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Die Schweiz ist stolz auf ihre Exportwirtschaft, kritisiert aber Trumps Absichten, das US-Handelsdefizit abzubauen. Was gilt nun?
Adriel Jost
«Die internationale Wirtschaft ist kein Nullsummenspiel, in dem die einen gewinnen und die anderen bezahlen», schreibt Ökonom Adriel Jost.
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Die Schweiz lebt mit einem Widerspruch. Einerseits sind wir stolz auf unsere Exportwirtschaft und unseren Handelsüberschuss. Die Nationalbank hat zur Unterstützung des Exportsektors in den letzten Jahren enorme Risiken in ihrer Bilanz aufgebaut. Andererseits kritisieren wir Donald Trump, der versucht, das Handelsdefizit der USA abzubauen. Wir werfen ihm ökonomische Unkenntnis vor. Merkantilismus – also das Ziel, möglichst viele Waren aus dem Land auszuführen und möglichst wenige Waren ins Land zu lassen – sei eine überholte Wirtschaftspolitik früherer Jahrhunderte.
Warum halten wir dann an der Überzeugung fest, dass uns die Exporte reich machen und wir den Exportsektor um jeden Preis verteidigen müssen? Gerade die USA zeigen: Hohe Wachstumsraten sind auch mit langjährigen Handelsdefiziten möglich. Und das ist kein Zufall. Denn dem Handelsdefizit steht ein ebenso grosser Kapitalüberschuss gegenüber. Alle Welt will in den USA investieren. Wir finanzieren ihre Innovationen, ihre Sicherheit und ihren grosszügigen Lebensstil. Das Problem des US-Präsidenten ist nicht nur, dass er übersieht, dass heutzutage neben Gütern auch Dienstleistungen grenzübergreifend angeboten werden, wovon die Vereinigten Staaten profitieren. Trump verkennt auch das Privileg, dass die US-Bevölkerung mit ausländischem Geld überschüttet wird.
Adriel Jost ist Ex-SNB-Mitarbeiter, Fellow am Institut für Schweizer Wirtschaftspolitik (IWP) in Luzern und Präsident des Thinktanks Liberethica.
Die internationale Wirtschaft ist kein Nullsummenspiel, in dem die einen gewinnen und die anderen bezahlen. Es profitieren immer beide Seiten – ansonsten würden die Wirtschaftsakteure nicht dauernd entsprechende «Deals» miteinander eingehen. Die Schweiz und die USA wurden reich: das Land mit dem Handelsüberschuss und das Land mit dem Handelsdefizit, das Land mit der Kapitalflucht – gemeint sind auch die Auslandsinvestitionen der Nationalbank – und das Land mit dem Kapitalimport. Die Schweiz ist reich, weil wir unsere Dinge teuer im Ausland verkaufen können. Die USA sind reich, weil die Welt an sie glaubt und massiv in sie investiert.
Trump wünscht sich beides: einen Exportüberschuss und mehr Investitionen. Doch das wäre die Schwerkraft ausser Kraft gesetzt. Dann würde Geld tatsächlich nur in eine Richtung fliessen, und der Dollar würde unendlich stark. Aber auch wir Schweizer möchten beides sein: Exportland und «Safe Haven». Dies geht genauso wenig.
Wären wir mit einem kleineren Exportüberschuss weniger reich? Nicht zwingend, dann könnte nämlich mehr in der Schweiz investiert werden – auch wenn es natürlich Sinn ergibt, dass Wirtschaftsakteure in einem kleinen Land wie der Schweiz vermehrt sowohl den Absatz ihrer Produkte als auch Investitionsmöglichkeiten im Ausland suchen.
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Einen Unterschied gibt es aber doch: In der Exportwirtschaft basiert der Erfolg auf harter Arbeit der Unternehmen, die in einem globalen Wettbewerb bestehen müssen. Wenn Kapitalimporte in ein Land fliessen, hängt das stärker von geopolitischen oder strukturellen Faktoren ab. Der Dollar ist aufgrund der Grösse und Bedeutung der USA zur Leitwährung geworden. Alle Welt braucht den Dollar. Das eine – der Wettbewerb – macht fit, das andere – ein politisches Privileg – macht träge und übermütig.
Mit Zöllen die Wirtschaft künstlich zu schützen, vergrössert die Trägheit aber weiter. Und im Übermut zerstören die Vereinigten Staaten mit ihrer Politik zunehmend auch ihren Ruf als glaubwürdiger Ort für Investitionen. Die Gefahr ist gross, dass bald überhaupt kein Geld mehr in die USA fliesst. Gerade dann muss die Schweiz entscheiden, ob sie ihre eigene merkantilistische, träge machende Politik der Devisenkäufe auch weiterführen will.
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