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Sardinien

Mit dem Geländewagen über die Insel

Zwei Defender, acht Pfoten, viele Kurven – und ein Waffensack: Ein Roadtrip in staubiger Mission.

Stefan Poth

<p>Vom Berg direkt ins Meer: Am Passo di Littu verschmelzen Sardiniens mannigfaltige Kontraste.</p>

Vom Berg direkt ins Meer: Am Passo di Littu verschmelzen Sardiniens mannigfaltige Kontraste.

Suse Heinz

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Wer heute noch mit einem alten Defender auf Reisen geht, hat entweder zu viel Selbstvertrauen oder ist einfach Idealist. Oder beides. Wir hatten definitiv zu viel von beidem. Zwei Land Rover Defender 110 mit Dachzelt, zwei Menschen, zwei Hunde und ein loser Plan: Sardinien umrunden – offroad, oldschool und mit Stil. Nicht für Instagram. Sondern fürs Leben. Für Staub, Diesel, Rosmarin – und Geschichten, die man sich in zwanzig Jahren immer noch erzählt.

Los gings in der Schweiz, Richtung Süden. Erste Etappe: Maremma. Bei Zürcher Freunden, die in einer alten Mühle hausen und das beste Olivenöl Italiens pressen – von Hand, mit Seele und garantiert ohne Blockchain und ChatGPT. Roccastrada, ein Ort mit wenig WLAN, aber viel Gefühl. Wir sitzen unter alten Olivenbäumen, essen Pasta, trinken Weisswein. LouLou, das junge Mini-Labradoodle-Fräulein mit Nerven aus Pudding, rastet sanft aus beim ersten Zikadengeräusch. Fiero, der alte Bergamasker, schaut sie an wie ein pensionierter Zen-Meister. Keine Panik, Kleines – das ist nur der Anfang.

Costa Smeralda – akklimatisieren im Millionärsmodus

Am nächsten Tag gönnen wir uns noch ein Abschiedsessen mit Aussicht im Ristorante Torre di Baratti bei Piombino. Fisch, Wein, Sonnenuntergang, das volle Toskana-Kino. Dann: Fähre in Livorno. Hundekabine!

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Der Check-in läuft geschmeidig wie ein sardischer Vermentino durch den Hals. LouLou bezieht das gesamte Bett, Fiero schläft unter der Bank. Wir trinken den Rest der Weinflasche aus dem Kofferraum und schneiden uns die Finocchio-Salami auf. Man weiss ja nie, wie das Essen an Bord ist.

Sardinien

Sardinnen in klassischer Tracht.

Suse Heinz
Sardinien

Sardinnen in klassischer Tracht.

Suse Heinz

Olbia, morgens um acht. Wir fahren von der Fähre wie aus der Tiefgarage. Sardinien empfängt uns mit Sonne und dem Duft nach Macchia und Möglichkeiten. Erste Station: die Costa Smeralda mit Porto Rotondo und Porto Cervo. Yachthäfen, wo die Milliardäre parken, wenn ihnen Saint-Tropez zu proletarisch wird. Unsere Defender wirken auf dem Hafenparkplatz wie zwei Partycrasher auf einer Hochzeit in Weiss.

Aber egal – wir posen zurück. Im Café du Port gibt es Meeresfrüchte und Weisswein. LouLou schnuppert Meeresluft, Fiero liegt da wie eine Statue. Wir schauen den Booten beim Schaukeln zu und denken: schön hier. Aber man kann halt keine Klappspaten auf einer Yacht montieren, und Sandbleche machen irgendwie auch keinen Sinn.

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Aufwärmphase: Kurven, Korkeichen, kein Empfang

Die Strecke entlang der SS125 nach Süden ist ein Fest. Kurven, Küste, gelegentliche Ziegen. Sardinien zeigt sich von der Schokoladenseite. Ich – aka Wüstenfuchs – fahre wie immer souverän, so bilde ich es mir wenigstens ein. Mein Defender voller Erinnerungen: Sand aus Mauretanien, der immer noch aus allen Ritzen rieselt, und mindestens sieben Werkzeuge, die offiziell nicht existieren dürften. Suse, unsere Fotografin im zweiten Wagen, tastet sich mutig voran. LouLou navigiert mit wechselndem Selbstvertrauen. Ich funke durch: «Noch alles dran bei euch?» – «Bis auf die Nerven, ja.»

