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Francis Fukuyama: «Der Westen muss eine Antwort auf China finden»

Francis Fukuyama ist der meistzitierte Denker der Welt. Der Autor von «Ende der Geschichte» über den Graben zwischen den USA und Europa.

Elisabeth Niejahr,

Dieter Schnaas

Francis Fukuyama
Francis Fukuyama: «Wir sollten nicht unterschätzen, wie kraftvoll die Idee einer liberalen Demokratie ist.» Getty Images
Herr Fukuyama, autoritäre Regimes und rechtspopulistische Parteien fordern die Demokratien weltweit heraus. Wird der Westen gegen sie bestehen?
Kommt drauf an. Etwa darauf, was wir im Westen künftig unter «dem Westen» verstehen. Schon jetzt herrscht darüber keine Einigkeit mehr. Als US-Präsident Donald Trump vor Kurzem Polen besuchte, war nach dem Staatsbesuch in einer Pressekonferenz davon die Rede, dass der Westen in Gefahr sei. Gemeint waren aber nicht individuelle Freiheitsrechte und politische Teilhabe, die man in den Nachkriegsjahrzehnten damit verbunden hätte. Gemeint war: Das weisse, christliche Europa ist in Gefahr.
Okay, dann fragen wir konkreter: Soll ich noch auf den liberalen Westen hoffen?
Ja. Wir sollten nicht unterschätzen, wie kraftvoll die Idee einer liberalen Demokratie ist. Und welche grossen praktischen Vorteile sich mit einer liberalen Gesellschaft verbinden. Der Liberalismus wurde erfunden, um Diversität zu regieren. In der Aufklärung des 17. und 18. Jahrhunderts ging es zunächst um die Akzeptanz und Anerkennung religiöser Differenz: Die Vernunft lehrte, den anderen als anderen zu respektieren. Im 19. und 20. Jahrhundert wurde die Universalität dieser Idee nationalisiert. Was folgte, waren zwei Weltkriege. Sie sollten sich nicht wiederholen. Also schuf man die liberale Weltordnung mit ihren Institutionen. Sie ist jetzt erneut gefährdet.

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