BILANZ: Herr Rummenigge, wissen Sie schon, wo Sie beim WM-Eröffnungsspiel in München sitzen?

Karl-Heinz Rummenigge: Ich bin einer der internationalen Botschafter der WM und hoffe deshalb, dass man mir zwei Plätze im Stadion gibt. Wenn das nicht klappt, sitze ich wohl in unserer Loge, die der FC Bayern für sehr viel Geld gemietet hat.

Der FC Bayern muss in seinem eigenen Stadion seine eigene Loge bezahlen?

Ja, wir haben der ISE, die der Fifa die Rechte für die Vermarktung der Logen und VIP-Plätze abgekauft hat, 150 000 Euro für die sechs WM-Spiele in München bezahlt. Das ist kurios: Bei der Fifa ist man nicht mehr Herr im eigenen Haus.

Wo wird denn Fifa-Präsident Sepp Blatter sitzen?

Der Herr Blatter sitzt auf der gegenüberliegenden Seite – und das ist auch gut so.

Sie haben Probleme mit Herrn Blatter?

Ich habe grosse Probleme mit der Fifa.

Und worin bestehen die?

Die Fifa hat ihre Statuten so ausgelegt, dass wir Clubs ihr unsere hoch bezahlten Profis kostenlos zur Verfügung stellen müssen. Mit diesen Spielern macht die Fifa bei ihren Veranstaltungen wie jetzt bei der WM einen Milliardenumsatz und einen Riesengewinn – ohne die Vereine angemessen zu beteiligen. Das kann so nicht weitergehen.

Was fordern Sie von der Fifa?

Die Clubs fordern zwei Dinge. Erstens: Die Fifa soll die Spieler versichern. Der Weltverband hat jetzt angeboten, einen Fonds zu gründen, aus dem die Clubs der bei der WM verletzten Spieler bedient werden. Aber das reicht nicht aus. Wir wollen zweitens, dass die Fifa für den vollen Zeitraum der WM die Kosten, die den Vereinen entstehen, kompensiert.

Wie viele Nationalspieler stellt der FC Bayern für die WM ab?

Von uns nehmen 13 Nationalspieler für Deutschland und andere Länder an der WM teil.

Was kostet die WM demnach den FC Bayern?

Sie müssen rechnen, dass ein Nationalspieler bei den guten Clubs Kosten von 10 000 Euro am Tag verursacht.

So viel Geld wird Herr Blatter doch niemals freiwillig herausrücken.

Die Versicherung wird so kommen, bei der Kompensation sieht das anders aus: Wenn uns die Fifa kein akzeptables Angebot macht, werden wir die Sache leider vor Gericht ausfechten müssen.

Sie gehen aber nicht so weit, die Spieler für die WM sonst nicht freizugeben?

Nein, damit würden wir nicht so sehr der Fifa schaden als den Fans in aller Welt. Wir wollen aber niemandem schaden, wir wollen eine faire Behandlung. Jeder bekommt Geld von der Fifa: das ausrichtende Land, die teilnehmenden Verbände. Und die Spieler werden gleich mehrfach bezahlt. Die einzigen Dummen sind die Clubs. Die gehen mit null nach Hause.

Warum will Herr Blatter das nicht einsehen?

Die Politik der Fifa ist klar: Die Clubs haben nichts zu melden. Die Fifa will unsere Forderungen offenbar schlicht aussitzen. Der Herr Blatter denkt sich ständig irgendwelche Kommissionen oder Gremien aus, die überhaupt keinen Einfluss haben. Deshalb: Vergessen Sie alles, was aus Zürich kommt! Ich habe hier in meinem Büro zwei Schubladen: Die eine ist voll mit Valium, die andere voll mit Alibis – und oben drüber steht Fifa.

Herr Blatter hat die reichen Vereine angeprangert, zu gierig zu sein.

Wen meint Herr Blatter eigentlich mit «reichen Vereinen»? Ich habe eine Liste der reichsten Clubs gesehen. Daraus geht hervor: Grossen Umsatz machen viele, aber Gewinn macht kaum noch einer in dieser Fussballwelt. Herr Blatter versucht, einen Keil zwischen die Clubs zu treiben, indem er behauptet, die reichen Vereine trieben den Fussball in die finanzielle Bredouille.

Hat er denn Unrecht damit?

Sicherlich ist auch die Clubfussballwelt nicht völlig in Ordnung. Sonst gäbe es nicht so viele Clubs, die rote Zahlen schreiben. Nehmen Sie den FC Chelsea, der 204 Millionen Euro Verlust gemacht hat. Wie der aufgefangen wird, wissen wir …

… durch Roman Abramowitsch, den russischen Milliardär und Club-Besitzer?

Ja klar, und das ist sicher nicht gesund. Deshalb müssen auch beim Clubfussball Veränderungen her, um den Wettbewerb zwischen den einzelnen europäischen Ligen wieder fair zu machen.

Tut Herr Blatter dem Fussball gut?

Ich würde es mal so ausdrücken: Der Fussball tut Herrn Blatter sehr gut. Ob der Herr Blatter dem Fussball gut tut, das möchte ich heute nicht beantworten.

Karl-Heinz Rummenigge (50) ist Vorstandsvorsitzender des FC Bayern München. Der frühere Weltklassestürmer vertritt seinen Club in der G14, einer Lobbygruppe europäischer Top-Vereine.

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