln vorzubeugen.

Das Clubhaus verfügt über zwei Salons zum Empfang von Gästen, eine Bar, einen Smoking-Room, einen Speisesaal und die legendäre Bibliothek, die zu den schönsten Räumen in London zählt. Die Queen Mum gab hier bis zu ihrem Tod jedes Jahr ein Weihnachtsessen, und der viktorianische Schriftsteller William Thackeray («Vanity Fair», «Barry Lyndon») benutzte die Library als Arbeitszimmer, obwohl er zeitlebens nie als Vollmitglied in den Club aufgenommen wurde. Sein Lieblingsstuhl ist noch heute Teil des Mobiliars, genauso wie der eigens für den greisen französischen Staatsmann Charles-Maurice de Talleyrand-Périgord angebrachte Griff am Treppengeländer.

Dank Geschenken von Mitgliedern ist in der Library über die Jahrhunderte hinweg eine der bedeutendsten englischen Sammlungen von Reiseliteratur entstanden, denn Reisen ist das grosse Thema des Travellers Club. «Die Library besitzt eine wunderbare Kollektion von antiquarischen Büchern, doch sie ist kein Fossil, wir fügen ständig neue Werke zum Thema Reisen und Diplomatie hinzu, und viele der Autoren sind selbst Mitglieder», sagt John Eidenow, Vorsitzender des Library Committee und hauptberuflich Dean des Merton College in Oxford. Jedes neu aufgenommene Mitglied muss bis heute schwören, mindestens einmal 500 Meilen weg von London gereist zu sein – eine im Jahr 1819 keineswegs selbstverständliche Leistung.

Obschon heute weniger exotische Berufsgattungen wie Banker und Juristen den Grossteil der Mitglieder ausmachen, gehören nach wie vor sehr viele Reiseschriftsteller, Forschungsreisende und auch Geheimdienstler dem «Travellers» an. Der Club taucht beispielsweise in den Spionageromanen von Graham Greene immer wieder unter fiktivem Namen als Schauplatz auf. Mehr als 100 der rund 1200 Mitglieder sind zudem hochrangige Beamte des Aussenministeriums, und die lange Tradition des Clubs als Treffpunkt von britischen und ausländischen Diplomaten dauert bis zum heutigen Tage an: Das historische Freundschaftsabkommen zwischen Libyen und Grossbritannien beispielsweise wurde vor zwei Jahren in geheimen Gesprächen im ehemaligen Billardraum des «Travellers» ausgehandelt.

Zu den diplomatischen Mitgliedern gehört auch Alexis Lautenberg, der neue Botschafter der Schweiz in London. «Ich habe es bisher mit Groucho Marx gehalten und bin nie einem Club beigetreten, der Mitglieder wie mich aufnimmt», scherzt Lautenberg zunächst bei einem Teller Dover Sole im prunkvollen Speisesaal. Und wird dann sachlich: «The Travellers Club ist eine Institution mit grosser Tradition und einer sehr angenehmen Atmosphäre, die eine Ausnahme verdient.» Ausserdem sei er stolz darauf, «dass der Schweizerin Angelika Kaufmann als einziger Frau eine permanente Präsenz im Club eingeräumt wird».

Die ironische Anspielung bezieht sich auf die fünf riesigen Ölgemälde der 1741 in Graubünden geborenen Künstlerin, die im Smoking-Room hängen. Frauen haben im Club bis heute nur als Gäste Zutritt, ein Prinzip, das die Mehrheit der Members mit Vehemenz verteidigt. «Geprägt durch das geschlechtergetrennte Erziehungssystem der britischen Oberschicht in Eliteschulen wie Eton und Harrow, fühlen sich viele Mitglieder in der Gesellschaft von Männern entspannter – man verhält sich schlicht anders, sobald eine Frau den Raum betritt. Ausserdem war der Club schon immer die alternative Privatsphäre zum ehelichen Haushalt – Eskapismus ist hier wohl das Stichwort», erklärt ein Clubmitglied diese Tradition.

