Hört das denn nie auf?» Mit ­diesen Worten trat Moritz ­Leuenberger am 25.  November 2001 im Flughafen Zürich vor die Medien. Tags zuvor war bei Bassersdorf ZH eine Crossair-Maschine abgestürzt. 24 der 33 Passagiere kamen ums Leben. Leuenberger, damals Bun­des­präsident, stand die Bestürzung ins Gesicht geschrieben. «Wir erleben innert kür­zester Zeit die fünfte grosse Katastrophe. Wir leiden alle, das ganze Land leidet, der Kanton Zürich leidet, die ­Crossair leidet.»

Der Absturz des Crossair-Jets war der Abschluss einer Serie von Katastrophen, die das Land zutiefst verunsicherten. Die erste begann mit einem Donnerschlag, der die ganze Welt erschütterte. Am 11.  September 2001 steuerten Terroristen zwei gekaperte Flugzeuge in die Twin Towers des World Trade ­Center in New York. Der Crash wurde von CNN live in die ganze Welt übertragen. Vor laufenden Kamera stürzten sich Menschen aus den Fenstern der brennenden Gebäude in die Tiefe. 3500 Menschen wurden Opfer des ­Anschlags. Die Welt erstarrte in Angst vor den Folgen des ­islamistischen Terrors.

2001 war für die Schweiz wahrhaftig ein Schreckensjahr. Am 27.  September schoss ein schwer bewaffneter Amokläufer im Zuger Kantonsparlament wild um sich. Drei Regierungsräte und elf Parlamentarier starben im Kugelhagel. Der Attentäter verletzte zahlreiche weitere Parlamentarier und Journalisten schwer, bevor er sich selbst erschoss. Die endlos erscheinende Schiesserei hat die Überlebenden wie den damaligen Landammann Hanspeter Uster geprägt. Noch zehn Jahre später sagte er anlässlich des Gedenkanlasses, dies sei nur ein weiterer Fixpunkt auf dem langen Weg, das Geschehene zu verarbeiten.

Nur wenige Tage nach dem Zuger Attentat, am 2.  Oktober 2001, ging der Stolz der Nation zu Boden. Mangels liquider Mittel für Kerosin und Landegebühren blieben alle 76 Flugzeuge der Swissair am Boden. Das Bild der am Flugfeld aufgereihten Swissair-Jets war ein weiterer Schock für ein Land, das sich immer als Hort der Sicherheit und der wirtschaftlichen Stabilität verstanden hatte. «Die Welt scheint aus den Fugen, die Schweiz aus dem Lot zu sein», schrieb die «Weltwoche» damals. Das Land befinde sich im seelischen Ausnahmezustand, mental destabilisert, beherrscht von Kriegs- und Rezessionsängsten, von Gefühlen der Wut, der Trauer, des Misstrauens und der Unsicherheit.

Wie um das Mass voll zu machen, stiessen am 24.  Oktober im Gotthard-Strassentunnel zwei Lastwagen frontal zusammen. Im nachfolgenden Flammeninferno starben elf Menschen. Der Tunnel war monatelang gesperrt, da die Hitze die ganze Infrastruktur zerstört hatte.

Es war zu viel für die Eidgenossen. In einer Umfrage bezeichneten sich Ende 2001 über 90 Prozent der Bürger als verunsichert. Ein Jahr zuvor hatten sich dagegen 74 Prozent in Sicherheit gewähnt. Christoph Blocher, damals noch Nationalrat und Unternehmer, brachte die Befindlichkeit der Schweizerinnen und Schweizer im November 2001 auf den Punkt: «Die Bevölkerung war nach dem Grounding sehr beunruhigt. Sie befürchtete, das Modell Schweiz sei am Ende.»

Es fehlte nicht an Stimmen, die dem Land für die nächste Zukunft nichts Gutes verhiessen. «Die Champagnerparty ist jetzt vorbei», liess sich etwa Ökonomieprofessor Franz Jaeger zitieren. Die Schweiz habe Boden verloren, den sie wiedergutmachen müsse. Eine ganze Ökonomengilde rund um den Basler Professor Silvio Borner redete die Schweiz permanent klein. Die Schweiz, so hiess es unisono, habe ein Wachstumsproblem. Das Wachstums­potenzial der Schweiz sei deutlich unter zwei Prozent gefallen. Eine weiterhin siechende Wirtschaft wie in den neunziger Jahren und steigende Arbeitslosenzahlen seien die unvermeidliche Folge.

