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Fortschritt

Wenn das Handgelenk aus dem 3D-Drucker kommt

Ob Gelenke, Hörgeräte, Zahnkronen oder gar Tabletten: Medizin aus dem 3D-Drucker hat sich rasant ausgebreitet. Was heute bereits möglich ist - und wo einer der grossen Knackpunkte der 3D-Teile liegt.

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3D-Druck: Wird nach einem Scan aus dem Computertomographen entworfen.Pixabay RMS

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Noch klingt es wie Science Fiction, wenn Mediziner von Ersatzorgangen aus dem Drucker sprechen. Tatsächlich ist eine Leber noch ein ferner Traum. Andere Körperteile aber werden längst verbaut.
Mit rasanter Geschwindigkeit hat sich der 3D-Druck in der Medizin ausgebreitet. Hörgeräte und Zahnkronen stammen vielfach längst aus Druckmaschinen, auch für chirurgische Einmal-Instrumente sowie zur Herstellung von Modellen für das Proben eines Eingriffs wird die Technik verwendet. Selbst für Tabletten: Weil Epileptiker Pillen nicht schlucken können, wird eine sehr poröse Struktur im Drucker fabriziert, die bei Kontakt mit Flüssigkeit im Mund zerfällt.
28 Prozent der Unternehmen aus der Medizintechnik und Pharmazie hätten schon Erfahrung mit 3D-Druck gesammelt, ermittelte die Unternehmensberatung Ernst & Young bei einer Umfrage in zwölf vor allem westlichen Ländern. Bei den Hörgeräten sei nahezu der ganze Markt umgestiegen, sagt Ernst & Young-Managerin Stefana Karevska. Dabei nutze die Medizintechnik das junge Verfahren häufiger als andere Branchen. Tendenz aber überall: steigend.

Drucken statt verpflanzen

«Das ist faszinierend», sagt Bilal Al-Nawas, leitender Oberarzt der Klinik für Mund-, Kiefer- und Gesichtschirurgie der Unimedizin Mainz. «Die Chirurgen brauchen den 3D-Druck und die Patienten wünschen ihn. Dass wir von irgendwo im Körper ein Stück Knochen oder ein Stück Gefäss rausnehmen und das Teil irgendwo anders wieder einbauen – das kann nicht die Zukunft sein», sagt er.

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Letzte Woche hatten Al-Nawas und seine Kollegen Forscher, Start-Ups und Druckmaschinenbauer aus aller Welt zu einem 3D-Druck-Kongress in Mainz eingeladen. Mit dabei war auch Eos aus der Nähe von München, führender Anbieter im industriellen 3D-Druck von Metallen und Kunststoffen, die als Pulverwerkstoff vorliegen.
Einer ihrer Drucker könne pro Tag 400 individuelle Zahnkronen herstellen – zu einem Zehntel des Preises der konventionellen Fertigung, sagte Martin Bullemer, Experte für die Additive Fertigung im Medizin- und Dentalbereich bei Eos. «Im gesamten Orthopädie-Bereich geht es vorwärts.»

Gedruckter Gefässersatz

Was hingegen bisher nicht aus dem Drucker kommt, sind Schrauben – das können Drehmaschinen schneller. Auch gefräst und gegossen wird weiter. Die Forscher stürzten sich momentan lieber auf Gefässe, sagt Al-Nawas. In Tierversuchen habe man sie schon erfolgreich als Ersatz eingebaut. «Gefässe sind der erste Schritt. Wenn das klappt, dann kann man sich auch vieles andere vorstellen.» Leber und Schilddrüse seien sehr interessant – aber auch noch sehr weit weg von der Anwendung.
Beim 3D-Druck werden Werkstoffe wie Titan, Kunststoff oder Keramik mit Hilfe von Lasern oder Infrarotlicht Schicht für Schicht verschmolzen. Da die Schichten nur hundertstel Millimeter dick sind, ist das Verfahren äusserst präzise. Auch komplizierte Wabenstrukturen sind möglich, die durch Bohren oder Spritzen nicht herstellbar wären. Der Bauplan ist individuell – und wird etwa nach einem Scan aus dem Computertomographen entworfen.

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Chirurgen wie Al-Nawas würden gerne etwas anderes verbauen als Metall, wenn sie zum Beispiel nach einem Pferdetritt ein Gesicht rekonstruieren. «Wir wollen am liebsten ein Material, das vom Körper zu Knochen umgebaut wird, wie etwa Magnesium. Oder zumindest ein Material, das knochenähnlicher ist», sagt er. Daran tüftelt er zusammen mit Materialforschern der Uni Darmstadt und der Unimedizin Mainz.

Eierstöcke, Knorpel und Muskeln

Forscher der Northwestern University in Chicago haben im 3D-Druck schon funktionsfähige Eierstöcke von Mäusen produziert. Nach der Transplantation entwickelten die weiblichen Tiere ohne jegliche weitere Behandlung Eizellen, die auf natürliche Weise befruchtet wurden, wie das Team vor wenigen Tagen im Fachblatt «Nature Communications» berichtete.
Im vergangenen Jahr hatten US-Forscher gezeigt, dass Knorpel und Muskelstücke aus dem Drucker anwachsen und sich dort Blutgefässe und Nervenverbindungen bilden. Das ist einer der ganz grossen Knackpunkte der 3D-Teile.
Dabei sind die gedruckten Individual-Stücke keineswegs nur etwas für Menschen in den reicheren Ländern. Eine Untersuchung mit 19 Patienten mit Unterschenkelamputationen in Togo, Madagaskar und Syrien zeige, dass mit einem leichten 3D-Scanner eine digitale Form der Gliedmasse erstellt werden könne, erklärte die Hilfsorganisation Handicap International. Anschliessend sei mit einem 3D-Drucker eine massgeschneiderte Fassung hergestellt worden. Das eröffne neue Möglichkeiten gerade in entlegenen Gebieten und Konfliktzonen.

