FΓΌr ein BΓΆrsenkaliber wie Novartis hat dieser Mann das richtige Format. Argeris Β«JerryΒ» Karabelas, die neue Nummer eins im Pharmabereich des Basler Life-science-Giganten, ist ein Superschwergewicht. Seit einem halben Jahr leitet der Amerikaner griechischer Abstammung die KΓΆnigssparte von Novartis, den mit Abstand umsatzstΓ€rksten Bereich Health care mit einem Verkaufsvolumen von 18,8 Milliarden Franken und weltweit ΓΌber 50 000 Mitarbeitern. Wieviel er persΓΆnlich auf die Waage bringt? Β«Oh my god β¦ big!Β», pariert der korpulente Pharmachef die indiskrete Frage. Wie schwer bewusste Selbstkritik auf den BΓΆrsenwert drΓΌckt, erlebte Karabelas Anfang Juni in San Francisco. Am Rande einer von Goldman, Sachs organisierten Finanzanalystenkonferenz Γ€usserte er sich freimΓΌtig ΓΌber den Β«moderaten GeschΓ€ftsgangΒ» von Novartis im zweiten Quartal und vernichtete mit dieser Aussage Buchgeld in astronomischer HΓΆhe. Um mehr als zehn Milliarden Franken sank die Kapitalisierung von Novartis an einem einzigen Tag. Β«Ehrlichkeit ist die beste PolitikΒ», begrΓΌndet der Dreizentnerbrocken seine frΓΌhzeitige Umsatzwarnung. Β«KommunikationsfΓ€higkeit ist eine der wichtigsten Voraussetzungen fΓΌr meinen Job.Β» Β«Wir wollten offen sein und geradeheraus darΓΌber informieren, dass der Enthusiasmus der Anleger die zu erwartenden Verkaufszahlen ΓΌbertrafΒ», erklΓ€rt Karabelas. TatsΓ€chlich waren die Halbjahreszahlen, die fΓΌnf Wochen spΓ€ter verΓΆffentlicht wurden, dann auch alles andere als berauschend: In LokalwΓ€hrungen gemessen, hatte sich der Pharmaumsatz von Novartis gegenΓΌber dem Vorjahr um bescheidene drei Prozent erhΓΆht; umgerechnet in Schweizer Franken blieb unter dem Strich nur noch ein hauchdΓΌnnes Prozentchen an Wachstum ΓΌbrig. FΓΌr einen zusΓ€tzlichen DΓ€mpfer sorgte die Meldung, nach der sich die Zulassung des Alzheimer-PrΓ€parats Exelon in den USA mindestens um sechs bis zwΓΆlf Monate verzΓΆgern dΓΌrfte.
Karabelas ist kein Freund von gewundenen Phrasen. Mit seiner direkten, unformalistischen Art passt er vielmehr perfekt ins ClichΓ© vom liebenswΓΌrdigen Onkel aus Amerika. Β«Jerry ist extrem extrovertiert, ein echter GefΓΌhlsmenschΒ», weiss Professor Michael Lysaght, ein frΓΌherer Teamkollege, zu berichten. Β«Er zieht stΓ€ndig Unmengen an Energie aus dem Umgang mit anderen.Β» Auch Paul Herrling, Pharmaforschungsleiter bei Novartis, zeigt sich von der Β«einladenden ArtΒ» seines neuen Vorgesetzten angetan. Karabelasβ Offenheit habe es ihm ermΓΆglicht, aussergewΓΆhnlich rasch Zugang zu diesem zu finden. Β«Er ist keiner, bei dem man sich monatelang anstrengen muss, um zu begreifen, wie er denktΒ», sagt Herrling. Gleichwohl scheint es sich zu empfehlen, Besprechungen mit Karabelas minuziΓΆs vorzubereiten, denn der umgΓ€ngliche Ami - so wird ihm allseits attestiert - verfΓΌgt nebst pharmazeutischer Fachkenntnis ΓΌber ein wahres ElefantengedΓ€chtnis. Β«Man muss wahnsinning gut prΓ€pariert sein, denn Karabelas weiss meistens mehrΒ», beschreibt ein Projektleiter dieses Dilemma. Selbst ein ausgewiesener Fachmann wie Herrling erlebt den Dialog mit dem neuen Pharmachef als Β«sehr intensivΒ». Explizit lobt Herrling die Β«guten, spannungsvollen DiskussionenΒ» und bezeichnet es als Β«ChallengeΒ», an einen Kollegen zu rapportieren, Β«der es dann auch versteht, die richtigen Fragen zu stellenΒ».
