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Serie Ökonomen: Amartya Sen: Das Gewissen der Ökonomie

Der pragmatische Weltverbesserer Amartya Sen revolutionierte die Theorien der früheren Ökonomen über Armut, Hunger und Ungleichheit. Und kam damit zu Ruhm und Ehren.

Von Barbara Köhler
14.03.2006

Ein ärmlich gekleideter Mann betritt den Hof der Tagore-Schule in der Nähe von Kalkutta. Er scheint geschwächt und geistig verwirrt. Einige der Schüler fangen an, Witze zu machen und den Bettler zu ärgern. Andere versuchen, ihm zu helfen. Einer von ihnen ist der junge Amartya Sen. Das Gebrabbel des ausgemergelten Mannes ist kaum verständlich. Doch allmählich wird klar, was der Mann zu sagen versucht: Seit fast 40 Tagen hat er nichts mehr gegessen. Und während die schockierten Schüler noch versuchen, das eben Gehörte zu begreifen, betritt ein weiterer ausgezehrter Mann den Schulhof. Ihm folgt eine Gruppe von Frauen und Kindern. Immer mehr Menschen passieren den Hof. Es scheinen erst Hunderte, dann Tausende zu sein. Sie sind auf der Flucht vor dem Hunger, auf dem Weg in das 150 Kilometer entfernte Kalkutta. Dort erhoffen sie sich Almosen.

Was der zehnjährige Amartya Sen an diesem Tag erlebt, sind die Auswirkungen der grossen bengalischen Hungersnot. Fast drei Millionen Menschen werden an deren Folgen sterben. Der junge Schüler weiss nicht, was es heisst zu hungern. Entbehrungen kennt der aus einer wohlsituierten Familie stammende Bub nicht. Was er an diesem Tag sieht, wird er sein Leben lang nicht vergessen. Ein halbes Jahrhundert später wird Amartya Sen für seine Arbeiten zur Wohlfahrtsökonomik und zur Forschung über die Ursachen von Armut und Hunger den Nobelpreis für Ökonomie erhalten.

Amartya Sen ist einer der grossen Intellektuellen des modernen Indien. Er ist Ökonom, Soziologe und Philosoph. Seine Beiträge zu Social-Choice-Theorie, Wohlfahrtsökonomie, Entwicklungsökonomie und die Analysen von Hungersnöten haben ihn berühmt gemacht. Sein Einfluss auf die Politik ist entscheidend. Er leistete wichtige Beiträge zur Arbeit der Vereinten Nationen, erteilte den Köpfen der Weltbank Vorlesungen und ist Ehrenpräsident vieler Hilfsorganisationen. Sen revolutionierte die Theorien darüber, warum Menschen verhungern. Er belegte als Erster, dass nicht ein Mangel an Nahrungsmitteln Hungersnöte auslöst, sondern deren falsche Verteilung. In seiner Heimat Indien ist er ein Star, dort nennt man den 72-Jährigen «Mutter Teresa der Ökonomie».

Seine akademische Karriere und Reputation sind beispiellos. Er war als Dozent und Gastprofessor an zahlreichen Eliteuniversitäten wie Stanford, Berkeley oder Oxford. «Einen nennenswerten nicht akademischen Job hatte ich nie», sagt Amartya Sen. Zudem hält er über hundert Honorarauszeichnungen. Unter anderem auch die Ehrendoktorwürde der Universität Zürich. Die lange Liste der Auszeichnungen umfasst neben dem Nobelpreis, der Bharat Ratna und der Eisenhower-Medaille noch 15 andere wichtige Preise. Sen hat klare politische Ansichten, doch er ist geradezu schüchtern, diese in der Öffentlichkeit zu verkünden. Diese Tatsache und sein leises Auftreten sind wohl der Grund dafür, dass er ausserhalb der akademischen Welt Grossbritanniens und der USA wenig bekannt ist.

