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Mobile Payment

Twint und Bellamy haben gegen Apple Pay keine Chance

Kontaktloses Zahlen wird ein Milliardenmarkt werden. Mit Twint und Bellamy treten Schweizer Anbieter gegen die globalen IT-Konzerne an. Ein verlorenes Rennen.

Marc Kowalsky

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Kontaktloses Zahlen: Twint droht gegenΓΌber Apple Pay ins Hintertreffen zu geraten. PR RMS

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CHF 198.00 – Karte bitte, zeigt das Kassenterminal. Doch der junge Mann im Elektronikmarkt zΓΌckt nicht das Portemonnaie, um seine neuen KopfhΓΆrer zu bezahlen, sondern das Handy und hΓ€lt es an den Kartenleser. Ein Druck auf den Fingerabdrucksensor, das Terminal piepst zufrieden, dann rattert die Quittung aus dem Drucker. Und ausser dem HΓ€ndler freut sich auch Apple ΓΌber den Kauf. Denn abgewickelt wurde die Transaktion ΓΌber Apple Pay.

Überraschender Blitzstart

Seit 7. Juli sind diese kontaktlosen Zahlungen in der Schweiz mΓΆglich. Der Blitzstart von Apple Pay hat alle ΓΌberrascht. Denn jahrelang ging hierzulande fast gar nichts in Sachen Mobile Payment – und das, obwohl die Schweiz mit ihrer starken Bankenszene fΓΌr eine Vorreiterrolle prΓ€destiniert gewesen wΓ€re.
Dann positionierten sich innert weniger Wochen gleich drei Player: Die beiden Newcomer Twint und Paymit gaben ihre Fusion bekannt und wollen sich als Schweizer StandardlΓΆsung etablieren. Bis Ende 2017 peilt man hierzulande eine Million Nutzer an. Wenige Tage spΓ€ter prΓ€sentierte Swatch die Bellamy. Die nach einem Schriftsteller benannte Plastikuhr fungiert als kontaktlose Visa-Karte. Die Ziele setzt Swatch-Group-Chef Nick Hayek bescheiden: Β«Von einer normalen Swatch verkaufen wir weltweit 300'000 bis 500'000 StΓΌck. Wenn wir von einer Payment-Uhr 50'000 StΓΌck verkaufen, ist das schon gut. Design ist wichtiger als FunktionalitΓ€t.Β»

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Immer griffbereit

Noch steckt der Markt fΓΌr kontaktlose Zahlungen weltweit in den Kinderschuhen. Doch das Potenzial ist gewaltig: Allein in den USA werden jΓ€hrlich 4000 Milliarden Dollar an den Ladenkassen umgesetzt, in der Schweiz sind es 88 Milliarden Franken. Β«Wer das Smartphone immer dabeihat, braucht mittelfristig kein anderes Bezahlverfahren mehrΒ», sagt Ingolf Zies, Partner bei der Unternehmensberatung Bain & Company.
Zahlungen per Smartphone sind schneller und bequemer als per Kreditkarte oder Bargeld. Β«Das Handy hat man sowieso immer dabei und griffbereit, man ist vertraut mit dem UmgangΒ», sagt Tobias TrΓΌtsch, Experte fΓΌr Mobile Payment und Γ–konom an der HSG: Β«Dann ist es nur noch ein kleiner Schritt, um es auch fΓΌr Zahlungen zu benutzen.Β»
So verwenden in DΓ€nemark bereits ΓΌber 50 Prozent der BevΓΆlkerung das lokale System Mobile Pay; 45 Prozent der Schweden nutzen das dortige Pendant Swish. Nun drΓ€ngen gleich mehrere IT-Giganten in den Markt. In den achtziger Jahren herrschte der Kampf der PC-Systeme, in den Neunzigern der Kampf der Suchmaschinen, in den nuller Jahren der Kampf der Smartphones. Nun entscheidet sich, wer bei Mobile Payment die Oberhand gewinnt.

