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Werner Merzbacher: Nerze, Nerze, und Kandinsky

Werner Merzbacher (Foto: Gee Ly)

Der Zürcher Werner Merzbacher ist einer der letzten grossen Pelzhändler Europas und ein Kunst-Aficionado der Extraklasse.

Veröffentlicht 26.05.2004

Begegnet man Werner Merzbacher tagsüber, diktiert er für gewöhnlich in sein Mobiltelefon, parliert sachkundig mit Vertrauensleuten in aller Welt, erkundigt sich nach den letzten Auktionsresultaten, diskutiert Mengen und Qualitäten, erteilt Preislimiten und besiegelt fernmündlich manch lukratives Geschäft. Oder er bearbeitet mit einem kleinen Plastikstift seinen digitalen Assistenten, eine Errungenschaft des Computerzeitalters, die der 75-jährige Zürcher Pelzhändler aus praktischen Gründen stets mit sich führt.

Gegen Mittag, wenn an den US-Märkten der Handel aufblüht, kommen die Vorzüge von Merzbachers tragbarem Büro voll zum Tragen. Eine Berührung mit dem Zauberstäbchen genügt, und auf dem Monitor seines Handy-Assistenten erscheint in «real time» der Wechselkurs zum Dollar. Womit dafür gesorgt wäre, dass der gewiefte Pelz- und Devisenhändler für seine Geschäfte jederzeit über den aktuellen Umrechnungsfaktor verfügt. Im Grossen und Ganzen scheint der rüstige Vieltelefonierer jedoch ein durchaus ambivalentes Verhältnis zu den effizienzsteigernden Technologien der Neuzeit zu haben.

Am Sitz seiner Pelzhandelsgesellschaft, der Mayer & Cie. in Zug, herrscht das papierene Chaos: Berge von Akten verstellen Merzbachers Büro, quellen aus Ablagen und Regalen und belegen, scheinbar wahllos in ausrangierte Sporttaschen, Mappen und Plastiktüten gepackt, den Fussboden. Am Ende des schlauchartigen Arbeitszimmers versinkt Merzbachers Pult unter einer halbmeterdicken Sedimentschicht aus Kunstbildbänden, Auktionskatalogen, Pelzstatistiken, Marktberichten, Wechselkurstabellen, Manuskripten, Zeitungsartikeln, Briefen, handschriftlichen Notizen. Schriftstücke und Akten, so weit das Auge reicht.

Der Urheber des Respekt einflössenden Durcheinanders meistert die Zelluloseflut mit der Präzision des geübten Chaotikers. Intuitiv taucht Merzbachers Hand zielsicher in die unergründlichen Papierhalden und fördert mit spitzen Fingern das jeweils Gesuchte an die Oberfläche. Ein Kondensat aus den wichtigsten Unterlagen und Dokumenten trägt der weit gereiste Kaufmann ohnehin immer auf sich. In den ausgebeulten Innentaschen seines Blazers verwahrt er zwei dicke Papierbündel, auf denen in mikroskopischer Schrift Auktionsdaten und -preise, Devisenkurse, Bestellmengen, ausgeliehene Kunstwerke, Transportkosten und Ähnliches vermerkt sind. Kurz: Sämtliche entscheidungsrelevanten Informationen, die Merzbacher für seine duale Rolle als Kunst sammelnder Pelzhändler benötigt, trägt er nach alter Väter Sitte handschriftlich auf zwei Dutzend zerfledderten A4-Blättern nach.

An bester Lage, direkt neben dem noblen Hotel Baur au Lac, führt Merzbacher den Pelzladen A.C. Bang, eines der letzten übrig gebliebenen Pelzgeschäfte in der Stadt Zürich, dessen aktuellen Jahresumsatz er auf sechs bis sieben Millionen Franken beziffert. Mit leiser Wehmut erinnert er sich an Zeiten, als es in der Limmatstadt noch an die fünfzig Kürschnereien und Pelzgeschäfte gab und Mayer & Cie. zu den führenden Adressen im internationalen Pelzgeschäft gehörte. Nicht nur weil militante Tierschützer das Image der Pelzbranche europaweit ramponiert haben, spielt die Musik in Sachen Kuschelmode heute woanders: Drei Viertel der weltweit angebotenen Pelze werden derzeit von China und Russland absorbiert.

