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Todestag

Winston Churchill: Der Staatsmann mit der Zigarre

Winston Churchill wird in Grossbritannien als Ikone verehrt und weltweit als weitsichtiger Staatsmann geschätzt. Vor 50 Jahren starb das politische Schwergewicht. Ein Rückblick.

Winston Churchill galt lange als politischer Abenteurer, ein überzeugter Militarist, wenig reflektiert in seiner Strategie und geradezu rücksichtslos in seinen Mitteln. «Brillant, aber unsolide», lautete das Urteil des politischen Establishments in Westminster über den jungen Churchill. Als Flottenadmiral verheizte er 1915 in einer der blutigsten Schlachten des Ersten Weltkriegs Zehntausende Soldaten. Bild: Churchill, 29. Juni 1954. Quelle: Keystone.
Doch es war seine harte Haltung, seine «Blut-Schweiss-und-Tränen-Politik» gegen Nazi-Deutschland, die ihn zum Volkstribun in England und international zu einem der prägenden Staatsmänner des 20. Jahrhunderts werden liess. Bild: Clementine Churchill (Frau, li.), Winston Churchill und Diana Churchill (Tochter, re.), 1931. Quelle: Keystone.
Nach dem Sieg gegen die Nazis wurde er unsterblich. Im Mai 1945 feierte er mit den Bürgern gemeinsam. «Es ist Euer Sieg», rief er den Menschen zu. «Es ist Ihrer», antwortete die Menge in einer Art kollektiven Umarmung des Staatenlenkers. Bild: Churchill, Truman und Stalin, 23. Juli 1945. Quelle: Keystone.
Der grosse Staatsmann mit der Zigarre ist auf der Insel bis heute das Mass aller Dinge für politisches Handeln und dessen Erfolge. Neben der Zigarre ist Churchill berühmt für das «V»-Zeichen, das er bei allen öffentlichen Auftritten nutzte. Bild: Churchill, Sept. 1954. Quelle: Keystone.
Die grosse Popularität des Zeichens hat ihren Ursprung wohl in Belgien: In einer Radioansprache 1941 in der BBC rief der ehemalige belgische Justizminister Victor de Laveleye seine Landsleute auf, das «V» zu verbreiten. Denn «V» steht nicht nur für das englische «victory», sondern auch für das französische «victoire» und das niederländische «vrijheid». Bild: Churchill in England, 8. Okt. 1959. Quelle: Keystone.
Die BBC unterstützte die Verbreitung in Europa durch ihre «V for Victory»-Kampagne, in der der Morsecode für «V» (•••–) als Jingle verwendet wurde. Der Morsecode für «V» entspricht übrigens auch dem Kopfmotiv von Beethovens 5. Sinfonie («Ta Ta Ta Taaa»). Bild: Churchill in Genf, 23. Aug. 1946. Quelle: Keystone.
Winston Churchill griff die «V for Victory»-Kampagne auf und gebrauchte das V-Zeichen fortan bei öffentlichen Auftritten. Bild: Churchill in Frankreich, 14. Juli 1946. Quelle: Keystone.
Prägend war der grosse Staatsmann auch in anderer Hinsicht: 1946 reiste er in die Schweiz und verkündete seine Vision eines vereinigten Europa. Bild: Churchill in der Schweiz, 19. Sept. 1946. Quelle: Keystone.
Die Trümmerlandschaft Europa sollte nie wieder die Bestialität erleben, die den Kontinent in den Kriegsjahren gegeisselt hatte. Integration sollte Frieden schaffen. «Let Europe arise», rief er am am 19. September 1946 ins Publikum. Bild: Churchill in der Aula Zürich, 19. Sept. 1946. Quelle: Keystone. (Lesen Sie die Rede hier)
Churchill starb am 24. Januar 1965, 20 Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges. Europa war bereits auf dem Weg, Frieden durch Integration zu finden. Als der Leichnam des Staatsmannes auf einem Boot die Themse hinauf gefahren wurde, verneigten sich die Lastenkräne der Londoner Docklands in Demut. Bild: Trauerzug mit Churchills Sarg. Quelle: Keystone
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RMS

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Winston Churchill wird in Grossbritannien als Ikone verehrt und weltweit als weitsichtiger Staatsmann geschätzt. Seine Unbeugsamkeit hat Grossbritannien vor Nazi-Deutschland gerettet. Doch Churchill war vor allem in jüngeren Jahren auch für sein Draufgängertum bekannt.

Als sein Leichnam auf einem Boot die Themse hinauf gefahren wird, verneigen sich die Lastenkräne der Londoner Docklands in Demut. Die Szene aus dem Januar 1965 steht symbolisch für die Wertschätzung, die Winston Churchill in seiner britischen Heimat noch immer erfährt.

Der grosse Staatsmann mit der Zigarre ist auf der Insel auch 50 Jahre nach seinem Tod das Mass aller Dinge für politisches Handeln und dessen Erfolge. Er hat das Land – in den Augen einiger Historiker sogar die Welt – vor dem Nationalsozialismus bewahrt.



