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UBS: Der Spieler

Kweku Adobol: Ein sympathischer Typ, höflich und korrekt. Er kannte den Trick, der aus ­realen Verlusten Buchgewinne machte.

Seit dem 10. September steht er vor ­Gericht. Kweku Adoboli soll drei Jahre lang die ­Kontrollsysteme der UBS ­ausgetrickst haben. Protokoll einer kriminellen Karriere.

Von Leo Müller
18.09.2012

Als Kweku Adoboli den Hörer auflegte, genossen draussen auf dem runden Platz vor seinem Büro an der Londoner ­Finsbury Avenue seine Kollegen die Mittagspause. An den ­bunten Marktständen bildeten sich die ersten Warteschlangen. Zumeist junge Männer, manche im Businessanzug, ­andere im adretten Hemd mit Manschettenknöpfen und perfektem Schuhwerk. In riesengros­sen Pfannen dampfte spanische Paella, Würste lagen am Stand von The Parson’s Nose auf dem Grill, bei Great Clerkes Farm Foods wurden deftige Burger in Alufolie verpackt, und das Slow Roast Lamb gab es für fünf Pfund. Es roch nach Zwiebeln, Knoblauch und Curry. Ein gewöhnlicher Tag am Broadgate-Komplex der Investmentbank der UBS, dieser 14. September 2011. So schien es.

Für Adoboli war es der schlimmste Tag seines Berufslebens. Sein letztes Telefonat mit dem Buchhalter William Steward aus dem Backoffice war nicht gut verlaufen. Überhaupt, der ganze Vormittag war für Adoboli eine Tortur. Immer wieder hatte der Buchhalter ihn an seinem Handelstisch angerufen, ihn mit immer neuen Fragen gelöchert. Und er hatte sich mit seinen Erklärungen verheddert. Steward glaubte ihm nicht mehr, er forderte nun die Namen der Kunden, mit den exakten Zahlen über die Handelsvolumen.

Knapp vor dem Absturz. Adoboli blieb noch eine Weile an seinem Platz. Um 13.30 Uhr meldete er sich ab. Er müsse zum Arzt, hinterliess er. Eine Stunde später setzte er sich in seiner Wohnung im Stadtteil Shoreditch, unweit der U-Bahn-Station Aldgate und ganz in der Nähe der UBS-Büros, an seinen Computer und formulierte eine E-Mail an Buchhalter Steward. «Eine Erklärung über meine Trades», schrieb er in die Betreffzeile. «Dear Will», begann er seine Notiz, «ich schreibe diese E-Mail unter grossem Stress.»

Sein Brief schlug ein wie eine Bombe. Die Wahrheit über seine Gegenparteien: Es gab sie nicht, es gab keine Kunden. Er hatte sie erfunden. Hätte er noch ein paar Handelstage so weitergemacht, hätte die UBS in den Abgrund stürzen können.

Wenige Stunden später an diesem Mittwochabend stieg UBS-Chef Oswald Grübel aus dem Flugzeug. Sogleich wurde ihm gemeldet, dass ein Händler Positionen im Wert von zehn Milliarden Dollar offen hatte. Unbesichert, ungeschützt, ohne jegliches Hedging. Blanke, nackte Handelspositionen. «Ein sehr erschreckender Moment für mich», erinnert sich Grübel.

Wer ist dieser stets freundlich lächelnde Mann, der bereits mit 31 Jahren das Schicksal eines Finanzkonzerns in seinen Händen liegen hatte? Begreift er, was er angerichtet hat? Was trieb ihn an, eine der grössten Bankenbetrügereien aller Zeiten zu begehen? Wie konnte er überhaupt die Macht über so viel Geld gewinnen? Was lief schief in den Handelsräumen der UBS? Und welche Gefahr droht der Bank, wenn das Urteil im Strafprozess gegen Adoboli gesprochen ist und die Untersuchungen der Aufsichtsbehörden abgeschlossen sind?

Kweku Adoboli ist noch jung, aber er hat bereits eine lange Wanderschaft hinter sich. Am 21. Mai 1980 wurde er in Tema im westafrikanischen Ghana geboren, einer Hafenstadt in der Agglomeration der Hauptstadt Accra. Es war ein Geburtsort der Extreme. Tema, das ist das brutale Leben in der Hafengegend und zugleich das Quartier für die Wohlhabenden, die heute eine private Kehrichtabfuhr, fliessendes Wasser und eine Kanalisation haben. Kweku war noch keine zwei Jahre alt, als in Ghana der Fliegerleutnant Jerry Rawlings sich an die Macht putschte und eine Militärdiktatur errichtete. Vater John wurde als Diplomat in die Welt hinausgeschickt und machte bald eine Karriere bei den Vereinten Nationen. So verbrachte Kweku seine Kindheit mit der Familie auf Stationen in Syrien, Israel und Irak. Ein abgeschottetes Leben in Botschafterquartieren.

