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Gesellschaft

Warum die Demokratie nicht gewonnen hat

In einer Demokratie delegieren wir die Kompromissfindung an Politik-Generalisten. Die AfD aber will Fundamentalopposition betreiben. Gewonnen hat die Demokratie dadurch nicht.

Alan Posener

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Berlin: Der Bundestag ist jetzt politisch reprΓ€sentativer.Keystone RMS

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Ein angesehener deutscher Journalist, Korrespondent einer grossen Tageszeitung, meinte kΓΌrzlich in einer Talkrunde, das Parlament wΓΌrde ein ehrlicherer Spiegel der deutschen Gesellschaft sein, wenn die AfD in den Bundestag einzieht. WΓ€re es Aufgabe des Parlaments, ein Spiegel der Gesellschaft zu sein, dann mΓΌsste man die Ergebnisse dieser Wahl begrΓΌssen.

Allein, das ist nicht Aufgabe des Parlaments. Wollte man die gesellschaftlichen VerhΓ€ltnisse abbilden, so kΓΆnnte man auf der Grundlage statistischer Erhebungen und mit dem Losverfahren eine reprΓ€sentative Versammlung einberufen. Eines ist sicher: Sie enthielte viel weniger beurlaubte Beamte und Berufspolitiker als der Bundestag, sehr viel weniger Mitglieder politischer Parteien, mehr Frauen und viel mehr BΓΌrger mit Migrationshintergrund, einige Kinder und viele Rentner, eine Handvoll Kleinunternehmer und Manager sowie einen grossen Block mit Menschen, die hier zwar leben, aber nicht wΓ€hlen dΓΌrfen, und einen noch grΓΆsseren mit Menschen, die zwar wΓ€hlen dΓΌrfen, es aber nicht wollen.

Es spricht ΓΌbrigens nichts dagegen, solche Versammlungen einzuberufen und ihr Votum zu wichtigen Fragen einzuholen. Eine deliberative Volksversammlung aus Nichtberufspolitikern, die nach AnhΓΆrung von Experten ihr Votum zu anstehenden Entscheidungen abgibt, wΓ€re eine interessante ErgΓ€nzung des Parlaments – und hΓ€tte eine grΓΆssere Legitimation als die von Populisten geforderten Volksentscheide, bei denen oft BΓΌrger aus dem Bauch heraus Entscheidungen treffen, die sie selbst auf Jahrzehnte binden, auch wenn sie inzwischen ihre Meinung geΓ€ndert haben und ihre Entscheidung bereuen. Man denke an das Brexit-Desaster.



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Die Aufgaben des Parlamentes

Das Parlament jedoch ist keine Volksversammlung und hat nicht die Aufgabe, die StrΓΆmungen im Volk getreulich abzubilden. Im Gegenteil. Die Aufgabe des Parlaments besteht darin, Gesetze zu machen und die Regierung bei deren Umsetzung zu kontrollieren; Steuern zu beschliessen und dafΓΌr zu sorgen, dass die Regierung mit dem eingetriebenen Geld sorgsam umgeht.

Dazu gehΓΆren nicht nur Sachkenntnis und VerantwortungsgefΓΌhl, sondern gelegentlich auch die Bereitschaft, Dinge zu beschliessen, fΓΌr die man nicht gewΓ€hlt wurde. Der spΓ€tere US-PrΓ€sident John F. Kennedy schrieb ein Buch ΓΌber Parlamentarier, die sich fΓΌr das einsetzten, was ihnen ihr politisches Gewissen diktierte, auch wenn es das Ende ihrer politischen Karriere bedeutete. Es heisst Β«ZivilcourageΒ».

Die Abgeordneten der SPD bewiesen Zivilcourage, als sie aus Verantwortung fΓΌr Deutschland Gerhard SchrΓΆders Agenda 2010 zustimmten, obwohl das den Aufstieg der populistischen Linkspartei begΓΌnstigte und so manchen HinterbΓ€nkler um den Parlamentssitz brachte.
 
Die Abgeordneten der Union bewiesen Zivilcourage, als sie aus Verantwortung fΓΌr Europa Angela Merkels FlΓΌchtlingspolitik unterstΓΌtzten, obwohl das den Aufstieg der populistischen AfD begΓΌnstigte und ihnen bei Versammlungen im heimischen Wahlkreis oft UnverstΓ€ndnis und Wut entgegenschlug.





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Das Richtige ist selten populΓ€r

Wohlgemerkt: Agenda 2010 und GrenzΓΆffnung bleiben umstritten. Vielleicht waren sie Fehler. Aber nicht, weil sie unpopulΓ€r waren. Das Richtige ist selten populΓ€r, weshalb Populisten selten das Richtige fordern und noch seltener tun. Donald Trump lΓ€sst grΓΌssen.