China importiert nicht nur immense Mengen an Rohpelz; mittlerweile stammen auch 80 Prozent der verarbeiteten Ware auf dem Weltmarkt wie Pelzmäntel, -jacken und -accessoires aus chinesischen Nähereien, wobei die Produktionsqualität höchsten westeuropäischen Standards zu genügen vermag. «Bezüglich Verarbeitung gibt es heute zwischen chinesischen und anderen Produktionsstätten keine Unterschiede mehr», muss sich auch Merzbacher eingestehen.

Längst ist der Handel mit Nerz, Blaufuchs und Zobel zu einem Vehikel, einer Conditio sine qua non, für seine vermutlich grösste Obsession geworden – das Aufspüren und Erwerben von Meisterwerken der klassischen Moderne: Kandinsky, Klee, Braque, Léger, Jawlensky. Im Verlauf der letzten dreissig Jahre hat sich Werner Merzbacher eine der bemerkenswertesten Privatsammlungen mit Spitzenwerken europäischer Malerei aus der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts aufgebaut. Beim Ankauf der oftmals millionenteuren Tableaus orientiert er sich vorab an Leuchtkraft und Energie der Farben, ein Auswahlkriterium, das seiner Kollektion ein einzigartiges, sehr persönliches Gepräge verleiht. «Wenn man Pelzfachmann ist, muss man einen scharfen Blick für geringe Farbnuancen haben – und den habe ich», erklärt der Sammler seinen berufsbedingten Bonus.

Erst zweimal wurde der Vorhang zur Seite geschoben, um einem breiteren Publikum einen Blick auf die Schätze von Gabrielle und Werner Merzbacher zu ermöglichen. 1998/99 nutzten über 250 000 Kunstbegeisterte die erstmalige Chance, die Sammlung in Jerusalem zu bestaunen. Vier Jahre später fand in London das eigentliche «Going-public» statt. Achtzig ausgesuchte Werke aus der weltweit beachteten Kollektion wurden im Herbst 2002 unter dem Ausstellungstitel «Masters of Colour» in der Londoner Royal Academy of Arts präsentiert.
Den Grundstock zur Sammlung hatte bereits der Grossvater von Gabrielle Merzbacher gelegt, der seinerseits mit dem Handel von Tierfellen sehr erfolgreich war. Nachdem Bernhard Mayer zu Beginn des letzten Jahrhunderts über Belgien und Deutschland in die Schweiz gekommen war, begann er hier mit dem Sammeln moderner Kunst und erwarb Meisterwerke von Impressionisten und Postimpressionisten wie etwa van Gogh, Renoir, Cézanne und Matisse. Auch «The Couple» aus Picassos blauer Periode, eines der berühmtesten Bilder der Sammlung, geht auf den kleinen, dafür absolut hochkarätigen Bestand des Grossvaters zurück.

In Ascona, wo sich Bernhard Mayer 1909 niederliess, machte er sich vielen Künstlern zum Freund – so etwa Alex von Jawlensky und Arthur Segal –, kaufte ihre Bilder und unterstützte damit indirekt die Künstlerkolonie auf dem Monte Verità. 1941 emigrierte die Familie in die USA, nahm die wichtigsten Kunstwerke mit und brachte diese nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs wieder zurück in die Schweiz.

Wenn sich Werner Merzbacher zu einem Werk aus seiner Sammlung äussert, versprühen seine Augen Enthusiasmus. Die Lebensfreude und die Vitalität, die er aus dem täglichen Umgang mit seinen Bildern gewinnt, kontrastieren mit dem tragischen Schicksal seiner Familie. In Süddeutschland als Sohn eines jüdischen Arztes zur Welt gekommen, schickten ihn seine Eltern nach der Kristallnacht mit einem Kindertransport in die Schweiz. Der Zehnjährige landete bei der Gemeindeschwester in Zürich Witikon, wo er in einem reinen Frauenhaushalt unter ärmlichen Verhältnissen aufwuchs. Seinen vier Jahre älteren Bruder steckte man derweil in ein Lager im Tessin und später in eine Gärtnerei im Kanton Thurgau.

