Auf der engen, kurvenreichen Berg­stras­se die Surselva hinauf nach Vals war kaum noch ein Wagen unterwegs. Über dem 880-Seelen-Dorf breitete sich die Dunkelheit aus. Die Valser waren an diesem Abend auf dem Weg zur Turnhalle. Zur Gemeindeversammlung. Es sollte spannend werden an diesem Freitagabend Ende November.

Es ging um Remo Stoffel, den ziemlich berühmten Sohn des Dorfes. Denn der Immobilienunternehmer, der seit vielen Jahren für Schlagzeilen sorgt, hatte der Gemeindeversammlung das ­Angebot ­unterbreitet, das Hotel Therme Vals zu übernehmen. Stoffel versprach Inves­titionen in einen Neubau, der rund 60 Millionen Franken kosten sollte. Es wäre ein Denkmal für den ­wundersamen ­Aufstieg des 35-Jährigen, der es in ­wenigen Jahren vom hoch ­verschuldeten Start-up-Unternehmer Ende 2005 zum Immobilientycoon schaffte und heute ein Liegenschaftenimperium im Wert von 500 Millionen Franken beherrscht.

Seither ist auch das Dorf Vals in den Schlagzeilen. Denn Remo Stoffel kämpft schon länger mit Reputationsproblemen. Er muss mit weiteren Verfahrensschritten bei schon länger laufenden Straf­untersuchungen gegen ihn rechnen. ­Etliche Valser Bürger fürchten daher um ihr Wahrzeichen, das Thermalbad, und dessen Erfolgsgeschichte. «Mich macht es traurig», erklärte Peter Schmid, Präsident der Valser Marketingkommission und als Kulturmensch eine gute Seele des Dorfes. Er sieht «den ganzen Stolz des ­Dorfes», ein fulminantes Bauwerk des Bündner Stararchitekten Peter Zumthor, in Gefahr.

Vorwürfe bestritten. Stoffel hat bis anhin alle strafrechtlichen Vorwürfe gegen ihn bestritten (siehe auch BILANZ 4/11: «Der junge Mann und das Geld»). Seine PR-Berater vom Zürcher Büro Peter Büti­kofer & Company bemühen sich eifrig um ein schöneres Bild, sie werfen der ­BILANZ «krampfhaft tendenziöse Umtriebigkeit» vor und stehen daher «für Auskünfte nicht zur Verfügung». Un­gelegen kommt deshalb ein neues Ermittlungsverfahren gegen Mitarbeiter von Stoffels Unternehmensgruppe Priora. Bis zum rechtskräftigen Gerichts­entscheid gilt für alle Vorwürfe die Unschuldsvermutung (siehe «Verfahren» unter 'Nebenartikel').

Der Deal um das Hotel Therme Vals wurde diskret eingefädelt. Aus der Bündner Kantonshauptstadt Chur kamen die ersten Signale, das Amt für Gemeinden machte sich für den jungen Investor stark. Der Verwaltungsrat des Hotels war begeistert und versuchte dann im September, die Medien zu überzeugen. «Wir betrachten Remo Stoffel als seriösen ­Geschäftsmann», lobte Stephan Schmid, der VR-Präsident der Hotel und Thermalbad Vals AG, den Investor. «Er will ein Zeichen setzen.» Der Verwaltungsrat drängte den zunächst ahnungslosen Gemeinderat zu einem schnellen Privatisierungsentscheid, damit die teilweise veraltete ­Hotelanlage rasch modernisiert werden könnte. Es eile, denn Stoffels ­Angebot sei bis März 2012 befristet.

Es klang nach einer grossartigen ­Offerte. Doch je mehr die Bürger an der Gemeindeversammlung darüber erfuhren, desto grösser wurden die Zweifel. Am Ende verstanden viele nicht mehr so recht, was den Verwaltungsrat dazu bewogen haben mag, der Gemeinde diesen Deal zu empfehlen: Das Unternehmen Stoffel Partizipationen würde von der ­Gemeinde 100 Prozent der Aktien für fünf Millionen Franken übernehmen, im ­Gegenzug sollte sich die Gemeinde mit sechs Millionen an den Investitionen ­beteiligen. Vier Millionen erwarte Stoffel von der kantonalen Wirtschaftsförderung. Einen Drei-Millionen-Kredit würde die Schweizerische Gesellschaft für ­Hotelkredit (SGH), eine Förderorganisation des Bundes, beisteuern, und mit 37,5 Millionen sollte die Graubündner Kantonalbank das Projekt finanzieren. Zudem würde Stoffels Firma günstig drei Parzellen mit insgesamt 8000 Quadratmetern für zwei Millionen von der ­Gemeinde ­erwerben und freien Zugang zu den ­kommunalen Wasserressourcen erhalten. Dafür würde Stoffel Partizipationen rund elf Millionen investieren. «Ein faires ­Angebot», meinte der Verwaltungsrat des Hotels.