Amartya Sen wird am 3. November 1933 im bengalischen Santiniketan auf dem Campus der Universität geboren. Dieser Umstand erscheint heute wie eine Prophezeiung. «Ich habe offenbar mein gesamtes Leben auf dem einen oder anderen Campus verbracht», erinnert sich Amartya Sen. Die Visva-Bharati-Universität in Santiniketan wurde vom indischen Philosophen und Dichter Rabindranath Tagore gegründet. Tagore, dem als erstem Inder der Nobelpreis für Literatur verliehen wurde, war ein enger Freund von Sens Grossvater. Angeblich sucht Tagore für Sen den Namen Amartya aus. Er bedeutet «unsterblich». Sens Vater ist Professor für Chemie und seine Mutter Schriftstellerin und Herausgeberin eines Literaturmagazins in Bengalen.

Die Schule Tagores prägt Sens frühe Ausbildung. Es ist eine moderne, progressive Lehranstalt, wo mehr Wert auf die Förderung von Neugier und Wissbegierde gelegt wird als auf den Leistungswettbewerb. Sen erinnert sich an einen typischen Ausspruch einer Lehrerin: «Er ist ein ernsthafter Denker. Und das, obwohl er sehr gute Noten schreibt.» An der Schule in Santiniketan wird den Kindern die Kultur Asiens wie auch des Westens und Afrikas gelehrt. Dieser multikulturelle Ansatz hinterlässt bei Sen Spuren. Meinungsvielfalt ist für ihn besonders wichtig. So ist er ein Bewunderer zahlreicher Ökonomen, ohne sich zwangsläufig ihrer Ideologie anzuschliessen. Er schätzt zum Beispiel gleichzeitig Adam Smith und Karl Marx.

Als Jugendlicher spielt Sen mit dem Gedanken, Sanskrit zu studieren. Später interessiert er sich für Mathematik und Physik, bevor er sich schliesslich für Wirtschaftswissenschaften entscheidet. Über eines ist er sich aber die ganze Zeit im Klaren: Er will Dozent und Wissenschaftler werden. So besucht er die Visva-Bharati-Universität in Santiniketan, wo er Mathematik und Ökonomie studiert.

1951 setzt er sein Studium in Kalkutta fort. Wie die meisten seiner Kommilitonen ist Sen als Student mehr auf dem linken Flügel angesiedelt als im bürgerlich-liberalen Bereich. Die Studenten sind mehrheitlich Anhänger des Menschenrechtlers Mahatma Gandhi und von Jawaharlal Nehru, einem Anführer der indischen Unabhängigkeitsbewegung und dem ersten indischen Premierminister. Doch Sen stört sehr bald die Abneigung der Linken gegenüber dem Meinungspluralismus. «Politische Toleranz wurde von denen als Willensschwäche gedeutet», kritisiert er. Sen sah sich mit seinem Bekenntnis zu Toleranz und Meinungspluralismus in einem Dilemma.

Im Alter von 18 Jahren erkrankt Sen an Krebs im Mundraum. Er wird in einem eher primitiven Krankenhaus in Kalkutta mit einer hohen Dosis Radioaktivität behandelt. Diese zerstört zwar den Krebs, aber auch seinen Gaumenknochen. Für viele Monate kann er keine feste Nahrung zu sich nehmen. Die Ärzte geben ihm eine 15-prozentige Überlebenschance. Doch der junge Mann überwindet die schwere Krankheit.

Noch im selben Jahr verlässt er Indien und wechselt an das Trinity College in Cambridge. Hier fühlt er sich sehr wohl. Denn auf dem Campus findet er Anhänger von Keynes, Marxisten und Neoliberalisten. Das entspricht genau seinem Geschmack und seiner Vorliebe für Meinungsvielfalt. Schon in dieser Zeit erhält er viele Auszeichnungen, wie den Adam-Smith-Preis der Universität. Sechs Jahre später promoviert Sen am Trinity College.

Während des Studiums kehrt er für einen zweijährigen Aufenthalt nach Indien zurück. Der gerade mal 23-Jährige bekommt das Angebot, an der neuen Universität von Jadavpur einen Lehrstuhl für Ökonomie einzurichten. Viele der älteren Professoren sind empört und protestieren gegen den Youngster. Bald stehen Graffiti mit den Worten «Der neue Professor wurde eben aus der Wiege geschnappt» an den Wänden der Universität. Sen lässt sich davon nicht abschrecken. Er beendet seine Doktorarbeit mit Bravour und gewinnt ein Stipendium.

