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Neue 1000-Franken-Note 
Wir brauchen eine Bargeld-Kultur

1000 Franken Note Schweiz
Gilt vielen als verdächtig: Neue 1000-Franken-Note der Schweizerischen Nationalbank.Quelle: © SNB, 2018

Die neue 1000-Franken-Note muss viel Kritik einstecken. Dabei brauchen wir Bargeld. Erstaunlich, dass dies ausgerechnet heute vergessen geht.

Kommentar  
Von Ralph Pöhner
05.03.2019

Sind Sie dafür, dass das Tempo der Autos elektronisch auf 120 Stundenkilometer gedrosselt wird? Falls ja, dann können Sie auch gut darüber schimpfen, dass die Schweizerische Nationalbank Noten im Nennwert von 1000 Franken ausgibt.

Falls nein, wird es schon schwieriger.

Denn die Tausendernote ist der Sportwagen der alltäglichen Finanzen – ziemlich übertrieben, gut zum Protzen, aber man kann damit auch die Grenzen der Legalität ritzen: Der grosse Schein ist ein prima Vehikel für Geldwäscherei, und es gibt viele Indizien dafür, dass er kräftig zur Steuerhinterziehung eingesetzt wird.

E-Geld heisst E-Überwachung

Dabei wird das Bargeld schleichend, aber stetig ersetzt durch elektronische Methoden. Ein Staat, in dem sich das wunderbar beobachten lässt, ist die Volksrepublik China. Dort können Sie heute schon Ihre Lychees auf dem Bauernmarkt per Handy bezahlen, selbst tief auf dem Land, und die KP-Führung in Peking findet das prima. So wie sie es angebracht findet, dass Ihr Zugsbillet die Nummer Ihres Passes trägt. Oder wie sie verlangt, dass jeder Gastgeber Ihr Reisedokument direkt ins nächste Polizeiquartier scannen muss.

E-Geld heisst nämlich E-Kontrolle. Umgekehrt sind Geldnoten auch ein Weg, sich dem Staat zu entziehen. Nur in einer Bargeld-Kultur kann ein Mensch auch untertauchen. Nur wo Bargeld gängig ist, liesse sich notfalls eine wirksame Oppositionsbewegung aufbauen.

«Ich wollte niemals Steuern hinterziehen»

Als ich vor Jahren übers Bankgeheimnis schrieb, sprach ich mit einem alten Mann in Massachusetts, der wegen eines versteckten Credit-Suisse-Kontos vor einem US-Gericht landete und verurteilt wurde. Es war ein deutscher «Halbjude» (wie die Nazis Menschen wie ihn nannten), dessen Familie die Hitler-Bande alles geraubt hatte und der via Schweiz die Flucht nach Amerika gelungen war. «Ich wollte niemals Steuern hinterziehen», sagte er. «Aber ich wollte etwas haben, von dem keine Regierung der Welt weiss – keine.»

Zweifellos wirken solche Reminiszenzen in der Schweiz von 2019 eher paranoid. Aber wer manchmal ein Geschichtsbuch liest, der weiss, wie schnell Sicherheiten zusammenbrechen und Systeme wechseln können. Und es ist doch erstaunlich, wie viele Menschen das Bargeld 2019 als irgendwie unanständig empfinden, ausgerechnet jetzt, wo die Demokratien mehrfach bedroht sind.

Vehikel des mittelmässigen Gauners und des Mittelstandes

Es stimmt zwar, dass hohe Notenwerte Schwarzgeld-Geschäfte erleichtern. Aber wer glaubt ernsthaft, dass grosse Verbrechersyndikate entscheidend aufs Papiergeld angewiesen sind? Dass sie nicht flink Alternativen konstruieren könnten? Dass grosse Steuerhinterzieher keine Ersatzwege ins Ausland auftun würden? Eine Studie aus den USA ergab kürzlich, dass der wuchtige, jahrelange Kampf der Washingtoner Regierung gegen die Steuerhinterziehung viel weniger eingebracht hat als erhofft. Eine Erklärung dafür: Die ganz entschlossenen Täter zogen weiter um den Globus und bauten noch raffiniertere Steuerkonstruktionen.

Die grosse Note ist am Ende eher ein Vehikel des mittelmässigen Gauners (darin ganz ähnlich dem Sportwagen), und vor allem ist sie ein Sicherheitspolster im Nachtkissen des Mittelstandes. Auch dies deuten neuere Daten aus den USA an: Der Umlauf der 100-Dollar-Note, also des schwersten Geldpapiers der USA, hat sich nach der Finanzkrise verdoppelt, insbesondere im Ausland, und dies in erhöhtem Tempo während Kriegsphasen.

Bargeld ist Vertrauen. Das war schon immer so. Es ist Vertrauen in die staatlichen Institutionen, welche das Bargeld ausgeben.

Bargeld schafft auch Vertrauen. Es zeigt, ob der Staat den Mut hat, blinde Ecken zuzulassen.

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