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Auf der Tonspur des Geldes

In diesen Texten der Popmusik geht es um Geld- und Wirtschaftsthemen

Im Pop wird viel über Liebe gesungen – aber auch das Thema Geld kommt nicht zu kurz. Das sind die besten Money-Songs.

Andreas Güntert

Music Beatles Anthology
Protestierten im Song «Taxman»  gegen hohe Steuern: die Beatles live in der CBS-TV-Sendung «Ed Sullivan Show» in New York am 9. Februar 1964. keystone-sda.ch

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Making Love ist beliebter als Making Money. In den Texten der populären Musik gibt es einen starken Love-Bias – die Romanze wird eher beschworen als der Return on Investment. Doch wer Augen und Ohren offenhält, wird merken, dass es in Pop, Rock und Soul, in Country, Schlager und Rap neben der ersten und der enttäuschten Liebe oft auch um Geld- und Wirtschaftsthemen geht. Und um Kapitalismus sowieso.
Man muss nur tief genug in den Lyrics – so werden die Liedtexte auf Englisch genannt – graben.

Kritik am Geld-System in den Sixties

Im Laufe der Zeit hat sich die Art verändert, wie wirtschaftliche Themen in der populären Musik behandelt werden. Einer, der die Tonspur der letzten sechzig Jahre genau verfolgt, ist Moritz Ege. Der Professor für Populäre Kulturen an der Universität Zürich spult zunächst zurück in die Sixties: «Soul und Rhythm and Blues, die in den 60er-Jahren sehr populär waren, hatten ihre Wurzeln auch im Gospel und der kirchlichen Musik, hier liess sich oft eine Kritik am Geld und der Marktwirtschaft heraushören, nicht zuletzt religiös und politisch motiviert.»
US-amerikanische Protestsongs von Bob Dylan, Joan Baez und Co. erlebten ihre Blütezeit ebenfalls in den Sixties; in diese Zeit fällt auch die heute noch sehr bekannte ironische Materialismus-Satire «Mercedes Benz» von Janis Joplin.

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Margaret Thatcher und Madonna

Das Jahrzehnt nach Woodstock, der ersten Mondlandung und dem Aufbruch von 1968 umreisst Pop-Professor Ege so: «In den 70er-Jahren kam das Thema des Sell-out hinzu, also des Ausverkaufs des kreativen Talents, was im Widerspruch stand zur Authentizitätsbehauptung von Künstlern, die ihre Karrieren oft mit rebellischen Tönen gestartet hatten.»
Wer bei den darauffolgenden Eighties an Yuppies und den Film «Wall Street» («Gier ist gut») denkt, ist bei Moritz Eges Lyrics-Evolution gut aufgehoben: «In den 80er-Jahren zeigte sich zum Thema Reichtum eine starke Ambivalenz. Zum einen wurden die Texte materialistischer – gleichzeitig wuchs aber auch das Unbehagen daran.» Eges Kurzformel daraus: «Quasi Madonnas ‹Material Girl› gegen die negativen Folgen des Thatcher- und des Reagan-Regimes.»

Rap als textlicher Gamechanger

Ab den späten 80er-Jahren und dann massiv in den frühen 90ern wurde der Rap zum Massenphänomen. Das war nicht nur ein Gamechanger bezüglich Sound, sondern auch bei den Texten, sagt Ege: «Seit den 90er-Jahren sehen und hören wir viel von der Verherrlichung des Geldes.» Der popkulturelle Grundwiderstand gegen das Geld, so sagt Ege, sei abgelöst worden vom Wunsch, schnell reich zu werden. Und zwar so, dass es alle sehen können.

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Aber natürlich gilt auch hier: kein Trend ohne Gegentrend. Moritz Ege hört ihn beim sogenannten Conscious Rap heraus, also der Form mit politischen und sozialkritischen Texten: «Hier wird durchaus auch die oftmals triste Realität thematisiert und die Geldgier gegeisselt.»

«Liebe ist die schönste Ablenkung von Geldproblemen»

Ist Geld ein gutes Mittel zum manchmal schönen Zweck? Oder verdirbt der schnöde Mammon Mensch, Tier und den ganzen Planeten? Der Wettbewerb der Song-Lyrics läuft weiter. Unsere Prognose: Der zwischenmenschliche Crush wird weiterhin mehr Textzeilen generieren als ein Aktien-Crash.
Der Schweizer Musikjournalist und Buchautor Hanspeter «Düsi» Künzler, der die Welt des Pop seit 1978 von London aus verfolgt, versteht jedenfalls den Love-Bias: «Liebe kann jedem passieren. Es ist die schönste und wichtigste Ablenkung von Geldproblemen.»