Dieses erlaubt ihm, während der nächsten vier Jahre zu tun, was immer er möchte. Sen entscheidet sich für das Studium der Philosophie. Der Exkurs soll ihm für seine späteren Untersuchungen zu Ungleichheit und Armut und für seine Arbeiten zur Sozialwahltheorie sehr dienlich sein. Denn diese Thematik bedient sich der mathematischen Logik und der Erkenntnisse der Moralphilosophie.

Im Jahr 1959 heiratet Sen Nabaneeta Dev, die er bereits an der Universität in Kalkutta kennen gelernt hat. Nabaneeta ist eine der am meisten gefeierten Schriftstellerinnen der zeitgenössischen bengalischen Literatur. Im gleichen Jahr beginnt Sen seine Karriere als Wissenschaftler an der Universität in Cambridge. Zwei Aufenthalte am Massachusetts Institute of Technology (MIT) und an der Universität Stanford erweitern seinen akademischen Horizont. Unter anderem lernt er die bekannten Ökonomen Robert Solow und Paul Samuelson kennen.

1963 entscheidet sich der junge Wissenschaftler, Cambridge zu verlassen und nach Indien zurückzugehen. Er wird Professor für Ökonomie an der Delhi School of Economics und der Universität von Delhi. Zusammen mit dem grossen indischen Ökonomen K.N. Raj baut Sen die Delhi School of Economics als indisches Zentrum für Wirtschafts- und Sozialwissenschaften auf.

Sen konzentriert sich während dieser Zeit auf die Weiterentwicklung der Social-Choice-Theorie. Diese ist ein Zweig der Neuen Politischen Ökonomie und untersucht die Vereinbarkeit kollektiver Entscheidungen und individueller Werte in einer Gesellschaft. Seine Forschung baut auf den Erkenntnissen des Nobelpreisträgers Kenneth Arrow auf. Dieser versuchte bereits eine Antwort darauf zu finden, wie sich das wirtschaftliche Handeln von Einzelpersonen und Gruppen auf die gesamte Volkswirtschaft auswirkt. Arrows bekanntes «Unmöglichkeitstheorem» besagt, dass es keine ideale Möglichkeit gibt, individuelle und soziale Präferenzen zusammenzufügen.

Für sein Buch «Collective Choice and Social Welfare» (Kollektive Entscheidungen und sozialer Wohlstand), das 1970 veröffentlicht wird, erhält Sen Anregungen und Kritik von den beiden Ökonomen Kenneth Arrow und John Rawls. In diesem Werk beschäftigt er sich mit der Frage, unter welchen Bedingungen sich aus den Entscheidungen Einzelner eine kollektive Entscheidung ergibt. Er stellt Regeln für die Gruppenentscheidungen auf, die mit den individuellen Rechten vereinbar sind. Mit seinem Werk richtet er sich gegen die Verfechter eines freien Marktes, die der Meinung sind, die freie Entscheidung des Individuums sei auch immer die beste für die gesamte Volkswirtschaft. Sen stimmt dem grundsätzlich zu, solange die Rechte der ärmeren und weniger privilegierten Bürger nicht ignoriert würden.

Sen wehrt sich strikt gegen die immer wieder auftauchenden Unterstellungen, er habe eine marktfeindliche Einstellung. Ihm wird oft unterstellt, er unterstütze den Gedanken der gerechten Verteilung und sei einem freien Markt gegenüber skeptisch eingestellt. Sen will aber keine Verteilung der Güter, sondern nur Chancengleichheit. Dies entspricht eher der Konzeption der sozialen Marktwirtschaft.

Kurz nach der Veröffentlichung des Buchs verlässt er Indien wieder. Seine Ehefrau Nabaneeta Dev, mit der er inzwischen zwei Töchter hat, leidet in Delhi unter Asthma. Die Familie zieht nach London. Dennoch bricht die Ehe auseinander. Die beiden Töchter wachsen nach der Scheidung bei der Mutter auf. Die ältere ist heute Journalistin. Sie gründete das «Little Magazine» in Delhi, eine Publikation, in der Essays, Kulturkritiken und Dichtung erscheinen. Die jüngere Tochter ist Schauspielerin und Regisseurin in New York und Bombay. Zu Nabaneeta Dev hat Sen immer noch einen guten Kontakt und interessiert sich für ihre Arbeit.