Tüchtiger Schüler. 1991 zügelten die Adobolis nach London. Aber schon ein Jahr später zogen die Eltern weiter, während sie Kweku in einer privaten Internatsschule in West Yorkshire unterbrachten, mehr als drei Stunden nördlich von London. Kweku Adoboli war da gerade 14 Jahre alt. Die Ackworth School war eine gediegene Erziehungsanstalt, im georgianischen Stil erbaut, mehr als 200 Jahre alt. Die Schule war einst von Quäkern gegründet worden, obwohl die meisten Schüler keine Quäker waren, praktizierten sie noch immer eine Schweigepause vor den Mahlzeiten, so wie dies unter Gläubigen üblich ist. Es roch nach Tradition, Shakespeare war omnipräsent. «Das Drama ­gedeiht in Ackworth», hiess es, Schülertheater gehörte zum festen Programm. Es gab eine alte Bibliothek, moderne Chemie- und IT-Labors. Und in der Freizeit war vom Kanufahren bis zum Fechten alles im Angebot.

«Er war ein tüchtiger Schüler», erzählt die neue Schulleiterin Kathryn Bell, die ihn selbst nicht mehr erlebt hat. «Er lieferte der Schulgemeinschaft einen sehr positiven Beitrag», berichtet sie etwas verkniffen. Adoboli war immerhin Schulsprecher an der Senior School von Ackworth. Sie würde wohl gerne auf diese Prominenz verzichten, aber «Kweku Adoboli, Investment Banker» rangiert heute nun mal im Wikipedia-Eintrag über Ackworth als Letzter auf der langen Liste der berühmten Absolventen, die seit 1771 namhafte Politiker, Fabrikanten, Wissenschaftler und Literaten aufführt.

Nach dem Schulabschluss und einer Jahrespause schrieb sich Adoboli 2000 an der Universität von Nottingham ein, zunächst in Chemieingenieurwesen. Er lebte sich rasch ein, koordinierte sogleich die Erstsemestrigen-Woche. Bald sattelte er aber um auf E-Commerce und Wirtschaftsinformatik.

In seinem letzten Studienjahr konnte er den ersten Hauch vom Nervenkitzel des Investment Banking aufnehmen. In den Sommerferien 2002 verbrachte er zwei Monate als Praktikant bei der UBS in London. Er war begeistert, und die Bank war von dem jungen Mann angetan. Gleich nach seinem Bachelor-­Abschluss meldete er sich bei der UBS und wurde aufgenommen. Ab September 2003 absolvierte er das Trainee-Programm für Hochschulabsolventen in den rückwärtigen Diensten – Backoffice genannt. Dort, wo der bürokratische Teil des Jobs für die Wertpapierhändler erledigt und darauf geachtet wird, dass alle Transaktionen korrekt erfasst und verbucht werden. Rasch absolvierte er das Trainingsprogramm für den «Operation Analyst», wurde Dienstleister für die bewunderten Händler, die draus­sen, im Frontoffice, dem grossen Handelsraum, an ihren Computer-Cockpits sassen und mit Millionen jonglierten. Adoboli musste die Transaktionen in Datenbanken erfassen, darauf achten, dass die Eingangs- und Ausgangszeiten, die Beträge, die Laufzeiten und viele weitere Daten stimmten. Und er musste aufpassen, wenn die Händler in ihrem hektischen Tagesgeschäft fehlerhafte Einträge ablieferten, und dies korrigieren. Er lernte das System kennen, auch dessen Lücken und Schwächen.

Noch nicht reich. Im Gegensatz zu den erfahrenen Händlern im Frontoffice war er immer noch arm wie eine Kirchenmaus. In seinem zweiten Jahr bei der UBS verdiente er umgerechnet 75 000 Franken, und seine Vorgesetzten gewährten ihm 17 500 Franken Bonus.