Apropos Trump: An ihm wird deutlich, weshalb die VΓ€ter der amerikanischen Verfassung den Kongress – Abgeordnetenhaus und Senat – so konzipierten, dass er nicht einfach die Stimmungen des Volkes abbildet. Nur der PrΓ€sident der USA ist von allen Wahlberechtigten gewΓ€hlt, nur er hat ein Mandat der ganzen Nation; jeder Abgeordnete und Senator hingegen vertritt nur einen Teil der Nation – seinen Wahlkreis oder Bundesstaat.

Dennoch kann der Kongress den PrΓ€sidenten daran hindern, seine Wahlversprechen umzusetzen. Und das ist gut so. Demokratie, so heisst es in der Schule, bedeute Volksherrschaft. WΓ€re dem so, sie wΓ€re unertrΓ€glich. Rechtsstaatliche Demokratie heisst vielmehr: Schutz der Minderheiten und ihrer Freiheiten vor der Diktatur der Mehrheit.

Parlamentarische Demokratie heisst darΓΌber hinaus: Offenhaltung der Zukunft. Was heute richtig ist, kann sich morgen als falsch erweisen und muss rΓΌckgΓ€ngig gemacht werden kΓΆnnen. Deshalb sind Volksentscheide undemokratisch, denn sie sollen ja Β«ein fΓΌr alle MaleΒ» Dinge entscheiden, die oft mal so, mal so entschieden werden sollen und kΓΆnnen.





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Wahlen sind Volksentscheid alle vier Jahre

Es gibt eine Ausnahme – den Volksentscheid, der alle vier Jahre stattfindet und bei dem alles zur Disposition steht: Parlament, Regierung, Gesetze, sogar die Verfassung selbst. Die Nation, sagte Ernest Renan 1862, sei ein Β«tΓ€gliches PlebiszitΒ», womit er meinte, dass sie – anders als vΓΆlkische Ideologen meinen – weder durch Blut und Boden noch durch Kultur und Religion zusammengehalten werde, sondern durch den Willen der BΓΌrger, gemeinsam ihre Angelegenheiten zu regeln. Alle vier Jahre wird dieses Plebiszit Ereignis.

Die gewΓ€hlten Vertreter mΓΌssen ja nicht sein wie man selbst, ja sollen es nicht sein. Sie sollen sich hineinknien in die Details von Steuermodellen und Rentengesetzen, Cybersicherheit und Wehrtechnik, Klimawandel und Einwanderungspolitik, wΓ€hrend unsereiner oft MΓΌhe hat, einem AuslΓ€nder die Struktur des deutschen Gesundheitswesens, das VerhΓ€ltnis von Bund und LΓ€ndern in der Bildungspolitik, das Ehegatten-Splitting oder den Inhalt des Rundfunkstaatsvertrags zu erklΓ€ren, geschweige denn die ZustΓ€ndigkeiten in der EuropΓ€ischen Union.

AfD ist antiparlamentarische Opposition

Wir delegieren das Kopfzerbrechen, die Auseinandersetzung und die Kompromissfindung an Politik-Generalisten. Das ist Demokratie. Leider sind im deutschen Parlament seit der jΓΌngsten Wahl Leute vertreten, die – BjΓΆrn HΓΆcke hat das Betriebsgeheimnis der AfD ausgeplaudert – Fundamentalopposition betreiben wollen, wozu weder Kopfzerbrechen noch ernste Auseinandersetzung noch erst recht Kompromissfindung nΓΆtig sind.

Erst wenn sie eine absolute Mehrheit hΓ€tten, so HΓΆcke weiter, wollten die Rechtspopulisten auch regieren. Bildeten sie bisher auf Bundesebene eine ausserparlamentarische Opposition, so bilden sie mit dieser Haltung nun im Bundestag eine antiparlamentarische Opposition – zusammen mit der Linkspartei, die sich bisher jedenfalls weigert, Positionen zu rΓ€umen, die ihre Regierungsbeteiligung ausschliessen.

Gewiss ist der Bundestag jetzt politisch, wenn auch nicht sozial, reprΓ€sentativer als zuvor. Gewonnen hat die Demokratie dadurch nicht. Im Gegenteil, so paradox das klingt.



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Die Kontributoren sind externe Autoren und wurden von bilanz.ch sorgfΓ€ltig ausgewΓ€hlt. Ihre Meinung muss nicht mit der Meinung der Redaktion ΓΌbereinstimmen.

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