Guten Tag,
Einst wurde die FDP in der Koalition mit der Kanzlerin fast vernichtet, und jetzt ist eben die SPD im Eimer. Merkel sollte sich fragen, warum Koalitionspartner bei ihr derart geschreddert werden.
Ulf Poschardt
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Es gibt in Deutschland nur noch eine Volkspartei, und das ist die Union. Doch auch die von Merkel gefΓΌhrte CDU sowie die Schwesterpartei in Bayern sind nach vier Jahren grosser Koalition ziemlich kaputt. Aus der grossen Koalition ist eine eher mittlere geworden. Richtig katastrophal ist es fΓΌr die SPD gelaufen. Die stolze, staatstragende Sozialdemokratie wird grausam bestraft fΓΌr ihren verantwortungsvollen Regierungskurs und fΓΌr eine nicht sonderlich inspirierende Kampagne. Der Kanzlerkandidat war rΓΌhrend bemΓΌht und hat dieses Ergebnis eigentlich nicht verdient.
Eine grosse Koalition wird es nun wohl nicht mehr geben. Die SPD will nicht mehr. Und das ist auch richtig. Dennoch haben die Sozialdemokraten bislang stets das Land vor die Partei gestellt. Deswegen muss es jeden Demokraten schmerzen, diese Partei bei gerade mal 20 Prozent zu sehen.
Auch wenn die Kanzlerin beim Blick auf ihre Partei genug zu tun hat, sollte sie sich fragen, warum Koalitionspartner bei ihr derart geschreddert werden. Mit grossem Hunger hatte sich die Kabinettschefin die Themen und Positionen der Sozialdemokraten einverleibt und das Profil der Union entschΓ€rft. Die FDP wurde zwischen 2009 und 2013 in der Koalition mit Merkel fast vernichtet, und jetzt ist eben die SPD im Eimer. Keine Reklame fΓΌr die Kanzlerin als kΓΌnftigen Regierungspartner.
Kommen wir zu den Siegern: den Politikern der AfD, die nun mit bis zu 100 Abgeordneten in das Parlament einzieht β darunter jede Menge Rechtsradikale und Rechtsextreme. Die WΓ€hler der AfD haben diese ziemlich tristen Figuren nicht trotz, sondern wegen ihrer radikalen Positionen gewΓ€hlt. Die AfD ist klassische Protestpartei, aber sie ist eben auch das Resultat einer Union, die gerne rot-grΓΌne Positionen aufsaugt und integriert, aber alles rechts von Volker Kauder der AfD ΓΌberlassen, nein geschenkt hat.
De facto hat die Union die Macher der AfD mit angestiftet, auf dem weiten leeren Feld des politischen Marktes, irgendwo zwischen erzkonservativen und nationalpatriotischen Werten, selbstbewusst ihr Lager aufzuschlagen. Dort thront kΓΌnftig die AfD in Prozentsichtweite zur SPD und ist deutlich stΓ€rker als die GrΓΌnen. Die trΓΌbe Suppe aus wΓΌtenden SpiessbΓΌrgern und aggressiven Rechtsextremisten musste sich fΓΌr dieses Ergebnis nicht einmal richtig anstrengen. Es wurde ihr geschenkt.
Ermittlungen wegen Volksverhetzung, E-Mails im ReichsbΓΌrgerjargon, offener Rassismus auf Parteiveranstaltungen: All das ist kein Problem fΓΌr jene WΓ€hler, die bislang zersplittert bei Sonstigen und den einstigen Vertretern des ErzreaktionΓ€ren wie der DVU, den REPs oder der NPD zu finden waren. Der andere Teil der AfD-WΓ€hler wΓ€re fΓΌr eine austarierte Parteivielfalt Β«linksΒ» der AfD wohl zugΓ€nglich gewesen. Nicht aber fΓΌr jenen Konsensklumpen, der sich in der nun zu Ende gehenden Legislatur links und in der Mitte breitgemacht hat.
Dass die merkelsche FlΓΌchtlingspolitik von der linken Opposition im Bundestag nicht angegriffen wurde, war ebenso fatal wie der affirmative Chor des Moralexzellenz-Clusters in den Medien. Oft genug und zum Teil mit radikaler Konsequenz wurde an vielen BΓΌrgern vorbeigesendet, -geschrieben und -argumentiert.
DarΓΌber wird zu sprechen sein. Boris Palmer, einer der wenigen GrΓΌnen, der Wahlen gewinnen kann, hatte schon am Tag der Wahl die Β«Strategie der DΓ€monisierung, Beschimpfung, Nazifizierung und AusgrenzungΒ» fΓΌr gescheitert erklΓ€rt. Damit argumentiert er gegen seine Partei, die in diesem Wahlkampf schwach, opportunistisch, aber wohl erfolgreich agierte.
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Er trifft aber auch jenes scheinheilig links Β«liberaleΒ» Milieu, das mit grosser Klappe einen antifaschistischen Kampf anzettelte, der vor Selbstgerechtigkeit und Hysterie nur so triefte. Blasiert wurde die eigene urbane Multikultur zwischen Biomarkt und Karneval der Kulturen zum Gesellschaftsmodell hochgefΓΆnt. Auch die Γberlegung, die Wahlbeteiligung zu einem Hauptschauplatz Β«antifaschistischerΒ» LΓ€uterung zu machen, ist gescheitert.
Die rot-grΓΌnen UnterstΓΌtzermilieus haben ihre Parteien mit ihrer Gesinnungsethik in das 29-Prozent-Getto gesperrt. Es wΓ€re zu wΓΌnschen, dass die KlΓΌgeren unter ihnen aufwachen.
Eine Erfolgsgeschichte aus den Herzkammern der Mitte aber gibt es doch: Die FDP ist wieder da und ziemlich stark. Christian Lindner, der Parteivorsitzende, hat in einem singulΓ€ren Stunt die todgeweihte Partei zurΓΌck in RegierungsnΓ€he gebracht.
UnterstΓΌtzt von einem bunten, jungen Parteivolk, das zwischen all der Biederkeit und TrΓΌbheit der Gegenwart angenehm herausstach. Lindner wΓ€re zu wΓΌnschen, dass diese jungen, zum Teil unerfahrenen Abgeordneten vier Jahre in der Opposition bekommen.
Denn Merkel (oder gibt es in der Union einen Aufstand?) und die GrΓΌnen sind nur dann regierungsfΓ€hig, wenn die Kanzlerin und ihre Partei verstehen, dass Koalitionen nicht dazu da sind, die eigenen Partner zu zerstΓΆren, sondern gemeinsam stark zu sein. Besonders wenn im Parlament Muffbacken wie die von der AfD sitzen.
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Die Kontributoren sind externe Autoren und wurden von bilanz.ch sorgfΓ€ltig ausgewΓ€hlt. Ihre Meinung muss nicht mit der Meinung der Redaktion ΓΌbereinstimmen.
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