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Al-Nawas warnt aber vor einer Überschätzung der Möglichkeiten. «Nachher sagt jeder: Der Durchbruch ist da, und morgen drucken wir neue Herzen.» Das könne dazu führen, dass viele Mediziner dann von den tatsächlichen Ergebnissen enttäuscht seien. «Es ist spannend, aber es ist ein dickes Brett. Und die werden immer langsam gebohrt.»
(sda/jfr)
Das sind die Länder mit den besten Gesundheitssystemen:
Das Londoner Legatum Institute hat die Gesundheitssysteme in mehreren Ländern untersucht und miteinander verglichen. Die 16 Länder mit den besten Gesundheistssystemen:
Platz 16: Kanada Kanada etablierte per Gesetz einen kostenlosen Zugang zum Gesundheitswesen, der als staatliche Krankenversicherung bekannt wurde. Kanadas System ist nicht perfekt, weshalb in den vergangenen Jahren viele Kanadier in den Süden zogen, um eine private Versicherung in den USA abzuschliessen.
Platz 15: Katar Den besten Standard im Gesundheitswesen des Mittleren Ostens kann in der reichen Nation Katar gefunden werden. Die Nation hat erst kürzlich Schritte dazu übernommen, ein universelles Gesundheitssystem im Land zu implementieren.
Platz 14: Frankreich Das Land ist berühmt für die Qualität des Gesundheitssystems, weshalb es nicht verwunderlich ist, dass Frankreich vorne mit dabei ist. Die durchschnittliche Lebenserwartung in Frankreich liegt bei 82 Jahren.
Platz 13: Norwegen Norwegen und seine skandinavischen Gegenstücke, kommen bei den weltweiten Lebensqualitätsrankings immer ganz gut weg, nicht zuletzt wegen der Gesundheit seiner Einwohner. Das Gesundheitssystem ist für Kinder unter 16 Jahren kostenlos, Erwachsene müssen aber dafür bezahlen. Das Land gibt mehr Geld pro Person für die Gesundheitsversorgung aus, als jedes andere Land auf der Welt.
Platz 12: Neuseeland Neuseeland ist eines der aktivsten Länder auf der Welt, wobei die Nation bei internationalen sportlichen Veranstaltungen stets über seiner Gewichtsklasse antritt. Die durchschnittliche Lebenserwartung liegt dort bei etwa 81,6 Jahren.
Platz 11: Belgien Die durchschnittliche Lebenserwartung liegt in Belgien bei etwa 81,1 Jahren und verfehlt somit nur knapp die Top 20 der Welt. Das Land hat ein universelles Gesundheitssystem, welches zwingend eine Gesundheitsversicherung für alle Bürger vorsieht.
Platz 10: Deutschland Trotz der Liebe zu Bier und Würstchen, gehören die Menschen in Deutschland zu den gesündesten der Welt. Die durchschnittliche Lebenserwartung liegt bei 81 Jahren.
Platz 9: Israel Israel ist das am höchsten bewertete Land des mittleren Ostens des Legatum Institute Subindexes. Israel hat mit 82,5 Jahren die achthöchste Lebenserwartung des Planeten.
Platz 8: Australien Dank grossartigem Wetter und wenig Verschmutzung, überrascht es wenig, dass Australien die gesündeste Nation in der südlichen Hemisphäre ist.
Platz 7: Hong Kong Der kleine Stadtstaat Hong Kong hat 11 private und 42 öffentliche Krankenhäuser, die seinen über 7,2 Millionen Einwohnern zur Verfügung stehen. 2012 hatten die Frauen in Hong Kong die längste Lebenserwartung von allen Ländern der Erde.
Platz 6: Schweden Nordeuropäische Länder wie Schweden, schneiden in der Regel gut ab, wenn es um die Lebensqualität und das Gesundheitssystem geht. Schwedische Männer haben die vierthöchste Lebenserwartung der Welt. Diese liegt im Schnitt bei 80,7 Jahren.
Platz 5: Niederlande Zum Vergleich - 2015 hatte Holland Platz 1 in Europa beim jährlichen Consumer Index erlangt, der die Gesundheitssysteme in Europa vergleicht. Dabei haben die Niederlande 916 von maximal 1000 Punkten erreicht.
Platz 4: Japan Die durchschnittliche Lebenserwartung in Japan liegt bei 83,7 Jahren, was die höchste der Welt ist. Das hat demografische Probleme mit sich gebracht, weil die Bevölkerung enorm altert.
Platz 3: Schweiz Die Schweiz ist reich, schön und unglaublich gesund. Sie hat so ziemlich alles, was man von einem Land erwarten kann. Das Gesundheitssystem ist allumfassend und basiert auf einer verpflichtenden Versicherung aller Bürger.
Platz 2: Singapur Ein weiterer kleiner Stadtstaat hat es auf die Liste geschafft. Singapurs 5,6 Millionen Einwohner haben eine durchschnittliche Lebenserwartung von 83,1 Jahren.
Platz 1: Luxemburg Das reiche Land zwischen Belgien, Frankreich und Deutschland führt die Liste des Legatum Institutes im Bereich Gesundheitswesen an. Die durchschnittliche Lebenserwartung liegt dort bei 82 Jahren.Bilder: Keystone/ Flickr/CC
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