Weisser Dampf, wohin man schaut. Beinahe jeder hier im neuen, überfüllten Store von Philip Morris im hippen Tokioter Stadtteil Ginza hält einen dieser Tabakerhitzer namens Iqos in den Händen. Sie ziehen daran und pusten den weissen Qualm aus, der sich sogleich verzieht. Ein süsslicher Geruch liegt in der Luft. Je länger man diesem als Nichtraucher ausgesetzt ist, desto stärker werden die Kopfschmerzen. Ein Kratzen macht sich im Hals breit.

Die Geräte liegen aufgereiht auf Tischen aus hellem Holz. Es gibt sie in verschiedenen Modellen und Farben mit passendem Lederetui und Ladegerät. In einer weissen Verpackungsbox bekommt der Käufer sie ausgehändigt – als wäre es ein Apple-Produkt. Doch eben, statt vom iPhone ist hier die Rede von Iqos. Denn hier vertreibt der Marlboro-Konzern das, was er als Zukunft des Rauchens deklariert hat: seinen Tabakerhitzer. Dampf statt Rauch, Erhitzen statt Verbrennen lautet die neue Devise. Und vor allem: zigarettenfrei.

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Erhitzen statt Verbrennen

Was bleibt, ist der Tabak. So wird in das stiftähnliche Gerät eine Tabakpatrone geschoben, deren Inhalt elektrisch auf etwa 350 Grad erhitzt und eben nicht wie bei der Zigarette verbrannt wird. Der Nutzer inhaliert dann weissen, nikotinhaltigen Dampf, das sogenannte Aerosol. Dieses sei gesünder als Zigarettenqualm, sagte CEO André Calantzopoulos später bei der – ebenfalls ganz Apple-like – Präsentation des jüngsten Modells «Iqos 3», weswegen der Konzern geladen hatte.

Undated file photo shows Philip Morris International Inc.'s heat-not-burn tobacco product iQOS. (Kyodo)==Kyodo(Photo by Kyodo News via Getty Images)

Iqos besteht aus einem stift­ähnlichem Halter, der die Tababsticks erhitzt.

Quelle: 2016 Kyodo News

«Wir haben eine transformierende Vision, die die Gesellschaft verändern könnte», sagte Calantzopoulos. Denn: Philip Morris, einer der grössten Tabakkonzerne der Welt und Hersteller von Marken wie Marlboro und Chesterfield, will den Verkauf von Zigaretten aufgeben. «Zigaretten sind ungesund. Doch die Leute werden nicht einfach aufhören zu rauchen, wenn es keine Alternativen gibt. Mit Iqos haben wir eine Alternative entwickelt, die bis zu 90 Prozent weniger Schadstoffe enthält als eine Zigarette.» Dies hätten vom Unternehmen in Auftrag gegebene Studien gezeigt. So würden durch die niedrigeren Temperaturen des Gerätes weniger krebserregende Stoffe freigesetzt als etwa bei konventionellen Zigaretten. Die Gesundheitsrisiken seien also deutlich niedriger, wenn sie auch nicht auf Null reduziert seien.  

Sinkende Nachfrage nach Zigaretten

Die Kehrtwende des Konzerns ist erstaunlich. Bis vor wenigen Jahren stritt die Tabakindustrie noch ab, dass Zigaretten überhaupt die Gesundheit schädigen können. Nun aber geht es für Philip Morris um das wirtschaftliche Überleben. Denn in der westlichen Welt greifen immer weniger Menschen zur Zigarette. In der Schweiz gingen 1996 noch mehr als 15 Milliarden Zigaretten über den Verkaufstisch. 2014 waren es noch 10,9 Milliarden. Laut Marktforscher Euromonitor sollen es 2019 nur noch 8,2 Milliarden Zigaretten sein. Auch in Deutschland ist dem aktuellen Drogen- und Suchtbericht der Bundesregierung zufolge die Raucherquote bei Erwachsenen innert zehn Jahren um 30 Prozent zurückgegangen, bei Jugendlichen sogar um zwei Drittel. Gleichzeitig ist der Gebrauch von neuen Raucherprodukten wie E-Zigaretten in den vergangenen Jahren angestiegen.

Den neuen Produkten wird grosses Potenzial zugeschrieben. Philip Morris richtet entsprechend mit grosser Kelle an: 4,5 Milliarden Dollar will der Konzern bislang in die Forschung und Entwicklung von Iqos investiert haben. Zudem fliesse das gesamte Werbeetat in die «rauchfreien» Produkte. Fünf Jahre nach der ersten Markteinführung sind eigenen Angaben zufolge fast 6 Millionen Raucher auf die Tabakalternative umgestiegen, mehr die Hälfte davon in Japan, dem stärksten Markt. In Europa sollen es eine Million Iqos-Nutzer geben. Zum Vergleich: Weltweit rauchen etwa 1,1 Milliarden Menschen Zigaretten.

Forscher warnen vor gesundheitlichen Risiken

Kritiker werfen Philip Morris vor, die Risiken, die vom Tabakerhitzer ausgehen, schönzureden. Auch Forscher und Gesundheitsorganisationen warnen vor den Gefahren, trotz geringerer Schadstoffemissionen sei die Nutzung gesundheitlich bedenklich. Ein weiteres Problem: Es gibt keine Langzeituntersuchungen, die die gesundheitlichen Auswirkungen des Dampfens über mehrere Jahre aufzeigen.

In this Oct. 22, 2018 photo, visitors look at a pen-like "heat-not-burn" device iQOS at an IQOS store in Tokyo. In Japan, Philip Morris opened nine iQOS stores in trendy districts nationwide, offering free WiFi and drinks, to perk consumer interest. (AP Photo/Eugene Hoshiko)

Iqos-Store: Der Tabakerhitzer ist in verschiedenen Farben erhältlich.

Quelle: Copyright 2018 The Associated Press. All rights reserved

Eine der wenigen unabhängigen Studien, die es bislang über die sogenannten «Heat-not-burn»-Produkte gibt, kommt von der Universität Bern aus dem Jahr 2017. In Zusammenarbeit mit der Universität Lausanne hat das Team Iqos genauer untersucht und die herauskommenden Schadstoffe, mit denen von Zigaretten der Marke Luky Strike verglichen. Das Ergebnis: Die Schadstoffmengen beim Gebrauch von Iqos waren zwar sehr viel geringer, doch wie bei der Zigarette entstand auch bei Iqos Rauch. Dabei fanden die Schweizer Forscher krebserregende Stoffe wie Acetaldehyd, Benzopyren und Kohlenmonoxid.

Von solchen Ergebnissen lässt sich der Konzern nicht beirren. Nach Bekanntwerden der Studienergebnisse forderte der Tabakmulti laut einem Bericht der «Sonntagszeitung» die Universitäten auf, diese zurückzuziehen und verwies auf «methodische Mängel».

Seine Mission ist klar: Philip Morris will sich zum zigarettenfreien Tabakanbieter wandeln. «One day we stop selling cigarettes.», sagte CEO Calantzopoulos. Was bleibt, ist weisser Dampf. Sowie Kopf- und Halsschmerzen.