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Swisscom: Codewort - Broker

Das Breitband lockte. Italien rief. 2007 erwarb Swisscom-Chef Carsten Schloter Fastweb. Heute verflucht er den Deal. Denn schon damals blinkte die Warnlampe: Verdacht auf Steuerbetrug.

Von Leo Müller
12.03.2010

Die Operation war hochgeheim. Unter dem Codewort Eos bereiteten die eingeweihten Swisscom-Manager in der Berner Konzernzentrale Anfang 2007 ihre Aktion vor. Ihr Plan: die Übernahme des italienischen Breitbandunternehmens Fastweb in der Via Caracciolo 51 in Mailand. Die Operation verlief nahezu reibungslos, und die Manager waren zufrieden. Der Take-over wurde bereits Ende Mai 2007 voll­zogen, die Swisscom investierte dafür 6,9 Milliarden Franken, und Fastweb-Gründer Silvio Scaglia war um rund eine ­Milliarde Franken Bares reicher.

Unterdessen lief in den Büros der römischen Staatsanwälte eine ebenso geheime Operation an. Das Codewort: Broker. Das Ziel: die Aufklärung verdächtiger Transaktionen in der Mailänder Via Caracciolo 51. Sie hatten ein mutmassliches Betrügernetzwerk in der Telekomindustrie im Visier – Scheingeschäfte mit Telefonkarten und speziellen Service-Sondernummern mit hohen Gesprächsgebühren –, einen Fall organisierter Kriminalität, dessen Spur bis zu den Capi der kalabri­schen Mafia ’Ndrangheta führen sollte.

Die Swisscom-Manager wussten von den römischen Ermittlungen, aber sie ahnten nicht, dass die Operation der Staatsanwälte ihr Werk zerstören könnte. Heute steht Swisscom-Chef Carsten Schloter vor einem Scherbenhaufen. Nach einer Grossrazzia der römischen Staats­anwälte ist Fastweb existenziell gefährdet, die Reputation dahin und Scaglia in Untersuchungshaft – neben drei weiteren Managern und 80 Beschuldigten weltweit. Das Schlimmste: Die Swisscom-Führung um Carsten Schloter scheint drei Jahre nach Beginn der Ermittlungen völlig ­ahnungslos, auf Gedeih und Verderb vom weiteren Gang der Untersuchungen abhängig.

Schloter kämpft gegen die Einsetzung eines römischen Zwangsverwalters und schlägt den Staatsanwälten «eine Lösung zur maximalen Transparenz» vor. Nun ­rächt sich, dass Schloter sich vor dem Kauf auf die Expertisen der Italiener verlassen hat und nach dem Einstieg haus­intern den Fall nicht systematisch mit professionellen Ermittlern untersuchte. Und deshalb weiss er auch nicht, wie viel die italienische Tochter heute wert ist. 2,6 Milliarden Euro, wie sie als Goodwill in der Swisscom-Bilanz steht? Oder nur noch ein paar Milliönchen?

Ein Managementfehler? Nicht für Carsten Schloter. «Die gesamte krimi­nelle Dimension war uns damals nicht ­bekannt», sagt der Swisscom-Chef, die Vorwürfe seien von den Ermittlern «erst durch Abhören von Telefongesprächen und Abfangen von E-Mails erhärtet worden». Eine Fehleranalyse ist also gefragt: Was ist passiert? Was wurde versäumt? Hat Schloter sorgfältig geprüft? Oder hat er fahrlässig gehandelt?

Die Gutachten. Die Untersuchungen der römischen Staatsanwälte begannen gemächlich, doch sie offenbarten schon früh den Anfangsverdacht. Im März 2007, als die Takeover-Verhandlungen heiss liefen, luden die Staatsanwälte Scaglia zur ersten Einvernahme. Er präsentierte seine Sicht der Dinge: Er kenne keine Scheingeschäfte, und die Mehrwertsteuererstattungen des Steueramtes an Fastweb seien daher rechtens. Die Staatsanwälte nahmen das zur Kenntnis und prüften. Zur Untermauerung seiner Unschuld liess Scaglia Rechtsgutachten erstellen, eines von einer Steuerrechtskanzlei, ein zweites von einer namhaften Revisionsfirma. Das Ergebnis: Die Rechnungen seien echt, und Fastweb habe daher rund 70 Millionen Euro Gutschriften für Mehrwertsteuern zugute. «Dieses Gutachten bestätigte, dass Fastweb echte Leistungen erbracht hat», erklärt die Swisscom heute. Scaglia liess die Gutachten mit den üblichen Unter­lagen in einem Datenraum deponieren, der für die Prüfer der kaufwilligen Swisscom vorbereitet wurde: Finanzdokumente, Steuerdaten, Personalakten der Kader, Salärverträge und die Managerbriefe der Revisionsgesellschaft. Es sind gewöhnlich die Dokumente über die sonnigen Seiten des Geschäftslebens.

