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Abschied

André Béchir: Ein Abgang ohne Crescendo

Noch ein letztes Mal die Stones: Der melancholische Abschied des grossen Konzertveranstalters.

Philipp Albrecht

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André Béchir: Fast 5000 Konzerte in 45 Jahren gehen auf sein Konto.Tom Kawara RMS

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André Béchir macht gerade Ferien in der Arktis, als ihn BILANZ für ein Gespräch anfragt. Er habe kein vernünftiges Internet, sagt seine Assistentin. Er könne keine Fragen per Mail beantworten. Er bedauere das sehr, lässt Béchir ausrichten.
Doch ist das die ganze Wahrheit? Möglich, dass der Chef des Konzertveranstalters Abc Production gerade jetzt nicht reden darf. Genauso wie sein Konkurrent Thomas Dürr von Act Entertainment. Die beiden grössten Booker der Schweiz stehen kurz vor der Fusion. Der deutsche Ticketkonzern CTS Eventim, der schon an beiden Firmen die Mehrheit hält, will sie verschmelzen.

Fehlende Anerkennung

Bezeichnend für seine Karriere, ging die News von Radio SRF im April gänzlich unter, dass der Mann, der in der Schweiz fast 5000 Konzerte veranstaltete, abtreten werde. Der legendärste und prägendste Organisator litt 45 Jahre unter fehlender Anerkennung. Das Establishment verspottete ihn für seine Liebe zur unseriösen Musik, die Linke hasste ihn für die hohen Ticketpreise, und für die Feuilletonisten verkörperte er den kommerziellen Massengeschmack. Er konnte es keinem recht machen.
Béchir selber klagte regelmässig über die fehlende Infrastruktur. Es gebe zu wenig grosse Hallen und Stadien für Megakonzerte. Selbst der Umbau des Hallenstadions vor 13 Jahren reichte ihm nicht: «Es bietet oft weder für die aufwendigen Bühnenproduktionen noch in Sachen Zuschauerkapazität genügend Platz», sagte er einmal. Das sei auch der Grund für die hohen Ticketpreise.

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Das Business wurde in den letzten Jahren immer härter, die Verhandlungen komplexer. Einen Gewinn erzielen Veranstalter nur noch, wenn sie mehr als 90 Prozent der Tickets verkaufen. Die Situation hat sich in den letzten Monaten zugespitzt. «Es sind sehr viele Spekulationen über Fusionen und Markteintritte im Raum, keiner weiss genau, was passieren wird», sagt ein Veranstalter.

Das Geld steht heute im Vordergrund

Alte Männer, die von früher schwärmen und übers Heute klagen, nimmt man nicht für voll. Bei Béchir darf man eine Ausnahme machen. Seine Arbeit sei eine Passion gewesen, sagte er vor zwei Jahren, heutzutage stehe das Geld im Vordergrund. Das Business mit grossen Acts läuft nicht mehr über Personen. Das sehen leider alle Branchenkollegen so. Béchir haben die meisten schon abgeschrieben. Sie würdigen sein Lebenswerk, aber nehmen ihn nicht mehr ernst. Es werde niemals mehr einen wie ihn geben, der den Markt über Jahrzehnte beherrsche, glaubt ein Kenner.
Béchirs Konzerte lesen sich wie Playlists der klassischen Rockmusik. Er holte die Rolling Stones, AC/DC, Guns N’ Roses, Black Sabbath, Queen, The Who, Joe Cocker, Pink, Coldplay, Bob Dylan, Bruce Springsteen oder Madonna auf Schweizer Bühnen. Mit Tina Turner und Phil Collins ist er privat befreundet.

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Abschied mit den Rolling Stones?

