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Schluss mit Statussymbol-Wahn: Junge Stars und Sammler entdecken die Dresswatch neu. Klein, fein und endlich wieder wichtiger als die Technik.
Der australische Schauspieler Jacob Elordi mit einer Tank Louis Cartier.
Isabelle Elordi / CARTIERWerbung
Zu Beginn des Jahres, wenn Golden Globes, Critics Choice Awards und Oscars den Auftakt der Award-Saison markieren, füllen rote Teppiche die Feeds von Millionen Instagram- und TikTok-Nutzerinnen und -Nutzern. Für die Modeindustrie ebenso wie für den Uhrenmarkt sind diese Bilder zentrales Marketingvehikel und Seismograf für ästhetische Verschiebungen.
Augenfällig ist dabei, was männliche Gen-Z- und Millennial-Stars heute nicht mehr so häufig tragen: massive Sportuhren und technische Statussymbole.
Stattdessen legen sie zunehmend kleine, elegante Zeitmesser an ihre Handgelenke. Stilikonen der Gen Z wie Jacob Elordi und Paul Mescal setzen auf Modelle wie Patek Philippes Tegola oder Ellipse, Piagets Polo oder Cartiers Tank, Pebble und Baignoire – Uhren, die weniger durch Präsenz als durch Proportion wirken.

Eine kleine, zierliche Dresswatch am Handgelenk von Star Timothée Chalamet an den Oscars 2025: Eine Baignoire.
www.PPS.at
Eine kleine, zierliche Dresswatch am Handgelenk von Star Timothée Chalamet an den Oscars 2025: Eine Baignoire.
www.PPS.atHistorisch betrachtet sind kleine Durchmesser keineswegs eine Ausnahme. Bis weit in die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts bewegten sich Herrenarmbanduhren meist zwischen 34 und 36 Millimetern. Erst mit dem Siegeszug sportlicher Luxusuhren in den 2000er- und 2010er-Jahren wurden 40 Millimeter und mehr zur neuen Norm – nicht zuletzt befeuert durch prominente Vorbilder wie Brad Pitt mit der Breitling Navitimer oder George Clooney mit der Omega Speedmaster. Doch auf Trends folgen Gegentrends. «In stilprägenden Kreisen, insbesondere unter Celebrities, beginnt das Pendel nun wieder zurückzuschwingen», beobachtet Brynn Wallner. Die New Yorkerin betreibt seit 2020 den Uhrenblog Dimepiece.
«Künstler wie Tyler, the Creator oder Timothée Chalamet greifen vermehrt zu kleineren Cartier-Modellen und popularisieren damit einen Look, der in modeaffinen Grossstädten bereits zuvor an Bedeutung gewonnen hatte», sagt Wallner. «Gesucht werden Uhren, die sich leichter in ein Gesamtoutfit integrieren lassen – Outfits, die wieder klassischer, teils auch androgyner wirken.»

Tyler, the Creator trägt eine Tank Louis Cartier. Der junge Star brennt für die Marke: Er besitzt eine Sammlung legendärer Cartier-Modelle.
GC Images
Tyler, the Creator trägt eine Tank Louis Cartier. Der junge Star brennt für die Marke: Er besitzt eine Sammlung legendärer Cartier-Modelle.
GC ImagesSo werden Uhren zunehmend Teil eines Gesamtlooks: eingebettet in Quiet Luxury, High-Fashion-Streetwear, Vintage-Denim oder von Ralph Lauren inspirierte Preppy-Dandy-Ästhetiken. Die Uhr ist wieder Accessoire – nicht Trophäe.
Auch auf dem Sekundärmarkt spiegelt sich diese Verschiebung wider. Plattformen wie eBay, Bezel oder Chrono24 verzeichnen ein wachsendes Interesse an dezenteren Uhren, insbesondere bei jüngeren Käufern. «Unsere Studie zeigt, dass gerade junge Uhrenliebhaber überdurchschnittlich häufig nach Dresswatches suchen», berichtet Tim Stracke, Gründer von Chrono24. «Eckige Gehäuse, Farben und elegante Designs liegen im Trend. Dabei sind es oft modische Motive, weniger technische Argumente, die den Kauf auslösen. Ausserdem verfeinern viele junge Uhrenfans ihren Geschmack: Wer während der Pandemie vom Hype um eine Royal Oak oder Nautilus angezogen wurde, erkennt heute, wie viel diverser das Angebot auf dem Uhrenmarkt ist.»
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Besonders deutlich lässt sich diese Entwicklung an einzelnen Marken und Modellen ablesen. Cartier habe in den vergangenen Jahren eine bemerkenswerte Nachfrage erlebt. «Exemplarisch lässt sich auch die Ellipse von Patek Philippe nennen», so Stracke. «Ihr durchschnittlicher Marktpreis ist durch die gestiegene Nachfrage in den letzten vier Jahren um rund 75 Prozent gestiegen.»
Bei jungen Millennial-Stars und jenen aus der Gen Z ist die Cartier Tank beliebt.
PRAuch eine Cartier, auch sehr beliebt: die Baignoire.
PRAuch die Cartier Tank à Guichets wird gerne getragen.
PRDie Patek Philippe Elipse ist im Trend – das treibt den Marktpreis in die Höhe.
PRNeben ästhetischen und kulturellen Faktoren spielt auch die wirtschaftliche Realität eine Rolle. Inflation und kontinuierliche Preiserhöhungen bei vielen Uhrenmarken haben den Einstieg in den Primärmarkt spürbar unerschwinglicher gemacht. Gleichzeitig eröffnet der Zweitmarkt neue Zugänge: Gerade kleinere Dresswatches ohne spezielle Komplikationen – häufig Vintage-Modelle – sind dort oft zu vergleichsweise moderaten Preisen erhältlich. Für eine preisbewusste, gut informierte Generation entsteht so ein attraktiver Einstieg in den Uhrenmarkt. Der Trend zu kleineren, eleganten Modellen erhält damit auch ökonomischen Rückenwind.
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Die Industrie beginnt darauf zu reagieren. Re-Editionen historischer Modelle wie der Tank à Guichets, Mid-Size-Linien und eine grössere Bandbreite an Durchmessern zeigen, dass klassische Proportionen wieder an Bedeutung gewinnen. Ob das Pendel wieder zurückschwingen wird, ist nicht auszuschliessen. «Trends verlaufen zyklisch», sagt Brynn Wallner. «Ich glaube aber, dass die klassische Dresswatch aufgrund ihrer Vielseitigkeit und Zurückhaltung nie wirklich aus der Mode kommen wird.»
Jenseits kurzfristiger Moden bleibt die kleine Dresswatch also eine Konstante. Auch für Millennials und die Generation Z ist die Uhr längst mehr als ein blosser Zeitmesser. Diese Haltung formulierte Andy Warhol bereits vor Jahrzehnten, als er über seine Cartier Tank sagte, er trage sie nicht, um die Zeit abzulesen – er ziehe sie an, weil sie «die Uhr ist, die man trägt». Als stilistisches It-Piece scheint diese Sichtweise heute wieder erstaunlich zeitgemäss.
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