Nun begann ein Team von Experten des Zürcher Prüfkonzerns PwC mit der Durchsicht der Akten im Datenraum, der Due Diligence. Als sie fertig waren, präsentierten sie den verantwortlichen Swisscom-Managern an einem Meeting in Mailand ihre Resultate: die Vorzüge, die Problemzonen und eine Preisspanne für den Kaufpreis. Die PwC-Leute sagen heute, dass sie nichts falsch gemacht hätten. «Wir stehen voll hinter der Arbeit unserer Mitarbeitenden in diesem Mandat», erklärt PwC-Sprecherin Claudia Sauter. Unstrittig ist auch, dass PwC die Swisscom-Manager ausdrücklich auf das Steuerrisiko hinwies.
Im März 2007 erklärte Schloter, die Swisscom habe bei ihrer Due-Diligence-Prüfung keinerlei Hinweise auf Unregelmässigkeiten gefunden. So wurde er damals von der Wirtschaftswochenzeitung «Cash» zitiert. Heute gibt Schloter zu, dass das «Risiko» seit Januar 2007 bekannt war, weil «Lieferanten von Fastweb in diesen Geschäften ihre Mehrwertsteuer nicht bezahlt hatten».

Warnung missachtet. Dieser Anfangsverdacht war Warnung genug, die Einvernahme Scaglias kurz vor dem Abschluss des Deals hätte die Swisscom-Zentrale alarmieren müssen. Schliesslich handelte es sich beim Mehrwertsteuer­betrugs-Verdacht um ein schweres Verbrechen mit mutmasslichen Betrugsmanövern, einem raffinierten Lügengebäude von Firmen, die systematisch falsche Rechnungen erstellen und damit Steuer­erstattungen erschwindeln – und somit auch um Geld­wäscherei. Ein Verbrechen, das auch in der Schweiz verfolgt wird und sogar rechtshilfefähig ist.

Doch die Swisscom-Verantwortlichen behandelten den Mailänder Milliarden­deal offenbar unbekümmert wie einen x-beliebigen Unternehmenskauf. Sie verzichteten auf weitere Prüfungsrunden, wie sie in Risikoländern wie Albanien, Rumänien oder Italien geboten sind. Zum Beispiel auf eine «Integrity Due Diligence», bei der die Manager und Geschäftspartner der anderen Seite gründlich durchleuchtet werden: Kann man dem Verkäufer trauen? Gab es schon früher zweifelhafte Praktiken? Welche Manager müssen gekündigt werden? Welche Risiken schlummern in der Kundenkartei? Und wenn diese Prüfrunde Zweifelhaftes zutage gefördert hätte, wäre eine forensische Due Diligence mit einem Spezialteam notwendig gewesen, das mit kri­minalistischen Untersuchungsmethoden vorgegangen wäre. Eine solche krimi­nalistische Beratung und Untersuchung wäre nach dem Kauf allemal notwendig gewesen. Zumal damals branchenweit ­bekannt war, dass zahlreiche Gangsterbanden betrügerische Handelsgeschäfte mit Telefonkarten und Handys wie auch Deals mit Servicenummern und Telefondienstleistern betrieben.

Doch Schloter verzichtete darauf. Er bestellte unmittelbar nach der Über­nahme lediglich ein weiteres Steuer- und Rechtsgutachten. Dieses «bestätigte die bisheri­gen Erkenntnisse und die bekannte Risiko­situation».

Dabei hätte eine vertiefte kriminalistische Untersuchung durch spezialisierte Beratungsfirmen rasch Erkenntnisse über das verdächtige Netzwerk der Fastweb-Geschäftspartner liefern können – auch ohne Abhöroperationen, die nur den staatlichen Fahndern erlaubt sind. Denn in der Aufklärung von Mehrwertsteuerdelikten kommen die Ermittler gewöhnlich schnell voran, wenn sie die Namen und Daten hinter auffälligen Rechnungen und Geldtransaktionen unter die Lupe nehmen.

Der Fall Acumen. Ein Lehrbeispiel ist der Fall Acumen. Die Staatsanwälte verdächtigen die Firma im Zentrum des betrügerischen Netzwerks, dass sie im grossen Stil zum Schein von Fastweb und der Telecom-Italia-Tochter Sparkle Breitbanddienste bezogen und im Gegenzug falsche Rechnungen an Fastweb geschrieben habe. Fastweb bezahlte die Rechnun­gen und forderte dafür vom Steueramt die Mehrwertsteuer zurück. Erfahrene Ermitt­ler hätten den Bluff im Auftrag der Swisscom innert weniger Arbeitsstunden aufklären können, und zwar ausschliesslich mit öffentlich zugänglichen Quellen und einem kurzen Spaziergang in Zürich.

«Acumen Capital hat seit 1996 mehr als 750 Millionen Euro rund um den Globus investiert», schreibt das Unternehmen auf der perfekt gestalteten Website. Das Motto: «Investing for Change.» Das gesamte Portfolio umfasse 1,75 Milliarden Euro. Büros in New York, Dubai und Moskau werden genannt, das Headquarter mit 40 Mitarbeitern befinde sich an der Zürcher Talstrasse, wenige Gehminuten vom Paradeplatz entfernt. Ein Geschäftsbericht ist zum Download bereit, und der CEO eines irischen ­Unternehmens wird mit lobenden Worten als Referenz präsentiert.