Dank Karabelasβ solidem Background gehΓΆrt er zu den wenigen Topmanagern in der Pharmaindustrie, die nicht nur im Marketing den Durchblick haben, sondern auch problemlos in der Lage sind, sich mit den Spezialisten aus der Forschungsabteilung zu unterhalten. Nach ΓΌber 15 Dienstjahren bei SmithKline Beecham dΓΌrfte ihm der Wechsel an die Schalthebel von Novartis auch insofern nicht sonderlich schwer gefallen sein, als er beim britisch-amerikanischen Pharmakonglomerat Β«in den kommenden Jahren wahrscheinlich keine Aussicht auf den Topjob gehabtΒ» hΓ€tte, wie das Β«Wall Street JournalΒ» im Dezember 1997 bemerkte. Sein Grundstudium in Biochemie absolvierte Karabelas an der UniversitΓ€t von New Hampshire, wohin sein Vater, ein griechischer PΓ€dagoge aus Kalamata (Peloponnes), Anfang der fΓΌnfziger Jahre emigriert war. Bereits als Gymnasiast hatte Jerry sein Taschengeld hin und wieder aufgebessert, indem er nach Schulschluss LaborglΓ€ser auswusch. Um das Familienbudget zu entlasten, jobbte er spΓ€ter auf der Notfallstation eines Krankenhauses und finanzierte so seinen akademischen Werdegang mit. Mit einem Biochemie-Abschluss in der Tasche, schrieb sich Karabelas am Massachusetts College of Pharmacy ein, wo er sich dem Spezialgebiet der Pharmakokinetik zuwandte und zum Thema Β«Pharmacokinetic Formulation OptimizationΒ» eine Doktorarbeit schrieb. Mit anderen Worten ist Karabelas ein ausgewiesener Fachmann bezΓΌglich der Frage, nach welchen GesetzmΓ€ssigkeiten sich Medikamente im menschlichen Organismus verteilen.
Ein bemerkenswert talentiertes Individuum war JerryΒ», erinnert sich Professor Robert Mendes, der ihn damals fachlich betreute und noch heute grosse StΓΌcke auf ihn hΓ€lt. Β«Er war extrem intelligent und arbeitete gleichzeitig sehr hart.Β» GenΓΌgend hart jedenfalls, dass sich der junge Naturwissenschaftler parallel zu seinem Pharmaziestudium auch noch an der Boston University immatrikulieren konnte. Nebenbei besorgte sich Karabelas dort den Fachausweis eines Master of Business Administration. Unmittelbar nach seiner Promotion machte ihn Robert Mendes zum Assistenzprofessor. Β«FΓΌr mich gab es zwar nie einen Zweifel, dass Jerry in die Wirtschaft gehen wΓΌrdeΒ», sagt sein wissenschaftlicher Mentor im RΓΌckblick. Β«So blieb er uns aber wenigstens noch eine Zeitlang hier am Institut erhalten.Β» Die Vorahnung des Professors sollte sich bewahrheiten: 1981 stieg Karabelas beim Pharmakonzern Smith, Kline and French in Philadelphia ein, wo er in den kommenden Jahren verschiedene Positionen mit wachsender Verantwortung im Verkauf und im Marketing innehatte. Als es im FrΓΌhjahr 1989 zum Schulterschluss zwischen SmithKline und dem britischen Pharmakonzern Beecham kam, verabschiedete sich Karabelas vorΓΌbergehend in Richtung Biotech-Branche. Bis heute macht er keinen Hehl daraus, dass er Fusionen im allgemeinen nichts abzugewinnen vermag: Β«Ich hasse ZusammenschlΓΌsseΒ», gibt er treuherzig zu und fΓΌgt schmunzelnd bei: Β«Als Manager mΓΆchte ich etwas erreichen. Fusionen behindern mich dabei, weil sie zuviel ManagementkapazitΓ€t binden.Β»
