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Börse

Was Chinas Börsen mit Casinos verbindet

An den chinesischen Börsen wurde der Handelstag nach 30 Minuten beendet. Die Massnahme ist ein Versuch, den heftigen Abstürzen Herr zu werden. Warum steht Chinas Aktienmarkt vor diesem Problem?

Chinas Regierung versucht mit allen Mitteln, den Ausverkauf an den Börsen zu stoppen. Nach einem Einbruch von gut 7 Prozent an Chinas Börsen ist der Aktienhandel am 4. Januar 2016 ausgesetzt worden. Gleich am ersten Tag seiner Einführung kam damit ein neuer Mechanismus zum Zuge. Bei Schwankungen von über 5 Prozent wird der Handel 15 Minuten ausgesetzt, bei über 7 Prozent schliessen die Börsen für den Rest des Tages. Am 7. Januar, nach dem zweiten Unterbruch, wurde der Mechanismus ausgesetzt.
Schon im Sommer 2015 versuchte die Regierung mit zahlreichen Massnahmen eine Trendwende herbeizuführen. Hier die wichtigsten:Zinssenkung: Um die Märkte mit mehr Liquidität zu versorgen, hat die Zentralbank die Leitzinsen ein weiteres Mal um 25 Basispunkte gesenkt. Der Leitzins für die Kreditvergabe liegt bei rekordtiefen 4,6 Prozent. In die Geschäftsbanken pumpte die Zentralbank umgerechnet 20 Milliarden Franken.
Pensionsfonds für Aktienmarkt geöffnet: Erstmals hat die Regierung das Kapital von Pensionsfonds für die Aktienmärkte freigegeben. Damit sollten knapp 100 Milliarden Yuan in den Markt fliessen. Den Crash vom 24. August konnte die Massnahme nicht aufhalten.
Aktienkäufe der Regierung: Über die staatliche China Securities Finance Corp (CSF) verleiht die Zentralbank mindestens 260 Milliarden Yuan an grosse Brokerfirmen. Zudem kauft die CFS selbst für eine ungenannte Summe Aktien von mittleren und kleineren Unternehmen.
Vorübergehende Handelsstopps: Sobald eine Aktie in China an einem Tag zehn Prozent verliert, wird sie vom Handel ausgesetzt. Diese Regel gilt schon länger. Beim Crash erlaubten die Regulatoren zudem, dass mehr als die Hälfte aller Papiere vorübergehend von der Börse genommen werden konnten.
Konjunktur- und Infrastrukturprogramme: Die Regierung startet ein eilig zusammengeschustertes Programm für 40 Milliarden Yuan um das Wirtschaftswachstum anzukurbeln. Zudem werden bestehende Infrastrukturprojekte beschleunigt.
Haltefrist für Grossanleger: Institutionelle Anleger, die mehr als fünf Prozent an einer Firma halten, dürfen ihre Anteile sechs Monate lang nicht verkaufen.
Ausgesetzte Börsengänge: Die Regierung entschied, dass bis auf weiteres keine Börsengänge in Schanghai und Shenzhen stattfinden dürfen und die Firmen mit der Rückerstattung des Geldes an bisherige Investoren beginnen müssen.
Trotz dem Paket an – teils drastischen – Massnahmen gelang offenbar keine nachhaltige Stabilisierung des Finanzmarktes. Die Volatilität bleibt sehr hoch, wie es für einen von geliehenem Geld angetriebenen Markt typisch ist. Der teils kopflos wirkende Aktivismus der Regierung hat nach Ansicht von Analysten sogar neuerlichen Abstürzen beigetragen.
Denn die Aktionen der Regierung lassen ausländische Investoren zweifeln, ob die Kurse tatsächlich von Fundamentaldaten getrieben sind. Dieser Reputationsschaden ist aus Sicht von Experten langfristig sogar schlimmer als die wiederholten Korrekturen an der Börse.
So braucht es jeweils nur eine schlechte Nachricht, um die Börsen erneut in Aufruhr zu versetzen. Am 27. Juli lösten enttäuschende Konjunkturzahlen den grössten Tagesabsturz seit 2007 aus. Dabei blieb es nicht: Rund einen Monat später kam der nächste Aktiencrash, Shanghai verlor über acht Prozent. Und auch 2016 begann mit einem weiteren rabenschwarzen Tag am 4. Januar.Bilder: Bloomberg/Keystone/Reuters
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Chinas Regierung versucht mit allen Mitteln, den Ausverkauf an den Börsen zu stoppen. Nach einem Einbruch von gut 7 Prozent an Chinas Börsen ist der Aktienhandel am 4. Januar 2016 ausgesetzt worden. Gleich am ersten Tag seiner Einführung kam damit ein neuer Mechanismus zum Zuge. Bei Schwankungen von über 5 Prozent wird der Handel 15 Minuten ausgesetzt, bei über 7 Prozent schliessen die Börsen für den Rest des Tages. Am 7. Januar, nach dem zweiten Unterbruch, wurde der Mechanismus ausgesetzt. RMS

