Von:
Marc Kowalsky
Foto:
Keystone
 

Machtnetz von Susanne Ruoff: Die Unerwartete

Branchenfremd und politisch unvernetzt – mit der Ernennung von Susanne Ruoff zur Konzernchefin geht die Post ein Risiko ein.

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Sie hatte nun wirklich niemand auf der Rechnung: «Susanne wer?» war die meistgehörte Reaktion, als Post-Präsident Peter Hasler die neue Konzernchefin vorstellte. Und doch hat sich Susanne Ruoff gegen 200 andere Kandidaten auf der Longlist durchgesetzt. 20 Jahre war sie bei IBM Schweiz tätig, zuletzt in der Geschäftsleitung, zuständig für Outsourcing, Wartung und Grossprojekte. Seit 2009 leitet sie den Schweizer Ableger der British Telecom, die im Geschäft mit internationalen Multis tätig ist. Rund 450 Millionen Franken Umsatz mit 210 Mitarbeitenden verantwortet die 53-Jährige dort, bei der Post werden es 9 Milliarden und 45 000 Mitarbeiter sein.

Hasler kennt sie schon aus seiner Zeit als Arbeitgeberpräsident; Bundesrätin Doris Leuthard lernte sie erst nach dem Entscheid kennen. Mit der Nominierung geht die in den letzten Jahren von Turbulenzen gebeutelte Post (Stichwort: Claude Béglé) ein Risiko ein. Für Ruoff sprechen ihre gewinnende Art und ihre Kenntnisse der digitalen Welt, in die sich der gelbe Riese bislang nur zögerlich vorgetastet hat. Ob das reicht, um ihre fehlende Branchenkenntnis und die mangelnde Vernetzung im politisch heiklen Post-Umfeld auszugleichen? «Ich bin kein Machtmensch», sagt sie über sich. Die Spartenleiter dürfte sie daher an der langen Leine führen.

Die Freunde

In jungen Jahren war Susanne Ruoff im Vorstand der Jugendgruppe des Automobil Clubs der Schweiz. Seither ist sie befreundet mit ­Renato Fassbind, Ex-Finanzchef von CS und ABB und heute Verwaltungsrat bei Swiss Re, sowie mit Thomas Bögli, CFO bei Feintool. Eine langjährige Freundin ist die ehemalige Nationalratspräsidentin und FDP-Ständerätin Trix Heberlein; deren Mann Robert ­Heberlein trifft Ruoff im Verwaltungsrat von Geberit, dem sie seit zweieinhalb Jahren angehört. Von dort kennt sie ­Robert Spoerry, den Präsidenten des Hörgeräteherstellers Sonova, sowie den Swissmem-Präsidenten Hans Hess. In den neunziger Jahren war Ruoff im Vorstand des Zürcher Segel Clubs und regattierte dort unter anderem mit Alfred Fetscherin, ehemals Moderator der ­«Tagesschau» und Chefredaktor von Radio Z. Heute dümpelt ihr ­Segelboot jedoch unbenutzt auf dem Genfersee.

Geschäftsfreunde, mit denen sie sich seit Jahren austauscht, sind Ex-Sunrise-Chef Christoph Brand, heute beim Softwarehaus Adcubum, sowie ETH-Professor Markus Gross, in dessen ETH ­Advisory Board Computer Science sie sitzt. Über ihre Tätigkeit im Informatikverband SwissICT hat sie mit FDP-Nationalrat und Unternehmer Ruedi Noser sowie mit Thomas Meyer, Chef von Accenture Schweiz, zu tun. Über das Stars-Symposium in Stein am Rhein ist sie gut ­bekannt mit Markus Neuhaus, abtretendem Chef von PwC Schweiz.

Die IBM-Connection

In ihren zwei Jahrzehnten beim Computerkonzern IBM hatte Susanne Ruoff prominente Förderer: Riet Cadonau, CEO von Kaba, war einst ihr Vorgesetzter. Mit Hans Ulrich Maerki, erst Länder-, später Europachef von IBM und ­heute Verwaltungsrat bei ABB und Swiss Re, pflegte sie engen Austausch, ebenso mit seinem Nachfolger Peter Quadri, heute Verwaltungsrat bei Swiss Life und Vontobel. Intensiv war auch der Kontakt mit Matthias Kaiserswerth, Direktor des globalen IBM-Forschungslabors in Rüschlikon.