Man weiss nie so recht bei ihm. Mehrmals kündigte er an, sich zurückzuziehen, eine Autobiografie zu schreiben, nur noch zu beraten. «Abgang?», fragt ein Branchenkollege rhetorisch. «Ich glaube es erst, wenn es passiert ist.» Auch jetzt kokettiert André Béchir wieder mit einem kompletten Rückzug. Mit 68 Jahren hat er das Pensionsalter längst erreicht. Darum vermuten einige, dass der Gig der Rolling Stones am 20. September im Zürcher Letzigrund sein Abschied werden dürfte. Vielleicht auch das letzte Schweizer Konzert der Stones, die auf ihrer aktuellen Europatournee nur noch ein Dutzend Mal auftreten. Mick Jagger ist jetzt 74, sein Schlagzeuger Charlie Watts noch zwei Jahre älter.
Es ist Béchir zu verdanken, dass die Stones überhaupt noch nach Zürich kommen. Er hat 12 ihrer 13 Schweizer Konzerte organisiert, jedes seit 1973. Sie kennen keinen anderen Booker in der Schweiz. Aber eine richtige Freundschaft sei nie entstanden: «Mick ist zwar sehr loyal, pflegte aber nie enge Beziehungen zu Veranstaltern», sagte Béchir im Frühling zu BILANZ. Wenns hoch komme, spreche man vielleicht vor einem Auftritt eine Viertelstunde lang miteinander. Ihm sei es recht, die Musik stehe ohnehin im Vordergrund: «Sie legen eine unheimliche Spielfreude an den Tag. Man sieht ihnen an, dass sie nicht mehr spielen müssen, sondern wollen.»

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Zur rechten Zeit am rechten Ort

André Béchir war zur rechten Zeit am rechten Ort. Im Jahr 1970 legte er mit zwei Kollegen los. Damals konnte man in der Schweiz die Auftritte internationaler Acts an einer Hand abzählen. Das Trio reiste nach London, um Led Zeppelin zu einem Schweizer Gig zu überreden. Zurück kamen sie dann mit Deep Purple. Das Konzert in der Eishalle Wetzikon kostete 25 Franken und war blitzschnell ausverkauft. Zwei Jahre später kauften sie die Konzertagentur Good News und machten auf gleichem Niveau weiter.
Zu den Höhepunkten zählen Bob Marley 1980 im Hallenstadion und Madonnas erstes Schweizer Konzert 2008 in Dübendorf mit 73'000 Zuschauern. Bis dahin hatte Béchir mit dem Hallenstadion ein Exklusivrecht für Konzerte. Act-Entertainment-Chef Thomas Dürr, der unter anderem das Greenfield Festival in Interlaken organisiert, klagte dagegen und bekam von der Wettbewerbskommission recht.

Lukrative Deals

Mit dem Verkauf von Firmenanteilen verdiente Béchir mehr als mit Konzerten. Zur Blütezeit 1980 verkaufte er 95 Prozent seiner Aktien ans Medienhaus Ringier. 1995 kaufte er 45 Prozent zurück, die er fünf Jahre später wiederum an die Deutsche Entertainment (DEAG) veräusserte. 2007 verkaufte er auch die letzten fünf Prozent an Ringier. Ein Jahr später stieg er als CEO und 2012 auch als Berater aus. Zum Entsetzen von Ringier aktivierte er umgehend die Firma Abc Production, die er bereits 2009 vorausschauend ins Handelsregister hatte eintragen lassen. 80 Prozent der Aktien verkaufte er CTS Eventim.

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Fortan holte er wieder die grossen Acts auf die Bühne. Er hatte alle im Glauben gelassen, er gehe in den Ruhestand. Wahrscheinlich hatte er selber daran geglaubt. Aber Béchir könne einfach nicht anders, meint einer, der ihn kennt. Bei Ringier dachte damals niemand an ein Konkurrenzverbot. Mit Verlust wurden die übrigen Anteile 2013 an die DEAG verkauft.

