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Höhepunkt Olympia: Johan Eliasch über neue Märkte und die Schweizer Chancen für 2038.
Ein Unternehmer an der FIS-Spitze: Johan Eliasch trimmt den Skiverband auf Tempo.
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Es ist der Morgen nach Marco Odermatts Triumph an der Lauberhorn-Abfahrt in Wengen. Johan Eliasch wählt sich ein – allerdings nicht aus dem Berner Oberland. Zu voll ist sein Kalender. Der schwedisch-britische Milliardär und Präsident und Eigentümer der Sportartikelmarke Head ist nur als violettes «J» sichtbar – die Kamera streikt –, doch seine Agenda ist klar sichtbar und auf Expansion eingestellt. Seit 2021 führt Eliasch den Ski-Weltverband FIS. Er hat das träge Gremium einer Fitnesskur unterzogen, erstmals einen CEO installiert und mit viel Brimborium die Zentralisierung der TV-Rechte durchgeboxt. Mitte Februar wird Eliasch 64 Jahre alt. Im Gespräch zeigt er sich als kühler Stratege, der den Skisport in die Entertainment-Liga der Formel 1 hieven will.
Ich habe nicht gezählt. Leider aber viel weniger, als ich mir wünschen würde. Das ist das Paradoxe an diesem Job: Mein Ziel ist es, das Skifahren und das Snowboarden weltweit erfolgreich zu machen. Aber der Preis dafür ist, dass ich selbst kaum noch dazu komme, auf den Brettern zu stehen.
Es geht in erster Linie um Kontinuität. Wir wollen keine Lücken im Rennkalender haben. Das Interesse der Fans muss von Anfang bis Ende hochgehalten werden. Die Athleten trainieren acht Monate im Jahr, während die Wettbewerbe innerhalb eines Zeitraums von nur vier Monaten stattfinden. Diesen Zeitrahmen sollten wir im Interesse der Athleten und deren Sichtbarkeit erhöhen. Wenn wir Pausen haben, verlieren wir das Publikum. Dazu kommt, dass wir durch den Klimawandel die Saison in einigen Regionen nach hinten verlängern können.
Gar nicht. Der Planet war ja auch nicht dafür gemacht, dass neun Milliarden Menschen so leben, wie wir es tun. So steigt halt die Schneefallgrenze. Das ist Fakt. Sie liegt heute vielleicht bei 1200 bis 1500 Metern. Aber wir sehen auch mehr Niederschlag. Im Sommer fällt mehr Regen und im Winter tatsächlich mehr Schnee. Und wenn die Temperaturen kalt genug sind, bleibt dieser Schnee in höheren Lagen liegen. So können wir unsere Saison problemlos verlängern.
Johan Eliasch, 1962 in Schweden geboren, hat einen beeindruckenden Track Record. Funktionärswissen gehörte bis 2021 nicht dazu. Dennoch wählten ihn die Delegierten zum Präsidenten des Ski-Weltverbands FIS. Eliasch wurde mit Buy-outs zum Milliardär. Sein Meisterstück lieferte er Mitte der 1990er-Jahre ab, als er die Sportmarke Head übernahm, deren Eigentümer und Präsident er noch immer ist. Eliasch ist schwedisch-britischer Doppelbürger und engagiert sich stark in Umweltschutzinitiativen. Er ist unter anderem Mitglied des Beirats der Schwarzenegger Climate Initiative und war Sonderbeauftragter des britischen Premiers.
Wir müssen flexibler werden. Wir wissen, dass wir in Skandinavien bis in den Mai hinein fahren können. Wir wissen, wo wir Ende Oktober, Anfang November Schnee haben. Der Kalender muss sich den Bedingungen anpassen, nicht umgekehrt. Wir gehen mit dem Skitross dorthin, wo die Schneesicherheit gegeben ist. Deshalb erwägen wir zum Beispiel, Zermatt ab 2028 in den Rennkalender aufzunehmen, weil genau dort diese Schneesicherheit gewährleistet ist.