Klar besser als die neunziger Jahre. Geschürt wurde diese Sicht der Schweiz durch den Beinah-Kollaps der ABB, einer weiteren Schweizer Vorzeigefirma – ein Vorgang, der über die Schweiz hinaus Beachtung fand. Die «Süddeutsche Zeitung» titelte: «Das Ende einer Unternehmenslegende». Missmanagement und die Aushöhlung der ­Firmenfinanzen hatten das Unternehmen an den Rand des Ruins gebracht. Neben weiteren Firmen gerieten die ­Zurich Financial Services (ZFS) und Sulzer in die Bredouille. Bei der ZFS, so war Jahre später zu erfahren, stand gar ein ­Verkauf zur Diskussion.

«2001 wird als Jahr der Verunsicherung in die Geschichte eingehen», sagte Coop-Chef Hansueli Loosli zu Jahresende. Und Christoph Lindenmeyer, CEO von Schindler Schweiz, kommentierte das Jahr mit den Worten: «Die Schweiz ist durch verschiedene Schicksalsschläge und hausgemachte Schäden 2001 aus der Besonderheit in die raue Wirklichkeit der Welt geworfen worden.»

Und diese sah vorerst düster aus. War die Schweiz 2000 noch fulminant mit 3,5 Prozent gewachsen, so verlangsamte sich das Wachstum 2001 auf ein knappes Prozent. 2002 stagnierte die Wirtschaft, und im folgenden Jahr tauchte sie gar in eine leichte Rezession. Die Kollateralschäden der Dotcom-Krise, die 2001 ihren Höhepunkt hatte, wirkten sich bis ins Jahr 2003 aus.

Doch dann kam die Wende. Ab 2004 legte die Wirtschaft mit steigender Kadenz zu. Im Jahr 2007 boomte sie mit 3,6 Prozent deutlich über dem Wachstumspotenzial. Im Rückblick gesehen war die erste Dekade des neuen Jahrtausends eine Erfolgs­geschichte sondergleichen. Bei sämtlichen Indikatoren schnitt sie besser ab als das Jahrzehnt zuvor.

In den Neunzigern hatte die Wirtschaft auch als Folge der scharfen Immobilienkrise zu Beginn des Jahrzehnts stagniert. Im Jahresdurchschnitt erreichte das BIP damals ein Plus von 0,9 Prozent. In den nuller Jahren stieg der Wert aufs Doppelte. Bei der Arbeitsproduktivität brachten es die neunziger Jahre auf einen Durchschnitt von 1,7 Prozent, im neuen Jahrzehnt lag sie bei 2,3 Prozent. Enorme Unterschiede zeigen sich auch bei der Inflation und den Zinsen. Die Teuerung fiel von 2,3 Prozent im Jahresdurchschnitt auf ein knappes Prozent, die Zinsen sanken von 4,5 auf 2,5 Prozent. Die tiefe Teuerung beflügelte den Konsum, die tiefen Zinsen die Investitionen.

Meilenstein bilaterale Verträge. Die miserablen neunziger Jahre hatten freilich auch etwas Gutes. «Die Stagnationsphase hat die Bereitschaft zu Reformen stark befördert», sagt Peter Balastèr, Leiter Wachstum und Wettbewerbspolitik beim Seco. Damals wurden viele der Reformen aufgegleist, die im neuen Jahrzehnt zu einem beispiel­losen Wachstumsschub führen sollten. «Heute», sagt etwa Osec-Chef Daniel Küng, «gehört die Schweiz zu den Globalisierungsgewinnern.»

Auch Bruno Gehrig, einer von sechs von BILANZ befragten ­Architekten des Erfolgs (siehe Interviews), unterschätzte diese Entwicklung vorerst, wie er heute eingesteht. Im ­Direktorium der Nationalbank war er für die Reform der Geldpolitik in der Nach-Lusser-Ära verantwortlich. Auf Gehrig gehen die geldpolitische Steuerung über ein Zielband, innerhalb dessen sich der Leitzins bewegen sollte, und eine bessere Einbeziehung gesamtwirtschaftlicher Daten in die monetäre Lagebeurteilung zurück.

Ein weiterer Meilenstein waren die bilateralen Verhandlungen mit der EU, die ebenfalls in der Dekade zuvor angepackt worden waren. Der Abschluss der bilateralen Verträge II im Jahr 2004 führte zu einem enormen Wachstumsschub. Das Gleiche gilt für das Binnenmarktgesetz aus dem Jahr 1995. Es beseitigte die vielen Wett­bewerbsverzerrungen und führte letztlich dazu, dass die ­Binnenwirtschaft zehn Jahre später eine der wichtigen Konjunkturstützen wurde.

