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Ein Romand in Zürich

«Ich mag es, kurzfristig etwas Unruhe zu stiften»

Leichtfüssig über den Röstigraben: Mathieu Bertholet übernimmt die Leitung des Theaters Neumarkt.

Mélanie Chappuis

<p>Mathieu Bertholet liebt Vintage und hat Stil. Er spielt ebenso souverän mit Schlichtheit wie mit Extravaganz.</p>

Mathieu Bertholet liebt Vintage und hat Stil. Er spielt ebenso souverän mit Schlichtheit wie mit Extravaganz.

Joël Hunn

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Mit seinem Haarschnitt im Stil der Achtzigerjahre und seiner Vintage-Kleidung ist Mathieu Bertholet ein Unikum. Am Tag unseres Treffens trägt er ein gemustertes Hemd in Violetttönen und einen Ohrring, ebenfalls violett. «Anna van Brée, die berühmte Stylistin, wirft mir vor, dass bei mir alles zu sehr aufeinander abgestimmt sei. Aber ich kann einfach nicht anders», erklärt er lachend. Er empfängt mich auf der Terrasse des Theaters Neumarkt bei einem Mineralwasser mit Kohlensäure und einem verdünnten Eistee. Für einen Negroni sei es noch zu früh. Er stellt mir seine Bekannten vor – aus der Deutschschweiz ebenso wie aus der Romandie –, diskutiert mit den Kellnern sowie den ehemaligen Intendantinnen und dem Pressesprecher am Tisch nebenan. Er sagt «Dankre» wie ein Zürcher: «Einfach ein r an das k anfügen, dann passt es!» Er ist glücklich darüber, sein Ensemble gefunden zu haben, sich mit dem Team vor Ort gut zu verstehen und eine Wohnung an guter Lage ergattert zu haben. Er sprüht vor Energie und der Begeisterung, die jedem Anfang innewohnt. Hier sitzt ein Mann, der sich anschickt, seiner Wahlheimat ein avantgardistisches Theater zu bieten, das verbindet.

Wie läuft Ihr Umzug nach Zürich?

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Mathieu Bertholet: Ich habe in der Wohnungslotterie gewonnen, ich hatte wirklich Glück. Ich wohne im berühmten Kreis 5, nahe beim Limmatplatz. Vor dem Umzug bin ich bereits zwei bis drei Tage pro Woche hier gewesen. Aber wenn du dann in deinem neuen Quartier in der Migros einkaufst, ändert das alles. Im Moment ist es ziemlich cool. Die Menschen baden in der Limmat, mein Hund Nietzsche macht sich mit neuen Gerüchen vertraut, und ich selber bin froh, nicht mehr dauernd die Sprache wechseln zu müssen. Dieses Jahr Pendeln zwischen Genf und Zürich war fordernd. Ich brauchte die drei Stunden Zugfahrt jeweils, um wieder auf Französisch oder Schweizerdeutsch zu denken. Es ging ja nicht nur darum, in einem Restaurant Essen zu bestellen, sondern darum, Verantwortung zu übernehmen, im Team zu arbeiten, eine Saison vorzubereiten – das ist eine andere Denkebene.

<p>Wie der Herr, so der Hund – Nietzsche wirft sich in Pose, ehe er die Düfte der neuen Umgebung erkundet.</p>

Wie der Herr, so der Hund – Nietzsche wirft sich in Pose, ehe er die Düfte der neuen Umgebung erkundet.

Joël Hunn
<p>Wie der Herr, so der Hund – Nietzsche wirft sich in Pose, ehe er die Düfte der neuen Umgebung erkundet.</p>

Wie der Herr, so der Hund – Nietzsche wirft sich in Pose, ehe er die Düfte der neuen Umgebung erkundet.

Joël Hunn

Ihr festes Ensemble steht seit ein paar Monaten. Wer sind die Schauspieler, die auf der Bühne zu sehen sein werden?

Alle arbeiten sehr kollegial zusammen, und es funktioniert gut. Insgesamt sind es 13 Personen, sie sind zwischen 24 und 60 Jahre alt, jeweils zwei pro Generation. Das Ensemble verkörpert die Zürcher Vielfalt: Wir haben Leute aus der Westschweiz, aus Deutschland, viele aus Zürich und eine Person aus Ex-Jugoslawien. Unser Ensemble steht für unseren Wunsch, die Schweiz durch Menschen mit Migrationshintergrund zu repräsentieren. Auf Westschweizer Seite ist insbesondere Chady Abu-Nijmeh zu nennen, ein Schweizer Schauspieler mit palästinensischen Wurzeln und einem schönen Lausanner Akzent. Er hat auch im Genfer Théâtre Le Poche gespielt. Auf Deutschschweizer Seite haben wir Rachel Braunschweig, eine hervorragende Schauspielerin.