Folglich liess er sich Ende der achtziger Jahre nicht ungern auf das Angebot amerikanischer Risikokapitalisten ein und ΓΌbernahm als CEO vorΓΌbergehend die Leitung einer kleinen Start-up-Firma, die sich auf Projekte im Bereich der Zelltransplantation spezialisiert hatte. Bei Cytotherapeutics mit Sitz in Providence (Rhode Island) arbeiteten damals gerade einmal acht oder neun - allerdings hochkarΓ€tige - Wissenschaftler. Vom ersten Tag an verstand es Karabelas, das individualistische GrΓΌppchen zu einem Team zusammenzuschweissen und das junge Biotech-Unternehmen kompromisslos auf Leistung zu trimmen. Nach Karabelasβ Rolle gefragt, nimmt Professor Michael Lysaght von der Brown University, der in Providence seinerzeit die Forschungsarbeiten ΓΌberwachte, zu einem Vergleich aus dem Motorsport Zuflucht: Β«Nach seiner Ankunft wurde der Rennwagen mit Namen Cytotherapeutics von einem Formel-1-Mechaniker eingestellt, und nicht mehr von den Jungs an der Tankstelle.Β»
Β«Er betrachtete das Unternehmen als seine Familie und verhielt sich auch soΒ», beschreibt der Neurologe Patrick Aebischer, ein anderer WeggefΓ€hrte aus jener Zeit, Karabelasβ Clan-orientierten FΓΌhrungsstil. GemΓ€ss Aebischer, der heute am UniversitΓ€tsspital von Lausanne arbeitet, zeigte Karabelas auch als Chief Executive Officer keine Spur von Arroganz. Β«Er behandelte die einfachen Mitarbeiter genau gleich wie die Kaderleute.Β» Ein harmloser Β«Mister Nice GuyΒ» war er trotzdem nicht. Im Gegenteil: Wenn Karabelas sah, dass innerhalb der Start-up-Firma irgend etwas falsch lief, erwies er sich als unerbittlich. UnverzΓΌglich zitierte er den fΓΌr den Missstand verantwortlichen Mitarbeiter herbei und las ihm die Leviten. Β«Dabei wirkte er auf mich oft wie ein liebender, aber gestrenger VaterΒ», entsinnt sich Professor Lysaght.
Die Mehrzahl der Kollegen bei Cytotherapeutics waren jedenfalls ziemlich enttΓ€uscht, als Karabelas seinen Chefsessel noch vor Ablauf eines Jahres wieder rΓ€umte. Anfang 1990 unterbreitete ihm der fusionierte SmithKline-Beecham-Konzern einen RΓΌckkommensantrag, den der damals 37jΓ€hrige Pharmaexperte - wie man gemeinhin sagt - nicht ausschlagen konnte. Vielleicht spΓΌrte Karabelas auch, dass er mit seinen Talenten in einem Grosskonzern besser aufgehoben war als bei einer Start-up-Company. Β«Jerry ist eher der Typ Kommandant auf einem FlugzeugtrΓ€ger als der KapitΓ€n auf einer kleinen FregatteΒ», umtermauert Lysaght diese These. Bei SmithKline Beecham (SKB) trug er von nun an den respektvollen Titel eines Senior Vice President und koordinierte die MarketingaktivitΓ€ten des Konzerns in den USA. Ab 1993 leitete er bereits das PharmageschΓ€ft von SKB in ganz Nordamerika. Gleichzeitig ΓΌbernahm Karabelas auch noch den Vorsitz bei Diversified Pharmaceuticals, einem IntermediΓ€r in der Distributionskette auf dem amerikanischen Gesundheitsmarkt, den sich der Grosskonzern auf sein Betreiben hin fΓΌr 2,3 Milliarden Dollar einverleibte. Doch anstatt die erhofften Wachstumsimpulse fΓΌr das PharmageschΓ€ft von SKB zu bringen, entpuppte sich die Γbernahme im nachhinein als teurer Flop.