<p>Sardinien-Roadtrip</p>
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Sardinien
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<p>Sardinien-Roadtrip</p>
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Sardinien
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Suse Heinz

Campeggio Coccorrocci – und dann der Monte Ferru

Campingplatz unter Eukalyptusbäumen. Grillen zirpen, der Kies knirscht, LouLou vergräbt ihren Ball im Kies des Strandes vor türkisblauem Wasser. Klingt idyllisch – wäre da nicht diese fixe Idee: «Lass uns da hoch!» Gemeint ist der Monte Ferru. 814 Meter über dem Meer, mit einem Weg, der früher mal ein Eselspfad war und heute vermutlich aus pädagogischen Gründen auf Google Maps mit «Wanderweg» erscheint. Suse und die Hunde gehen zu Fuss. Ich bleibe in meinem Defender. Ein echter Offroad-Cowboy lässt seinen Stahlhengst nicht alleine zurück. Was folgt, ist ein Rücksetz-Slalom durch Geröll, Haarnadelkurven und Abgründe, bei denen selbst Fiero das Atmen einstellt. Ich fluche nicht, aber mein Schweigen ist lauter als jedes Fluchen. Ich schwitze mehr als die Bremsen.

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Oben: ein alter Beobachtungsposten, Aussicht gefühlt bis Afrika, Wind in den nicht vorhandenen Haaren. Wir lachen. Wir zittern immer noch ein bisschen und trinken lauwarmen Kaffee aus Bechern mit Beulen. Sardinien, du bist ein Biest. Und wir lieben dich dafür.

Faro di Capo Spartivento – einmal Luxus, bitte

Nach so viel Wildnis: Hotel. Nicht irgendeins. Der Leuchtturm. Boutiquehotel. Infinitypool. Duftkerzen. Zwei Defender voller Staub parken neben weissen Range Rovers mit sauberen Felgen. Wir checken ein, als kämen wir direkt von der Camel Trophy. Und werden dennoch freundlich empfangen. LouLou schüttelt sich den Staub aus dem Fell und findet ein weiches Plätzchen mit Meerblick. Fiero macht das, was er immer macht: im Schatten schlafen.

Das Essen? Fünf Gänge, zwei Flaschen Wein. Der Blick? Unbezahlbar. Und plötzlich denken wir: Vielleicht doch ein bisschen zu viel Zelt in letzter Zeit. Der feine Tropfen lässt uns Pläne schmieden.

Cantina Mesa – Wein, Werbung und Warhol-Vibes

Tags drauf gehts zur Cantina Mesa. Gegründet von Werbelegende Gavino Sanna, der von Porto Torres nach New York auswanderte und mit Andy Warhol rumhing, bevor er vor rund 20 Jahren lieber Reben streichelte. Dazwischen gründete er eine der grössten und erfolgreichsten Werbeagenturen in Mailand in den 80er- und 90er-Jahren. Daher auch die Architektur des Weinguts, wie aus dem Designmagazin. Weine wie aus dem Bilderbuch. Wir erleben eine Führung durch das Weingut, die Vinifizierung und eine Degustation, welche vom tiefen Bariton Gavino Sannas begleitet wird. Er ist nicht persönlich da, aber Sara, die Sardin aus der Region mit Arbeitswurzeln in Deutschland, erklärt uns mit inbrünstiger Leidenschaft von der harten Arbeit unter sengender Sonne und salziger Meeresluft, die den Wein ausmacht. Die verschiedenen Düfte begeistern unsere Nasen und Seelen. Hier lässt es sich leben.

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Sardinien

Der Mix aus Bergen und Meer, Kulinarik und Kultur macht den Reiz Sardiniens aus.

Suse Heinz
Sardinien

Der Mix aus Bergen und Meer, Kulinarik und Kultur macht den Reiz Sardiniens aus.

Suse Heinz

Eigentlich wollen wir gar nicht mehr weg. Wir degustieren, kaufen viel, lallen schon ein bisschen, aber sind auch hungrig nach mehr Genüssen vom Süden der Insel. Die Empfehlung von Sara: Essen in «La Pesceria», einem nur von Frauen geführten Restaurant am Rande eines glasklaren Meereskanals. Die Terrasse des alten Fischerhauses ist weiss getüncht, die Stühle und Tische in Lindgrün. Femininer Stil auf Sardisch, mit viel Liebe aufgebaut. Das Essen – ein Traum. Frischer geht nicht. Ein Mix aus selbst gemachter Pasta und allem, was das Meer an Köstlichkeiten hergibt. Das knusprige Hirtenbrot «Pane Carasau» fehlt genauso wenig wie die Meeräschen-Rogen-Spezialität «Bottarga», die fast in jedem Essen zu finden ist. LouLou kriegt ein Stück Sardelle. Fiero will auch. Wir schwelgen in kulinarischer Glückseligkeit und denken, das Leben könnte nicht schöner sein als genau hier, in diesem Moment.

