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Wie bitte?: «Wir kennen nun den Worst Case»

Die Revisionsgesellschaft KPMG erstattet dem SAirGroup-Liquidator Beratungshonorare zurück. CEO Hubert Achermann über die Motive und die Auswirkungen dieses ausserordentlichen Falles.

Von René Lüchinger
23.08.2005

BILANZ: Herr Achermann, Ihre Firma hat sich mit dem SAirGroup-Liquidator aussergerichtlich geeinigt, Beraterhonorare in Höhe von 35,5 Millionen Franken zurückzuzahlen. Haben Sie Angst vor Karl Wüthrich bekommen?

Hubert Achermann: Nein, aber ich respektiere ihn. Er ist ein professioneller und sachlicher Verhandlungspartner, so wie wir.

Hat die KPMG damals, im September 2001 kurz vor dem Grounding, auf schnelle Bezahlung gedrängt, oder wurde die Zahlung im Rahmen einer ordentlichen Rechnungsstellung ausgelöst?

Die Zahlungen betrafen fällige Rechnungen und wurden von der Swissair freigegeben, das scheint mir normal zu sein. Ich gehe davon aus, dass sie eine weitere Zusammenarbeit mit KPMG als wichtig betrachtete. Schliesslich haben wir sie bis zuletzt in dem Versuch unterstützt, die Gesellschaft zu retten.

Wie schätzte die KPMG im September 2001 die finanzielle Lage der SAirGroup ein?

Die Lage war sehr ernst. Völlig ausgeschlossen war eine Rettung allerdings auch damals nicht. Swissair brauchte Zeit, um den Verkauf von Firmenteilen unter Dach und Fach zu bringen. Heute wissen wir, dass die Zeit nicht gereicht hat.

Die Hauptarbeit der Beratungstätigkeit wurde anscheinend von KPMG London geleistet. Wie beurteilten Sie als Chef der Schweizer Geschäftsleitung von KPMG die Chancen der Klage? Haben Sie auf ein Einlenken gedrängt?

Natürlich waren wir an einer raschen Erledigung der Angelegenheit interessiert. Den Entscheid haben aber KPMG UK und KPMG Schweiz miteinander gefällt.

Hat KMPG in den vergangenen drei Jahren Rückstellungen für diesen nun eingetretenen Fall gebildet?

Ich spreche nur für KPMG Schweiz: Wir haben für unseren Anteil von rund zwei Millionen Franken die entsprechenden Rückstellungen gebildet.

Die Aussicht auf Klageerfolg für den Sachwalter war laut Handelsgericht hoch. War das der Grund für das Einlenken? Oder gewichteten Sie die Reputationsschäden im Falle einer juristischen Niederlage als höher?

Wir haben uns bezüglich der Summe des Vergleichs klar am vom Handelsgericht geschätzten Prozessrisiko orientiert. Ein jahrelanger Prozess hätte zudem viele Ressourcen absorbiert und auch Nerven gekostet. Und dann war da noch die Aussicht, in dieser Angelegenheit immer wieder in der Presse zu erscheinen …

Hat KPMG gegenüber der SAirGroup noch weitere offene Rechnungen, die nach dem Vergleich ebenfalls dahinfallen?

Nein, alle übrigen Rechnungen sind bezahlt und unangefochten. Dies gilt auch für unsere Arbeit für den Liquidator, die wir nach der Nachlassstundung geleistet haben. Der Liquidator hat ausserdem ausdrücklich auf irgendwelche weiteren Forderungen verzichtet. Dies bestätigt auch, dass KPMG gute Arbeit geleistet hat.

Was für Lehren ziehen Sie aus diesem Fall für die Zukunft? Ist es denkbar, dass Mandate deshalb in Zukunft abgelehnt werden könnten?

Unsere Mitarbeiter kennen nun den Worst Case: Hart arbeiten und dann das Honorar zurückzahlen. Das Management der Rechnungsstellung, das gerade bei sehr anspruchsvollen Mandaten unter hohem Zeitdruck steht, muss nach dieser Erfahrung verbessert werden. Als Grundsatz gilt aber: Wir lassen unsere Kunden in schwierigen Situationen nicht hängen.

Der Fall KPMG–SAirGroup ist ein Präzedenzfall. Was sind in Ihren Augen die Folgen für weitere vergleichbare Fälle?

Swissair war in verschiedener Hinsicht ein ausserordentlicher Fall, man sollte daher nicht zu weit reichende Schlüsse ziehen. Andererseits gibt es schon Anzeichen dafür, dass sich die Praxis der Gerichte zur paulianischen Anfechtung von Zahlungen vor einem Konkurs oder einer Nachlassstundung im Bereich der Dienstleistungen verschärft. Das ist für die betroffenen Unternehmen und damit auch für die Wirtschaft nicht ungefährlich.

Welchen Einfluss hat die Zahlung auf den Jahresabschluss 2005 Ihrer Firma?

Keinen. Der auf KPMG Schweiz entfallende Betrag entspricht deutlich weniger als einem Prozent unseres Umsatzes.

Hubert Achermann (53) ist CEO der Revisionsgesellschaft KPMG Schweiz. Der promovierte Jurist aus Luzern begann seine Laufbahn in einem Anwaltsbüro in Zürich und stieg 1992 nach mehreren Stationen bei der KPMG ein. Er ist verheiratet und Vater eines Sohnes.

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