Aus jeder Tech-Firma wird eine Fintech-Firma โ nur nicht in der Schweiz
Finanzprodukte werden ein immer wichtigerer Teil der Produktpalette von Technologiefirmen. In der Schweiz fehlt noch der Standard dazu.
Pascal Unger
Im Vergleich zum Rest der Welt โ beispielsweise San Francisco โ entsteht fรผr Schweizer Startups ein Nachteil, weil es keinen einheitlichen Standard fรผr Bankdaten gibt. Getty Images / Bilanz
Am 20. August 2011 publizierte Marc Andreessen von der Venture Capital Firma Andreessen-Horowitz seinen inzwischen berรผhmten Artikel ยซWhy Software is Eating the Worldยป โ eine Prognose, die seit dem immer mehr zutrifft. Acht Jahre spรคter macht Andreessen-Horowitz ein weiteres Mal mit einer รคhnlichen Prophezeiung auf sich Aufmerksam.
Dieses Mal publizierte die Partnerin Angela Strange ยซWhy Every Company Will Be a Fintech Companyยป, was auch heissen kรถnnte ยซWhy Fintech is Eating the Worldยป โ die Idee, dass Finanzprodukte je lรคnger je mehr ein integrer Teil der Produktpalette von Tech- (und zunehmend auch von Non-Tech-) Unternehmen werden und dass in Zukunft ein wesentlicher Teil des Umsatzes der Nicht-Finanzfirmen von Finanzprodukten generiert wird. Auch diese Prognose trifft je lรคnger je mehr zu.
Nach SaaS und IaaS kommt jetzt FaaS
Ein wichtiger Trend, der dies heute mรถglich macht, begann um die Jahrtausendwende. Damals begann die Software-Industrie ihre Produkte nicht mehr via CD zu verkaufen, sondern sie via Internet an ihre Kunden zu vermieten โ auch ยซSoftware-as-a-Serviceยป (SaaS) genannt.
Hinzu kam, dass ungefรคhr zur selben Zeit Amazon-intern entschieden wurde, dass einheitliche Rechenzentren รผber alle Abteilungen hinweg notwendig sind, um mit dem starken Wachstum der Firma mithalten zu kรถnnen. Es dauerte nicht lange, bis der E-Commerce-Gigant realisierte, dass er ziemlich gut darin geworden war, zuverlรคssige, skalierbare und kosteneffiziente Rechenzentren zu betreiben und dass dies auch fรผr andere Firmen interessant sein kรถnnte. Daraus wurde im Jahr 2006 Amazon Web Services (AWS), das heute den Markt fรผr Cloud Computing mit รผber 30 Prozent globalem Marktanteil und einer Umsatzrate von 50 Milliarden Dollar im vierten Quartal 2020 dominiert.
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Der Autor
Pascal Unger ist Managing Partner bei der Venture-Capital-Gesellschaft Darling Ventures in San Francisco.
Amazon war mit AWS eine der ersten Firmen, die ยซInfrastructure-as-a-Serviceยป (IaaS) anboten โ sprich Rechenleistung und Speicherplatz auf Abruf und Umlagebasis via Internet. Auch dank AWS kostet es heute knapp 100 Dollar und dauert je nach Komplexitรคt des Produktes nicht lรคnger als ein paar Stunden, um eine Software-Firma zu starten. Vor zehn Jahren kostete dasselbe Vorhaben noch รผber 100'000 Dollar, dauerte Monate und erforderte den Kauf physischer Server.
Noch komplexer war lange das Anbieten von Finanzprodukten รผber Onlinekanรคle. Denn unter anderem unterliegt die Finanzindustrie strengen Regulationen (z. B. Anti-Geldwรคscherei-Richtlinien, kenne deinen Kunden (KYC), usw.). Je nachdem braucht es eine Bankenlizenz, eine Integration in Zahlungssysteme, Betrugsschutz, komplexe und sichere Kernbankensysteme, und vieles mehr.