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Es ist tatsächlich schwierig, globale Marken zu bekommen, die Geld in den Wintersport stecken wollen. Aber es klopfen viele neue Destinationen an unsere Tür, die Teil des Zirkus werden wollen.
Beides ist grossartig. Es gibt Fans, die Speedrennen bevorzugen, und solche, die Technik lieben. Für den Gesamtweltcup ist die Balance entscheidend.
Natürlich, eine Abfahrt in Wengen, Kitzbühel oder Cortina d’Ampezzo liefert Bilder, die unvergleichlich sind. Das Potenzial für Social Media und Marketing ist im Speedbereich enorm. Aber das Gleiche gilt für die Rennen in Adelboden oder die Slaloms in Wengen oder Flachau. In beiden Disziplinen gibt es unglaubliche Geschichten: von der Besten aller Zeiten, Mikaela Shiffrin, über das Comeback von Lindsey Vonn bis hin zu Marco Odermatt, dem stärksten Schweizer Skifahrer aller Zeiten, und dem ersten historischen Triumph für Brasilien mit Lucas Pinheiro Braathen im letzten November im finnischen Levi.
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Von einer Goldmedaille an Olympia träumt jede Athletin und jeder Athlet. Auch für uns als FIS sind die Spiele wichtig. Allerdings sind wir mit einem starken Weltcup-Produkt gesegnet, und wir haben unsere eigenen Weltmeisterschaften. Wir sind also nicht von Olympia abhängig wie andere Sportarten. Aber klar sind die Olympischen Spiele ein Höhepunkt, auch für mich persönlich, zumal ich auch als Mitglied des Internationalen Olympischen Komitees stark involviert bin.
Es ist logistisch herausfordernd, ja. Aber es ist notwendig, um die Kosten im Griff zu haben. Wenn wir nachhaltig sein wollen, auch finanziell, können wir nicht jedes Mal neue Infrastruktur in ein einzelnes Tal betonieren. Wir müssen bestehende Anlagen nutzen, auch wenn sie etwas weiter voneinander entfernt liegen. Mailand-Cortina wird ein Testlauf sein, aus dem wir viel lernen werden.
Ich wünsche der Schweiz viel Erfolg. Wir als FIS haben wahrscheinlich mehr Erfahrung als jeder andere Winterverband, wenn es um die Organisation von Veranstaltungen in der Schweiz geht. Und in der Schweiz funktioniert normalerweise alles wie ein Schweizer Uhrwerk.
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Urs Lehmann und ich haben das gleiche strategische Ziel: Wir wollen die FIS für die Zukunft fit machen. Unsere Zusammenarbeit basiert auf Vertrauen und Abstimmung; die Rollenverteilung ist klar. Urs verantwortet das operative Geschäft. Das gibt mir Zeit, mich auf die Strategie, die Governance und die internationalen Beziehungen zu konzentrieren. Wir funktionieren sehr gut zusammen und sprechen mehrmals täglich miteinander.
Wir sind der Verband aller Verbände. Die Entscheidungsstrukturen und der Ideenaustausch sind wichtig. Aber wenn ich sehe, was wir in den letzten fünf Jahren erreicht haben, hat sich die FIS spürbar stärker weiterentwickelt als in vielen früheren Jahrzehnten.
Das Tempo. Das haben wir massiv erhöht. Wenn man etwas entscheidet, dann muss man das durchziehen, und zwar schnell. In der Vergangenheit hat die FIS wenige Entscheide getroffen, war träge, und diese Entscheide lagen zeitlich auch noch weit auseinander. Wenn man die Pace ändert, verändert sich die Struktur automatisch.
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★ Ingemar Stenmark oder Anja Pärson? Ich mag beide.
★ Sportfunktionär oder CEO? Wenn ich etwas beitragen kann, um Dinge besser zu machen, dann bin ich glücklich. Deshalb liegt mein Fokus bei der FIS. Also beim Sportfunktionär.
★ Slalom oder Abfahrt? Abfahrt.
★ Top-down-Führung oder demokratisches Prinzip? Man braucht eine zweckmässige Organisation, was bedeutet, dass man klare Bereiche und Verantwortlichkeiten definiert. Nur so ist eine Organisation erfolgreich.