US-Konzertgigant Live Nation übernahm

Plötzlich war er wieder operativ unterwegs, brachte Acts wie Depeche Mode und Justin Timberlake auf die Bühnen. Gleichzeitig näherte sich aber der US-Konzertgigant Live Nation dem Béchir-Territorium. Von Beverly Hills aus schluckte der Konzern Tickethändler, Managementagenturen und Konzerthallen. Künstler wie Madonna und U2 schlossen mit Live Nation zum Teil absurde zwölfjährige Deals ab und kündigten die Zusammenarbeit mit ihren Musiklabels. Jahrzehntelang war das Veranstalterbusiness in Regionen unterteilt, Live Nation machte es global. Im Juli übernahmen die Amerikaner das Openair Frauenfeld – mit 50'000 Eintritten pro Tag das grösste Schweizer Festival.
Béchir verlor eine Band nach der anderen. Auch jene, die er jahrelang betreut hatte. Besonders bitter: Konkurrent Dürr darf über seine Act Entertainment die Schweizer Konzerte von Live Nation durchführen. Zwar mit deutlich kleinerer Marge, aber immerhin ein wachsendes Business. Coldplay lief über, Depeche Mode, ja sogar Béchirs Freund Phil Collins unterschrieb bei den Amerikanern. Inzwischen holt Live Nation 3200 Acts in 40 Ländern auf die Bühne und betreibt über 90 Festivals.

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Kleinere Veranstalter schliessen sich zusammen

Sogar bei Bands aus der zweiten und dritten Reihe gibt es kaum mehr Spielraum. Kleinere Veranstalter bündeln nun ihre Kräfte. Unter der Marke WePromote organisieren vier Booking- und Managementagenturen Konzerte und Festivals und vermarkten heimische Künstler wie Stress, Adrian Stern oder Pegasus. Die Openair-Grössen Gurten und St. Gallen sind auch im Boot. «Wir haben uns zusammengeschlossen, um als unabhängige Veranstalter gemeinsam zu agieren und Synergien zu nutzen», beschreibt es Eric Kramer, Co-Chef der Zürcher Musikagentur Gadget.
Béchir kann mit jungen Künstlern ohnehin nichts anfangen. «Er bringt Bands, die er immer gebracht hat», sagt ein Kenner, «Bands, die nicht mehr lange auf der Bühne stehen werden.» In Interviews offenbarte er zuletzt Fehlprognosen. Wie vor zwei Jahren in der «Basler Zeitung», als er monierte, die jungen Künstler hätten zwar dank Social Media Erfolg, aber man kenne weder Namen noch Gesichter: «Adele ist eine geniale Sängerin, aber es wird sie wahrscheinlich kaum jemand erkennen, wenn sie in der Schweiz über die Strasse geht.»

Ungeduldig und streitlustig

Frühere Mitarbeiter bezeichnen den Chef als Machtmenschen und Kontrollfreak. Im Arbeitsalltag sei er ungeduldig und streitlustig. Durch die neue Marktordnung im Veranstalterbusiness wurden diese Attribute nun noch mit Bitterkeit überzogen. Zuletzt soll Béchir am Abc-Sitz in Glattbrugg wiederholt laut geworden sein. Mehrere Angestellte und Kader haben die Firma in den letzten Monaten verlassen. Hat der kinderlose Konzertkönig, der nie potenzielle Nachfolger förderte, Anschluss und Abgang verpasst? «Wahrscheinlich geht er zwei Jahre zu spät», sagt einer, der ihn kennt.