Ihre Eltern sollten die beiden Jungen nie mehr wiedersehen: Sie wurden von den Nazis in ein Lager nach Frankreich deportiert und später in Auschwitz ermordet. Im Gegensatz zu seinem älteren Bruder, der das Schicksal der Eltern viel bewusster erlebte, nie darüber hinwegkam und später zu einem Psychiatriefall wurde, hatte Werner das Glück der Jugend auf seiner Seite. Da er ein sehr guter Sportler war, wurde er von seinen Schweizer Mitschülern rasch akzeptiert. Während Jahren kickte er bei den Junioren des FC Witikon; sein Sackgeld verdiente er sich nebenher als Statist am Zürcher Schauspielhaus, wo auch seine Liebe für Kunst und Film ihren Ursprung hat.

Als ihm die Schweizer Behörden nach dem Krieg wegen der Erkrankung des Bruders die Einbürgerung verweigerten, emigrierte Werner Merzbacher 1949 in die USA. Die 800 Franken für die Überfahrt in der Holzklasse der «Queen Mary» pumpte er sich seinerzeit bei Freunden zusammen. In New York angekommen, fand der 20-Jährige zunächst eine Stelle als Sekretär – immerhin konnte der junge Exilschweizer damals bereits in Englisch stenografieren. Schon bald nach seiner Ankunft machte Merzbacher die Bekanntschaft mit Gabrielle Mayer, heiratete sie, wurde von den Amerikanern zum Militärdienst eingezogen, verbrachte als Soldat zehn Monate in Alaska und nahm nach seiner Entlassung einen Job in der amerikanischen Lederhäutebranche an. Bei Kaufmann Trading in New York, einer der führenden Adressen im Handel mit Rindshäuten, entwickelte der Emigrant vorab in Finanzfragen grosses Geschick und beschäftigte sich bald eingehender mit Devisen als mit Kuhhäuten.

Mit seiner Frau Gabrielle und den gemeinsamen drei Kindern kehrte Werner Merzbacher Mitte der Sechzigerjahre in die Schweiz zurück. In Zürich trat er als Partner in die Firma Mayer & Cie. ein, die von seinem Schwiegergrossvater, dem Kunstfreund und Mäzen Bernhard Mayer, gegründet worden war. Unter geschäftlichen Gesichtspunkten erwies sich der Zeitpunkt für die Rückkehr als ideal. Europas Konsumenten hatten grossen Nachholbedarf, die Märkte befanden sich im Aufschwung, und die Geschäfte von Mayer & Cie. expandierten schnell. Während der späten Sechziger- und der Siebzigerjahre entwickelte sich das Unternehmen zu einer Drehscheibe im internationalen Pelzhandel mit Jahresumsätzen in dreistelliger Millionenhöhe.

«Wir waren damals eines der führenden Pelzhäuser weltweit», entsinnt sich Werner Merzbacher. Vier bis fünf Monate pro Jahr weilte er in dieser Boomphase im Ausland – er reiste den grossen Pelzauktionen nach oder besuchte Geschäftspartner und Kunden in Übersee.

Tempi passati. An der Dianastrasse in Zürich unterhält Mayer & Cie. nur noch ein kleines Anpassungs- und Reparaturatelier. Wo ehemals Berge von Pelzen gelagert, gehandelt und verarbeitet wurden, dominieren heute Bürolampen und Bildschirme. Drei von fünf Etagen der geräumigen Geschäftsimmobilie im Zürcher Selnau-Quartier hat Merzbacher an die Bank Vontobel weitervermietet. Seit sieben Jahren schlägt der Puls der mayerschen Pelzhandelsgruppe in Zug – dort, wo sich auch Werner Merzbachers zugestelltes Büro befindet. Von hier und den weiterhin bereisten Auktionen aus schliesst er inzwischen die meisten seiner Geschäfte am Handy ab. Folge: Merzbachers Mobilfunkrechnung liegt permanent im roten Bereich.