Starke Impulse kamen auch von der Wirtschaftspolitik. Die Schuldenbremse, vom damaligen Finanzminister Kaspar Villiger aufgegleist und 2003 in Kraft getreten, verlangt über einen Konjunkturzyklus hinweg einen ausgeglichenen Staatshaushalt. Was in Rezessionsphasen – zum Beispiel für Ankurbelungsprogramme – zu viel ausgegeben wird, muss während der Hochkonjunktur wieder eingespart werden.

Mittlerweile ist die Schweiz eines der wenigen Länder in ­Europa, die nicht überschuldet sind. Die Schuldenquote beträgt nur knapp 40 Prozent der Wirtschaftsleistung. Während andere Länder in Europa, die USA oder Japan immer tiefer im Schuldensumpf versinken, hat der Bundeshaushalt 2010 mit einem Überschuss von 2,7 Milliarden Franken abgeschlossen.

Und dies trotz tiefen Steuern. Schon 1998 trat die erste Unternehmenssteuer-Reform in Kraft, 2009 folgte eine weitere, die den Firmen wesentliche Steuererleichterungen gewährte. Zum wachsenden Schweizer Wohlstand beigetragen hat aber auch der Steuerwettbewerb zwischen den Kantonen, der gerade in den nuller Jahren vermehrt zur Ansiedlung ausländischer Firmen in der Schweiz führte.

Insgesamt profitierte die Schweiz in den vergangenen Jahren stark von den unzähligen Reformen, dem Abbau von bürokratischen Hürden, aber auch von der internationalen Öffnung wie dem Uno-Beitritt und einer aktiveren Diplomatie. «Die Schweiz wird als erstes OECD-Land mit China ein Freihandelsabkommen abschlies­sen», konstatiert Janwillem Acket, Chefökonom von ­Julius Bär. Das Land werde so 600 Millionen Franken an Zöllen und Abgaben einsparen.

Der Reformeifer der jüngsten Vergangenheit zahlte sich aus. «Die Politik hat die Wirtschaft stark unterstützt», diagnostiziert Carsten Henkel, Schweiz-Chef der Roland Berger Strategy Consultants. Das gehe aufs Konto der direkten Demokratie, die der Wirtschaft in vielen Bereichen grosse Freiheiten eingeräumt habe. «Deshalb», so Henkel, «ist die Schweiz nicht so krisen­anfällig.» In der Tat: Die hiesige Wirtschaft steht gegenwärtig hervorragend da. Die Krise der Jahre 2008/09 hat sie unter den Industrieländern am besten gemeistert. 2009 sank das BIP lediglich 1,9 Prozent, in Deutschland dagegen nahm es um 4,5 Prozent ab. Die USA speckten um 2,6, die Eurozone um 4,1, England um 4,9 und Japan gar um 6,3 Prozent ab.

Enorme Innovationskraft. Nicht nur der Bund putzte sich in den neunziger Jahren heraus. Die Firmen machten ihre Hausaufgaben ebenfalls und konnten gerade deshalb in der jüngsten Krise Stärke zeigen. Sie reduzierten die Kosten und stärkten ihre Bilanzen. Sie strafften die Produktionsprozesse und schufen neue Produkte. In vielen Hightechbereichen ist ein Drittel aller Produkte erst in den letzten fünf Jahren auf den Markt gekommen. Eine grosse Zahl von Schweizer Unternehmen ist in ihren hochtechnologischen ­Nischen Weltmarktführer. «Diese Produkte», sagt Acket, «sind nur schwer substituierbar.»

Die Wettbewerbsfähigkeit und die Innovationskraft der Schweizer Wirtschaft sind beeindruckend. Im «World Competitiveness Report» des World Economic Forum ist die Schweiz die Nummer eins vor Schweden und Singapur. Im IMD-Ranking ist sie zwar nicht auf dem Podest, aber mit Rang fünf vor allen anderen europäischen Konkurrenten ausser Schweden bestens platziert. Im Innovationswettbewerb kann die Schweiz ebenfalls locker mithalten. Gemäss Global Innovation Scoreboard gehört die Schweiz mit Schweden und Finnland zum Spitzen­trio vor den USA und Japan. Spitze ist die Schweiz auch bei den Patenten. Sie registriert 118 Anmeldungen pro Kopf und liegt damit vor Japan, Schweden und Deutschland.