Karabelas internem Aufstieg konnte dieser Missgriff nichts anhaben. 1995 wurde er in die SKB-GeschΓ€ftsleitung berufen; zwei Jahre spΓ€ter befΓΆrderte man ihn zum Executive Vice President und ΓΌbertrug ihm die Gesamtverantwortung fΓΌr den Bereich der rezeptpflichtigen Medikamente. Hinter der Direttissima in Richtung Konzernspitze stand Karabelasβ beeindruckender Leistungsausweis: Unter seiner Γgide gelang es SKB innert weniger Jahre, neun neuartige Substanzen - darunter gleich mehrere sogenannte Blockbuster - auf den Weltmarkt zu bringen. Dieser beeindruckende Leistungsausweis dΓΌrfte es denn auch gewesen sein, der im Sommer letzten Jahres das Interesse von Novartis-Chef Vasella weckte. Via die Washingtoner Headhunting-Firma Russell Reynolds wurde Karabelas zunΓ€chst in seiner Heimat diskret Β«angebohrtΒ», um im September 1997 - anlΓ€sslich eines ersten persΓΆnlichen Treffens in Basel - von CEO Daniel Vasella bereits die Eckpunkte seines Pflichtenhefts bei Novartis zu erfahren. Zentrale Aufgabe: Karabelas soll sicherstellen, dass die pralle Forschungspipeline auch kommerziell die erhofften FrΓΌchte trΓ€gt. In den kommenden drei, vier Jahren gedenkt der Basler Pillenkonzern gegen zwanzig neue Substanzen auf den Weltmarkt zu bringen. Β«Kein Unternehmen ist besser positioniert, um auf dem globalen Pharmamarkt erfolgreich zu seinΒ», verkΓΌndet Karabelas, nachdem er sich in den letzten sechs Monaten in die einschlΓ€gigen Dossiers eingelesen hat. Kritische EinwΓ€nde nimmt der Leiter der Division Gesundheit durchaus ernst. So verspricht er etwa, den Medikamentenumsatz in den USA, wo der Markt doppelt so schnell wΓ€chst wie anderswo auf der Welt, im Verlauf der kommenden Jahre von heute 35 Prozent auf rund 50 Prozent der PharmaverkΓ€ufe hochzustemmen. ErmΓΆglichen soll dies eine geballte Ladung von innovativen Neulancierungen in besonders wachstumsstarken Therapiebereichen. Β«Je schneller wir neue PrΓ€parate einfΓΌhren, desto besser geht es NovartisΒ», lautet das Credo des Marketingprofis.
Abgesehen von dem bereits eingangs erwΓ€hnten Alzheimer-Medikament Exelon verweist Karabelas in diesem Zusammenhang auf die drei Neuentwicklungen Starlix (gegen Diabetes), E 25 (gegen Asthma und Heuschnupfen) sowie Zelmac (gegen Reizdarm), die alle ein beachtliches kommerzielles Potential aufweisen und um die Jahrtausendwende auf den Markt kommen sollen (vergleiche auch die Grafik auf dieser Seite). Von der letztgenannten Wirksubstanz gegen VΓΆllegefΓΌhl und Flatulenz scheint er besonders angetan: Β«Vielleicht ist Zelmac das aussichtsreichste Produkt in unserer Pipeline.Β» Von einem Kaliber wie Karabelas ist zu erwarten, dass er auch der Forschungspipeline von Novartis seinen Stempel aufdrΓΌckt. Nach Abschluss der jΓΌngsten Β«Forschungs-revueΒ», bei der am Konzernsitz ΓΌber hundert Einzelprojekte prΓ€sentiert und evaluiert worden sind, hat es der promovierte Pharmakokinetiker jetzt in der Hand, die Forschungsweichen neu zu stellen. In Anbetracht der mit ΓΌber acht Milliarden Franken dotierten Akquisitionskasse, ΓΌber die der Basler Pharmakoloss verfΓΌgt, hΓ€tte Karabelas wohl nichts dagegen, neben den sieben angestammten Therapiebereichen von Novartis (Immunologie, Herz-Kreislauf-StΓΆrungen, Zentralnervensystem, Krebsleiden, Dermatologie, Endokrinie und Asthma) in weitere, bisher nur schwach beackerte Forschungsgebiete vorzudringen. Β«Die Wirkstoffgruppe der Antiinfektiva sind ein solches GebietΒ», verrΓ€t Forschungschef Paul Herrling. Β«Wir stellen uns gegenwΓ€rtig die Frage, ob es sich lohnt, hier etwas systematischer einzusteigen.Β»