Kurz nach dem Umzug nach London wird bei Amartya Sen ein erneuter Ausbruch der Krebserkrankung oder einer anderen schweren Knochenerkrankung im Mund vermutet. Er unterzieht sich in London einer schweren, fast siebenstündigen Operation. Doch die Befürchtungen sind falsch, der Krebs ist nicht wieder aufgetreten. Die zerstörten Knochen werden rekonstruiert.

In London wird Sen Dozent an der London School of Economics (LSE). Sein Forschungsgebiet bleibt die Sozialwahltheorie. Er nutzt die zur Verfügung stehenden Statistiken für eine Reihe von wirtschaftlichen und sozialen Auswertungen: zur Messung von wirtschaftlichen Ungleichgewichten, zur Beurteilung von Armut, für die Analyse von Arbeitslosigkeit, für Untersuchungen der Prinzipen und Auswirkungen von Freiheit und Rechten. Sein Interesse wandert während dieser Zeit von der reinen Theorie zu mehr praktischen Themen. Zwei Jahre nach der Scheidung heiratet Sen die italienische Ökonomin Eva Colorni. Sie ist Dozentin an der Londoner Guildhall-Universität. Die neue Ehefrau spornt Amartya Sen an, das Thema Hungersnöte ins Zentrum seiner Forschung zu stellen.

1981 wird sein berühmtestes Werk, «Poverty and Famines – An Essay on Entitlement and Deprivation» (Armut und Hungersnöte – Ein Essay über Zugangsrechte und Entbehrungen) veröffentlicht. Dieses Buch gilt als Meilenstein seines wissenschaftlichen Wirkens. Es widerlegt die traditionellen Thesen über die Ursachen von Armut und Hunger.

Das Buch beginnt mit dem Satz: «Hunger zeichnet sich dadurch aus, dass einige Menschen nicht genug Nahrungsmittel haben. Es besteht jedoch kein Anzeichen dafür, dass es zu wenig Nahrungsmittel gibt.» Sen erläutert in diesem Werk, dass Hungersnöte nicht durch eine Verknappung der Nahrung ausgelöst werden. Das Problem sei vielmehr die Verteilung. Dieser These liegen empirische Untersuchungen zu Grunde. Er findet heraus, dass 1943, im Jahr der Hungersnot in Bengalen, das gesamte Nahrungsangebot nicht geringer war als 1941. In diesem Jahr gab es jedoch keine Hungersnot. Das Problem im Jahr 1943 waren die Inflation und die damit steigenden Preise für Nahrungsmittel. Die Löhne der Landarbeiter wurden jedoch nicht angeglichen. Aus diesem Grund wurden Nahrungsmittel aus den Hungerregionen in die kaufkraftmässig attraktiveren Städte exportiert. So spielte es sich auch bei der grossen irischen Hungersnot Mitte des 19. Jahrhunderts und bei der äthiopischen Hungersnot 1973 ab.

Sen führt in diesem Zusammenhang den Begriff des Entitlement ein. Damit meint er das Anrecht auf Güter, Dienstleistungen oder den Anspruch auf Rechte. Jeder Mensch hat, abhängig von Besitz, gesellschaftlicher Stellung oder Leistung, unterschiedliche Anspruchsrechte. Menschen, die ausser ihrer Arbeitskraft keinen Besitz haben, werden als Erste von einer Hungersnot getroffen, zum Beispiel die arme Landbevölkerung. Bei Hungersnöten reduzieren sich die Zugangsrechte bezüglich Nahrungsmitteln. In diesem Fall sind es die gesunkenen Löhne, die den Zugang verringern. Es gibt verschiedene Ursachen für einen Verlust von Entitlements, zum Beispiel Krankheit, Arbeitslosigkeit, kein Landbesitz, ethnische Zugehörigkeit oder die Staatsform der Diktatur. Um Hungersnöte zu verhindern, müssen nach Sen die Zugangsrechte bezüglich Nahrungsmitteln gesichert werden. Es muss also die Kaufkraft der Menschen gestärkt werden.