Ein Schnell-Check offenbart: Der irische CEO wurde – laut amtlichen Verlautbarungen – vor dem Dubliner Handelsgericht wegen Verdachts der Veruntreuung von fünf Millionen Euro bei einem Immobilienprojekt eingeklagt. Der abgebildete Geschäftsbericht lässt sich auch nach hundert Mausklicks nicht herunterladen. Ein Augenschein bei der Büro­adresse an der Zürcher Talstrasse: kein Briefkasten, kein Klingelschild. Der Anruf bei der angegebenen Nummer des Zürcher Hauptquartiers landet in einem ­Advokaturbüro und stösst zunächst auf Unverständnis. Dann antwortet der Prozessanwalt aus der Kanzlei unmissverständlich: «Wir sind entsetzt, dass sich ­diese Organisation ganz offensichtlich unserer Adresse und unserer Telefonnummer bedient hat, und wir werden mit allen uns zur Verfügung stehenden rechtlichen Mitteln gegen die Betreiber dieser Webseite vorgehen.» Die 40-Mann-Zentrale ist ­also eine Totalfälschung.

Der Mann aus Kirgistan. Der Rechner, der die Acumen-Website ins Internet hoch­geladen hat, steht in Dubai, Postfach Nr. 111206. Dort soll die Firma auch unter dem Recht der Vereinigten Arabischen Emirate eingetragen sein. Und bis zum 12. Februar war der Mann hinter Acumen Capital auf der Website noch ­namentlich erwähnt: Eugene Gourevitch, US-Staatsbürger russischer Abstammung mit derzeitigem Wohnsitz in Bischkek in der aufstrebenden Republik Kirgistan. Gourevitch blickt auf eine ­illustre Karriere zurück: Bachelor-Titel einer Business School im kalifornischen Berkeley, Gründung der «Investment Bank of Africa» in Djibouti, Partner eines New Yorker Beratungsunternehmens und heute Chef der MGN Group in Kirgistan, ­einer Investment-Banking-Firma, ausserdem Verwaltungsrat des Manas Airport und der Central Asia Stock Exchange in der zentralasiatischen Republik.

Der römische Untersuchungsrichter Aldo Morgigni ist mit der Personenabklärung offenbar schon ein Stück weiter. Er hat gegen Gourevitch einen Haftbefehl ausgestellt. Der Mann soll einer der Strippenzieher im betrügerischen Netzwerk gewesen sein, zusammen mit dem italienischen Rechtsextremisten Gennaro Mokbel, dem enge Beziehungen zu kalabri­schen Mafiagrössen nachgesagt werden, und dem inzwischen zurückgetretenen Senator Nicola Di Girolamo, der bis 2007 im Management der Luganeser Egobank wirkte. Mokbel wurde zusammen mit dem ’Ndrangheta-Mann Franco Pugliese verhaftet. Di Girolamo ebenso. Fastweb-Gründer Scaglia wurde nach seiner freiwilligen Rückkehr von einem Auslandtrip ins Untersuchungsgefängnis abgeführt. «Es ist verrückt», sagte er nach den Nachrichten über die ersten Verhaftungen noch, «ich verstehe nicht, was hier passiert.» Von Di Girolamo habe er «nie gehört». Er bestreitet jede Täterschaft.

Fastweb-Chef Stefano Parisi wird ebenfalls beschuldigt, wie auch der frühere Fastweb-Manager Mario Rossetti und der ehemalige Finanzchef Mario Rossi, den die Swisscom nach Italien entsandt hatte. Sie beteuern ihre Unschuld, und Swisscom-Chef Schloter betont: «Offen ist das Mitwissen des damaligen Fastweb-Mana­gements.» Gegen Parisi und Rossi werde allein aufgrund ihrer Stellung bei Fastweb ermittelt. Sie haben nämlich die Steuer­erklärungen signiert. Aber: «Gegen zwei Mitarbeiter von Fastweb hat sich der Verdacht auf Mitwirken in einer kriminellen Vereinigung substanziiert.» Beide wurden am 24. Februar fristlos entlassen.

Der mutmassliche Steuerbetrug soll gesamthaft 370 Millionen Euro betragen haben, 70 Millionen davon dürften über Fastweb abgewickelt worden sein. Gegen 80 Personen wird ermittelt, gegen 56 wurden Haftbefehle ausgestellt. Swisscom-Chef Schloter hat sorglos auf eine vertiefte kriminalistische Untersuchung verzichtet. Er kennt drei Jahre nach dem ­Abschluss seiner vielversprechenden Operation Eos die früheren Geschäftspartner immer noch nicht. Immerhin, Unternehmenssprecher Josef Huber verspricht: «Selbstverständlich wird der Sachverhalt nun intern auf­gearbeitet.» Er lässt die Frage offen, mit welchen Mitteln.

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