Die Mehrheit der «Travellers»-Mitglieder ist über 50 Jahre alt, doch an männlichem Nachwuchs fehlt es nicht. Kandidaten müssen von mindestens sieben Members portiert werden, und ein Wahlkomitee wacht sehr streng darüber, dass potenzielle Mitglieder auch zum Stil des Clubs passen. Die Qualität der Kommunikation unter den Mitgliedern – die richtige Mischung von freundlicher Nähe und respektvoller Distanz – macht die Substanz eines Clubs aus. Ein Mitglied des Wahlkomitees erklärt es so: «Offizielle Selektionskriterien gibt es keine, doch man muss ‹the right sort of chap› sein.» Die rechte Art von Kerl also. «Ein Club ist eine Art Ersatzfamilie, bei der man sich seine Verwandten selbst aussuchen kann. Doch wie in einer richtigen Familie gibt es sehr viele ungeschriebene Verhaltensregeln, die es zu respektieren gilt.» Ein Neumitglied müsse sowohl über den richtigen Charakter wie auch die richtige Erfahrung verfügen, um dies zu verstehen, nur dann sei er wirklich «clubbable».

Das offene Networking zu geschäftlichen Zwecken beispielsweise ist verpönt – der Travellers Club erlaubt weder den Austausch von Geschäftspapieren noch von Visitenkarten: Wer den Club als Sprungbrett für beruflichen Erfolg oder Social Climbing sehe, habe hier nichts verloren, heisst es. Dies wiederum bedeutet allerdings nicht, dass nicht auf diskretere Art Beziehungen geknüpft werden. Die berühmten Old-Boys-Netzwerke des alten britischen Establishments spielen immer noch eine wichtige Rolle, auch wenn sie in Politik und Wirtschaft Grossbritanniens an Bedeutung verloren haben. Unter den Mitgliedern des Travellers Club finden sich zwar noch immer viele einflussreiche Persönlichkeiten, doch die Zeiten, als die Upper Class vom Clubsessel aus die Geschicke der halben Welt lenkte, gehören endgültig der Vergangenheit an.

Steigt man die steile Treppe hinunter in die kleine Bar im Untergeschoss, wo sich der harte Kern des Clubs vor Lunch und Dinner trifft, scheint es, als sei das Empire noch immer in voller Blüte. Dreiteilige Massanzüge sind hier die Standarduniform, goldene Uhrketten und Nelken im Knopfloch keine Seltenheit. Die Lieblingscocktails wie Pink Gin sind seit 50 Jahren unverändert, und die Sprache der Mitglieder ist altmodischer als jene von Prinz Charles. Das Klischee des rückständigen «Fogey» – hier lebt es. «Fogey» nennen die Briten einen altmodisch gekleideten, erzreaktionären Gentleman, der im antiquierten Akzent der Upper Class mit Portweinglas in der Hand und leicht angesäuselt über den moralischen Verfall des Landes herzieht und Anekdoten aus der guten alten Zeit zum Besten gibt.

Doch die meisten der exzentrischen Gestalten besitzen einen ausgeprägten Sinn für humorvolle Selbstironie und ein über Jahrzehnte perfektioniertes Talent zum Geschichtenerzählen. Als De-facto-Bestandteil des Mobiliars tragen sie zum enormen Charme des Clubs bei, dessen einzigartige und zuweilen nostalgische Atmosphäre sich mit keinem kommerziellen Restaurant oder Hotel vergleichen lässt.

Als anachronistische Zeitkapsel ist der Travellers Club mit seiner steifen viktorianischen Gemütlichkeit bis heute für seine Mitglieder ein wahres «home away from home», ein zweites Zuhause, in dem sich manche Members wohler zu fühlen scheinen als daheim. Dass diese intime und zugleich formelle Kombination von öffentlichem und privatem Raum auch nach beinahe zwei Jahrhunderten noch immer existiert, spricht für sich. «Der Travellers Club ist für mich eine Art virtuelle Realität voller faszinierender Charaktere, deren Geschichte oft genauso spannend ist wie der beste Roman, ein kurioses und äusserst komfortables paralleles Universum, in dessen Geborgenheit man sich gelegentlich vor der Aussenwelt flüchten kann», erklärt ein junges Mitglied die Faszination des Ortes.

Und einer der Old Boys an der Bar dreht sich um und bringt es mit dem Sherry-Glas in der Hand auf den Punkt: «My dear boy, dieser Club ist eine wundervolle Oase der Zivilisiertheit in der öden Durchschnittswüste des Alltags.»

The Travellers Club

106 Pall Mall, London, SW1Y 5EP, Tel. 0044/20 7930 8688.

Besuche und Mitgliedschaft nur auf Einladung. Vollmitglieder von rund 100 Partnerclubs weltweit geniessen Gastrecht, sofern sie ein Empfehlungsschreiben oder einen gültigen Mitgliederausweis mitbringen. Die Schweizer Partnerclubs des «Travellers» sind der «Club Baur au Lac» in Zürich, «Le Cercle de la Terrasse» in Genf und die «Grande Société de Berne».

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