Guten Tag,
Wenn an den Aktienmärkten Langeweile herrscht, sucht mancher Investor nach Alternativen. Beispielsweise bei den Sachwerten. Doch Vorsicht: Anlagen in Kunst, Wein, Diamanten oder Briefmarken haben ihre Tücken.
Frank Goldfinger
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Wenn Anleger die Nase voll haben von Aktien und selbst Staatsobligationen nicht mehr trauen, fliehen sie in Sachwerte. Doch die Edelmetalle sind teuer geworden, Immobilien zumindest in der Schweiz überbezahlt. Den Ausweg glaubt der nach Rendite strebende Investor in den sonst Sammlern vorbehaltenen Gebieten zu finden. Beispielsweise in der Kunst. Zwar wurde der Kunstmarkt von der Finanzkrise arg gebeutelt; seit zwei Jahren jedoch ziehen die Preise vor allem für zeitgenössische Kunst wieder an und werden neue Auktionsrekorde gemeldet. So wechselte die Skulptur «L’homme qui marche» von Alberto Giacometti für 104 Millionen Dollar die Hand, das Gemälde «Nude, Green Leaves and Bust» von Pablo Picasso wurde für 107 Millionen zugeschlagen. Zunehmend als Preistreiber erweist sich die steigende Nachfrage aus Schwellenländern.
Wer direkt in Kunst investieren will, muss über fundiertes Wissen verfügen: Welche Künstler und Werke sind in einigen Jahren gefragt? Welches Segment ist vielversprechend? Auf Bilder oder Skulpturen setzen? Auch sind die Transaktionskosten sehr hoch, der Kunstmarkt ist wenig transparent, die Liquidität gering. Aus diesen Gründen bevorzugen viele Anleger Kunstfonds wie den in Liechtenstein beheimateten The Art Fund. Doch weil die Verwaltung viel Expertenwissen voraussetzt, sind die Gebühren hoch, nicht selten kann der Anleger sein Geld für längere Zeit nicht mehr abziehen. Kunstfonds jedoch schützen auch vor Preiseinbrüchen nicht. Und gerade bei zeitgenössischen Werken mehren sich die Zeichen einer Überhitzung.
Wein: saure Renditen. Das am meisten unterschätzte Gebiet für Sachanlagen ist Wein. Manch ein Investor, der gerne Wein trinkt, sieht sich schnell einmal als Experten. Da lässt man sich von Fantasiepreisen blenden, die für Flaschen aus den Châteaux Lafite Rothschild, Pétrus oder d’Yquem bezahlt werden. So hat sich der Liv-ex Fine Wine 100 Index, das Preisbarometer für Spitzensäfte, über die letzten Jahre verdreifacht. Davon beeindruckt, legt sich der Anleger flugs einige Kisten der Top-Bordeaux in den Keller, holt sie nach Jahren hervor und bietet sie zum Verkauf an.
Und dann ist der Frust gross. Oft setzt der Spekulant auf einen schlechten Jahrgang oder das falsche Château, der Wein wurde falsch gelagert, die Etiketten sind fleckig. Zudem stellt das Auktionshaus wegen der Kleinmenge einen Preisabschlag von 20 bis 40 Prozent in Rechnung, schlägt auf den Verkaufspreis eine Kommission von 10 bis 15 Prozent sowie eine Abwicklungsgebühr darauf. Die erhoffte Superrendite wandelt sich zum Verlust.
Eine Alternative bieten Anlagefonds. Doch auch hier ist Vorsicht geboten. «Die Fondsmanager können sich nicht nur an Top-Bordeaux von Superjahren halten, denn davon gibt es schlicht zu wenig», sagt Philipp Schwander, Master of Wine und Inhaber der Zürcher Weinhandlung Selection Schwander. So sind die Fonds gezwungen, auch zweitklassige Rebensäfte ins Depot zu legen. Nur wird damit die Performance verwässert. Schwanders Rat: «Schöne Weine kaufen, reifen lassen – und dann selbst trinken.»
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Diamanten: Best Friend. «Diamonds are an investor’s best friend», könnte man in Abwandlung eines Broadway-Songs anstimmen. Denn seit einem Jahr ist die Nachfrage sprunghaft gestiegen. Seit dem Sommer dagegen zeigt der Markt Ermüdungserscheinungen. Experten wollen nichts vom Ende des Booms wissen und sprechen lieber von einer «gesunden Korrektur». Investments in Diamanten verlangen viel Fingerspitzengefühl. Schon mancher Investor hat mit diesen Klunkern viel Geld verloren. Denn die für den Preis bestimmenden Faktoren Karat, Farbe, Schliff und Reinheit kann der Laie fast nicht beurteilen. So muss ein Fachmann her, dem man auch vertrauen kann.
Weil es keinen standardisierten Diamantenhandel gibt, herrscht kaum Transparenz, aber oft Willkür bei der Preisgestaltung. Wer einen Stein erwerben will, muss je nach Händler mit einem Aufgeld von 20 bis 50 Prozent rechnen. Beim Verkauf wiederum muss man sich oft lange nach einem Käufer umsehen. Leichter handelbar sind da Fondsanteile, beispielsweise von Diamond Circle Capital oder dem jüngst aufgelegten Diamond Asset Fund I. Saftige Einstiegsschwellen halten jedoch Privatanleger ab.
Marken: Achtung Fälscher. Seit längerem haben Briefmarken das Interesse der Anleger geweckt. Einige Auktionen brachten denn auch Höchstresultate für die gezackten Papierchen. An der jüngsten Versteigerung setzte Rapp Briefmarken für 9,8 Millionen Franken um; eine China-Sammlung wurde für 138 000 Franken zugeschlagen – das 46fache des Startpreises. Oder 2010 wurde in Genf die teuerste Briefmarke der Welt zu einem ungenannten Preis verkauft; letztmals wechselte der Fehldruck «Gelbe Treskilling» 1996 für 2,9 Millionen Franken den Besitzer.
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Obwohl solche Preise nur für rare Stücke zu erzielen sind, lassen sie Marken als attraktives Investment erscheinen. Wer allerdings kein Expertenwissen mitbringt, ist überfordert. Gerade im Geschäft mit den kleinen Kunstwerken sind zahllose Fälschungen von Spitzenstücken im Umlauf. Und wer sich an Atteste hält, läuft Gefahr, ein getürktes Papier angedreht zu bekommen. Zwar wurden immer wieder Anlagefonds für Postwertzeichen lanciert, doch ihre Akzeptanz ist bescheiden, die Liquidität dünn. Minim interessanter sind da Aktien von Händlerfirmen, so jene der Londoner Firma Stanley Gibbons.
Fazit. Sachwerte wie Kunst, Wein, Diamanten oder Briefmarken erfordern eine gehörige Portion an Wissen. Wer dieses nicht mitbringt, sollte seine Hände davon lassen. Ich hänge Kunst lieber an die Wand, trinke schöne Weine selbst. Dafür halte ich mich bei Anlagen an Aktien. Mit Blick auf die gedrückten Kurse bieten viele Papiere gute Einstiegschancen.
Frank Goldfinger ist der anonyme Börsenspezialist der BILANZ.
Schreiben Sie ihm an:
bahnhofstrasse@bilanz.ch
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