Adoboli war strebsam, er wurde von der Bank – wie so viele – als talentierte Kraft taxiert. Draussen blieb er der junge Mann in T-Shirt und Kapuzenpulli mit mehr als 400 Facebook-Freunden. Eine halböffentliche Social-Media-Persönlichkeit, ein typischer Vertreter der Facebook-Generation. Er outete sich als Fan des Hutschmucks von Prinzessin Beatrice von York – wie 5000 andere Facebook-Mitglieder, die das Hut-Design ebenfalls einfach crazy finden. Er offenbarte sich als hochfrequenter Zuschauer der US-Fernsehserie «The Wire», in der die Polizisten von Baltimore verzweifelt gegen den Niedergang ihrer Stadt durch Drogenbanden ankämpfen. Er fotografierte gerne und ist Anhänger des verstorbenen Saxofonisten Fela Kuti, einer Kultfigur des modernen Afrika. Seine Twitter-Spuren belegen, dass er sich für News aus dem Nahen Osten interessierte. Nichts deutete darauf hin, dass er am grossen Wall-Street-Rad drehen wollte – ausser sein häufiger Konsum der Börsen-Sendung «CNBC Fast Money».

Am 28. Dezember 2005 wechselte Adoboli vom Back- ins Frontoffice. Nun endlich war er Händler, ein richtiger ­Investment Banker mit acht Bildschirmen auf seinem Pult. Und nicht einmal ein Jahr später, Ende September 2006, kam er an das ETF-Desk, an dem die ­Trader im Kundenauftrag mit Funds ­arbeiten, die mit einem Korb von Wert­papieren verschiedene Börsenindizes nachbilden. Dabei wurden die Papiere meist nicht am gleichen Tag gekauft oder zum Verkauf gestellt, sondern auf einen späteren Termin gehandelt – mit riskanten Wetten auf die Zukunft. Doch sein Salär stieg nur um ein paar tausend Pfund – der Traum vom grossen Geld war immer noch weit entfernt.

Im März 2008, nach 18 Monaten am ETF-Desk, wurde er zum Associate ­Director befördert. Es war das Jahr der ­grossen Krise. Die UBS musste 40 Milliarden Franken abschreiben und im ­Oktober durch die Nationalbank gestützt werden. Das UBS-Jahr endete mit einem Verlust von 19,7 Milliarden Franken. Schlechte Zeiten für Lohnverhandlungen mit seinem Chef Ronald Greenidge. Adobolis Bonus fiel von 85 000 auf rund 23 000 Franken.

Seine Regeln waren klar. Er durfte täglich maximal Positionen in Höhe von 100 Millionen Dollar eingehen. Alles, was darüber war, musste er Greenidge melden. Zudem musste er seine Transaktionen durch Hedging absichern, stets mit gegenläufigen Geschäften das Risiko vermindern. Und alles wurde automatisch im Hintergrund auf Rechnern im Back­office aufgezeichnet, sekundengenau erfasst und mit komplexen mathematischen Formeln auf die Höhe des eingegangenen Risikos bemessen.

Im Jahr 2008 wurde aus dem seriösen Banker Adoboli «ein simpler Spieler», wie ihm später die Staatsanwältin Sasha Wass vorhalten wird. Der Wendepunkt kam im Oktober mit einem ersten gros­sen Verlust. 400 000 Dollar auf einen Schlag. Ein Schock für ihn, und er hätte den Fall Greenidge melden müssen. Doch Adoboli scheute sich vor dem Eingeständnis des gewaltigen Fehlers. Er änderte kurzerhand den Eintrag für den Tag des «Settlements», jenes Datums, an dem der Eingang des Geldes für den verlustreichen Trade in der Buchhaltung erfasst wird. Er wusste, dass niemand etwas bemerken würde, wenn er diesen Tag in die Zukunft verschöbe. Und auch das System, so wusste er aus seiner Lehrzeit im Backoffice, würde keinen Alarm schlagen, weil es die Gutschrift erst später erwartet. Er hoffte, den Verlust später heimlich wieder ausgleichen zu können.

Doch Adobolis Verluste stiegen bald auf Werte von 5 bis 20 Millionen. Für seinen Vorgesetzten sah es aus, als ob Adoboli Millionengewinne einfahren würde. In Tat und Wahrheit machte er Verluste, und diese waren nicht durch Hedging abgesichert. Seine Erfolge waren Luftnummern, seine Verluste Totalverluste.

