Tag eins, Freitag, 24. Juni: Cameron unter Druck
Der britische Premierminister David Cameron - der das Referendum ansetzte und für einen Verbleib seines Landes in der EU warb - steht mit der verlorenen Volksabstimmung unter massivem politischen Druck. Er hat zuvor angekündigt, die EU «umgehend» darüber zu informieren, wenn das Königreich die Union verlässt. Diese umgehende Mitteilung könnte allerdings einige Zeit in Anspruch nehmen, denn Cameron muss zunächst einmal seine eigene politische Zukunft sortieren. Die Tories sind in der Frage der EU-Mitgliedschaft tief gespalten.
Zugleich ist es durch die Entscheidung für den «Brexit» zu
massiven Verwerfungen an den Finanzmärkten gekommen, zumal in den vergangenen Tagen Börsianer auf den Verbleib der Briten in der EU gesetzt haben. Die Bank of England und die Europäische Zentralbank stehen bereit, am Devisemarkt einzugreifen.
In Brüssel tagen ab 07:00 Uhr die Spitzen der Fraktionen im EU-Parlaments, ab 08:00 Uhr das Präsidium unter Führung von EU-Parlamentspräsident Martin Schulz. Um 10:30 Uhr lädt EU-Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker zu einem Gespräch mit Schulz, EU-Ratspräsident Donald Tusk und dem niederländischen Regierungschef Mark Rutte, dessen Land die EU-Ratspräsidentschaft innehat. Wenig später treffen die Aussenminister unter anderem von Deutschland und Frankreich zu Beratungen in Luxemburg zusammen.
Sie und die EU-Institutionen werden voraussichtlich Erklärungen veröffentlichen, die drei Kernbotschaften enthalten. Erstens ein Bedauern über das Ausscheiden des Landes, das nach Deutschland die grösste Wirtschaftsmacht in der EU und ein militärisches Schwergewicht ist. Zweitens der Respekt gegenüber der Entscheidung des britischen Volkes. Drittens die Entschlossenheit, das Projekt EU voranzubringen. Zugleich wird versucht, eine Warnung an andere EU-Staaten zu formulieren: Nämlich nicht auf die Idee zu kommen, den gleichen Weg wie die britische Regierung zu beschreiten und mit der Option eines EU-Austritts zu spielen.