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Den einigermassen krönenden Abschluss mit den Stones im Letzigrund will ihm am Ende keiner vergönnen. Ein ausverkauftes Stadion wäre dazu Pflicht. Doch einen Tag vor dem Konzert sind im offiziellen Vorverkauf noch Tickets zu haben.
Wie Schweizer Musikschaffende heute Geld verdienen, sehen Sie in der Bildergalerie:
Wie Schweizer Musiker heute gutes Geld verdienen:Nur eine kleine Minderheit der Musikschaffenden profitiert auch wirtschaftlich. Experten schätzen, dass in der Branche knapp ein Dutzend Künstler gut von der Musik leben können. Mit dem Rückgang der CD-Verkäufe verkam den meisten die wichtigste Einnahmequelle zu einem Rinnsal.
Im Rekordjahr 2000 wurden in der Schweiz 19,6 Millionen CDs verkauft. 2015 waren es noch 3,6 Millionen. An jeder verkauften CD verdienen die Musiker, sofern sie die Stücke selber komponiert haben, rund 10 Prozent des Verkaufspreises, also zwischen 2,50 und 3 Franken. Bei den Downloads ist der Verdienst leicht tiefer.
Doch wer heute Musik hören will, der streamt. Die Musikverwertungsgesellschaft Suisa geht für Schweizer Komponisten von einem ungefähren Durchschnittsumsatz von 0,0018 Franken pro gestreamten Song aus. Je nach Deal zwischen Label und Komponist schaut mehr oder weniger heraus.
Zu den besten Zeiten konnten sich die Bands nach der Albumaufnahme zurücklehnen und die Kasse klingeln lassen. Heute geht nach dem Studio die Arbeit erst richtig los. Früher waren Konzerte eine Art Zugabe, heute spielen die Musiker das ganze Jahr durch. Wer dann auf der eigenen Tour nicht in vollen Clubs und Sälen spielt, zahlt oftmals drauf. Mittelgrosse Acts zahlen ihren Livemusikern um die 400 Franken pro Auftritt.
Die Musikproduktionsfirma HitMill, hinter der die drei Partner Georg Schlunegger, Roman Camenzind und Fred Herrmann stehen, nehmen neu auch Künstler unter Vertrag. Camenzind: «Ein Album aufzunehmen, zu gestalten und zu promoten, kostet um die 100'000 Franken. Weil die Labels dieses Risiko immer seltener eingehen, übernehmen wir nun das Gesamtpaket.»
Eine schöne Nebeneinkunft sind die Tantiemen. Radios, Konzertveranstalter, Clubbetreiber, Download-Plattformen und Streaming-Portale müssen sie den Verwertungsgesellschaften, allen voran der Suisa, abgeben. Die behält 12 Prozent und zahlt den Rest den Komponisten aus. Es heisst, dass der Sänger Charles Aznavour («La Bohème») Schweizer Tantiemen-König ist. Der 92-jährige Franzose, der seit einiger Zeit in Genf lebt, bezieht jedes Jahr über 500'000 Franken an Urheberrechtsentschädigungen.
«Captain Of Her Heart», der Welthit von der Zürcher Band Double, gilt aus Tantiemen-Sicht als einträglichster Schweizer Song aller Zeiten. Er schaffte es 1985 in die US-Top-20 und wird noch heute weltweit am Radio gespielt. Co-Verfasser Kurt Maloo, der heute in Hamburg lebt, erhält jedes Quartal einen fünfstelligen Betrag.
Der Glarner Produzent Fridolin Walcher, alias Freedo, hat die letzten zwei Jahre mit Hits für die schwedische Sängerin Zara Larsson («Lush Life») und den deutschen Rapper Cro («Traum»; Bild) viel Geld verdient. Die Suisa zahlte ihm für «Traum» gut 200'000 Franken aus.
Über die letzten Jahre betrachtet, hat kein Schweizer Künstler mehr Geld verdient als DJ Antoine. In Vierrad-Währung umgerechnet, liege pro Suisa-Abrechnung «zwischen einem Kleinauto und einem Sportwagen» drin.
Besonders lukrativ und die wachstumsstärkste Einnahmequelle sind Auftritte an Firmenanlässen. Die Gagen sind bis zu doppelt so hoch wie für Konzerte. Bei DJ Antoine ist jeder vierte Auftritt ein Corporate Gig, er zählt auch Privatanlässe von Neureichen dazu. Seine Gage liegt zwischen 25'000 und 50'000 Franken.
Marc Sway erhält laut seinem Manager Hugo Mauchle für einen Firmenauftritt rund 25'000 Franken. «Das Geld teilt er aber mit der sechsköpfigen Band, der Technik, dem Mischer und dem Booking.»
Daneben zählen Anna Rossinelli, Seven und Bastian Baker (Bild) zu den beliebtesten Corporate-Acts. Laut Konzertagentur Gadget reicht das Spektrum von 5000 bis 70'000 Franken – je nach Bekanntheit, Formation und Anlass.Bilder: Keystone/ZVG
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RMS

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