Von:
Stefan Barmettler
 

Machtnetz von Roland Eberle: Der Umgarnte

Der ehemalige Regierungsrat und Industriemanager Roland Eberle soll für die SVP ins Rennen um den zweiten Bundesratssitz – er hat (noch) andere Pläne.

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Die SVP, stärkste Partei der Schweiz, und Chefstratege Christoph Blocher tun sich schwer mit der Suche nach geeigneten Kandidaten für die Bundesratswahl. In der Not werden erprobte Regierungsräte aus den Kantonen lanciert. Sie sollen am 14. Dezember bei der FDP, CVP und allenfalls bei der SP die nötigen Stimmen abholen, damit die verhasste BDP-Politikerin Eveline Widmer-Schlumpf aus dem Bundesrat gekippt werden kann.

Einer, der als SVP-Panzerbrecher oben auf der Wunschliste steht, ist Roland Eberle, der während zwölf Jahren für die Volkspartei im Thurgauer Regierungsrat sass und dort zuständig war für die Finanzen. Der gebürtige Zürcher verbindet das Ländliche (er ist ETH-Agronom und war Bauernvertreter) mit der Wirtschaft (er war während fünf Jahren CEO von Sia Abrasives). Doch der bald 58-Jährige hat die Avancen der Parteistrategen – vorerst – zurückgewiesen. Er setzt auf eine neue Karriere, seine dritte: als (frisch gewählter) Ständerat, Industrieberater und Multi-Verwaltungsrat. Im Thurgau gilt Roland Eberle als kostenbewusst, umgänglich, unprätentiös, als ­Arbeitstier. Eines der Bonmots aus seiner Zeit als Exekutivpolitiker können die um ihn buhlenden SVP-Lenker in den nächsten Wochen gegen ihn verwenden: «Neinsagen ist einfach.»

Die Freunde

Eberles Buddy aus alten Tagen ist Andreas Schmid, VR-Präsident der Flughafen Zürich AG. Gemeinsam war man in der Pfadi in Unterengstringen ZH. Seit über 30 Jahren ist er auch mit Peter Spuhler, Chef von Stadler Rail und SVP-Nationalrat, befreundet. Eberle und Spuhler holten an der Zürcher Privatschule Minerva die Matura nach. Paul Rutishauser, Ex-SVP-Nationalrat und Thurgauer Bauernverbandspräsident, lotste Eberle aus Zürich in die Provinz, wo er ihm den Posten des Geschäftsführers vom Thurgauer Bauernverband zuhielt. Eng verbunden ist er auch mit einem anderen Agrarier: mit Hansjörg Walter, SVP-Nationalrat und Präsident des Schweizerischen Bauernverbands.

Auch Hans Hess, Präsident von Swissmem, ist ein alter Weg­gefährte. Beide besuchten die Grenadierschule in Isone TI. Eberle war der Korporal von Rekrut Hess. Vom Studium an der ETH Zürich her ist er mit Bernhard Lehmann befreundet, einem ehemaligen Agrarwirtschaftsprofessor, der seit Juli das Bundesamt für Landwirtschaft in Bern leitet. Bekannt ist er mit Alex Wassmer, CEO des Baukonzerns Kibag. An Kibag-VR-Sitzungen trifft er auf Ex-Kuoni-Chef Armin Meier und Club-am-Rennweg-Promoter Tom Ladner.

Die Gegner

2000 stand Eberle vor der Tür in den Bundesrat. Christoph Blocher hatte ihn und die Zürcher Regierungsrätin Rita Fuhrer als Zweier-Ticket lanciert. Wegen mangelnder Unterstützung seitens der FDP unter Franz Steinegger und durch Blocher (er setzte auf Fuhrer) wurde Eberle auf der Zielgeraden abgefangen. Lachender Dritter war der wilde Kandidat Samuel Schmid, der bald zum «halben Bundesrat» mutierte. Der gradlinige und im politischen Taktieren in Bern unerfahrene Thurgauer Regierungsrat wandte sich frustriert von der Bundespolitik ab.