Am Ende zahlt immer der KΓ€ufer

Dem Gewinner winken Milliardeneinnahmen. Apple etwa verrechnet dem Kreditkartenherausgeber (Issuer) in den USA 0,15 Prozent auf jede Transaktion mit Apple Pay; in China sind es 0,07 Prozent. Schweizer Zahlen sind nicht erhΓ€ltlich. Twint belastet die andere Partei, den Kreditkartenpartner der HΓ€ndler (Acquirer), mit einem gestaffelten – und gΓΌnstigeren – Tarif: Bei Transaktionen bis 5 Franken etwa sind es 2 Rappen, bei KΓ€ufen ΓΌber 100 Franken sind es 20 Rappen.

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Bellamy holt sich das Geld direkt vom Kunden: Die Aktivierung der Uhr kostet 5 Franken, das Aufladen mit einem Geldbetrag 3 Franken, jede Saldoabfrage 60 Rappen etc. Doch egal wo die Kosten anfallen: Am Ende zahlt immer der KΓ€ufer.

Akzeptanz als wichtigster Erfolgsfaktor

Wer hat die besten Karten im Kampf der Systeme? Wichtigster Erfolgsfaktor ist die Akzeptanz im Handel. Hierzulande treffen Apple und Bellamy auf gut vorbereitetes Terrain. Zwar ist die Schweiz noch mehrheitlich ein Bargeldland. Doch zwei Drittel der Kassenterminals sind bereits fΓΌr kontaktlose Zahlungen eingerichtet; im internationalen Vergleich ist das sehr viel (in den USA etwa sind es nur fΓΌnf Prozent). 2020 werden es alle sein.
Das hilft Apple und Bellamy, die auf der bestehenden Kreditkarteninfrastruktur aufbauen. FΓΌr Twint muss der Handel nachrΓΌsten: Das sogenannte Beacon, ein auf der Funktechnologie Bluetooth basierender Kontaktpunkt, kostet den HΓ€ndler 150 bis 200 Franken und muss in die Kassensoftware integriert werden. Twints Trumpf: Das System lΓ€uft auf Apple- und auf Android-GerΓ€ten. Apple Pay hingegen ist nur auf den eigenen GerΓ€ten verfΓΌgbar. Das sind in der Schweiz immerhin 53 Prozent aller Smartphones – allerdings sind nur die jΓΌngeren Generationen (ab iPhone 6) zahlungsfΓ€hig. Bellamy benΓΆtigt gar kein Handy.

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5 bis 10 Millionen Marketingbudget

Beide Systeme kânnen an jedem kontaktlosen Terminal der Welt genutzt werden. Twint hingegen ist eine rein schweizerische Lâsung. Für AuslandseinsÀtze müsste mit anderen lokalen Anbietern eine Art Roaming-Vertrag abgeschlossen werden, Àhnlich wie dies Telekomanbieter tun für ihre Handykunden. Derzeit ist das nicht geplant. Dafür geniesst die Lâsung die Unterstützung der meisten namhaften Schweizer Geldinstitute und Kreditkartenherausgeber. Apple Pay und Bellamy haben mit der Cornèr Bank derzeit nur den kleinsten der vier Schweizer Kreditkartenanbieter im Rücken.
Das Ungleichgewicht freilich dΓΌrfte nur eine Frage der Zeit sein. In den USA begann Apple Pay mit sechs Partnerbanken, inzwischen sind es 2500. Und das, obwohl der Konzern von jedem Kreditkartenherausgeber fΓΌnf bis zehn Millionen Franken Marketingbudget fΓΌr Apple Pay verlangt. Denn: Β«In England haben die KreditkartenantrΓ€ge zugenommen bei jenen Herausgebern, die Apple Pay anbietenΒ», sagt Paymit-Chef Armin Schmid.

So benutzerfreundlich wie mΓΆglich

Zweites Killerkriterium im Kampf um das Zahlungsmittel der Zukunft ist die Benutzerfreundlichkeit. Eine Zahlung ist dann am angenehmsten, wenn sie fΓΌr den Kunden vΓΆllig in den Hintergrund tritt – wie etwa beim Fahrtenvermittler Uber. Β«Ein bis zwei Klicks kΓΆnnen schon zu viel seinΒ», sagt Bain-Mann Zies.

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Hier haben Bellamy und Apple Pay die Nase vorn: Die Uhr bzw. das Smartphone ans Terminal halten reicht, bei Apple Pay muss man die Zahlung zudem noch mittels Fingerabdruck autorisieren. FΓΌr Twint muss man hingegen erst eine App installieren, allenfalls Guthaben aufladen, an der Kasse die App ΓΆffnen, falls kein Beacon vorhanden ist, einen QR-Code scannen und schliesslich die Zahlung autorisieren.

