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Debatte

Brexit: Wichtige Fragen und mögliche Szenarien danach

Das Brexit-Referendum wird für Grossbritannien und Europa zur Schicksalswahl. Die Debatte spaltet Gesellschaft, Regierung und Parteien. Die wichtigsten Fragen und mögliche Szenarien danach.

Die wichtigsten Personen in der Brexit-Debatte:David Cameron: Der britische Premierminister spielt mit dem Feuer. Die Idee eines Referendum brachte er ins Spiel, um seine Gegner und EU-Kritiker in der konservativen Partei ruhigzustellen. Bewusst definierte er den Zeitraum anfangs eher vage, spätestens bis Ende 2017 solle abgestimmt werden, kündigte er vor der Parlamentswahl im Mai 2015 an. Öffentlich gab sich Cameron zunächst EU-kritisch, forderte die Gemeinschaft zu Reformen auf.
Beim EU-Gipfel im Februar verkündete er einen Durchbruch. Vor allem beim Thema EU-Einwanderer habe er sich durchgesetzt. Über Nacht wurde Cameron zum EU-Fan. Ein Austritt würde die Wirtschaft und die Sicherheit des Landes gefährden, sagt er nun. Zugleich drückt er aufs Tempo: Er fürchtet, eine erneute europäische Flüchtlingskrise oder neue Euro-Turbulenzen könnten Wasser auf den Mühlen seiner Gegner sein. Insider meinen, falls der Brexit kommt, bleibe Cameron nur der Rücktritt.
Boris Johnson: Londons Ex-Bürgermeister hat sich als Galionsfigur der Austrittsbefürworter etabliert - und ist zum direkten Gegenspieler Camerons avanciert. Der rhetorisch begabte Populist ist ein Freund verbaler Zuspitzung und Provokationen. Ein Beispiel ist seine Behauptung, die EU wolle den Superstaat - wie einst Napoleon und Hitler. Dafür erntete er reichlich Kritik, doch bei den Briten ist er populär. Einer Umfrage zufolge halten ihn viele Briten sogar für glaubwürdiger als Cameron.
Beobachter in London meinen, letztlich gehe es Johnson darum, Cameron zu beerben. Sollte das Austritts-Lager gewinnen, steigen seine Karriere-Chancen beträchtlich. Doch auch wenn es scheitern sollte, könnte Johnson gewinnen: Cameron könnte dann seinen Gegnern «Brücken bauen» - und Johnson ins Kabinett holen.
Nicola Sturgeon: Die 45 Jahre alte schottische Regierungschefin hat vor allem ein Ziel - Unabhängigkeit von London. Im vergangenen Jahr ist sie damit bei einem Referendum knapp gescheitert. Doch die Schotten sind zugleich mehrheitlich EU-Fans. Sollte London die EU tatsächlich verlassen, würde das den schottischen Unabhängigkeitsbestrebungen erheblich Auftrieb verleihen. Für diesen Fall spekuliert Sturgeon mit einem zweiten Unabhängigkeitsvotum.
Jeremy Corbyn: Ein waschechter EU-Fan ist auch der linke Labour-Chef nicht. In der Vergangenheit reihte er sich eher unter den EU-Skeptikern ein. Auch jetzt spricht er von Mängeln und Schwächen der Union. Doch es gebe keine Alternative: Man könne die EU nur reformieren und verbessern, wenn man dabei sei. Daher kämpft Corbyn jetzt für den Verbleib. Doch er ist angeschlagen, jüngst musste Labour bei Regional- und Kommunalwahlen Schlappen einstecken.
Nigel Farage: Der Chef der rechtspopulistischen Ukip-Partei ist ein Austrittskämpfer der ersten Stunde. Zunächst war er bei den Konservativen, doch als London dem Maastricht-Vertrag beitrat, verliess er die Partei und gründete Ukip. EU und Immigration sind die Lieblingsthemen des begabten Rhetorikers, der ebenfalls keine Spitze scheut. Bei der Parlamentswahl im Mai 2015 gewann die Partei zwar hinzu - wegen des Mehrheitswahlrechts brachte sie aber nur einen Abgeordneten ins Parlament.
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Die wichtigsten Personen in der Brexit-Debatte:David Cameron: Der britische Premierminister spielt mit dem Feuer. Die Idee eines Referendum brachte er ins Spiel, um seine Gegner und EU-Kritiker in der konservativen Partei ruhigzustellen. Bewusst definierte er den Zeitraum anfangs eher vage, spätestens bis Ende 2017 solle abgestimmt werden, kündigte er vor der Parlamentswahl im Mai 2015 an. Öffentlich gab sich Cameron zunächst EU-kritisch, forderte die Gemeinschaft zu Reformen auf. RMS

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Grossbritannien stimmt über den Verbleib in der EU ab. Das Referendum am 23. Juni hat wegweisende Bedeutung für das Land, aber auch für ganz Europa. Was passiert, wenn? Die wichtigsten Fragen zum Referendum und zu den Szenarien danach.

Warum stimmen die Briten über die EU-Mitgliedschaft ab?

Das Referendum ist eng mit David Cameron verbunden. Der Tory-Premier löst damit ein Versprechen aus dem Jahr 2013 ein, das zu einem Gutteil innenpolitisch motiviert war. Forderungen danach kamen nicht zuletzt aus den Reihen seiner eigenen Partei. Aber auch das Erstarken der EU-skeptischen Ukip auf der Insel spielte eine Rolle.

Woher kommt eigentlich der Begriff Brexit?