2006, nach zwölf Jahren in der Thurgauer Regierung, holten ihn der Industrielle Peter Schifferle und der UBS-Mann Urs Rinderknecht als CEO zur ­börsenkotierten Schleifmittelfirma Sia Abrasives. Ein unfreundlicher Übernahmeversuch durch Giorgio Behr endete mit dem ­Firmenverkauf an Bosch. Eberle war wie der Sia-VR gegen den Angreifer Behr – und für den Weissen Ritter aus Deutschland. Nach der geglückten Integration von Sia in den Bosch-Konzern quittierte Eberle seinen Job (März 2011). Insgeheim hatte er auf eine ­Karriere bei Bosch gehofft, faktisch aber sollte er den Betriebsleiter von Frauenfeld spielen. Eberle hatte andere Pläne.

Die Mostindien-Connection

Derzeit werden von den SVP-Granden Parteiexponenten aus dem Thurgau umgarnt, um sie als Konsenskandidaten für den zweiten Bundesratssitz ins Rennen zu schicken. Zu ihnen gehört nebst Eberle auch Jakob Stark, aktueller Regierungsrat, der früher als SVP-Fraktionschef jahrelang mit Eberle zusammen­arbeitete. Alt-Regierungsrat Eberle bleibt im Kanton in bester Erinnerung. An den Feldschiessen kreuzte er, ­damals Justizdirektor, mit Gratisspeck für die Schützen auf.

Höhepunkt nach seinem Abgang war das OK-Präsidium des Eidgenössischen Turnfests in Frauenfeld im Jahr 2007. Eberle sitzt heute im Verwaltungsrat der Thurgauer Metallveredlungsfirma De Martin; ab 2012 soll er das Präsidium der Familiengesellschaft übernehmen. Vom einstigen Thurgauer SVP-Ständerat Hermann Bürgi erbte er das Präsidium der Stiftung Kartause Ittingen.

Die Karriere

Eberle absolvierte die klassische Thurgauer Politkarriere: Über den Bauernverband wurde er in den Regierungsrat gewählt. Zuerst war er für die Justiz zuständig, dann für Finanzen und Soziales. Unter ihm war die Kasse im Lot; ­intern galt er als scharfer Rechner. Ins nationale Rampenlicht rückte er, als Justizministerin Ruth Metzler den Asyl-Hardliner überraschend zum Präsidenten der Eidgenössischen Kommission für Flüchtlingsfragen machte.

Nach Beendigung seiner Regierungsratszeit (2006) absolvierte Eberle ein zweimonatiges Senior Executive Program an der Stanford University in Kalifornien. So bereitete er sich auf seine Managerkarriere vor. Derzeit ist er damit beschäftigt, seine Privatfirma Mercanda Consulting in die Gänge zu bringen. Sein Ziel: eine Karriere als Politiker und Verwaltungsrat.

Die Familie

Eberle wuchs in Unterengstringen ZH auf und absolvierte die Matura wie das Studium in Zürich. An der ETH schloss er als diplomierter Ingenieur-Agronom ab. Bevor er ins bezahlte Berufsleben einstieg, war er Assistent am Institut für Agrarwirtschaft.

Eberle ist mit Lotti, einer Emmentalerin, verheiratet. Sie ist Judoka und sitzt im Kirchenrat der Evangelischen Landeskirche des ­Thurgaus. Das ­Ehepaar hat drei Söhne, die mittler­weile ausgeflogen sind. In der Freizeit fährt Eberle mit einer BMW R 1200 Cruiser durch die Gegend. Zu kurz kam in den letzten Jahren ein anderes ­Steckenpferd, das Pistolenschiessen. Der Hobbyvelofahrer ist Mitglied der Männerriege Weinfelden.

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