Sen beschäftigt sich mit zahlreichen Faktoren, die das Auftreten von Hunger und Armut beeinflussen. Das sind nicht nur Inflation oder Arbeitslosigkeit, sondern auch die Stellung der Frau oder politische Systeme. In Demokratien mit funktionierendem Parteiensystem, freien Wahlen und einer freien Presse gab es nie grössere Hungersnöte. Dies ist Amartya Sens Ansicht nach unabhängig davon, ob das Land reich oder arm ist. Der Grund dafür ist, dass Diktatoren bei einer Hungersnot nichts zu befürchten haben – weder Armut noch den Verlust ihrer Macht. In einer Demokratie dagegen leidet auch die Regierung an einer Hungersnot. Zudem ist ihre Wiederwahl gefährdet. Die freien Medien weisen in demokratischen Ländern auf Missstände hin, die eine Hungersnot verursachen können. Dies führt zu schneller Hilfe oder internationalen Interventionen. Sen macht dies an einem Beispiel deutlich: Im kommunistischen China unter Mao gab es die wohl schlimmste Hungersnot der Geschichte. Im demokratischen Indien Nehrus dagegen keine. Und das, obwohl andere Indikatoren wie Lebenserwartung und Analphabetenquote den Schluss zuliessen, dass China sich damals bereits besser entwickelt hätte als Indien.

Hungersnöte liessen sich nur dadurch verhindern, dass ein sozial gerechtes und politisch verantwortungsvolles Umfeld geschaffen werde. Auch immaterielle Defizite müssen nach Amartya Sen behoben werden, denn Armut und Unfreiheit, Entwurzelung und Unsicherheit gehen Hand in Hand. Sen tritt leidenschaftlich für Demokratie und Freiheit ein. In diesem Sinne ist er ein Liberaler. Auch wirtschaftlichem Liberalismus steht er nahe. Der Staat soll nur insofern Einfluss nehmen, als er das Umfeld schafft, in dem die Individuen ihre eigenen Ziele verwirklichen können.

In den späten achtziger Jahren wird bei seiner Frau Eva eine schwere Krebserkrankung festgestellt, und sie stirbt kurze Zeit später. Sen bleibt allein mit den beiden jungen Kindern, die acht und zehn Jahre alt sind. Um den Kindern etwas Ablenkung und ein neues Umfeld zu bieten, zieht er mit ihnen nach Amerika. Er doziert an verschiedenen Universitäten wie Stanford, Berkeley, Yale, Princeton, Harvard, der UCLA und vielen anderen. Schliesslich zieht die Familie nach Boston, wo Sen an der Harvard-Universität arbeitet. Dort wird er Lehrstuhlinhaber der Lamont-Professur sowie Professor für Wirtschaft und Philosophie.

Ein alter Studienfreund überredet ihn Anfang der neunziger Jahre, einen wichtigen Beitrag für die Arbeit der Vereinten Nationen zu leisten. Sen soll an der Entwicklung des Human Development Index mitarbeiten. Dieser Index soll das System der Weltbank, Länder nach Wohlstand zu klassifizieren, ablösen. Sen gefällt der Gedanke, eine wichtige Uno-Richtlinie zum Thema Entwicklungshilfe mitzugestalten. Heute ist der UN Human Development Index einer der wichtigsten Massstäbe, um den Wohlstand verschiedener Länder miteinander zu vergleichen. Er wird jedes Jahr im Weltentwicklungsbericht des Entwicklungsprogramms der Vereinten Nationen publiziert. Auch diesem Bericht merkt man Sens Handschrift an. Neu an der Methode ist, dass nicht nur das Bruttoinlandprodukt für die Messung des Wohlstands beigezogen wird, sondern auch andere Faktoren wie die Lebenserwartung und die Alphabetisierungsrate als Indikatoren für die Gesundheits-, Bildungs- und Ernährungssituation der Bevölkerung berücksichtigt werden.