Selbst mit vielen Partnerschaften brauchte es bis vor nicht allzu langer Zeit Jahre, um als Nichtbank Finanzprodukte anbieten zu kรถnnen beziehungsweise den sogenannten ยซBanking Stackยป intern aufzubauen. Nun aber haben Technologiefirmen damit begonnen, die verschiedenen Teile diesen Banking Stacks mit sogenannten Programmierschnittstellen (APIs) als Service anzubieten โ auch genannt ยซFintech-as-a-Serviceยป (FaaS). Zusammen mit SaaS und IaaS kรถnnen nun immer mehr Unternehmen Finanzprodukte online anbieten.
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Ein Beispiel fรผr FaaS ist das Startup Plaid (es nimmt laut Berichten gerade Kapital zu einer Bewertung von 15 Milliarden Dollar auf), das Software-Firmen und ihren Kunden die Mรถglichkeit bietet, ihre Bankkonten direkt mit der App oder Software zu verbinden. Dafรผr musste Plaid mit hunderten von Banken integrieren โ ein Aufwand, der fรผr die meisten Software-Firmen viel zu gross wรคre, als API-Service jedoch sehr attraktiv ist.
Plaid hat zum Beispiel รberweisungs-Apps wie Venmo in den USA (vergleichbar mit Twint in der Schweiz) mรถglich gemacht. Um Zahlungen รผber das Internet abwickeln zu kรถnnen, braucht es zudem Online-Zahlungsabwickler wie Stripe (die Firma wurde in der letzten Finanzierungsrunde mit 95 Milliarden Dollar bewertet). Hinzu kommen Firmen wie SentiLink, die dabei helfen, bei Online-Transaktionen Betrugsfรคlle zu reduzieren, und Comply Advantage, das sich dem Erkennen von Geldwรคscherei widmet. Alle diese Angebote, die Teile des Banking Stack abbilden, sind heute fรผr Softwarefirmen via APIs innerhalb kรผrzester Zeit abrufbar.
ยซBig Techยป setzt vermehrt auf Finanzprodukte
Ein prominentes Beispiel einer Technologiefirma, die zunehmend auf Finanzprodukte setzt, ist der Online-Shop-Anbieter Shopify aus Kanada (Bรถrsenwert von weit รผber 100 Milliarden Dollar) mit Kunden von KMUs bis zu Firmen wie Tesla, Red Bull und Nescafรฉ. Ursprรผnglich bestand Shopifys Angebot aus verschiedenen Software-Abonnementen. 2013 kamen dann integrierte Bezahllรถsungen mit Hilfe von Stripe hinzu - innerhalb von nur 18 Monaten nach deren Einfรผhrung verdreifachte sich der Jahresumsatz auf 150 Millionen Dollar. Heute bietet Shopify zusรคtzlich Finanzierungsmรถglichkeiten fรผr Endkonsumenten (Buy Now, Pay Later), Bankangebote fรผr Hรคndler (Shopify Balance) und Kreditvergabe (Shopify Capital) an. 2020 erzielte die Firma einen Umsatz von fast drei Milliarden Dollar.
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Zu den weiteren bekannten Beispielen von Tech-Firmen, die Finanzprodukte anbieten, gehรถren Uber mit Uber Money (Uber-Kreditkarten und Uber-Konten) oder Amazon unter anderem mit Amazon Lending (Kredite an Hรคndler auf der Plattform). Auf Facebook kann man inzwischen Waren via Messenger kaufen und verkaufen. Die Apple Kreditkarte gibt es seit 2019, und Google bietet seit dem letzten Jahr eigene Bankkonten und Bezahlungsfunktionen an.
Finanzprodukte schaffen Win-Win Situation
Heute lohnt es sich fรผr jede Firma und jedes Startup, darรผber nachzudenken, wie man durch Finanzprodukte Kunden besser betreuen und binden kann, wรคhrend gleichzeitig die eigenen Margen und der Umsatz erhรถht werden. Als Nicht-Fintech-Startup schon zu Beginn Finanzprodukte einzubauen kommt jedoch oftmals zu frรผh โ vor dem Erreichen einer gewissen Grรถsse (ยซProduct-Market-Fitยป) bewรคhrt sich ein Fokus auf das Hauptprodukt.