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Sie hat im März in Genf den Schweizer Filmpreis in der Kategorie «Beste Darstellerin in einer Nebenrolle» für «Friedas Fall» gewonnen, richtig?

Ja, sie hat sehr gute Filme gedreht und ist ein Fernsehstar. Sie hat eine grosse Rolle – die der Staatsanwältin – im «Tatort», dieser deutschsprachigen Krimiserie, die hier Kult ist. Sie möchte gern zurück ans Theater – eine ausgezeichnete Nachricht für uns! Einer der Vorteile des Ensembletheaters liegt darin, dass die Menschen eine Bindung zu den Schauspielern aufbauen und sie oft auf der Bühne wiedersehen können. Das schafft eine starke Beziehung. Für die Menschen hier ist das Neumarkt ihr Theater, mit ihren Schauspielern. Das schafft man mit einem Stück, das aus Paris kommt und nur drei Tage auf dem Spielplan steht, nicht.

Wie sieht das Theater Ihrer Träume konkret aus, was möchten Sie erschaffen?

Heutzutage ist das zerschlagen, was einmal die Gesellschaft ausmachte. Wir leben alle in Mikroblasen, man trifft sich nicht mehr zu vielem, ausser vielleicht zum Fussball. Oder zum «Tatort»! Viele Menschen schauen am Sonntagabend den «Tatort». Am nächsten Tag stehen sie vor der Kaffeemaschine und reden darüber. Ich möchte, dass mein Theater auch so ein gemeinsamer Treffpunkt wird, ein Ort, an dem die Menschen zusammenkommen. Und dass sie am nächsten Tag darüber reden, was sie am Vortag da gesehen haben. Ein identitätsstiftender Ort.

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Welche Art von Stücken werden Sie zeigen?

Das Neumarkt wird von den Regisseuren her sehr lokal geprägt sein, aber sehr offen hinsichtlich der angebotenen Texte. Wir werden kanadische, katalanische, britisch-deutsche Stücke spielen, die Vorlagen werden sehr aktuell und international sein, mit zeitgemässen Autoren, die das Publikum nach der Vorstellung treffen kann. Ich sehe es als meine Aufgabe, zeitgenössisches Theater zu machen. Und politisches Theater, denn das ist in der DNA des Hauses verankert. Das Theater Neumarkt verschiebt Grenzen, es ist ein Theater, an dem man Erfahrungen sammeln kann. In Genf habe ich ein Produktionstheater in ein Ensembletheater verwandelt. Hier werden wir dem Ensembletheater wieder etwas von dieser Flexibilität, von diesem Schwung verleihen, ohne jedoch die Sicherheit und die Arbeitsplätze aufs Spiel zu setzen. Die Schauspieler werden für zwei oder drei Jahre in Voll- oder Teilzeit engagiert. Jedes Jahr werden eine oder zwei Stellen neu besetzt.

<p>Der künstlerische Leiter des Theaters Neumarkt baut Brücken, indem er Grenzen verschiebt. Er träumt von einem engagierten und nachhaltigen Theater.</p>

Der künstlerische Leiter des Theaters Neumarkt baut Brücken, indem er Grenzen verschiebt. Er träumt von einem engagierten und nachhaltigen Theater.

Joël Hunn
<p>Der künstlerische Leiter des Theaters Neumarkt baut Brücken, indem er Grenzen verschiebt. Er träumt von einem engagierten und nachhaltigen Theater.</p>

Der künstlerische Leiter des Theaters Neumarkt baut Brücken, indem er Grenzen verschiebt. Er träumt von einem engagierten und nachhaltigen Theater.

Joël Hunn

Bis jetzt fanden die Vorstellungen oft auf Englisch statt. In welchen Sprachen kommen die Stücke künftig auf die Bühne?