Sen hat einen grossen Einfluss auf die Politik. Mitglied einer politischen Partei ist er aber zu keiner Zeit. Zudem hat er es immer abgelehnt, Regierungen zu beraten. Sowohl die indische als auch die englische Regierung baten ihn darum. Trotzdem setzt er sich bei jeder Gelegenheit für Freiheit und Menschenrechte ein. Der Ökonom und Nobelpreisträger Robert Solow bezeichnete Sen einmal als «das Gewissen des Berufsstandes der Wirtschaftswissenschaftler». In seiner Zunft ist Sen bekannt für den scharfen Geist und das gleichzeitig sanftmütige Wesen.

Viele seiner Kollegen rechneten Jahr für Jahr damit, dass Sen der Nobelpreis für Ökonomie verliehen würde. 1998 ist es endlich so weit. Er erhält die begehrte Auszeichnung für seine Beiträge zur Wohlfahrtsökonomie und zur Sozialwahltheorie. Nach der Preisverleihung in Stockholm reist Sen nach Indien. Dort wird er wie ein Rockstar empfangen. Eine jubelnde Menschenmenge erwartet den 65-Jährigen in seiner Heimat. Das Preisgeld investiert er in zwei Stiftungen. Eine in Indien, die sich für die Schulausbildung, speziell für Mädchen, einsetzt, die andere in Bangladesh. Diese befasst sich mit der Förderung der Gleichberechtigung der Frauen.

Sen entschliesst sich wieder, nach England zu gehen. Im Jahr der Nobelpreisverleihung kehrt er zu seiner Alma Mater, ans Trinity College in Cambridge, zurück. Im folgenden Jahr erhält er den Bharat Ratna. Es ist die höchste zivile Auszeichnung Indiens. Vor ihm ist dieser Preis unter anderen Indira Gandhi, Mutter Teresa und Nelson Mandela verliehen worden.

Seit Anfang der neunziger Jahre ist Sen mit der Ökonomin Emma Rothschild verheiratet. Sie ist Expertin für Liberalismus und die Lehre von Adam Smith sowie Vorsitzende des Instituts für Wirtschaftsgeschichte am King’s College in Cambridge. Seit 2004 ist Emma Rothschild Gastdozentin in Harvard. Im selben Jahr kehrt auch Sen aus England nach Boston zurück. Er verbringt die Hälfte des Jahres in Indien und die andere an der Ostküste der USA, dort, wo er sich zu Hause fühlt, auf dem Campus der Harvard-Universität.

Das Hauptwerk

«Poverty and Famines – An Essay on Entitlement and Deprivation»

Nachdem sich Amartya Sen viele Jahre mit der Sozialwahltheorie befasst hat, wendet er sich mehr praktischen Problemen zu. Das Ergebnis ist sein 1981 publiziertes Werk über Armut und Hungersnöte, das Sens Ruhm begründet. Darin behandelt er die Ursachen von Hungerkatastrophen. Sen hält die traditionelle Analyse, die ein zu knappes Angebot an Nahrungsmitteln als Ursache nennt, für fundamental falsch und belegt dies theoretisch und empirisch. Nahrung sei bei Hungersnöten meist ausreichend vorhanden, aber die Verteilung sei fehlerhaft. Der traditionellen Theorie stellt Sen den Entitlement-Ansatz gegenüber. Dieser besagt, dass die Zugangsrechte bezüglich der Nahrungsmittel deren Verteilung bestimmen. Die Zugangsrechte werden von Einkommen, gesellschaftlicher Stellung oder Ausbildung bestimmt. So sei etwa die arme Landbevölkerung vom Hunger stets am schwersten betroffen. Vor allem Sens Methoden zur Charakterisierung und Messung von Armut verhelfen dem Buch zu grossem Erfolg. Dass Sen auf eine technische Fachsprache verzichtet, macht sein Werk zudem auch für Nichtökonomen lesbar.

In der nächsten Ausgabe:

Joseph Stiglitz, Nobelpreisträger und Verfasser bahnbrechender Beiträge über das Verhältnis von Information und Märkten. Der Amerikaner gilt als einer der schärfsten Kritiker einer ungezügelten Globalisierung.

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