Grosse Feier vorbereitet

Der 50. Todestag am 24. Januar wird in Grossbritannien gross gefeiert werden. Das BBC-Fernsehen hat stundenlange Dokumentationen vorbereitet, das Churchill-Centre hält Feierstunden ab. Neuere Churchill-Biografien, etwa von Londons Bürgermeister Boris Johnson verfasst, werden zu Bestsellern in den Buchläden.

Der Zug, der Churchills Sarg von London zu seiner Grabstätte in Oxfordshire transportiert hatte, wurde wieder aufpoliert und ist eine Touristenattraktion. Die Royal Mint prägte eine 20-Pfund-Gedenkmünze.

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Historisch nicht unumstritten

Historisch ist die politische Leistung des häufig auch als arrogant und abgehoben beschriebenen Sprosses der britischen Oberschicht längst nicht so unumstritten, wie der in Teilen leicht verklärte Rückblick seiner Landsleute es nahelegt.

Churchill galt lange als politischer Abenteurer, ein überzeugter Militarist, wenig reflektiert in seiner Strategie und geradezu rücksichtslos in seinen Mitteln. «Brillant, aber unsolide», lautete das Urteil des politischen Establishments in Westminster über den jungen Churchill.

Zehntausende verheizt

Als Flottenadmiral verheizte er 1915 in einer der blutigsten Schlachten des Ersten Weltkriegs Zehntausende Soldaten aus Grossbritannien und den Kolonien in einem später als sinnlos bewerteten Feldzug gegen das Osmanische Reich.

Vier Jahre später, inzwischen Kriegsminister, machte er sich für den Einsatz von Chemiewaffen im Irak stark. «Ich bin sehr für den Einsatz von Giftgas gegen unzivilisierte Stämme», sagte Churchill in einer Sitzung in der Downing Street. Er fügte aber auch hinzu: «Der moralische Effekt sollte so gut sein, dass der Verlust von Menschenleben so auf ein Minimum reduziert werden kann.»

Draufgänger bis zum Ende

Die Draufgänger-Mentalität legte Churchill, den sein Nachfolger Harols MacMillian einmal wegen seiner Redekunst und seinem Gespür für den wirksamen Auftritt als «super Showman» bezeichnete, nie ganz ab. Je älter er wurde, desto mehr überwog aber die Weitsicht bei dem international anerkannten Staatsmann und Universalgenie.

1953 würdigte das Nobelpreiskomitee die literarische Leistung des Engländers mit dem Nobelpreis für Literatur. Churchill tat sich auch als Baumeister und Maler hervor.

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«Blood, Sweat and Tears»

Doch es war seine harte Haltung, seine «Blut-Schweiss-und-Tränen-Politik» gegen Nazi-Deutschland, was ihn zum Volkstribun auf der Insel und international zu einem der prägenden Staatsmänner des 20. Jahrhunderts werden liess.

Als der bereits 65 Jahre alte Churchill 1940 als Nachfolger des zurückgetretenen Appeasement-Politikers Neville Chamberlain zum Premierminister ernannt wurde, stand eine Frage über allen in den Konferenzräumen in Westminster: Friedensverhandlungen mit Nazi-Deutschland oder die Fortsetzung des Krieges.

Von Briten und Christen

Churchill überredete sein zunächst zögerndes Kabinett und entschied sich für Letzteres. Am 18. Juni 1940 verknüpfte er in einer seiner berühmtesten Reden das Durchhalten der Briten mit dem Bestand der christlichen Zivilisation. Die Menschen folgten ihm.

1945 schliesslich liess Churchill Hitlers Reich kurz vor Ende des Krieges mit einem Bombenteppich belegen – Zehntausende Zivilisten und auch Tausende junger Soldaten der Bomber-Besatzungen starben.

Intuition vor Strategie

Historiker sind sich einig: Der Erfolg Churchills fusste weniger auf einer nachhaltigen politischen Strategie. Churchills bis zur Arroganz reichendes Selbstbewusstsein, das Gespür für die Stimmung im Volk, sein Redetalent und sein Scharfsinn machten ihn vielmehr zum Ausnahmepolitiker.

Nach dem Sieg gegen die Barbarei der Nazis feierte er im Mai mit den Bürgern gemeinsam. «Es ist Euer Sieg» rief er den Menschen von einem Balkon des Gesundheitsministeriums aus zu. «Es ist Ihrer», antwortete die Menge in einer Art kollektiven Umarmung des Staatenlenkers.

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«Churchill War Rooms»

Noch heute kann man in den «Churchill War Rooms» nahe der Downing Street in London nachvollziehen, wie das politische Schwergewicht im Krieg agierte. Es ist dieser Durchhaltewillen, dieses Wiederaufstehen nach Niederlagen, diese Entweder-oder-Mentalität, die Churchill punktgenau die Seele der Briten treffen liess und ihn zur bis heute unerreichten Ikone machte.

Der besonnene, langfristig denkende Staatsmann wurde der Zigarren- und Whiskey-Liebhaber, der 64 Jahre im britischen Parlament sass, zweimal Premierminister war und fast jeden klassischen Ministerposten innehatte, erst spät.

(sda/ccr)

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