Mit jedem verlustreichen Deal verstieg er sich in die Hoffnung, durch eine neue Transaktion den Schaden wettzumachen. Sein Spielerdilemma wird später von der Staatsanwältin Sasha Wass im Gerichtssaal des Southwark Crown Court so erklärt: «Stellen Sie sich vor, wir wetten 200 Millionen Dollar auf den Kursanstieg der Londoner Börse. Wir verlieren. Um unseren Verlust von 200 Millionen wieder gutzumachen, müssen wir 400 Millionen verwetten. Dann 800 Millionen und 1600 Millionen, schliesslich 3200 Millionen. Das sind drei Milliarden, verloren in nicht einmal fünf Schritten.» So brachte Adoboli eines Tages die Bank in die Gefahr, nahezu zwölf Milliarden Dollar in ungesicherten Investments zu verlieren. Die UBS hätte, wieder einmal, vor der Pleite gestanden.

Fiktive Welt. Die Finanzkrise, die er am ETF-Desk hautnah spürte, verarbeitete er auf seine Weise. Er vertiefte sich in das gerade erschienene Buch «Der Wolf der Wall Street». Darin beschreibt der selbst ernannte Broker Jordan Belfort seine «Lebenserinnerungen» über ein Dasein zwischen Yuppie-Bankern, illustren Vermögensverwaltern, Koks- und Sexorgien auf Long Island. Die Lektüre ist abstos­send, das Buch strotzt vor selbstgefälligen Storys zwischen Hyperpotenz und Kleingangstermilieu, versenkter 50-Meter-Yacht und abgestürztem Gulfstream-Jet. Der drogenabhängige Belfort hielt sich für ein Genie; in Tat und Wahrheit wurde er für einen gewöhnlichen 15-Millionen-Betrug verurteilt.

Adoboli bezeichnete Belforts Memoiren als seine Lieblingslektüre. Was auch immer er mit 28 Jahren und fünf Jahren Berufserfahrung in diesem Buch an Orientierung suchte, er konnte nur Werte zwischen Hybris und Gangsterlatein ernten, jene Eigenschaften, die ihm später von der Staatsanwältin im Gerichtssaal vorgeworfen werden: Gier, Geltungssucht und das Gefühl, mit einem magischen Riecher für das Börsengeschehen ausgestattet zu sein.

Adoboli fuhr noch immer mit dem Velo zur Arbeit, aber sein neues Zuhause demonstrierte den Höhenrausch. Er mietete sich ein luxuriöses Penthouse-Loft in der City für rund 2000 Franken Wochenmiete. Dort konnte er nun standesgemäss Partys ausrichten. Eine prunkvolle Scheinwelt, die letztlich auf seinem kleinen Geheimnis begründet war.

Dabei hätte er sein Risiko durchaus realistisch sehen können. Im Januar 2008 war der Franzose Jérôme Kerviel bei der Société Générale aufgeflogen (siehe «Kollege Kerviel»).

Aber während Kerviel die Schlagzeilen ­beherrschte, eskalierte Adoboli seine Scheinbuchungen. Mit fast jedem Handelstag vergrösserte er das Schlamassel, doch seine Scheinbuchungen machten sein Team mit dem Namen Delta 1 zum Hoffnungsträger der Bank. Das System mit den feinen Risikoberechnungsformeln bemerkte den Bluff nicht, auf seine Tricks war es nicht vorbereitet. Und auch Teamleiter Ron Greenidge blieb ahnungslos. Adoboli war nun 28 Jahre alt und ein Star. Sein Salär verdoppelte sich 2009 auf 165 000 Franken, und zusätzlich bekam er noch 157 000 Franken Bonus zugeteilt. 2010 stieg sein Gesamtsalär auf rund 570 000 Franken. Zu Hause spekulierte er mit privatem Geld in komplexen Zukunftswelten, obwohl ihm diese Deals von der Bank untersagt wurden. Auch hierbei verschuldete er sich rasant.

Die globale Bankenkrise war noch längst nicht ausgestanden, aber in der Welt der Investmentbank galten wieder die alten Zeiten. Im November 2009 kassierte die Vermögensverwaltungsabteilung der UBS in London eine Strafe der britischen Finanzaufsicht FSA in Höhe von rund zwölf Millionen Franken, weil ihre Kontrollsysteme ungenügend waren. Der Auslöser war ein Händler, der zwei Jahre lang unbemerkt unautorisierte Transaktionen durchführen konnte. Für die FSA war es eine der höchsten Strafen ihrer Geschichte, für die Bank nur eine Notiz im Jahresbericht und eine Rechnung, die niemand spürte.

Neue Stars. Die Warnsignale wurden ­ignoriert. Ende Juni 2010 feierte der UBS-Händler Neil McCormick nach einem Auslandeinsatz in Hongkong seine Welcome-Home-Party am Holland Park in West-London. Er zog sich eine Linie Kokain in die Nase, ging zum Balkon und stürzte sich sechs Stockwerke in die Tiefe. Die UBS kondolierte formgerecht.