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Bühnensprache ist Deutsch, wenn möglich Schweizerdeutsch. Aber wir haben uns gefragt, wie wir das Ganze auch für diejenigen, die kein Deutsch sprechen, zugänglich machen können. Das Neumarkt ist eine ganz kleine Bühne. Textprojektionen sind daher keine gute Lösung, das lenkt zu sehr ab und kostet zu viel. Wir haben deshalb beschlossen, es mit Synchronisierung zu versuchen, mit Dolmetschern, die es gewohnt sind, schnell zu übersetzen, wie bei der Uno oder im Bundeshaus. Für jede Vorstellung wählen wir zwei oder drei Sprachen aus. Wir kündigen einen Abend dann auf Englisch an, einen anderen auf Kosovarisch oder Spanisch – je nach Publikum, das wir ansprechen möchten.

Die Dolmetscher müssen also kein Schauspieltalent haben?

Nein, sie müssen nur sehr schnell übersetzen können. Das mag seltsam erscheinen – es ist einfach etwas, was nicht oft gemacht wird. Aber schauen wir nur auf Fernsehsendungen im Osten: Dort ist es üblich. Man hört den Originalton und die Übersetzung darüber – das ist natürlich schwer verständlich. Aber die Menschen sind es gewohnt, alles auf diese Weise zu sehen und zu hören, und es funktioniert hervorragend. Dank ChatGPT gibt es jetzt in Youtube-Videos eine automatische Untertitelung, aber das wollen wir auf keinen Fall. Wir arbeiten mit Synchronsprecher- und Dolmetscherschulen zusammen. Wir setzen ein Stück fünfzehnmal auf den Spielplan, und die Idee ist, drei Abende in drei verschiedenen Sprachen durchzuführen. Die übrige Zeit ist die Sprache Deutsch.

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Sie stammen aus dem Wallis, sind mit einer Deutschschweizer Mutter aufgewachsen, haben statt in Paris in Berlin studiert und das Poche in Genf geleitet. Wie unterscheidet sich das Theater in der Romandie und der Deutschschweiz?

In Zürich finden die Vorstellungen überall um zwanzig Uhr statt. In der Romandie schwankt das. Hier ist es unmöglich, nach einem Stück, das um zwanzig Uhr begonnen hat, essen zu gehen. Und sonntags gibt es generell keine Vorstellung. In Genf hingegen ist das normal. Ich hätte gern etwas mehr Romandie bei der Zeitgestaltung, besonders in der zweiten Hälfte der Saison, wenn die Tage wieder länger werden. Den Montag als Premierentag, an dem die Preise günstiger sind, werden wir hingegen beibehalten.

Sie sprachen auch von der verbindenden Funktion des Theaters …

Ja, in Genf gibt es viel mehr kleinere Theater als in Zürich. Hier gibt es mehr als ein Dutzend Theater, um alle Bedürfnisse der Bevölkerung abzudecken, jedem Wunsch zu entsprechen. Das Theater ist «relevant», wie man so schön sagt. Es zählt. Es ist wichtig, es ist ein echtes Gesprächsthema. In Zürich waren alle mit der Schule mindestens einmal im Schauspielhaus oder im Neumarkt. Die Bevölkerung hat eine sehr emotionale Beziehung zu ihren Theatern. Die berühmte gemeinsame Grundlage, von der wir sprachen. Wenn man in Genf mit der Schule ins Theater geht, gibt es mindestens 35 Möglichkeiten.

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In Zürich gibt es also weniger Theater, weniger Konkurrenz und mehr Engagement seitens der Bevölkerung?

Genau. Und das Publikum hat auch eine echte Entscheidungsbefugnis. Im Schauspielhaus etwa verlor die Leitung nach Widerstand aus dem Volk ihren Posten. Gerede und Gerüchte in der Stadt führten dazu, dass die Intendanten gehen mussten. Hier behält man das Budget und wechselt die Leitung aus. In Genf ist es umgekehrt. Mir gefällt die Idee, dass das Budget gesichert ist, aber die Auswahl der Intendanten immer wieder neu besprochen wird. So wie es wichtig ist, die Forschung in Labors zu finanzieren, ist es ebenso wichtig, Einrichtungen zu finanzieren, die neue Denkweisen fördern, wie das Theater. Das versteht man hier. Vom Neumarkt aus sind es nur 300 Meter bis zum Cabaret Voltaire, dem Geburtsort der Dada-Bewegung. Wir wollen nicht als Lehrmeister auftreten, sondern Fragen stellen!

Im Vordergrund steht auch die Frage der Nachhaltigkeit. Im Poche haben Sie sich für umweltfreundliches Theater eingesetzt. Setzen Sie diese Bemühungen in Zürich fort?