Ohne hervorragendes Bildungssystem wäre eine solche Performance nicht möglich. «Die Zahl der Bildungsabgänger mit Abschluss auf Tertiärstufe ist stark gestiegen», sagt Seco-Ökonom Balastèr. Die Schweiz folge einem ­internationalen Trend, der im Ausland noch ausgeprägter sei. Im Jahr 2000 wiesen nur 24 Prozent der Berufsleute einen Hochschulabschluss aus. Im letzten Jahr waren es schon rund 31 Prozent. Die Schaffung von Fachhochschulen zu Beginn des neuen Jahrzehnts hat diesen Prozess gefördert. Und sie hat das duale Ausbildungssystem, eine weitere Stärke der Schweiz, aufgewertet. Höhere Qualifikationen der Arbeitskräfte, so die Erfahrung, führen zu werthaltigeren Produkten, steigenden Salären und mehr Konsum. Sie kurbeln die ­Wirtschaft an.

«Der Kranz der Rahmenbedingungen ist heute, abgesehen vom starken Schweizer Franken, sehr gut», sagt Peter Siegenthaler. Der ehemalige Chefbeamte im Eidgenössischen ­Finanzdepartement war 2008 an vorderster Front dabei, als es galt, die Trümmer der Finanzkrise – die Rettung der UBS und die Übernahme der toxischen Papiere durch die Nationalbank – wegzuräumen.

Siegenthaler ist optimistisch für die Schweizer Wirtschaft. Alle Indika­toren weisen auf eine robuste Entwicklung hin. Der KOF-­Konjunkturbarometer ist auf Boomniveau geklettert. Der Einkaufsmanagerindex steht auf fast 60 Punkten, die Industrieproduktion läuft auf hohem Niveau wie geschmiert. Der Beschäftigungsindikator zeigt ebenfalls nach oben, der Stellenzuwachs dürfte in diesem Jahr 1,3 Prozent betragen. «Zusätzliche Arbeitskräfte generieren eine zusätzliche Nachfrage, die sich wiederum positiv auf Produktionsniveau, Löhne und ­Beschäftigung auswirkt», schreiben die UBS-Ökonomen in ihrem neusten Outlook.

Eine halbe Million Zuwanderer. Obwohl sich der Franken seit Anfang 2010 um über 20 Prozent aufwertete, geht keiner der Auguren von einer scharfen Wende aus. «Das Schweizer Wachstum dürfte 2011 robust bleiben, aber aufgrund der Frankenstärke tiefer ausfallen als das deutsche», schreiben die Ökonomen der Bank Sarasin im aktuellen Konjunkturausblick. Zwar haben die meisten Analytiker ihre Prognosen etwas zurückgenommen. Doch selbst die traditionell zurückhaltende Konjunkturforschung der ETH sagt für dieses Jahr 2,8 und fürs nächste 1,9 Prozent Wachstum voraus.

Dahinter steht neben der robusten Binnenkonjunktur die Exportstärke der Schweiz. Zwar sieht man bei den Ausfuhren derzeit Bremsspuren durch den hohen Devisenkurs. Doch ist der Schaden dank tieferen Importpreisen und starken Produktivitätsfortschritten nicht allzu gross. Kommt hinzu, dass 50 Prozent der gesamten Exporte auf den Auslandmärkten dem Preiswettbewerb nur eingeschränkt unterworfen sind, da sie gegenüber der Konkurrenz einen Qualitätsvorteil geniessen. «Der hohe Anteil der schweizerischen Exportindustrie an ­Qualitätsgütern ist massgeblich der Pharmaindustrie, den Mess- und Kontrollinstrumenten, der Uhrenindustrie und dem Maschinenbau zu verdanken», schreiben die Ökonomen der Credit Suisse in einer Studie. 75 bis 100 Prozent der Ausfuhren dieser Branchen sind durch Konkurrenzprodukte nicht ersetzbar.

Ein weiterer Erfolgsfaktor für die Schweizer Wirtschaft ist die Zuwanderung, die selbst auf dem Höhepunkt der Krise nicht wesentlich zurückging. Seit 2000 sind netto rund 500 000 Ausländer zugezogen. Durch die höhere Nachfrage nach Wohnungen boomt der Immobilienmarkt, und die Zuwanderung sorgt auch dafür, dass die Binnenwirtschaft neben dem Export einen soliden Wachstumsbeitrag liefert.

