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Wie bitte?: «Zu viel Zeitgeist und Heuchelei»

Zu sozialem Handeln gehöre, dass Manager die Lohnauswüchse beendeten, sagt Helmut Maucher. Der Nestlé-Ehrenpräsident über soziale Verantwortung, Kuschelkapitalismus und das schlechte Gewissen vieler Manager.

Von Christian Ramthun
14.06.2005

BILANZ: Herr Maucher, der Ruf nach mehr gesellschaftlicher Verantwortung und sozialem Handeln der Unternehmen wird lauter. Was zeichnet einen sozialen Manager aus?

Helmut Maucher: Die erste und wichtigste soziale Verantwortung eines Managers besteht darin, seine Firma langfristig – oder modisch formuliert: nachhaltig – erfolgreich und profitabel zu führen und damit einen wichtigen Beitrag zum Wohlstand einer Gesellschaft zu leisten. Sozial handelt ein Manager vor allem, wenn er in seine Mitarbeiter investiert, in Aus- und Weiterbildung, in Forschung und Entwicklung, in die Marke.

Handelt ein Manager wie Deutsche-Bank-Chef Josef Ackermann unsozial, wenn er Arbeitskräfte entlässt, um den Gewinn zu steigern?

Dass Unternehmen rationalisieren und ihre Kosten senken müssen, um im globalen Wettbewerb nachhaltig – ich betone: nachhaltig – zu bestehen, ist zweifellos sozial verantwortliches Handeln. Wichtig ist dabei aber, wie ich handle. Ein solcher Personalabbau muss zeitlich gestaffelt und grosszügig erfolgen, nicht zuletzt, um die verbleibende Belegschaft zu motivieren. Zu sozialem Handeln gehört für mich aber auch, dass die Topmanager die Auswüchse bei ihren eigenen Gehältern beenden. Das würde sowohl das betriebliche als auch das gesellschaftliche Klima verbessern.

Immer mehr Topmanager sprechen neuerdings davon, der Gesellschaft etwas «zurückgeben» zu wollen, sie beschäftigen sich mit globaler Erderwärmung oder Armutsbekämpfung. Zeigt das nicht ein neues, breiter gefasstes soziales Denken der Wirtschaftseliten?

Da weht leider zu viel Zeitgeist oder auch Heuchelei. Es gibt Manager, die lassen sich ein schlechtes Gewissen einimpfen und dann am gesellschaftspolitischen Nasenring durch die Arena führen. Es ist natürlich richtig, die Unternehmenspolitik in den allgemeinen gesellschaftlichen Kontext zu stellen und von daher langfristig das Unternehmen zu sichern. Aber es entwickelt sich stattdessen ein gefährlicher «Yes but»-Kapitalismus.

Was meinen Sie mit «Ja, aber»-Kapitalismus?

Man sagt zwar Ja zu Privateigentum und Marktwirtschaft, aber bitte unter strengsten Auflagen für die Unternehmen: kein Personalabbau, keine Restrukturierung, totaler Kündigungsschutz und viele gesellschaftliche Forderungen an die Unternehmen. Das führt aber zu einer Lähmung der Marktwirtschaft und der Unternehmerinitiative und damit letztlich zu Wohlstandsverlust. Und deshalb warne ich vor der gefährlichen Tendenz in einigen Unternehmen, beispielsweise gewisse NGO durch Umarmung zu besänftigen. Man darf soziale Verantwortung nicht mit Kuschelkapitalismus verwechseln.

Haben Sie etwas gegen die Geschäftsfelder Corporate Social Responsibility und Corporate Citizenship?

Beide Begriffe sind objektiv richtig, werden aber leider kritisch gegenüber uns bemüht und mit Forderungen verknüpft, die nicht im wohlverstandenen, langfristigen Unternehmensinteresse sind.

Wie stehen Sie zum gesellschaftlichen Engagement von Unternehmen jenseits ihrer reinen Geschäftstätigkeit?

Wenn gesellschaftliches Engagement der nachhaltigen Sicherung des Unternehmens nützt, bin ich selbstverständlich dafür. Wenn ein gesellschaftliches Engagement allerdings vor allem Kosten verursacht und die Wettbewerbsfähigkeit des Unternehmens gefährdet, halte ich dies für ausgesprochen unsozial und bin strikt dagegen. Wir müssen also die Souveränität und den Mut haben, NGO mit unternehmensfernen Forderungen entgegenzutreten – und zwar genauso entschieden wie gegenüber Managern, die mit Firmengeldern ein gewisses «Sponsoring» betreiben, das mit Unternehmensinteresse nicht mehr begründet werden kann
und nur ihre persönlichen Hobbys und Eitelkeiten befriedigt.

Und wenn es um die Linderung des Leides in der Welt geht?

Alle multinationalen Unternehmen leisten durch ihre internationalen Aktivitäten viele Beiträge in dieser Hinsicht. Und im Übrigen zahlen die Unternehmen dafür Steuern. Und jeder Mensch, ob Verbraucher, Manager oder Aktivist, kann sich gern privat engagieren – aber sich bitte nicht aus der Firmenkasse bedienen.

Helmut Maucher (77) baute Nestlé zwischen 1981 und 2000 zum weltgrössten Nahrungsmittelkonzern aus. Für sein unternehmerisches Gespür und gesellschaftliches Engagement verlieh ihm die Konrad-Adenauer-Stiftung 2004 den Preis Soziale Marktwirtschaft.

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