Ein weiteres zukunftstrΓ€chtiges Gebiet heisst im Forscherslang Β«PharmacogenomicsΒ» und bezeichnet den Versuch, mit molekularbiologischen Methoden zu eruieren, weshalb Patienten mit verschiedenen genetischen Erbanlagen auf das gleiche Medikament unterschiedlich reagieren. Anhand der dabei erzielten Erkenntnisse soll versucht werden, medikamentΓΆse Therapien gleichsam massgeschneidert auf die genetische Disposition einzelner Patienten anzustimmen. Β«Wenn es gelingt, die Krankheitsrisiken der Leute zu identifizieren, bevor die Krankheit tatsΓ€chlich ausbricht, erΓΆffnet sich fΓΌr die Pharmaindustrie ein ganz neues FeldΒ», prophezeit Karabelas. Anscheinend ist man in Basel bereits eifrig dabei, entsprechende Forschungsgruppen aufzubauen. Β«Wir werden nicht Diagnostik um der Diagnostik willen betreiben, und wir werden auch keine Hardware verkaufenΒ», grenzt sich Paul Herrling schon einmal prΓ€ventiv von der Lokalkonkurrenz ab. Ob Novartis vermehrt in Richtung Diagnostik beziehungsweise PrΓ€ventivtherapeutika gehen wolle, bestΓ€tigt der Forschungschef, sei ebenfalls Gegenstand von Diskussionen. Β«Vasella lΓ€sst mir viel Spielraum, was die operationelle Seite und die Zusammensetzung unseres Produkteportfolios betrifftΒ», umschreibt derweil Karabelas seine Kompetenzen. Bei strategischen Entscheiden, differenziert er sogleich, liege die Verantwortung hingegen klar bei Vasella: Β«Ich ΓΌbernehme dann jeweils die Rolle desjenigen, der versucht, Entscheidungsalternativen aufzuzeigen.Β» Sein persΓΆnliches VerhΓ€ltnis zu Β«DanΒ» sei durch eine Β«sehr komplementΓ€re Sicht der DingeΒ» geprΓ€gt, freut sich Karabelas. Β«Wir sind Γ€hnlich veranlagt, was unsere Passion fΓΌr die Pharmazie und unsere Liebe zum Detail betrifft.Β»
Die Rolle, die ihm Vasella zugedacht hat, definiert der Leiter der mit Abstand wichtigsten Division bescheiden als diejenige eines Β«OptimierersΒ». Β«Im Grunde arbeite ich gar nichtΒ», beschreibt er seinen Tagesablauf mit dem ihm eigenen Humor. Β«Ich nehme an zahllosen Sitzungen teil, erteile eine Menge RatschlΓ€ge und versuche, mΓΆglichst viele Entscheide zu treffen.Β» Im Schnitt erfΓΌllt er die beschriebenen TΓ€tigkeiten wΓ€hrend 14 Stunden am Tag; so etwas wie Arbeitsscheu ist dem neuen Mann mithin nicht vorzuwerfen. Kein Wunder, zeigt sich CEO Vasella von seiner Β«NeuakquisitionΒ» entzΓΌckt und streicht Karabelasβ hohe Sozialkompetenz heraus. Der neue Divisionsleiter sei nicht nur Β«kompetent, dynamisch und entscheidungsfreudigΒ», urteilt Vasella auf Anfrage, sondern erweise sich im Kollektiv auch als Β«ein aufgeschlossener TeamplayerΒ». Nach sechs Monaten, diagnostiziert der frΓΌhere Oberarzt, sei der Β«positive ImpaktΒ» fΓΌr die Firma bereits deutlich feststellbar.
Unter anderem gehΓΆrt es derzeit zu Karabelasβ Pflichten, sΓ€mtliche Budgets im Pharmabereich um zehn Prozent zu kΓΌrzen, eine kurzfristige SparΓΌbung, die sein Chef als Reaktion auf die enttΓ€uschenden Verkaufszahlen verfΓΌgt hat. Γber alle Abteilungen und Projektgruppen hinweg, erzΓ€hlt ein Laborleiter, wΓΌrden neben den Reisekosten und Spesen neuerdings zum Beispiel auch die Ausgaben fΓΌr das BΓΌromaterial minuziΓΆs kontrolliert. Dass er es auf unorthodoxe Art versteht, seine Mitarbeiter zum Sparen anzuhalten, hat Karabelas schon einmal unter Beweis gestellt. Als CEO von Cytotherapeutics fΓΌhrte er Ende der achtziger Jahre die Verleihung eines Preises ein, der jeden Monat an denjenigen Mitarbeiter vergeben wurde, der auf GeschΓ€ftsreise das preisgΓΌnstigste Hotelzimmer ausfindig machen konnte. Ob es ihm mit Γ€hnlich originellen VorschlΓ€gen gelingt, die ProduktivitΓ€t einer Novartis zu heben? Insbesondere mit den Leistungen des Verkaufspersonals an der Front ist er ΓΌberhaupt nicht zufrieden: Β«Im Aussendienst gibt es noch jede Menge zu verbessernΒ», verheisst Karabelas. Die globalen MarketingaktivitΓ€ten ΓΌbersieht und koordiniert er bis auf weiteres selbst, zumindest so lange, bis ein valabler Kandidat fΓΌr den verantwortungsvollen Posten gefunden ist.