Vorfälle wie diese schienen die Stimmung in den Führungszirkeln der Londoner Investmentbank nicht zu trüben; auch in den Fachblättern der Finanz­industrie galten nun, nach dem Zusammenbruch des Verbriefungsgeschäfts mit Subprime-Hypotheken, die Geschäfte der Delta-1-Teams und der Handel mit synthetischen ETFs als neue Hoffnungsträger. «Wir haben das richtige Team auf dem Platz», frohlockte Carsten Kengeter im November 2010, nachdem er zum Co-Chef der UBS-Investmentbank berufen worden war. Er verkündete: «Wir werden den Turbolader wieder einschalten.»

Für die Leitung der Turbo-Geschäfte rekrutierte Kengeter Anfang 2011 einen Star: Ricardo Honegger. Der Zürcher war zuvor bei der Deutschen Bank in leitenden Positionen im Nahen Osten aktiv gewesen und hatte das Handelsgeschäft in den neunziger Jahren bei Merrill Lynch Capital Markets in der Schweiz gelernt – zusammen mit seinem Kollegen Sergio ­Ermotti, dem heutigen UBS-Chef. In den Handelsräumen drehte sich nun das ­Personalkarussell mit hoher Drehzahl. Adoboli wurde Senior Trader und bekam im April 2011 einen neuen Teamchef. Ron Greenidge wurde durch John Di Bacco ersetzt. Adoboli hoffte auf Gewinne, aber er machte weiterhin Verluste und fälschte weiterhin die Buchungs­daten. Wie er später in der Einvernahme berichtete, begann er zwischen März und Mai 2011 damit, gefälschte Funds zu buchen, um nicht aufzufliegen. Er schuf einen fiktiven Schutzschirm, den er «Umbrella» nannte. Und er gab als Gegenpartei nun Kunden ein, die bei ihm gar nicht existierten, darunter Chevreux, eine Tochter der Crédit Agricole, und die Fondsgesellschaft iShares sowie – ausgerechnet – die Société Générale.

In den ersten drei Juniwochen nahm er Ferien. Aber die Entfernung von seinem Cockpit machte ihn offenbar nervös, regelmässig hielt er Kontakt zu seinen Kollegen. Als er am 1. Juli auf eine Markterholung hoffte, kaufte Adoboli Wertpapiere zurück, die er zuvor verkauft hatte, und erlitt einen Verlust von 50 Millionen Dollar. Nun kalkulierte er, dass der Markt sich nach oben bewegen würde, und investierte drei Milliarden Dollar, wieder verschleiert durch fiktive Gegengeschäfte mit nicht existenten Kunden. Dann setzte er auf eine Markterholung in den USA und investierte fünf Milliarden. Und wieder lag er daneben, die Kurse fielen, und er machte auf einen Schlag einen Verlust von 1,8 Milliarden. Nun verkaufte er alles. Zwischen dem 8. und dem 12. August vernebelte er seine Verkäufe mit weiteren fiktiven Buchungen. Die Panik setzte bei ihm ein.

Am 24. August bemerkte Buchhalter Steward im Backoffice einige Lücken in den Buchungen, der Saldo stimmte nicht. Er besprach die Sache mit Adoboli, der ihm plausible Erklärungen gab. Für einen Kunden habe er grosse Mengen Futures leer verkauft, und er schilderte, wie er den komplexen Deal künftig durchziehen würde. Alles bliebe in der Balance. Steward glaubte ihm. Vorerst einmal.

Eine Stunde später rief Steward wieder an. Der Buchhalter bemerkte, dass die Erklärungen nicht stimmen konnten. Adoboli rief ihn nach ein paar Minuten zurück: «Ich denke, ich sehe nun, warum es ein bisschen falsch aussieht.» Alle Gespräche wurden regulär aufgezeichnet.

Steward schluckte das, aber Adoboli hatte nun einen misstrauischen Kontrolleur im Nacken. Seine Lage spitzte sich weiter zu. Um den 13. September herum änderte er seinen Facebook-Status: «Ich brauche ein Wunder.»