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Nach dem zweiten Kursrutsch in dieser Woche wurde heute in China der Börsenhandel bereits nach knapp 30 Minuten für den Rest des Tages ausgesetzt. Die Aktienmärkte in Shanghai und Shenzhen waren um mehr als 7 Prozent gefallen. Auch die europäischen Börsen zeigen sich beeindruckt. Gegenwärtig steht der SMI mit 2,6 Prozent im Minus und der Dax ist unter 10'000 Punkte gefallen.
Zum Wochenanfang – im Anschluss an den ersten Einbruch – hatte die chinesische Regierung zwar Milliarden in den Markt gepumpt und es waren auch neue Massnahmen angekündigt worden, um die Kurse zu stützen (siehe Bildergalerie oben). Doch es fehle das langfristige Vertrauen der Anleger, heisst es im Markt.

Fehlende Transparenz und Staatseingriffe

Die Börsen in China werden gern mit Spielcasinos verglichen. Es wird heftig spekuliert, die Aktiengesellschaften im Land sind wenig transparent. Auch greift der Staat häufig ein, wie sich bei den schweren Turbulenzen im vergangenen Jahr zeigte, als ein Grossteil der Aktien einfach vom Handel ausgesetzt wurde.
Seit 1990 gibt es in China zwei Börsen. Der grösste Aktienmarkt ist in der ostchinesischen Hafenmetropole Shanghai, der kleinere im südchinesischen Wirtschaftszentrum Shenzhen. In den ersten Jahren nach der Gründung ging es weniger darum, effiziente Kapitalmärkte zu schaffen, als vielmehr um die Möglichkeit, dringend benötigtes Kapital zur Sanierung angeschlagener Staatsbetriebe aufzutreiben.

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Strenge Regulierung

Seither haben sich die Märkte rasant entwickelt, sind aber bis heute vom Börsengeschehen im Rest der Welt weitgehend abgeschottet. Es gibt zwei Arten von Wertpapieren: A-Aktien werden in der chinesischen Währung (Yuan) ausgegeben, sind chinesischen Investoren vorbehalten und können nur von ausgesuchten ausländischen institutionellen Anlegern gekauft werden. Ferner gibt es B-Aktien, die in Shanghai in US-Dollar und in Shenzhen in Hongkong-Dollar gehandelt werden und für ausländische Investoren gedacht sind.
Um die chinesischen Börsen kontrolliert zu öffnen, vereinbarte Shanghai vor einem Jahr eine Kooperation mit Hongkongs Aktienmarkt. Damit erhielten erstmals ausländische Anleger direkten Zugriff auf A-Aktien, in der Gegenrichtung können chinesische Investoren Aktien in Hongkong kaufen. Der Handel wird mit Quoten aber streng reguliert.

Neuer Mechanismus bei Kursrutsch

Um grössere Turbulenzen an Chinas Märkten zu verhindern, können einzelne Aktien, die mehr als 10 Prozent verlieren, vom Handel ausgenommen werden. Bei den Kursrutschen seit dem vergangenen Sommer galt dies zeitweise für mehr als die Hälfte aller Papiere.
Seit dem 1. Januar gilt ein genereller Schutzmechanismus, der bei einem Kursrutsch des China Securities Index (CSI) mit 300 führenden Werten um über 5 Prozent 15 Minuten Handelspause vorsieht. Bei mehr als 7 Prozent wird der Handel für den Rest des Tages ausgesetzt.

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(sda/jfr/me)

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