1. Kapitalismuskritik

Poesie und Wut: Kapitalismuskritik in der populären Musik kommt manchmal in poetisch-sarkastischen Tönen daher – aber auch im soundgewittrigen Brutalo-Wording. Für Hanspeter «Düsi» Künzler ist das oft auch eine Frage der Herkunft: «In den USA werden die Texte stärker mit einem Stinkefinger- hinterlegten «Fuck-da-System» dargeboten; in England wird mehr Sarkasmus in die Botschaft gemischt.»
Satire und Schmäh Bei unseren Top fünf ist von allem etwas dabei. Satirische Töne von Pink Floyd, hammerharte Kritik von Rage Against the Machine sowie eine Note Austria-Schmäh. In der subjektiven Wahrnehmung fällt auf, dass aktuelle kapitalismuskritische Bezüge in letzter Zeit seltener geworden sind. Düsis Versuch einer Erklärung: «Man könnte und möchte mehr hören davon. Aber die Mainstream-Künstler wollen wohl den Markt nicht zu sehr erschrecken.»

2. Geld ist geil

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Uhren, Ketten, Brillies: Die Zurschaustellung von Reichtum ist im US-Rap und im Deutschrap recht verbreitet. Warum nur werden in solchen Texten inflationär Feuerwasser-, Uhren- und sonstige Luxusmarken genannt, warum legt jemand wie Loredana immensen Wert darauf, dass sie nach der Verhaftung in Handschellen von Ferragamo tanzt?
Aufsteiger-Soundtrack Popexperte Moritz Ege sagt, dass das Bekenntnis zum Protzen immer auch eine Aufsteigergeschichte beinhalte: «Man kommt von unten, war ausgeschlossen aus der besseren Gesellschaft, aber jetzt macht es umso mehr Spass, zu zeigen, was man hat.» Oft hat die Darstellung von Luxus in den Lyrics auch doppelten Boden. Sie ist dermassen übertrieben, dass es parodistisch verstanden werden kann – Variante Millionär-Song mit einer dunklen Wolke am Horizont. Siehe und höre Udo Lindenberg.

3. Mangelware Money

Das Geld auf dieser Welt, das wissen wir nicht erst seit der Reichsten-Liste der «Bilanz», ist ungleichmässig verteilt. Darin wurzelt unter anderem das Genre des persönlichen Geldprotestsongs. Der Bedarf an liquiden Mitteln wird nicht immer so direkt vorgetragen wie in Gunter Gabriels «Hey Boss, ich brauch mehr Geld». Aber oft doch recht deutlich.
Wut-Akronym Wie es ist, arm in einer geldbestimmten Welt aufzuwachsen, packten die Hip-Hopper des Wu-Tang Clan ins Wut-Akronym «C.R.E.A.M.»: «Cash rules everything around me». Oft ist die Geldnot tanzbar. So etwa beim Song «Money’s Too Tight (to Mention)» von der britischen Band Simply Red. Im Original basiert das Stück auf der fettbassigen Version der US-amerikanischen Valentine Brothers von 1982.

4. Gefühle vor Geld

In starkem Kontrast zur ganzen vertonten Millionärspropaganda kommt dieser Liedtypus sehr viel idealistischer daher. Die Basismessage: Die Liebe, vor allem diejenige in der absolut wahren und ewigen Erscheinungsform, ist keinesfalls käuflich. Auch nicht für all das, was Loredana, 50 Cent und der ganze Millionario-Wannabe-Clan in ihren Lyrics so alles an harter Währung besingen. Vielmehr ist es so: Materieller Reichtum kann niemals stärker sein als ein ehrlich pochendes Herz.
Cyndi sieht es anders Weit verbreitet ist die Darstellung von Gefühls- und Gelddingen im deutschen Schlager. Aber es gibt auch Konstellationen, in denen am Ende doch der Profit über die Romantik siegt – etwa wenn man Cyndi Lauper zuhört. Bei ihr haben die Gefühle keine Chance gegen das dicke Portemonnaie eines Nebenbuhlers.

5. Vertonte Wirtschaftstheorie

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Die Themen Geld und Wirtschaft haben viele Komponisten zu Werken inspiriert, die sich kaum kategorisieren lassen. Unerwähnt dürfen diese Songs von der Finanzliedgut-Nebenbörse aber keinesfalls bleiben. Immerhin werden hier komplexe Themen wie Wirtschaftstheorie, konjunkturelle Euphorie und Offshore-Banking in Dur und Moll abgehandelt.
Steuerdrama Ebenfalls wichtig: ein Song über ein Thema, das jedem Investor und jedem anderen Erdenbürger, egal ob arm oder reich, ein flaues Gefühl im Magen verleiht, überall auf dem Globus und jederzeit – Steuern zahlen. Ferner geht es hier auch um den Kampf zwischen Immobilienhaien und dem gemeinen Mietervolk.

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