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Mehr Frauen in den Chefetagen: «Mean it, do it, measure it»

Seit September ist die ehemalige Ikea-Chefin CEO des Beratungsunternehmens Edge. Ihre Mission: Frauenförderung im grossen Stil.

Iris Kuhn Spogat

Simona Scarpaleggia

Kleines Team, grosse Ziele: Simona Scarpaleggia (60) will als CEO von Edge ihren Anliegen endlich weltweit zum Durchbruch verhelfen.

ZVG

Frau Scarpaleggia, Sie als Frau kämpfen für Frauen. Klassisch.
Klassisch ist das Missverständnis, dem Sie gerade aufsitzen: Mir geht es nicht einfach um Frauen, und was ich fordere, ist auch kein Diversity-Aspekt. Mir geht es insbesondere ums Geschäft. Es ist wissenschaftlich belegt, dass Unternehmen mit einem wesentlichen Frauenanteil in allen Funktionen besser performen. Und auf das Bruttosozialprodukt einer Volkswirtschaft wirkt sich das ebenfalls positiv aus.

Erkenntnisse, die einschlagen müssten wie eine Bombe. Tun sie aber nicht. Warum?
Wissen Sie, sowohl Unternehmen wie auch Regierungen sagen gern: «Ja, das stimmt», «ja, das ist wichtig», «ja, Sie haben recht». Damit hat es sich dann aber meist. Es sind Lippenbekenntnisse ohne Verbindlichkeit.

Voilà, Ihre neue Mission.
Sie sagen es. Etwas zu sagen, ist einfach. Etwas zu sagen und auch zu meinen, bedeutet, dass man sich mit dem Thema ernsthaft auseinandergesetzt und Bewusstsein entwickelt hat. An dem Punkt unternimmt man dann auch etwas, und zwar etwas, dessen Effekt man auch kennen, sprich messen will. Daher mein Credo: Mean it, do it, measure it.

So machten Sie es als Chefin von Ikea Schweiz. Apropos: Hat Ihnen der neue Job in der Ikea-Zentrale in Leiden in den Niederlanden nicht gefallen, dass Sie nach nur wenigen Monaten gekündigt haben?
Dass ich weg bin, hat nichts mit dem Job zu tun, den ich hatte, sondern mit dem, den man mir angeboten hat: CEO von Edge zu werden. Ich wusste sehr schnell, dass mich damit das Richtige zum richtigen Zeitpunkt erreicht: Dieser neue Posten ist der logische Abschluss für meine Karriere. Hier findet alles zusammen, einerseits meine Führungsfähigkeiten, andererseits meine Anliegen, für die ich mich seit Jahrzehnten starkmache. Ich bin für diesen Job wie geschaffen, und er ist wie geschaffen für mich.

Jahrzehntelanges Engagement

Gender Equality ist quasi der zweite Vorname von Simona Scarpaleggia: Die Italienerin engagiert sich seit Jahrzehnten gegen Lohnungleichheit zwischen Männern und Frauen und die Männerdominanz in Unternehmen. Zuletzt arbeitete die studierte Ökonomin während zwanzig Jahren bei Ikea, zehn davon als CEO Ikea Schweiz. Letzten Herbst wechselte sie in die Konzernzentrale nach Leiden (NL) – als Global Head von «Future of our work». Seit September ist sie nun CEO von Edge. Scarpaleggia ist Verwaltungsrätin bei Autogrill und Hornbach.

Was hat Ikea von Ihnen gelernt?
In den zehn Jahren als CEO von Ikea Schweiz habe ich ein paar Dinge erreicht, auf die ich echt stolz bin. Es gibt da zum Beispiel keine Lohnunterschiede zwischen Männern und Frauen mehr, und das Männer-Frauen-Verhältnis ist fifty-fifty. Vor allem: Beides wird so bleiben, davon bin ich überzeugt.

Weil?
Weil es mir gelungen ist, das Management ins Boot zu holen und mein Ding zum Ding aller zu machen. Denn nur so werden Veränderungen nachhaltig und verpuffen nicht einfach wieder, kaum gibt es an der Spitze einen Wechsel.

Das haben Sie offenbar erlebt.
Ja. Ich war mit den Themen schon vor Ikea unterwegs, etwa in einem anderen grossen Unternehmen in Italien. Rückblickend landete ich dort einen Misserfolg, weil ich es falsch angegangen war: Wir starteten viele Initiativen, und es kam mächtig Bewegung ins Genderthema. Kaum war ich weg, war damit aber wieder Schluss. Das hat mich frustriert, ich hatte gedacht, echt etwas bewirkt und die Spielregeln geändert zu haben. Ein Irrtum.

Was für Schlüsse zogen Sie daraus?
Ein CEO kann etwas initiieren, für die Umsetzung braucht es das ganze Führungsteam im Boot. Dann ist es auch möglich, ein neues Regime einzuführen und in der Organisation zu verankern.

Was verstehen Sie unter neuem Regime?
Zuerst einmal ganz einfache und klare Richtlinien. Eine könnte heissen: Bei Jobvergaben und Beförderungen gehören gleich viele Frauen wie Männer auf die Kandidatenliste …

… und jedes zweite Mal muss eine Frau gewählt werden?
Nein, dann würden gemischte Listen keinen Sinn machen. Man will ja die am besten geeignete Person, und vielleicht ist dies ein paar Mal hintereinander ein Mann, aber sicher nicht immer, da man dank Fifty-fifty-Listen jedes Mal die Wahl hat.

Halb-halb dürfte schwieriger werden, je weiter oben auf der Karriereleiter ein Posten vakant wird.
Das ist leider noch so. Eine Studie von Advance in Zusammenarbeit mit der Uni St. Gallen zeigt, dass die Geschlechter auf nichtexekutiven Levels ausgeglichen vertreten sind. Und dann? Im mittleren Management sind noch 29 Prozent weiblich, im Topmanagement gerade noch 18 Prozent.

Auf CEO-Ebene sind es in der Schweiz nur 9 Prozent. Wer trägt Ihrer Erfahrung nach Schuld an diesen trüben Verhältnissen?
Dafür gibt es vor allem zwei Gründe: erstens die Frauen selbst. Die meisten warten noch immer darauf, entdeckt zu werden, statt sich selbst zu positionieren. Frauen müssen lernen, nicht um Erlaubnis zu fragen, und aufhören zu denken, sie seien nicht gut genug. Der zweite Grund hat mit der Mutterschaft zu tun. Da kann und muss noch sehr viel getan werden. Ein Kind zu gebären, macht eine Frau weder weniger kompetent noch weniger intelligent, und trotzdem verlassen viele den Karrierepfad. Es braucht ein System, das Familien – Väter und Mütter – und nicht einfach Frauen unterstützt. Stichworte dazu sind flexible Arbeitszeiten und Homeoffice.

Über die Autoren
Iris Kuhn Spogat
Iris Kuhn-Spogat
Iris Kuhn-Spogat

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