Zu den heiligen Kühen, die Karabelas in Basel vorgefunden hat, gehâren in erster PrioritÀt die komplizierten und oftmals ineffizienten Entscheidungsmechanismen. Die spezielle Art von FakultÀtsstimmung, wie sie auf den Fluren der früheren Ciba wehte, will der ergebnisorientierte Amerikaner radikal ausmerzen. Eine Reihe von «überflüssigen Komitees und Meetings», sagt der im Januar inthronisierte Pharmagewaltige, seien in der Zwischenzeit bereits abgeschafft und dabei ein- oder zwei Hierarchiestufen eliminiert worden. Mit zweifelhaftem Erfolg auf die Stimmung im Haus. Von einer allmÀhlich abklingenden Fusionsangst, verlautet an der Basis, mutiere die kollektive Befindlichkeit derzeit schier nahtlos in Richtung Frustration. Eine erstaunlich hohe Zahl an freiwilligen Kündigungen, gerade seitens jüngerer Angestellter, scheint die Verleidertendenz auf fatale Weise zu belegen. «Das Topmanagement ist zu sehr mit sich selbst beschÀftigt und hat den Kontakt zur Belegschaft verloren», formuliert stellvertretend ein Projektleiter aus der Entwicklungsabteilung die verbreiteten Klagen. Fatales Indiz für diese Entfremdung: Botschaften, die von ganz oben kommen, decken sich zuweilen nur noch schlecht mit den Anweisungen der direkten Vorgesetzten. «In der Belegschaft dominiert das Gefühl, vom Management nicht wahrgenommen zu werden», bestÀtigt die PrÀsidentin der Angestelltenvertretung von Novartis, Kathrin Amacker. «Die Leute merken, dass man sich nicht um sie kümmert.» Mit Vasella und Karabelas verfügt die Konzernleitung von Novartis neuerdings gleich über zwei sogenannt charismatische Führungspersânlichkeiten. In einem betrieblichen Umfeld, das an Frustration, AnonymitÀt und mangelnder Indentifikationsmâglichkeit leidet, werden sie ihre integrativen und motivierenden FÀhigkeiten gut gebrauchen kânnen.
Zwar huldigen sie beide einem Γ€hnlich anspruchsvollen Arbeitsethos und scheinen sich auf der inhaltlichen Ebene hervorragend zu verstehen. Gleichzeitig legen Vasella und Karabelas aber jeder fΓΌr sich ein ausgeprΓ€gtes GeltungsbedΓΌrfnis an den Tag - eine Ausgangslage, die es mit Spannung zu verfolgen gilt. Β«Falls es zwischen Vasella und Karabelas zu Synergien kommtΒ», orakelt der Neurologe Patrick Aebischer, Β«bilden sie ein perfektes Paar.Β»
Zum Zeichen kollegialer WertschΓ€tzung hat Vasella sein BΓΌro im Basler St.-Johanns-Quartier mittlerweile an den neuen Pharmachef abgetreten. Der Konzernchef selbst residiert seither an der frΓΌheren ArbeitsstΓ€tte des legendΓ€ren Fusionsarchitekten, Ex-Sandoz-Patriarch Marc Moret. Falls sich dessen Pendent bei der frΓΌheren Ciba, der heute 67jΓ€hrige Alex Krauer, statutengemΓ€ss von seinem Amt als Novartis-PrΓ€sident verabschieden sollte und ihm CEO Vasella im April 2002 tatsΓ€chlich nachfolgt, wird fΓΌr Jerry Karabelas theoretisch schon in gut dreieinhalb Jahren die ultimative Hierarchiestufe frei. VerfrΓΌhte Hoffnungen auf den Topjob sollte sich der Mann aus Philadelphia allerdings keine machen. Denn was das geeignete Mass an MachtfΓΌlle angeht, dΓΌrfte sich Β«Super-DanΒ» vermutlich am Vorbild seines persΓΆnlichen FΓΆrdereres orientieren. WΓ€hrend Jahren hielt Moret neben seiner Aufsichtspflicht als Verwaltungsrat bekanntlich auch noch die operativen ZΓΌgel fest in der Hand - eine hΓΌbsche Familientradition, die der Ehemann von Morets Nichte dereinst wohl gerne fortfΓΌhren wΓΌrde.