ยซValley Viewยป
In unserer Kolumne ยซValley Viewยป beleuchtet Pascal Unger regelmรคssig die neusten Entwicklungen im Silicon Valley und ihre Auswirkungen auf die Schweiz. Alle Texte dazu finden Sie hier.
Danach lohnt es sich dann jedoch, sich mit dem Thema Finanzprodukte zu befassen. Dazu gehรถren das Einbauen von Bezahlfunktionen (vielleicht sogar zusammen mit einer Anpassung des Preismodells weg von Softwareabonnenten), das Anbieten von Krediten oder Versicherungen an Kunden gestรผtzt auf proprietรคren Daten sowie das Anbieten von Kundenkonten.
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PSD2 als Startschuss in Europa
Damit Nicht-Finanzinstitute Finanzprodukte anbieten kรถnnen, braucht es Programmierschnittstellen zu Finanzanbietern, auch genannt ยซOpen Bankingยป โ die Schweizerische Bankier Vereinigung (SBVg) definiert Open Banking als ยซGeschรคftsmodell, das auf dem standardisierten und gesicherten Austausch von Daten zwischen der Bank und vertrauenswรผrdigen Drittanbietern beziehungsweise zwischen verschiedenen Banken basiertยป.
In Europa wurde die Grundlage dafรผr mit der seit 2019 vollstรคndig in Kraft getretenen neuen Zahlungsdienstrichtlinie PSD2 (Payment Services Directive 2) geschaffen. Seit deren Einfรผhrung bieten immer mehr Startups und etablierte Technologiefirmen ihren Endkunden Lรถsungen in diesem Bereich an. ยซVor allem in Grossbritannien, Deutschland und Portugal sehen wir nun, wie immer mehr sogenannte B2C Firmen, also Unternehmen, die an Privatpersonen verkaufen, mit vielen Kundenkontakten und den entsprechenden proprietรคren Daten und nun auch Bankdaten zum Beispiel Produkte wie individualisierte Versicherungen, Kredite oder auch einfache Gutscheine anbietenยป. sagt Alexander Christen, CEO bei Avaloq Ventures hierzu. Avaloq Ventures investiert in Fintech-Startups vor allem in Europa.
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ยซFintech is Eating the Worldยป, ausser in der Schweiz
Wรคhrend in Europa immer mehr Finanzprodukte von Technologiefirmen angeboten werden, ยซpassiert in der Schweiz in diesem Bereich vor allem auf der Startup-Seite leider noch sehr wenigยป, sagt Christen: ยซDies vor allem, weil PSD2 bei uns nicht gilt und wir keinen einheitlichen Standard fรผr Open Banking haben.ยป. Der vom Markt getriebenen Ansatz, den die Schweiz gewรคhlt hat (statt einem europaweiten Standard umzusetzen), hat bis jetzt nicht gefruchtet โ zurzeit werden solche Open Banking APIs von Bankenseite erst sehr beschrรคnkt zur Verfรผgung gestellt.
ยซKeinen einheitlichen Standard zu haben, wie Bankendaten konsumiert werden kรถnnen, ist ein massiver Wettbewerbsnachteil fรผr Schweizer Startups und hindert schlussendlich Innovation im Finanzsystemยป, bringt es Christen auf den Punkt. Weitere Stimmen in der Industrie stellen fest, dass die Schweiz hier beispielsweise ein paar Jahre hinter Grossbritannien liegt. Langsam, aber sicher kommt jedoch auch in der Schweiz Bewegung rein โ auch Dank den Vereinen OpenWealth Association und der Swiss Fintech Innovations Association. Und die Dringlichkeit, eine Lรถsung zu finden, scheint inzwischen auch auf hรถchster Ebene angekommen zu sein โ im Dezember gab es einen ยซRound Tableยป mit Finanzminister Ueli Maurer zu diesem Thema.
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Es ist auch hรถchste Zeit โ wenn wir nicht bald eine Lรถsung finden, findet ยซFintech is Eating the Worldยป ohne den Finanzplatz und das Startup-รkosystem Schweiz statt.