Gemeindepräsidentin Margrit Walker-Tönz, eine wackere Verwalterin des Dorfvermögens, referierte sachlich die Zahlen. Stoffel würde nach Abzug der Gegenpositionen unter dem Strich für eine Million Franken in bar ein durchaus passables Unternehmen übernehmen: Das Hotel hat eine gesunde Gästestruktur, es verfügt über 9,6 Millionen Franken Eigenkapital, erwirtschaftete im letzten Rechnungsjahr 1,3 Millionen bei einer Eigenkapitalrendite von 13,6 Prozent. Und noch besser: Es verfügt über mehr als sechs Millionen Franken flüssige Mittel.

Investition mit Schenkung. Die Bürger verstanden nun: Das Investitionsversprechen wäre mit einer Multimillionen-Schenkung verknüpft. «Ich verstehe das nicht», protestierte ein Unternehmer und forderte unabhängige Gutachter. Dem VR des Hotels vertraut er nicht mehr. ­Hotelpräsident Stephan Schmid verweigerte der ­BILANZ die Auskunft.

Zunächst war man im Dorf von verlässlichen Finanzierungszusagen ausgegangen. Doch es stellte sich heraus, dass die Kantonalbank keine Kreditzusage, sondern nur eine Absichtserklärung ­gegenüber dem Hotelverwaltungsrat ­gegeben hat. Auch die SGH korrigierte laut Dokumenten, die der BILANZ vorliegen, dass sie «weder eine detaillierte Kreditprüfung noch einen Kreditentscheid gefällt hat». SGH-Direktoren stellen klar: «Einen allfälligen formellen Kreditantrag würden wir im Rahmen der gesetzlichen Erfordernisse prüfen.»

Auch in Chur läuft die Sache nicht so glatt. «Es ist sehr wichtig», schrieb Alt-Regierungsrat Martin Schmid der Gemeindepräsidentin, «auch noch allfällige andere Offerten seriös zu prüfen und sich dann für die für Vals beste Lösung zu entscheiden.» Das überraschte viele, wurde doch dem freisinnigen Politiker eine besondere Nähe zu Stoffel nach­gesagt. Martin Schmid, nun als Stände­-rat in der Verantwortung, erklärt der ­BILANZ: «Ich hatte als Regierungsrat und Vorsteher des Departements für ­Finanzen und Gemeinden mit diesem Geschäft inhaltlich nichts zu tun.» Und: «Ich kenne Herrn Stoffel, unterhalte jedoch keine geschäftlichen Beziehungen zu ihm. Wie auch? Ich war ja bis am 5. Dezember 2011 vollamtlicher Regierungsrat und durfte weder als Rechtsanwalt noch als Berater neben meinem Regierungsamt beruflich tätig sein. Ich unterhalte auch heute keine geschäftlichen Beziehungen zu Herrn Stoffel, und solche sind bis heute auch nicht geplant.»

In Vals erinnern sich noch viele Stockwerkeigentümer der Ferienwohnungs­anlage in den Thermehäusern an turbulente Zeiten mit Stoffel, da dieser im Amt des Verwalters der Eigentümergemeinschaft etliche Spuren hinterlassen hat. Für den Verbleib von rund einer Million Franken, die man eigentlich in der Gemeinschaftskasse des Erneuerungsfonds vermutete, legte Stoffel einen Beleg mit dem Signet der Bündner Kantonalbank vom April 2003 vor, der keine korrekten Unterschriften trug. Das Dokument entpuppte sich als Fälschung. In der Eigentümerversammlung kam es zu erbosten Debatten, die misstrauisch gewordenen Revisoren machten sich auf die Suche nach dem Vermögen. 2004 und 2005 legte Stoffel weitere, diesmal echte Saldobestätigungen der Bank Julius Bär vor. Der Haken war nur, dass es sich um den Vermögensstatus für die Konti eines Stoffel-Geschäftspartners handelte, der mit den Thermehäusern nichts zu tun hatte.

Geduldsspiel. «Es bedurfte unendlicher Geduld, um wenigstens schriftliche Antworten zu ­erhalten», notierten die Prüfer. «Die Mehrheit der Eigentümer beschloss 2006, Herrn Stoffel durch eine erfahrene Person, deren Seriosität und Zuverlässigkeit ausgewiesen war, auszuwechseln», berichtet der Wohnungseigentümer Paul Kopp, ein Obergerichtspräsident im ­Ruhestand.

Zur Untersuchung der Fälschungs­vorwürfe übergab der neue Treuhänder 25 Bundesordner Dokumente aus der Stoffel-Ära an die Kantonspolizei. «Dieses gerichtspolizeiliche Ermittlungs­verfahren steht nun kurz vor dem Abschluss», erklärt Staatsanwalt Maurus Eckert in Chur. Er rechnet im ersten Quartal 2012 mit dem Schlussbericht.

«Die Reputation des Investors muss geklärt werden», forderte ein Antragsteller an der Gemeindeversammlung. Darauf mag Architekt Peter Zumthor nicht warten, er sieht sein Werk bedroht. Er hat eine Gruppe «respektabler Investoren» für das Hotel begeistert, die seine Sorge teilen. «Man wird Freude haben», sagt Zumthor, «wir werden einreichen.»

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