Twint mit Zusatzfunktionen

Dafür wirbt Twint mit Zusatzfunktionen: So ersetzt die App die Kundenkarte aus Plastik und schreibt etwa Treuepunkte automatisch gut. Auch elektronische Coupons mit Sonderangeboten sind denkbar. Die Bezahlung in Onlineshops ist bereits mâglich, ebenso die Überweisung zwischen Privatpersonen. Bis Ende Jahr will Twint zudem in ersten Restaurants ihre Zahlfunktion anbieten: Die Tische sind dann mit einem QR-Code ausgestattet, den der Kunde nach dem Essen mit der App scannen kann.
Auch Apple Pay bietet zahlreiche Zusatzanwendungen – in den USA etwa Barabhebungen am Geldautomaten. Aber Twint gehe im Anwendungsbereich deutlich darΓΌber hinaus, sagt Urs RΓΌegsegger, CEO des Finanzdienstleisters SIX Group. Auch weil Twint Zugang zu den Einkaufsdaten hat, was der Benutzer aber untersagen kann. Apple wirbt aktiv mit Datenschutz als Verkaufsargument und erhebt die Transaktionsdaten gar nicht erst.

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Daten statt GebΓΌhren

Am Horizont lauern bereits mΓ€chtige Herausforderer. Google ist mit Android Pay in den USA und Grossbritannien aktiv. Die Funktionen sind Apple Pay sehr Γ€hnlich, GebΓΌhren werden nicht erhoben. DafΓΌr wertet Android Pay, typisch fΓΌr Google, die Einkaufsdaten zu Werbezwecken aus. Β«Alleine deswegen werden manche User diese LΓΆsung nicht wollenΒ», sagt der Schweizer Fintech-Experte Marc Bernegger. DemnΓ€chst soll Android Pay in weiteren LΓ€ndern lanciert werden. Β«FΓΌr die Schweiz haben wir momentan noch nichts anzukΓΌndigenΒ», heisst es bei Google.
Samsung, der weltgrΓΆsste Hersteller von Smartphones, setzt nicht auf das Zahlungssystem des VerbΓΌndeten Google, sondern hat ein eigenes lanciert. Auch Samsung verlangt keine TransaktionsgebΓΌhren. Die SΓΌdkoreaner betrachten die Zahlungsfunktion vielmehr als ein zusΓ€tzliches Verkaufsargument fΓΌr ihre Smartphones. Samsung Pay ist bereits in acht MΓ€rkten aktiv, allein diesen Juni wurde in SΓΌdkorea damit ΓΌber eine Milliarde Dollar umgesetzt. Eine Lancierung ist auch in der Schweiz geplant. Β«Wir sind diesbezΓΌglich zurzeit in GesprΓ€chen mit mΓΆglichen PartnernΒ», sagt Gordon MΓΌller, Pressesprecher Samsung Schweiz. Β«Momentan steht noch kein Termin fest.Β»

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Geringe Marktchancen

JΓΌngst ist auch Microsoft in den Markt eingestiegen. Vorerst gibt es die Wallet nur in den USA, und die Marktchancen dΓΌrften ebenso mikroskopisch sein wie der Marktanteil der Windows-Smartphones (weltweit 0,7 Prozent).
Bereits etabliert sind hingegen die chinesischen LokalgrΓΆssen WeChat (200 Millionen verbundene Bankkonti) von Tencent und Alipay (300 Millionen) von Alibaba. Auch andere Uhrenhersteller mischen mit: Mondaine etwa hat einen Universal-Chip entwickelt, der sich an jedes Armband anclippen lΓ€sst. Auf dem Weltmarkt dΓΌrfte das ebenso wenig Chancen haben wie die verschiedenen Schweizer Start-ups, die ihr GlΓΌck versucht haben: Klimpr und die Swisscom-Tochter Tapit haben bereits wieder aufgegeben, auch die Genfer Mobino hat sich nicht durchgesetzt.