Bombe platzt. Am 12. und 13. September fragte Steward erneut an. Er wollte von Adoboli wissen, ob diesem klar sei, welch hohe Kreditpositionen er aufgebaut habe. Adoboli sagte, dass ihm das klar sei. Am Morgen des 14. September klingelte das Telefon wieder. Steward fragte nun nach den Kunden. Viermal rief er Adoboli an diesem Morgen an, löcherte ihn mit Fragen. Adoboli konnte ihn nicht mehr beruhigen. Sein bubenhaftes Lächeln wich nun dem angestrengten Blick, den er zeigt, wenn er konzentriert zuhören muss.

Um 14.30 Uhr liess Adoboli via E -Mail die Bombe platzen. «Aus Gründen der Diskretion habe ich das Büro verlassen», erklärte er von zu Hause. «Ich denke, es wäre nicht klug gewesen, heute Nachmittag an meinem Pult zu sitzen.» Er gab in seinem Brief nun zu, dass er ausserhalb der Bücher tradete. Und er erklärte seine Verluste, berichtete, wie er auf eine Erholung in Griechenland hoffte, es dann aber anders kam, wie er von der eskalierenden Eurokrise getroffen worden sei und dass er versucht habe, die Verluste heimlich wieder hereinzuholen. «Ganz klar, ich habe versagt», schrieb er. Und teilte mit, dass er alleine gehandelt habe: «Ich nehme an, dass Fragen aufkommen werden, ob sonst niemand von diesen Trades wusste», schrieb er und machte deutlich, dass seine Kollegen und sein Chef Di Bacco nichts davon ahnen konnten. «Ich übernehme die volle Verantwortung für mein Tun und den Sturm, der nun kommen wird.» Und: «I am deeply sorry.» Abschliessend bot er seine Hilfe an: «Es sind nach wie vor offene Deals auf den Büchern, die aufgelöst werden müssen.»

Eine Kopie der E-Mail erhielt auch sein Ex-Chef Ron Greenidge, der Adoboli umgehend auf dessen Handy anrief und ihn ins Büro zitierte. Dort folgten stundenlange Gespräche voller Hektik. Später kam Adobolis Anwalt hinzu. Adoboli erklärte sein Fälschungssystem, berichtete, wie er in den Datenbanken Geronimo und COLT seine Trades gebucht hatte und wie er seit seinem ersten Fehler 2008 zu schwindeln begann. Für die Bank war es vorrangig, die verlustreichen Deals zu identifizieren und die offenen Positionen zu «deckeln». Ihr Glück im Unglück war es, dass Adoboli dabei noch geholfen hat.

Grübel geht. Gegen 16 Uhr wurde die Konzernleitung unterrichtet. Als UBS-Chef Oswald Grübel aus dem Flugzeug stieg, schaltete sich sein Handy mit einer SMS wieder ein. Carsten Kengeter bat dringend um einen Rückruf. «Diesmal brennt es richtig», sagte Kengeter. «Wie viel ist es, eine Milliarde?», fragte Grübel. «Zwei!», antwortete Kengeter. Grübels Reaktion: «Wow, das wars dann.»

Adoboli wurde bis in die Nacht hinein befragt und um 3.30 Uhr der City of London Police übergeben. Die UBS untersuchte 9456 Futures-Kontrakte, die sie aus mehr als 50 000 Einzeltransaktionen herausfischte. Es wurde klar: Adoboli konnte nichts in die eigene Tasche wirtschaften. Er profitierte über den Bonus.

Der Sturm brach am Freitag los. Adoboli kannte das vom Fall Kerviel her. Seine Twitter-Konten wurden gefälscht, sein Facebook-Profil stand in den Online-News. Die «Financial Times» veröffentlichte als Erste ein Foto des freundlich lächelnden Adoboli und erntete einen «Shitstorm» aufgewühlter Bankerkommentare, die erbost über die Indiskretion waren.

Für die Bank ist Adoboli nach wie vor eine grosse Gefahr. Sie muss sich vor der britischen und Schweizer Finanzaufsichtsbehörde verantworten, zudem wird sie von institutionellen Kunden in den USA mit Sammelklagen bedroht (siehe «Rechtsfolge»).

Adoboli muss sich seit dem 10. September am Southwark Crown Court für vier Anklagepunkte des Betruges und der Buchhaltungsfälschung verantworten, die er zwischen Oktober 2008 und September 2011 begangen haben soll. Seine Verteidiger werden wohl versuchen, von der Erklärung abzurücken, die er in seiner finalen E-Mail abgab. Staatsanwältin Sasha Wass hat sich festgelegt: «Die Bank kann nicht dafür beschuldigt werden, dass sie ihm Vertrauen geschenkt hat.» In ihren Augen ist er ein Einzeltäter.

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