Arbus – Klingen, Kerle, Kultur

Nächster Stopp: Arbus. Das Zuhause der Messerschmiede Pusceddu. Jahrhundertealte Tradition, kleine Werkstatt, grosse Klingen. Ich finde das Paradies, Suse fotografiert alles, was nicht bei drei im Lederetui steckt. In der Werkstatt ein Wirrwarr aus unfertigen Klingen, unzähligen Hörnern für die Griffherstellung und sonst noch ziemlich viel Chaos mit Charme. Ich bekomme ein Messer geschenkt, das ich wahrscheinlich nie benutzen, aber bei jeder Grillparty ehrfürchtig präsentieren werde. Die Familie Pusceddu, Vater und Sohn, wirken in einer kleinen Werkstatt in alten Gemäuern. Hier lassen sie die alte sardische Kunst der Messerschmiede weiterleben. Das angegliederte, kleine, sehr private Museum ist einen Besuch wert. Sohn Tobia zeigt uns ehrfürchtig die Messer, die für Schafhirten und Minenarbeiter konzipiert wurden und das alte, archaische Sardinien aufleben lassen.

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<p>Im Bergdorf Arbus werden die Hirtenmesser noch traditionell im Familien­betrieb von Paolo Pusceddu von Hand hergestellt.</p>

Im Bergdorf Arbus werden die Hirtenmesser noch traditionell im Familienbetrieb von Paolo Pusceddu von Hand hergestellt.

Suse Heinz
<p>Im Bergdorf Arbus werden die Hirtenmesser noch traditionell im Familien­betrieb von Paolo Pusceddu von Hand hergestellt.</p>

Im Bergdorf Arbus werden die Hirtenmesser noch traditionell im Familienbetrieb von Paolo Pusceddu von Hand hergestellt.

Suse Heinz

Finale in Porto Torres – und ein Waffensack auf Reisen

Letzter Abend, Dorffest. Porto Torres im Nordwesten der Insel gibt sich volkstümlich. Im Restaurant All’Improviso direkt am Hafen: Fisch, Wein, Ausklang. Wir sind erschöpft und selig.

Dann: Hafenkontrolle. Suses Defender? Durchgewinkt. Meiner? Jackpot. Die Carabinieri entdecken: Machete, Axt, grosses Messer, mittelgrosses Messer, kleines Messer, Steinschleuder («gegen Affen!»), Pfefferspray («gegen Bären!»). Gesichtsausdruck der Beamten: zwischen entsetzt und amüsiert. Ich verstehe nicht viel Sardisch, höre nur irgendwann mal «Rambo». Meine Nerven liegen langsam, aber sicher blank, und erste Fluchwörter auf Berndeutsch verlassen meinen Mund. Suse pfeift mich aus guten Gründen zurück: nun mal nicht die Nerven verlieren, Wüstenfuchs!

Nach einigem Hin und Her wird der Erste Offizier der Fähre gerufen. Ich packe alles in einen Sack und werde unter Eskorte an Bord geführt. Der Offizier – weisse Uniform, Goldknöpfe, Haltung wie ein preussischer General – nimmt das Bündel entgegen, trägt es zum Safe. Quittung inklusive. Rückgabe in Genua. Wir lachen, irgendwann. Auf jeden Fall eine gute Geschichte am Lagerfeuer oder wenns mal Enkel gibt.

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Fazit? Sardinien rules

Zwei Wochen. Zwei Fahrzeuge. Zwei Hunde. Zwei Menschen. Und ein Haufen Erinnerungen, die nach Meer, Motoröl, Myrte und ein bisschen Wahnsinn schmecken. Sardinien ist keine Destination. Es ist ein Lebensgefühl. Für Mensch, Hund und Maschine. Ideal für Overlanding und Roadtrips in der Nebensaison. Man kann es sich aussuchen: mal staubig, mal ruppig oder auch sanft über die Hügel gleitend. Das Wechselspiel zwischen Einsamkeit, Natur, aber auch Tourismus und überfüllten Sehenswürdigkeiten macht es spannend. Landschaftlich und lukullisch ein Traum.

Und wir sind jetzt definitiv reif für einen eiskalten Negroni oder noch besser einen Mirto Bianco, denn wir wollen doch sardisch bleiben. Bis zum nächsten Mal, du unwiderstehliches Sardinien. Wir kommen wieder.

Dieser Artikel ist im Bonanza, einem Magazin der BILANZ, erschienen (Dezember 2025).

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