BILANZ: Jean-Pierre Roth, was wären die Konsequenzen eines Neins zur Personenfreizügigkeit in der Volksabstimmung vom 25. September?

Jean-Pierre Roth: Es steht enorm viel auf dem Spiel. Ein Nein hätte verhängnisvolle Auswirkungen auf unsere Wirtschaft und würde das zukünftige Wachstum schwer belasten. Umso mehr, als dann auch die anderen bilateralen Abkommen von der EU in Frage gestellt werden könnten, wie dies auch vertraglich festgehalten worden ist.

Ist die Angst vieler Bürger um ihre Arbeitsplätze also unbegründet?

Ich verstehe die Beunruhigung der Schweizer, die übrigens von den europäischen Nachbarn geteilt wird. Manche glauben, sie könnten ihren Besitzstand wahren, wenn sie sich gegen die Konkurrenz ausländischer Arbeitskräfte abschotten. Aber das ist eine reine Illusion. Die Grenzen zu schliessen, ist keine gute Lösung. Im Gegenteil: Da der Arbeitsmarkt so eng ist, würde dies die Abwanderung von Arbeitsplätzen noch verstärken. Wenn Schweizer Firmen hier nicht die Leute anstellen können, die sie brauchen, werden sie ins Ausland gehen. Wenn man hingegen die Anstellungsbedingungen vereinfacht, dann schafft man damit günstige wirtschaftliche Rahmenbedingungen hierzulande.

Es gibt gar keine Schattenseiten für die Schweiz?

Schauen Sie sich Österreich an. Anders als die Schweiz kann das Land die Personenfreizügigkeit nicht wieder aufkündigen. Beklagen sich die Österreicher, von ausländischen Arbeitskräften überrollt zu werden? Ist das ganze Land ins Schleudern geraten? Im Gegenteil, es scheint gar so zu sein, dass Österreich EU-weit von den besten Wachstumsbedingungen profitiert!

Wo sehen Sie das Wachstum der Schweizer Wirtschaft im laufenden Jahr?

Im Juni haben wir unsere Prognose für 2005 angesichts der Wachtsumsschwäche im ersten Halbjahr von 1,5 auf 1 Prozent reduziert.

Offen gefragt: Ist das befriedigend?

Sicher nicht, wenn wir in ein paar Jahren die Renten bezahlen wollen. Man muss sich nur die demografische Entwicklung anschauen, die immer mehr Beitragsempfänger und immer weniger Beitragszahler ausweist.

Wie kann man das Wachstum nachhaltig ankurbeln?

Jener Teil unserer Volkswirtschaft, welcher der internationalen Konkurrenz ausgesetzt ist, schlägt sich gut, restrukturiert, orientiert sich neu, verbessert die Produktivität. Das kann man vom geschützten Teil unserer Wirtschaft nicht sagen. Der profitiert davon, dass Sie und ich nicht genug dafür kämpfen, dass im Binnenmarkt die Preise sinken. Der Bundesrat versucht, den Binnenmarkt zu revitalisieren. Das sind kleine, aber wichtige Schritte.

Offenbar reicht dies nicht.

In der Tat müssen wir noch grössere Anstrengungen unternehmen. Eine Erhöhung der Produktivität, mehr Einwanderung und eine Neuregelung der Arbeitszeiten muss man ernsthaft prüfen. Wir sollten uns ermutigen, mehr zu arbeiten. Das bedeutet mehr Arbeitsstunden oder ein höheres Rentenalter. Die Debatte ist längst nicht vorbei!

Seit 1999 hat sich der Franken gegenüber dem Euro abgewertet und ist solid, auch gegenüber dem Dollar. Hat die Schweizer Währung eine internationale Zukunft?

Der Franken ist nicht als internationale Devise konzipiert, sondern als Währung der Schweizer Wirtschaft. In der Vergangenheit haben wir so und so oft unter der internationalen Dimension des Frankens gelitten, als er ein Spekulationsobjekt wurde. Dieses Thema aus den siebziger und achtziger Jahren ist heute völlig in Vergessenheit geraten. Heute stellen wir fest, dass der Franken besser mit den Fundamentaldaten der Schweizer Wirtschaft verbunden ist. Er garantiert eine grosse Preisstabilität und die niedrigsten Zinsen in ganz Europa. Gäbe es den Schweizer Franken nicht, müsste man sich mit einem minderwertigen Ersatz begnügen.

Anders gesagt: Die Einführung des Euro wäre für die Wirtschaft von Nachteil?

Der Euro würde der Schweiz höhere Zinsen und eine höhere Inflation bringen.

Heisst dies, der Franken hat seine Eigenschaft als Fluchtwährung verloren?

In der Vergangenheit sind die Deutsche Mark und der Schweizer Franken regelmässig Opfer monetärer Spannungen geworden. Aber seit der Einführung des Euro 1999 fokussieren sich die Spekulationen nicht mehr auf den Franken, sondern auf die europäische Einheitswährung. Umso besser für uns!

Jean-Pierre Roth (59) ist Präsident der Schweizerischen Nationalbank.

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