Bellamy hat gravierende Nachteile

Das droht auch Bellamy, denn die Kreditkartenuhr hat einige gravierende Nachteile: Neben der Zahlung bietet sie keine weiteren Funktionen. Das Billig-Design des Plastiktickers ist Geschmackssache. Vor Benutzung muss die Bellamy mit Geld aufgeladen werden, danach sind die Transaktionen auf 1000 Franken pro Zahlung und 2500 Franken pro Jahr beschrΓ€nkt. Wenn die hinterlegte Kreditkarte nach zwei Jahren ablΓ€uft, muss man fΓΌr 105 Franken eine neue Uhr kaufen.

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Auch sonst ist die Bellamy fΓΌr den Kunden die teuerste BezahllΓΆsung: Β«Die EinschrΓ€nkungen und GebΓΌhren durch die Banken sind eine KatastropheΒ», sagt auch Swatch-Group-Chef Nick Hayek. Β«Aber das haben wir leider nicht in der Hand.Β»
NΓ€chstes Jahr will Hayek eine Version 2.0 der Bellamy lancieren, die flexibler ist und bei der die Kunden ihre gewohnte Kreditkarte hinterlegen kΓΆnnen. Doch vorerst dΓΌrfte das Portemonnaie am Handgelenk eine Nischenanwendung bleiben: Β«Wir sehen in China, dass viele Eltern die Uhr als Notgroschen fΓΌr ihre Kinder verwendenΒ», sagt Carlo Giordanetti, Creative Director bei Swatch.

Keine Chance fΓΌr Twint

Twint hat international ebenfalls keine Chance. Bestenfalls als lokale Alternative zu den IT-Giganten kΓΆnnte man sich positionieren – auch weil die Grossbanken hierzulande noch immer einen Vertrauensbonus geniessen, wenn es um die Abwicklung von Zahlungen geht. Langfristig dΓΌrfte alles auf den alten Zweikampf Apple vs. Google hinauslaufen – mit Startvorteil fΓΌr Apple.
Vergangenes Jahr wurden ΓΌber Apple Pay bereits Transaktionen im Wert von 10,9 Milliarden Dollar abgewickelt. Β«Wir gewinnen jede Woche eine Million UserΒ», sagte Apple-Pay-Chefin Jennifer Bailey im MΓ€rz der US-Website TechCrunch. Langfristig aber hat Googles Android mit einem weltweiten Marktanteil bei den Smartphones von 84 Prozent die besten Chancen, auch den Payment-Markt zu dominieren.

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Zukunft ohne Banken

Experten spinnen den Gedanken zum Zahlungssystem der Zukunft schon weiter. Irgendwann kΓΆnnten die grossen IT-Player die Kreditkarte umgehen und ein eigenes Apple- oder Google-Konto anbieten. Dazu brauchen sie eine Banklizenz. Google hat eine solche bereits fΓΌr Europa. Β«Das wΓ€re auch fΓΌr Apple ein sehr kleiner SchrittΒ», sagt Paymit-Chef Schmid.
Vorerst will Apple nichts davon wissen: Man baue lieber auf Partnerschaften mit den Banken, die die Kunden kennen, verkΓΌndete Jennifer Bailey kΓΌrzlich in einem Interview. Doch das kann sich jederzeit Γ€ndern. Β«Die Kreditkartenherausgeber mΓΌssen ihre Rolle findenΒ», sagt Alexander Schultz-Wirth, Advisory Partner bei PwC: Β«In fΓΌnf bis sechs Jahren kΓΆnnte es kritisch werden.Β»
Und die nΓ€chste Kundengeneration, die Millennials, wird vielleicht gar kein Bankkonto mehr haben, sondern alle ihre GeldgeschΓ€fte mit Hilfe eines rein digitalen Players erledigen. Entsprechende Start-ups wie Number26 in Deutschland oder das englische Revolut sammeln derzeit viel Risikokapital ein; PayPal ist bereits seit lΓ€ngerem in diesem Markt aktiv. Β«Die primΓ€re Bankverbindung lΓ€uft dann ΓΌber das SmartphoneΒ», erwartet Fintech-Experte Bernegger.
Bis dahin freilich werden noch viele Kassenterminals beim Anblick eines Smartphones zufrieden piepsen.

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Über die Autoren
Marc Kowalsky
Marc Kowalsky
Stv. Chefredaktor bei BILANZ und ein versierter Kenner der Wirtschaftswelt.

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