Das Neumarkt ist ein Theater, das ganzheitlich arbeitet: Bühnenbild, Musik, Perücken, Kostüme – alles ist so lokal und so bio wie nur möglich. Alles wird hier gefertigt, dieses Handwerk muss man schützen. Als ich zu Beginn sagte, dass wir versuchen, ein einziges Bühnenbild für vier unterschiedliche Vorstellungen zu nutzen, kam möglicherweise etwas Unruhe auf. Aber der Gedanke dahinter ist, den Materialaufwand zu reduzieren, nicht die Arbeitszeit. Ich möchte die Idee verankern, dass man eine Kulisse wiederverwenden kann. Wenn das Bühnenbild beispielsweise gemalt wurde, enthält es so viel Chemie, dass man es nicht recyceln kann. Das Team ist sehr engagiert, denn allen ist jetzt klar, dass dadurch kein Handwerk gefährdet ist, sondern vielmehr eine noch grössere Expertise erforderlich wird.

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<p>Bühne im Wandel: Die Techniker planen Schienen an Decke und Boden zum Einsatz verschiebbarer Wände.</p>

Bühne im Wandel: Die Techniker planen Schienen an Decke und Boden zum Einsatz verschiebbarer Wände.

Joël Hunn
<p>Bühne im Wandel: Die Techniker planen Schienen an Decke und Boden zum Einsatz verschiebbarer Wände.</p>

Bühne im Wandel: Die Techniker planen Schienen an Decke und Boden zum Einsatz verschiebbarer Wände.

Joël Hunn

Können Sie ein Beispiel nennen?

Beim ersten Bühnenbild wollten wir ein Skelett aus Metall bauen, das die Wände des Theaters bedeckt. Es sollte magnetisch sein, um alle Kulissen anbringen und wieder abnehmen zu können. Aber die Techniker wiesen mich darauf hin, dass die Magnete dafür so stark sein müssten, dass man anschliessend nichts mehr abnehmen könnte. Also haben sie oben und unten Schienen vorgesehen, auf denen man die Wände verschieben kann. Ausserdem haben sie beschlossen, Aluminium zu verwenden, da es leichter ist als andere Metalle. Und wir haben sogar eine Möglichkeit gefunden, es wiederzuverwenden: Im Februar, wenn die ersten vier Stücke vom Spielplan genommen werden, wird mit diesem Aluminium die Theaterbar neu gestaltet!

Dieses Interview wird mit dem generischen Maskulinum transkribiert. Im Poche jedoch haben Sie entschieden, Ihre Mitteilungen im generischen Femininum zu verfassen. Werden Sie das in Zürich beibehalten?

Im Poche haben wir es mit geschlechtergerechter, inklusiver Sprache versucht. Aber das wirkte schwerfällig und langatmig. Schliesslich haben wir uns für die radikalste Form, das generische Femininum, entschieden. Männern, die sich dadurch ausgeschlossen fühlten, entgegneten wir, dass die Frauen sich seit dem 17. Jahrhundert hätten ausgeschlossen fühlen können. Damals wurde das generische Maskulinum als Bezeichnung für gemischte oder unbestimmte Gruppen eingeführt. Letztlich haben sich die Leute daran gewöhnt. Ich mag es, kurzfristig etwas Unruhe zu stiften. Für das Neumarkt ist noch nichts entschieden. Aber die Menschen in der Stadt Zürich sind sehr offen. Die Bevölkerung hat für die Verwendung inklusiver Sprache in offiziellen Mitteilungen gestimmt – im Gegensatz zu Genf.

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Noch ein paar Worte zu Ihrem ersten Stück im Neumarkt? Wir sind gespannt, ob sich Ihre welsche oder Ihre germanophile Seite mehr zeigen wird.

Ich eröffne die Saison mit einem stummen Stück! (Lacht.) «Die Stille» («Le Silence») von Guillaume Poix in einer Inszenierung von Paula Lynn Breuer nach dem Werk von Antonioni besteht aus vier inneren Monologen. Diese Monologe dienen den Schauspielern als Orientierungshilfe, aber es gibt keinen beziehungsweise nur wenig Text auf der Bühne. Sie müssen ihre Emotionen, ihre Geschichten, alles, was sie verbindet, zwar übermitteln, aber die Stille dabei bewahren. Das ist grossartig. Marina Hands hat es in der Comédie-Française gespielt, und hier wird es Rachel Braunschweig sein, die ebenso populär ist.

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