Auch bei der Post gibt es eine IBM-Connection: VR-Vizepräsident ­Dominique Freymond arbeitete einst ebenso bei «Big Blue» wie Verwaltungsrätin Nicola Thibaudeau und Frank ­Marthaler,Leiter von Swiss Post Solutions. Die Post hatte sogar schon einmal einen Konzernchef, der zuvor bei IBM gewesen war – es war keine gute Erfahrung: Reto Braun warf im Jahr 2000 nach nur 16 Monaten den Bettel hin. Er war an den ungeschrie­benen Gesetzen und der Trägheit des Konzerns gescheitert.

Die Frauennetzwerke

Ruoff ist Teil eines Netzwerks von IT-Frauen um IBM-Schweiz-Chefin Isabelle Welton und HP-Schweiz-Chefin Hauke Stars. Man trifft sich regelmässig. Auch Claudia Schwers, bis vor ­kurzem Country Managerin bei Alcatel-Lucent und inzwischen bei den Headhuntern von Heidrick & ­Struggles, gehört dazu. Als ­Panalpina-Chefin Monika Ribar zusammen mit Wicor-Besitzerin Franziska Tschudi den Schweizer Ableger des Women Corporate Directors Network aufbaute, war Ruoff ­eines der ersten Mitglieder. Sie war auch aktiv im Frauennetzwerk um Charlotte ­Gubler, bis 2010 Konzernleitungsmitglied bei der Swiss Re, Ex-Converium-Chefin Inga Beale und Ex-Börsenchefin Antoinette Hunziker-Ebneter.

Die Gegner

«Wer externe Führungskräfte engagiert, hat die Nachwuchsförderung vernachlässigt», sagte Post-Präsident Peter Hasler noch im Mai. ­Ergo rechnete man mit ­einer internen Nachfolge für den im September 2012 in den Ruhestand gehenden Post-CEO Jürg Bucher. Ruoffs härteste Konkurrenten auf den Chefposten dürften daher Verwaltungsrat Philippe Milliet sowie Logistikleiter Dieter Bambauer gewesen sein. Ob Letzterer jetzt noch beim gelben Riesen bleibt, wird auch an Ruoff liegen. Ihre Gegner auf dem Markt sind für ­einen Quasi-Monopolisten wie die Post überschaubar. Mit Quickmail unter Bernard Germanier und Pingen.com unter Andreas Keller gibt es erst sehr kleine nationale Konkurrenten. Von den internationalen Postdienstleistern wird Ruoff am ehesten die Deutsche Post DHL unter Frank Appel sowie TNT unter Peter Bakker spüren. Die grösste Herausforderung kommt sowieso aus einer ganz anderen Ecke – aus einer, die Ruoff gut kennt: Dank E-Mails, Social Networks und Co. sinkt der Briefverkehr Jahr für Jahr. Was bleibt, sind niedrigmargige Werbesendungen.

Die Familie

Ihre Grosseltern waren Bergbauern, vielleicht drückt daher die Liebe zur Natur bei ­Susanne Ruoff durch: Wandern und Skifahren sind ihr Ausgleich, beim Skiweltcup in Crans-Montana hilft sie als Freiwillige jedes Jahr mit, die Pisten zu präparieren. Dass sie einst Mitglied der Junioren-Ski-Nati gewesen sei, ist aber ­eine (verbreitete) Falschmeldung. Ruoff, Tochter einer Krankenschwester und eines Steuer­experten, hat zwei Kinder, Deborah (19) und Severin (17). Ihr Mann Gerold, freiberuflicher Marketingexperte, übernahm die Rolle des Hausmanns in Crans-Montana, während sie von Zollikon aus zur Arbeit ging. Heute kümmert er sich hauptsächlich um die 4500 ­Quadratmeter der familieneigenen Weinberge in Flanthey VS und Turtmann VS. Zur Entspannung geht auch Susanne Ruoff gelegentlich Reben schneiden.

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