Brexit ist ein Kunstwort aus Britain und Exit. Es bezeichnet einen Austritt Grossbritanniens aus der EU und ist nach dem Vorbild des Grexit geprägt. Dieser Begriff, der ein Ausscheiden Griechenlands aus dem Euro bezeichnete, entstand auf dem Höhepunkt der Griechenland-Krise und wird dem Citigroup-Ökonomen Ebrahim Rahbari zugeschrieben.

Was sind die Argumente der Brexit-Befürworter, was die der Gegner?

Pro: Sie argumentieren, dass Grossbritannien als drittgrösster Nettozahler in der Union ein Verlustgeschäft mache. Ein weiteres Argument ist die Kontrolle über die Grenzen. Derzeit leben und arbeiten im Königreich mehr als zwei Millionen Menschen aus anderen EU-Ländern. Sie belasten angeblich die sozialen Sicherungssysteme - Studien widerlegen dies jedoch. Auch die in den Augen vieler Briten ausufernde Brüsseler Regulierung sorgt für Unmut. Brexit-Befürworter halten die EU zudem für nicht ausreichend demokratisch legitimiert und fordern die Rückbesinnung auf nationale Souveränität.

Contra: Die Gegner eines Austritts warnen in erster Linie vor wirtschaftlichen Konsequenzen. Einem Gutachten des britischen Finanzministeriums zufolge würde ein Brexit jeden Haushalt in Grossbritannien 4300 Pfund pro Jahr kosten. Der Grund: Das Land müsste neue Freihandelsabkommen abschliessen, Investitionen aus Drittstaaten könnten zurückgehen und Banken könnten nach Kontinentaleuropa abwandern. Die Folge wäre eine Rezession.

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Wird Schottland sich abspalten, falls es zum Brexit kommt?

Umfragen zeigen, dass etwa zwei Drittel der Schotten in der EU bleiben wollen. Die Frage ist eng mit der nach einer schottischen Unabhängigkeit verknüpft. Im Falle eines Brexit könnte es zu einer zweiten Volksabstimmung um eine Abspaltung Schottlands vom Vereinigten Königreich kommen, kündigte Regierungschefin Nicola Sturgeon an. Ein erstes Referendum scheiterte 2014.

Was denkt Londons City, was würde aus dem britischen Pfund?

Die Folgen eines Brexit für den Finanzplatz London - die City - sind unter Experten umstritten. Eine Seite beschwört bereits den Untergang der Londoner City für den Austrittsfall, andere sagen ihr eine goldene Zukunft voraus, fernab von lästigen EU-Vorschriften. Befürchtet wird vor allem, dass zum Beispiel US-Banken nach Paris oder Frankfurt abwandern könnten, um ihre Finanzprodukte weiterhin ungehindert in EU-Staaten verkaufen zu können. Zudem könnte die Europäische Zentralbank (EZB) versuchen, den lukrativen Devisenhandel mit dem Euro aus London abzuziehen. Das britische Pfund würde wohl zumindest kurzfristig an Wert verlieren.

Was schätzt die EU an Grossbritannien?

Die EU ist durch die Erweiterung ein vielstimmiges Orchester geworden. Arme Länder haben andere Interessen als stark industrialisierte, südliche Staaten andere als nördliche. Für Deutschland und Frankreich ist Grossbritannien vor diesem Hintergrund trotz allem ein Partner, der zumindest aussen- und haushaltspolitisch ähnliche Grundinteressen vertritt. Ausserdem wird seine Funktion als diplomatische Brücke zur USA geschätzt.

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Wird ein Austritt Grossbritanniens einen Dominoeffekt bewirken?

Das ist die grosse Befürchtung in Brüssel. Ob es dazu kommen würde, ist offen. Tatsache ist: In vielen Ländern haben antieuropäische Strömungen zuletzt viel Zulauf bekommen. In der europäischen Bevölkerung ist die Skepsis gegenüber Brüssel Umfragen zufolge gross. Auch wenn es nicht gleich zu Austritten kommt: Die Forderungen vieler Länder an Brüssel könnten mit der Androhung von Austritten viel mehr Nachdruck erhalten.

Was könnten Folgen für die Sicherheit sein?

Auch die nationale Sicherheit sehen die Gegner eines Brexit in Gefahr. Polizei- und Geheimdienstinformationen könnten nicht mehr so leicht ausgetauscht werden wie bisher. Dies könnte angesichts der starken Dienste in Grossbritannien auch Informationsverluste für Europa - etwa im Kampf gegen den Terror - bedeuten. Militärische Folgen sind dagegen kaum zu befürchten. Grossbritannien als Atommacht und enger Verbündeter der USA lehnt eine militärische Zusammenarbeit auf EU-Ebene ohnehin weitgehend ab.

Brauchen Europäer künftig ein Visum, wenn sie nach London wollen?

Das ist für die meisten EU-Länder nahezu auszuschliessen. Dennoch: Es müssten Einzelfallregelungen zur Visumfreiheit geschlossen werden. London hatte 2004 bewusst mehr Osteuropäer ins Land gelassen als andere EU-Länder, weil Arbeiter benötigt wurden. Harte Regelungen nach einem Brexit würde ganze Branchen wie der Bau ausbluten lassen. Daran hat Grossbritannien, das einen riesigen Investitionsstau im Hoch- und Tiefbau hat, kein Interesse.

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Was ist für Grossbritannien die Alternative zur EU?

Die Briten glauben, sie können sich künftig stärker an aussereuropäische Länder binden. Die besondere Verbindung zu den USA spielt dabei eine Rolle, aber auch die Erinnerung an vergangene Grossmacht-Zeiten als Kopf des British Empire. Dessen Überbleibsel ist der Commonwealth of Nations, mit vielen kleinen, unbedeutenden Mitgliedern, aber auch aufstrebenden Wirtschaftsmächten wie Indien.
(sda/ccr)

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