Im Kanton Zug ist auch die Mayer & Cie. Finanz AG domiziliert, Merzbachers Vehikel für Geld- und Vermögensgeschäfte aller Art. Mit Wertpapieren hält es der Pelzhändler wie mit der Kunst: einmal in Besitz genommen, kann er sich in den seltensten Fällen wieder davon trennen. «Seit vierzig Jahren investiere ich in Aktien», verrät der obsessive Sammler. «Kaum je habe ich eine wieder verkauft.» Auch Währungsspekulationen gegenüber war Merzbacher in früheren Jahren nicht abgeneigt. Als etwa Fritz Leutwyler, der Ex-Präsident der Schweizerischen Nationalbank, in den Achtzigerjahren seine legendäre Aussage zum Wechselkurs des Frankens – «deutlich über 80 Rappen» – machte, erwarb Merzbacher augenblicklich Dollar-Futures im Gegenwert von zehn Millionen Franken. Die Investition erwies sich im Nachhinein als ein Supergeschäft. «Nur auf Grund meiner vertieften Kenntnisse im Devisenhandel hat der Pelzhandel überhaupt überlebt», gibt Merzbacher zu bedenken.

Wenn er im Schutz der eigenen Wände eine kostbare geschnitzte Holzskulptur von Ernst Ludwig Kirchner zur Hand nimmt oder für einen Augenblick in einem seiner liebsten Bilder – einem leuchtenden Frauenporträt von Amedeo Modigliani – versinkt, glaubt man etwas von Merzbachers kompromissloser Hingabe an die Schönheit in der Kunst zu verspüren.

«Man sollte einmal eine Ausstellung organisieren, welche die französischen Fauvisten wie Derain und Matisse wichtigen Vertretern des italienischen Futurismus und des deutschen Expressionismus gegenüberstellt», äussert der Aficionado einen seiner geheimen Wünsche. Den Schritt zum Privatmuseum, wo Visionen wie diese am unbürokratischsten zu verwirklichen wären, haben Gabrielle und Werner Merzbacher noch nicht vollzogen. Regelmässig tauchen Exemplare aus ihrer Prachtkollektion dafür in ausländischen Museen und nicht selten auch vor der eigenen Haustüre auf – etwa in den Räumlichkeiten der Fondation Beyeler in Riehen, bei Gianadda in Martigny oder im Zürcher Kunsthaus, wo ein paar seiner Bilder als Dauerleihgabe zu sehen sind (siehe Foto oben). Versehen sind die Preziosen aus der Kollektion Merzbacher jeweils mit dem diskreten Etikett «Aus privater Sammlung».

Um seiner teuren Leidenschaft zu frönen, sieht sich der 75-jährige Kunstenthusiast gezwungen, auch geschäftlich am Ball zu bleiben. Von Vorteil wirkt sich dabei aus, dass Merzbacher bereits vor einem Vierteljahrhundert mit einer der heute weltweit führenden Pelzfirmen in Kontakt kam: Tientsin International mit Sitz in Hongkong. Die Nummer eins im globalen Pelzverarbeitungsgeschäft war bisher vor allem in der südchinesischen Industriezone von Shenzen tätig. Neuerdings verlagert die Gesellschaft, mit der Mayer & Cie. an einer Gerberei beteiligt ist, ihre Aktivitäten jedoch zusehends nach Norden, in den boomenden Grossraum von Shanghai. Dort, wo mittelfristig auch das grösste Nachfragepotenzial für Pelzbekleidung zu vermuten ist, werden sämtliche Produktionsstufen, inklusive der Aufzucht von Nerzen, zusammengezogen. Die gesamte Wertschöpfungskette von der Zurichtung der Rohpelze über das Gerben und den Zuschnitt bis hin zur Verarbeitung an der Nähmaschine soll dereinst im boomenden Yangtse-Delta lokalisiert sein.

«Ich habe keinen grossen Glauben mehr an den Pelzhandel in Europa», sagt Werner Merzbacher, der sich als Bieter auf den grossen Pelzauktionen in Dänemark und Finnland mittlerweile zurückhält. Stattdessen hat er sich darauf verlegt, anderen Auktionsteilnehmern gegen Zins das Kapital für ihre Einkäufe vorzustrecken. «Ich bin in die Rolle eines Merchant-Bankers geschlüpft», gibt der Sammler verschmitzt zu verstehen. «Wenn mir der liebe Gott etwas geschenkt hat», sagt Merzbacher «dann die Fähigkeit, besonders gut improvisieren zu können.»

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