Schwebt die Schweizer Wirtschaft ­abgehoben auf einer rosa Wolke, während rundherum alles zusammenbricht? Kaum. Zwar haben die globalen Konjunkturrisiken in jüngster Zeit wieder zugenommen. Die Schuldenkrise in Europa und den USA, die Turbulenzen an den Börsen und den Finanzmärkten, die Unruhen in Nordafrika und dem Nahen Osten haben für die Weltwirtschaft erhebliches Drohpotenzial. Dennoch prognostizieren der IWF und andere internationale Konjunkturinstitute ein solides Wachstum rund um den Globus. In diesem und im kommenden Jahr soll die Weltwirtschaft um rund 4,5 Prozent zulegen, der Welthandel gar um 7,5 Prozent.

Nicht alle Länder und Regionen profitieren indes gleichermas­sen von der robusten Konjunktur. Die Welt wächst mit unterschiedlichen Geschwindigkeiten. «Uncle Sam bewegt sich kaum, die Wirtschaft hängt am Tropf des Staates. Europa steht im Banne der Schuldenkrise – die Post geht in der Neuen Welt ab», sagt Martin Neff, Chefökonom der Credit Suisse. Nach den BRIC-Staaten seien nun die Next-11 im Fokus, Länder wie Ägypten, Indonesien, die Türkei, Iran, Mexiko, die Philippinen oder Nigeria, die sich enorm schnell entwickeln. «Der Mix aus diesen drei Geschwindigkeiten», so Neff, «ergibt ein starkes globales Wachstum.» Und davon profitiere die Schweiz.

Die grösste Gefahr geht derzeit von der Schuldenkrise in der Eurozone aus. «Das Schicksal der Schweiz ist Europa», sagt Bär-Chefökonom Acket. Der Franken hat im Juni zum Euro die Schallmauer von 1.20 durchbrochen und strebt auf 1.15 zu. Die Classe politique der Eurozone scheint derzeit nicht auch nur annähernd in der Lage, die Griechenlandkrise zu meistern. Seit Monaten schiebt sie die Lösung vor sich her. Mehr noch: In einer unsäglichen Farce schieben sich die Akteure in Brüssel, Frankfurt, Berlin, Paris und Athen gegenseitig den Schwarzen Peter zu.

Gefahrenherd Schuldenkrise. In den Finanzmärkten ist schon lange klar, dass Griechenland vor einem Staatsbankrott nicht zu retten sein würde. Die Frage ist also nicht, ob ein Staatsbankrott zwingend ist, sondern wann er eintritt. Dadurch ist die Schweiz mit zwei Risiken konfrontiert, die sie selbst nicht steuern kann. Zum einen bleibt der Franken sicherer Hafen für verunsicherte Anleger und somit überbewertet. Zum anderen besteht die Gefahr eines weiteren Brandes in den internationalen Finanzmärkten.

Der definitive Bankrott Griechenlands könnte einen Dominoeffekt in Irland, Portugal oder gar Spanien und Italien auslösen. Fällt ein Schuldenstaat nach dem anderen, so ist eine Krise kaum mehr abzuwenden. «Die Schuldenkrise bleibt eine der grössten Unsicherheiten für die Schweiz», sagt KOF-Chef Jan-Egbert Sturm. Die Umschuldung werde aber noch ein bis zwei Jahre hinausgezögert. Es sei vor allem die Europäische Zentralbank, die sich dagegen sperre.

Ein weiterer Gefahrenherd bilden die politischen Unruhen in Nordafrika und im Nahen Osten, die in den nächsten Monaten kaum abebben werden. Sollte sich der Rohölpreis der Sorte Brent von derzeit 107 Dollar pro Barrel (159 Liter) auf 200 Dollar oder mehr erhöhen, hätte dies gravierende Auswirkungen auf die Schweiz. Bei diesem Szenario würde sich gemäss Berechnungen von BAK Basel Economics das Wachstum in der Schweiz in diesem Jahr auf ein mageres Plus von 1,4 und 2012 von 0,7 Prozent zurückbilden.

Dies und die anhaltende Schuldenkrise könnten eine Prognose des Schweizer Anlagegurus Felix Zulauf Wirklichkeit werden lassen. An der Konferenz der Anlageexperten (CFA) in Edinburgh im Mai liess er sich zu einer düsteren Aussage über die Aussichten des alten Kontinents verleiten. «Im späteren Verlauf des Jahres», so weissagte er, «wird Europa mit 90-prozentiger Wahrscheinlichkeit in eine Rezession geraten.»

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