★ Businessanzug oder Skikleidung? Skikleidung.
★ Novak Djokovic oder Jannik Sinner? Beide sind phänomenale Typen und fantastische Athleten.
Wir nehmen das Beste aus beiden Welten. Wir profitieren davon, einige sehr starke Verbände zu haben. Anderen Verbänden hingegen fehlen die professionellen Strukturen und die Ressourcen. Deshalb versuchen wir, in alle unsere nationalen Verbände zu investieren. Nehmen Sie die Schweiz: Sie finden kaum jemanden, der nicht Ski fährt. Das ist ein Kulturgut. Das Potenzial liegt aber anderswo, zum Beispiel in China mit seinen 1,3 Milliarden Einwohnern.
«China hat mittlerweile mehr Skigebiete als die Schweiz.»
Snowboard- und Freestyle-Wettkämpfe tragen wir in China schon lange aus. Wenn wir jetzt nur einen kleinen Teil der Chinesen dazu bringen können, mit dem Skifahren zu beginnen, wird das einen riesigen Einfluss auf unseren Sport als Ganzes haben. Im Übrigen hat China mittlerweile mehr Skigebiete als die Schweiz. Wir müssen global denken.
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Indem wir Sponsoring neu definieren. Daran haben wir in den letzten fünf Jahren gearbeitet.
Es reicht nicht mehr, einfach ein Logo an die Strecke zu kleben. Wir verwandeln Sponsoren in Partner. Sie werden Teil der Aktivierung, Teil der Geschichte. Aber vor allem mussten wir unser digitales Produkt verbessern.
Als ich anfing, hatten wir kaum digitale Präsenz. In der vergangenen Saison sind zum Beispiel die FIS-Posts alleine auf TikTok um 1670 Prozent gestiegen, das Engagement um 4400 Prozent und die Zahl der Follower um 640 Prozent. Entscheidend ist deshalb, wie wir unsere Veranstaltungen produzieren. Wir investieren massiv in Drohnen, Telemetrie, Teamfunk – alles, was das TV-Produkt besser macht, nicht nur, aber auch für den US-Markt.
In Nordamerika wollen wir mehr Rennen veranstalten, um das Interesse weiter zu steigern. Deshalb produziert die FIS nun in Zusammenarbeit mit U.S. Ski & Snowboard die Doku-Serie «On the Edge», angelehnt an die Formel-1-Produktion «Drive to Survive». Produziert wird die Doku von Front Office Sports Studios. Diese Doku-Serie wird uns helfen, das Interesse weltweit weiter zu erhöhen, indem wir unseren Fans zeigen, was wirklich hinter den Kulissen des Wintersports passiert.
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Genau. Und wir machen das nicht mit irgendwem, sondern mit Disney+ und ESPN. Die Serie startet Ende Januar 2026, die FIS ist ausführende Produzentin. Die Doku wird für den US-Markt entscheidend sein. Wir haben dort unsere Präsenz bereits ausgebaut. Aber diese Serie wird helfen, die Charaktere und das Drama hinter dem Sport zu zeigen. Das hat in der Formel 1 funktioniert, und das wird auch bei uns funktionieren.

Eliasch scheut sich nicht vor exotischen Deals: Aserbaidschan ist seit 2025 Partner der FIS.
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Eliasch scheut sich nicht vor exotischen Deals: Aserbaidschan ist seit 2025 Partner der FIS.
AFP via Getty ImagesDas täuscht. Das Land ist unglaublich passioniert für unseren Sport. Es gibt Pläne, in der Region eine Weltcup-Destination aufzubauen. Aserbaidschan sieht den Skisport als Vehikel, um den Tourismus anzukurbeln. Das ist eine strategische Partnerschaft.
Der Skisport zieht überall eine ähnliche Demografie an. Der Produktmix mag variieren, aber ansonsten ist es ziemlich genau dasselbe wie überall. Und vergessen wir nicht: Auch in der Schweiz gibt es nicht nur teure Destinationen. Es geht um die Erschliessung neuer Märkte.
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